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ZURÜCK AUF GAMORRHA – Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Roman: “Rettungskreuzer Ikarus 52 (Gamorrha-Trilogie 2)” von Irene Salzmann

ZURÜCK AUF GAMORRHA

Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Roman:
“Rettungskreuzer Ikarus 52 (Gamorrha-Trilogie 2)”
von Irene Salzmann

(Zurück zu Teil 2)
Nachdem Junius Cornelius sein geheimes Funkgerät aufgebaut hatte, fand er zu seiner großen Freude eine Nachricht von Sky vor. Eigentlich hatte er erst in einigen Tagen mit einer Antwort gerechnet. Das ging aber schnell! Wie hat sie das bloß angestellt?

Offenbar standen ihr Möglichkeiten zur Verfügung, von der selbst das Raumcorps nur träumen konnte. Schon die Geräte, die er von seinem Vorgänger geerbt hatte, wiesen darauf hin.

Gespannt rief er die Botschaft ab, die erst nach einigen Minuten als verständlicher Text im Display erschien. Cornelius speicherte ihn ungelesen in einem Datenkristall. Dann verstaute er die kleine Anlage an ihrem Platz.

Aus der Tasche einer Jacke fischte er ein weiteres Gerät, das wie ein Pocketradio mit Kopfhörern aussah und auf Knopfdruck tatsächlich das Programm des Stationssenders empfangen konnte. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Decoder, der die wahre Mitteilung aus dem belanglosen Bericht herausfilterte.

Pakcheon würde vermutlich keine großen Probleme haben, das Geheimnis der getarnten Geräte zu lüften und die Information mit Kosangs Hilfe zu entschlüsseln, aber fiel alles dem Raumcorps in die Hände, hatten sie erst einmal eine harte Nuss zu knacken. Ihnen galt Cornelius‘ Vorsicht und nicht dem Freund.

Cornelius‘ Erwartungen erhielten einen jähen Dämpfer.

Die Nachricht, die an seine Ohren drang, war kurz:

Alle Daten und sogar die Kopien wurden gestohlen oder vernichtet. Schon vor zwei Monaten. Täter unbekannt. Vorfall wurde vertuscht. Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen konnte.“

Um ganz sicher zu gehen, spielte er die Botschaft ein zweites Mal ab. Dann löschte er den Kristall.

Kurz erwog er, Sky einen neuen Auftrag zu erteilen, aber wie immer zögerte er, zu viel über sich preiszugeben. Auch ihr gegenüber. Bislang hatte sie alles, was sie von ihm erfuhr oder an Informationen für ihn beschaffte, vertraulich behandelt. Dass er jedoch nicht die geringste Ahnung hatte, wer sie war, und sich nicht sicher sein konnte, ob ihre Loyalität nicht eines Tages jemand anderem gelten könnte – er zweifelte nicht daran, dass sie auch für andere arbeitete -, ließ ihn vorsichtig sein. Vielleicht unnötigerweise, denn es war möglich, dass sie über ihn längst mehr wusste, als er es sich wünschte.

Schließlich steckte Cornelius den Decoder wieder in die Jackentasche, ohne Sky erneut kontaktiert zu haben.

Scheiße!

*

„Wie geht es Mrs. McLennane?“, erkundigte sich Heinrich Färber.

Er stand vor dem Heiltank, in dessen trüber Flüssigkeit nur schemenhaft die Umrisse der Direktorin zu sehen waren. Zum Glück verhinderte das grünliche Medium, dass er die Ausmaße ihrer Verletzungen und die verschiedenen Versorgungsschläuche, die im Körper der Frau steckten, sehen musste.

Nur drei Schritte von dem Gerät entfernt stand ein Wachmann. Etliche seiner Kollegen waren am Eingang des Behandlungsraumes, im Flur und an anderen Stellen postiert.

Dr. Saldor Ekkri wirkte nicht gerade glücklich, als er neben Färber trat und ebenfalls auf den Heiltank blickte. „Unverändert. Sie befand sich in unmittelbarer Nähe des Explosionsherds. Das sagt gewiss schon alles, sofern sie die Details nicht hören wollen.“

„Nein, das will ich lieber nicht“, gab Färber zu.

„Wir tun für Mrs. McLennane alles, was in unserer Macht steht“, versicherte der dunkelhäutige Klinikleiter. „Sie ist zäh. Sofern es keine Komplikationen gibt, sollte sie es schaffen.“

Färber nickte. „Danke. Weshalb wollten Sie mich sprechen?“

„Wir haben die getöteten Wachtposten und die Überreste des Attentäters untersucht. Die Ergebnisse liegen nun vor. Aber lassen Sie uns nach nebenan gehen. Dort können wir uns setzen und sind ungestört.“

Dr. Ekkri winkte eine Krankenschwester herbei, die die Überwachung der Patientin übernehmen sollte. Es war eine Wenxi.

Als sie außer Hörweite waren, sprach Färber ihn darauf an: „Es gab zwei Anschläge auf die Direktorin und einen auf die Phoenix. In allen Fällen waren Wenxi involviert. Haben Sie keine Bedenken, ausgerechnet eine Schwester aus diesem Volk für die Direktorin sorgen zu lassen?“

Beide Männer nahmen im Ruheraum des Personals an einem kleinen Tisch Platz. Hinter Färber stand eine schmale Liege, daneben hing ein Speisen- und Getränkeautomat. An den übrigen Wänden reihten sich Schränke.

„Liz ist über jegliche Zweifel erhaben“, beantwortete Dr. Ekkri mit etwas Verspätung die Frage. „Sie wurde vor einigen Jahren von der Ikarus-Crew von der Raumstation Elysium gerettet4 und nach Vortex Outpost gebracht. Hier begann sie ein Medizinstudium und gehört zu meinen besten Studenten. Mit Ihrem Attentäter hat sie überhaupt nichts zu tun – kann sie gar nichts zu tun haben. So wie alle oder die meisten Wenxi, die sich derzeit auf der Station aufhalten.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Möchten Sie einen Kaffee?“

„Nein, nur Auskünfte.“ Färber wusste, dass er in dieser nüchternen, schon bedrückenden Umgebung nichts herunterbringen würde.

„Die bekommen Sie.“ Dr. Ekkri fuhr sich durch sein krauses, mittlerweile fast weißes Haar. „Weil Sie nach Liz fragten, fangen wir mit den Attentätern an.

Beide Wenxi trugen Sprengkörper in sich und wurden durch die Explosion getötet. Zwar blieb nicht viel übrig, aber noch genug, um eine Analyse durchzuführen. Es steht fest, dass die Gewebeproben absolut identisch sind.“

„Eineiige Zwillinge?“

„Nein, Klone.“

„Aber doch nicht aus den Fabriken der Kallia5 …?“ Färber fuhr erschrocken hoch.

„Beruhigen Sie sich. Von den Kallia-Welten stammen diese Wenxi gewiss nicht. Sie sind, anders als die Mehrheit der Sudeka Provost-Klone, die wir leider verloren haben, stabil. Die Technik muss eine gänzlich andere sein. Mir fällt allerdings kein Volk ein, welches das notwendige Wissen besitzt – außer vielleicht die Tumanen, die Lediri, der mysteriöse Lear und …“

„… die Vizianer. Die alle kein Motiv haben, Wenxi zu klonen und als Attentäter gegen das Raumcorps einzusetzen.“

„Genau. Und noch etwas haben wir herausgefunden: Die Daten stimmen nicht nur mit denen von Squamat, dem Eigner der zerstörten Lacertida, überein, sondern – ich habe im Archiv nachgeforscht – auch mit denen von anderen Wenxi, die vor Jahren in vergleichbare Vorkommnisse verwickelt waren, damals, bevor Mrs. McLennane Direktorin wurde.“

„Outsider-Technologie6“, rief Färber spontan.

„Möglich“, stimmte Dr. Ekkri zu.

„Das könnte passen“, murmelte Färber. „Mrs. McLennane glaubt, dass ihr Vorgänger Thermion Markant noch am Leben ist und hinter all dem steckt. Nachweislich war er ein Verbündeter von Prinz Joram und den Outsidern. Offenbar stehen ihm die Ressourcen von einst immer noch zur Verfügung. Theoretisch wäre er mit diesen in der Lage, eine Armee von Squamat-Klonen gegen das Raumcorps einsetzen. Können Sie mir mehr über diesen Wenxi berichten?“

„Ein Durchschnittstyp. Keine Besonderheiten. Das Weitere sollten Ihre Agenten in Erfahrung bringen können. Kann ich nun zu den Posten kommen?“

„Natürlich. Bitte, fahren Sie fort.“

„Die Männer wurden, wie Sie bereits wissen, vergiftet. Die Substanz ist uns völlig unbekannt.“

„Aha“, machte Färber, der ahnte, dass Dr. Ekkri auf etwas Bestimmtes hinaus wollte.

„Es ist so“, führte dieser aus. „Jede Welt hat ihre ganz eigenen Charakteristika. Wenn die Explorer feststellen, dass die Lebensbedingungen für eine Kolonisation geeignet sind, geben sie grünes Licht. Geeignet heißt, dass nicht nur Atmosphäre, Klima, Gravitation und so weiter und so fort für uns Menschen angenehm sind, sondern dass es Pflanzen und Tiere gibt, von denen wir uns ernähren können, oder die wir dort für unseren Bedarf ansiedeln dürfen, ohne dass sie spontan zu ungenießbaren oder giftigen Varianten mutieren.

In unseren Datenbanken sind unzählige Proben von etlichen Welten gespeichert, aber der Computer konnte nichts Vergleichbares finden. Es kann also nur von einem uns noch unbekannten oder einem verbotenen und nicht näher erforschten Planeten stammen. Und bevor Sie fragen: Nein, aus dem Nexoversum stammt das Gift nicht.“

Färber stöhnte. „Ich hatte gehofft, Sie würden Licht in die Dunkelheit tragen, aber das Gegenteil ist der Fall.“

„Das tut mir leid“, sagte Dr. Ekkri.

*

„Hast du schon etwas herausfinden können?“, wollte Yeni Alaya wissen.

Bedrückt beobachtete er, wie Katie in ihrem Käfig im Kreis rannte und nach einer neuen Portion Galaxy Way suchte, der ihr bewusst vorenthalten wurde.

Paluto Bernstein wies auf zwei andere Käfige, in denen sich ebenfalls Ratten befanden. Die eine putzte sich, schnüffelte einmal irritiert in die Richtung ihrer Artgenossen, dann nahm sie ihre Tätigkeit wieder auf. Die andere wirkte unruhig, gebärdete sich aber nicht so wild wie Katie.

„Ich habe die Ratte im linken Käfig mit irgendwelchen Schokoriegeln gefüttert, die andere ausschließlich mit Galaxy Way. Bemerkst du die unterschiedlichen Verhaltensweisen? Wenn sie nicht bald eine neue Ration erhält, ich möchte wetten, dass sie dann genauso verrücktspielt wie Katie. Und würde ich der anderen Ratte von diesem Zeug geben, geht es bei ihr bestimmt auch bald los.

Dass ein Tier von vielen Dutzend etwas nicht verträgt, kommt vor. Dass jedoch gleich zwei Tiere auf dieselbe Weise reagieren, nachdem sie angeblich unbedenkliche Nahrungsmittel verzehrt haben, das ist ungewöhnlich.

Hinzu kommt -“

Eingedenk des Versprechens, das er Liz gegeben hatte, unterbrach sich Bernstein.

Alaya bemerkte es gar nicht. Er war näher an die beiden anderen Käfige getreten und musterte die Ratte, die Galaxy Way gefressen hatte und nervös hin und her trippelte. „Genau so hat es bei Katie angefangen.“

„Was ist mit dir?“, erkundigte sich Bernstein. „Fühlst du dich irgendwie anders?“

„Nein, alles bestens.“

„Hast du dich auch an meine Anordnung gehalten und die Finger von dem Zeug gelassen?“

„Äh …, klar.“

„Yeni.“

Alayas wirkte schuldbewusst. „Es war bloß einer.“

„Ich hatte gesagt: keiner.“

„Ich weiß … Aber ich hatte Hunger und gerade nichts anderes zur Hand.“

„Yeni.“

„Die Dinger sind einfach lecker.“

„Du konntest dich nicht beherrschen“, stellte Bernstein nüchtern fest. „Dir ging es nicht darum, deinen Hunger zu stillen, sondern du wolltest genau diese Sorte Schokoriegel essen. Hättest du etwas anderes genommen, wäre der Appetit auf den Snack geblieben.“

„Das klingt, als hältst du mich für einen Schoko-Süchtigen.“

„Für einen Galaxy Way-Süchtigen. Genau wie diese beiden Ratten da.“

„Das ist doch Unsinn“, verteidigte sich Alaya. „Ich bin schwach geworden, zugegeben. Aber das passiert mir nicht noch einmal. Das beweise ich dir.“

„Na, schön. Du bekommst noch eine Chance. Wenn du 24 Stunden widerstehen kannst, bin ich vielleicht gewillt, dir zu glauben, dass alles in Ordnung ist. Solltest du wieder unbändigen Hunger nach den Dingern verspüren, kommst du direkt zu mir. Egal wie spät es ist, verstanden?“

„Willst du mir Angst einjagen?“ Überrascht blickte Alaya seinen Freund an und schluckte angesichts dessen ernster Miene. „Paluto, was ist los? Du verschweigst mir doch etwas.“

Bernstein seufzte. „Ich musste versprechen, niemandem etwas zu sagen, aber ich mache mir Sorgen, dass unser Schweigen ein Fehler sein könnte. In der Klinik liegt ein Patient, der künstlich ernährt wird und unter starken Beruhigungsmitteln steht, weil er nichts anderes mehr essen will als Galaxy Way-Riegel und ausrastet, wenn er sie nicht bekommt.“

„Das ist …“ Alaya wurde blass. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Heißt das, in den Riegeln ist etwas drin, das süchtig macht? Was passiert mit einem, wenn man das Zeug immer weiter isst? Und was, wenn man aufhört? Gut, die Antwort auf letztere Frage sehe ich vor mir.“ Er nickte in Richtung der Käfige. „Das kommt also auch auf mich zu?“

„Möglich.“

„Aber warum wurden die Riegel dann nicht längst aus dem Verkehr gezogen? Wieso gibt es kein Heilmittel? Es wird doch wenigstens schon daran gearbeitet, oder“

„Yeni, bislang weiß niemand davon. Wenn du nicht mit Katie gekommen wärst, hätte ich nicht experimentiert, und den Patienten hätte ich längst wieder vergessen.“

„Du musst das melden, oder?“

„Und wem? Ich habe nichts Konkretes in der Hand. Alles beruht auf Vermutungen. Die Person, die mir von dem Patienten erzählt hat, bekäme wegen Verletzung der Schweigepflicht eine Menge Ärger, du und ich als Mitwisser genauso. Was haben wir dann damit erreicht? Nichts. Wahrscheinlich werden wir auch noch ausgelacht, und mir wird verboten, die Experimente fortzusetzen. Ich brauche erst einen Beweis, dass wirklich etwas mit den Galaxy Way-Riegeln nicht stimmt.“

Alaya war sichtlich unzufrieden. „Und die Leute, die das Zeug genauso wie ich bedenkenlos konsumieren? Wieso gibt es nicht schon mehr Fälle?“

„Fakt ist, dass wir gar nicht wissen, ob anderswo nicht schon Erkrankungen gemeldet und ein Zusammenhang mit den Riegeln entdeckt wurde. Wie lange isst du die Dinger schon?“

„Keine Ahnung. Irgendwann gab es mal eine Werbeaktion. Beim Kauf einer beliebigen Riegelpackung gab es zwei oder drei Galaxy Way gratis. Seit damals wahrscheinlich. Könnte gut ein halbes Jahr her sein. Hätte ich dann nicht schon längst in der Klinik liegen müssen? Bei Katie ging es schon nach wenigen Tagen los.“

„Vielleicht waren die Riegel anfangs in Ordnung, und man hat erst später irgendetwas untergemischt. Vielleicht beeinflussen auch das Essverhalten und das Körpergewicht den Verlauf der Erkrankung. Nimm Katie als Beispiel: Im Verhältnis zu ihrem Gewicht hat sie große Portionen gefressen. Auch der Patient soll sich mehrere Beutel am Tag genehmigt haben. Wenn es bei dir und anderen normalgewichtigen Schoko-Freunden bei ein bis drei Stück geblieben ist, entwickelten sich die Symptome langsam und praktisch unbemerkt.“

„Und was nun?“

„Ohne Beweise würde uns niemand glauben“, wiederholte Bernstein frustriert.

„Scheiße!“

„Ganz meine Meinung. Hör zu: Ihr habt drei Ärzte auf der Phoenix. Kannst du dich einem von ihnen anvertrauen? Ein Arzt hat viel mehr Ahnung als ich, schließlich bin ich bloß ein kleiner Laborant. Du musst ihm ja nicht gleich alles erzählen, sondern könntest behaupten, dass du dich … irgendwie schlecht fühlst. Lass dich mal gründlich durchchecken. Vielleicht entdeckt er ja etwas. Ich versuche in der Zwischenzeit, mit meinen Mitteln etwas herauszufinden.“

„Wird niemand Fragen stellen, wenn du über die reguläre Arbeitszeit im Labor bleibst?“, fragte Alaya.

„Das ist kein Problem. Die Kollegen wissen alle, dass ich mit meinem Job verheiratet bin.“ Bernstein lächelte schwach. „Und jetzt Kopf hoch! Wir werden das Rätsel schon noch lösen.“

*

Es war noch sehr früh am Morgen. Heinrich Färber blickte bekümmert auf den wachsenden Stapel an Dokumenten, die er durchsehen, zur Kenntnis nehmen, gegebenenfalls zurückweisen oder unterzeichnen sollte. Hynemann und Browers entlasteten ihn nach besten Kräften, doch es blieb immer noch genug an ihm hängen – Dinge, die sonst von Sally McLennane entschieden wurden: die brisanten Angelegenheiten. Er hatte eigentlich immer die konventionellen Aufgaben erledigt oder war nur hin und wieder kurzfristig für seine Chefin eingesprungen. Die Last der Verantwortung ruhte schwer auf ihm.

Ich werde langsam zu alt für diese Arbeit.

Browers hatte die Nachrichten nach Wichtigkeit sortiert.

Zuoberst lag ein Blatt, das über den aktuellen Stand der Nachforschungen einiger Geheimdienstagenten informierte, die das Gebiet, wo Thermion Markants Schiff explodiert war, noch einmal durchkämmt hatten. Sie hatten nichts gefunden. Nicht einmal winzigste Wrackteile. Die großen Trümmer waren ohnehin schon vor langer Zeit wiederverwertet worden und standen für Untersuchungszwecke nicht mehr zur Verfügung. Die Bodenproben enthielten keinerlei Rückstände, die auf zerfallenes menschliches Gewebe schließen ließen. Der Bereich war eigentlich schon zu sauber.

Auch in den umliegenden Arealen fanden sich keinerlei Spuren. Jene Personen, die die Explosion beobachtet hatten, konnten keinerlei nützliche Aussagen machen. Teils waren ihre Erinnerungen nur noch vage, teils hatten sie wirklich nichts Auffälliges gesehen. Es erinnerte sich auch niemand in den Kliniken an einen Verletzten, auf den die Beschreibung von Thermion Markant zutraf. Damit war jedoch zu rechnen gewesen, schließlich waren seither drei Jahre vergangen, in denen viel vergessen, viel verloren gegangen und zweifellos auch beseitigt worden war.

Färber griff nach dem nächsten Papier und las fast dasselbe.

Die Agenten auf Meweb hatten ebenfalls keinen Erfolg gehabt. Es hatte zwar einige Hinweise gegeben, doch endeten sie ausnahmslos in einer Sackgasse. Wer Thermion Markant gesehen zu haben behauptete, hatte sich geirrt, einfach nur jemanden anschwärzen wollen, den er nicht leiden mochte, oder absichtlich eine Falschinformation geliefert. Es wurde außerdem die Vermutung geäußert, dass sich der Gesuchte vielleicht nie auf Meweb aufgehalten hatte und das Paket auf Umwegen in die dortige Poststation gelangt war, um den tatsächlichen Aufenthaltsort des Absenders geheim zu halten.

Das nächste Dokument befand sich in einem geöffneten Umschlag, der an Sally McLennane adressiert war. Absender war – unwillkürlich atmete Färber erleichtert auf – nicht D. F. sondern ein gewisser Mr. Greg. Der Brief stammte ebenfalls von Meweb. Anscheinend stand der Mann auf der Lohnliste der Direktorin, war jedoch keiner ihrer Agenten. Vielleicht ein geheimer Informant, dessen richtiger Name bestimmt nicht Greg lautete. Jemand aus Sally McLennanes Vergangenheit, der ihr noch einen Gefallen schuldete. Eine zusätzliche Quelle, die sie anzapfen konnte. Färber hätte nichts anderes von seiner Chefin erwartet.

Der mysteriöse Mr. Greg schrieb, dass im genannten Zeitraum sehr viele Personen, auf die die Beschreibung mehr oder weniger zutraf, Meweb besucht und wieder verlassen hatten oder geblieben waren. Er hatte einige aufspüren können, aber leider nicht alle. Ein Verzeichnis jener inklusive mehrerer Fotos war beigefügt. Die Angaben waren so ausführlich, dass Färber bezweifelte, dass die Agenten mehr hätten herausfinden können.

Diejenigen, die Mr. Greg für die wahrscheinlichsten Kandidaten für eine Alias-Rolle von Markant hielt, waren mit einem kleinen x markiert und mit einem Kommentar versehen, der erklärte, warum sie ihm aufgefallen waren: kostspielige Operationen insbesondere im Gesicht, an den Augen und Händen, auffallend wenig Kontakte zu anderen Bewohnern des künstlichen Mondes und häufige Wechsel der Unterkunft, auffallend regelmäßige Kontakte zu Personen von Außerhalb, das Verschwinden und Sterben von Leuten aus dem näheren Umfeld.

Färber wünschte sich wieder einmal, Sally McLennane würde aus ihrem Koma erwachen und das Ruder übernehmen. Bestimmt hätte sie mit diesen Informationen sehr viel mehr anfangen können als er, da sie Markant besser gekannt hatte, ihn auf den Fotos vielleicht sogar wiedererkannt hätte. Er gab die Anweisung, dass die Agenten auf die von Mr. Greg gelisteten Männer ein Auge warfen, wenn er insgeheim auch ahnte, dass Markant genug Zeit gehabt hatte, von Meweb zu verschwinden und unterzutauchen.

Die nächste Information betraf den Wenxi Squamat. Sein Alter wurde mit 40 bis 42 Jahre angegeben, da sich die Wenxi nicht darauf einigen konnten, ob sie ab dem Zeitpunkt der Zeugung, der Eiablage oder dem Schlüpfen zählen sollten. Er galt als Durchschnittstyp, war ledig und hatte keine Abkömmlinge. Durch ein florierendes Unternehmen, das er vor zehn Jahren aufgebaut hatte und das seit sechs Jahren von Geschwistern aus dem gleichen Gelege geführt wurde, bezog er seine Einkünfte. In den Fabriken wurden Spielwaren, Unterhaltungsmedien, Süßigkeiten, Kleidung und Möbel produziert. Durch die verschiedenen Standbeine erzielte Taxon Enterprises stetig Gewinne, selbst wenn ein Zweig vorübergehend schwächelte.

Vor fünf Jahren hatte sich Squamat aus dem Unternehmen zurückgezogen und sich auf die Rolle des stillen Teilhabers beschränkt. Kurz darauf hatte er Oken II, die Heimatwelt seines Volkes, mit der Lacertida verlassen und war nie wieder zurückgekehrt. Seither wurde er auf verschiedenen Welten gesichtet, doch blieben entsprechende Informationen vor drei Jahren plötzlich aus. Die Gelegegeschwister dachten sich nichts dabei, denn von den Konten wurden regelmäßig moderate Beträge abgehoben, was ihnen als Lebenszeichen ihres Bruders genügte.

Einige Zeugen behaupteten, Squamat vor seinem Verschwinden in der Nähe von Thermion Markant gesehen zu haben, aber beschwören wollte es keiner. Für die meisten Menschen sahen alle Wenxi gleich aus.

Die Schlüsse, die sich daraus ziehen ließen, besagten, dass Squamat Markant unterstützt hatte oder von ihm zur Kooperation gezwungen worden war. Ob der Wenxi noch lebte oder irgendwann durch Klone ausgetauscht worden war, würde nicht so leicht festzustellen sein. Nun war er jedenfalls genauso zurück wie Markant.

Bevor Färber sich den nächsten Bericht nahm, lehnte er sich in seinem Sessel zurück und dachte nach.

Dr. Ekkri hatte gesagt, dass es sich bei den Wenxi – bei den Squamat, korrigierte sich Färber -, die Markant gegen das Raumcorps eingesetzt hatte, um Klone handelte. Bestand die Möglichkeit, dass der vorgebliche Markant, der so plötzlich wieder aufgetaucht war, ebenfalls ein Klon war? Gab es die Originale vielleicht gar nicht mehr und dafür ganz viele Markant- und Squamat-Klone, die den Terror zu wichtigen Einrichtungen trugen? Eine erschreckende Vorstellung!

Färber machte sich eine Notiz, dass die Agenten alle Anschläge seit dem letzten Monat überprüfen sollten, die auch andere Organisationen und Imperien betrafen. Markants Hauptziel mochte aus persönlichen Gründen das Raumcorps sein, doch schloss das nicht aus, dass auch andere in seinen Plänen eine Rolle spielten. Gab es ein Muster, sollten die Nachforschungen noch weiter zurückgehen. Irgendwann war dieser Gegner wieder aktiv geworden: Er musste Spuren hinterlassen haben.

Schließlich griff er das nächste Blatt.

Das hätte ich fast vergessen.

Die Notiz stammte von einem Dr. Sch. Wyne, dem Färber kein Gesicht zuordnen konnte. Der Mediziner betreute die beiden Patienten, die mit der Phoenix gekommen waren. Normalerweise wäre der Befund der Schweigepflicht wegen nicht hier gelandet, aber da sich die Männer auf einer verbotenen Welt aufgehalten und sich zudem als Schmuggler betätigt hatten, lag ein gänzlich anderer Sachverhalt vor, der die ethisch orientierten Regeln egalisierte.

Kann mir das jemand übersetzen?

Färber überflog die Fachtermini, die ihm nichts sagten, und fragte sich, ob Dr. Sch. Wyne ein junger Schnösel, frisch von der Universität, war, der meinte, seine Brillanz – oder seine Überforderung – durch für Laien unverständliche Ausführungen unter Beweis stellen zu müssen. Ein Arzt, der schon mehrere Dienstjahre auf dem Buckel hatte, bemühte sich stets, seine Erläuterungen halbwegs nachvollziehbar vorzutragen. Ob Sch. die Abkürzung für Schnösel war?

Erst die kurze Zusammenfassung am Ende verstand Färber.

Dr. Sch. Wyne bestätigte die Diagnosen seiner Kollegen Dr. Carlyle, Dr. Coy und Dr. Singer, die die Erstversorgung der Patienten übernommen hatten. Yese Bohka und Anitore Napata, die einzigen Überlebenden des xavanthischen Frachters Yaunde, waren aufgrund eines erschütternden Erlebnisses stark traumatisiert worden. Seither degenerierte ihr Gehirn unaufhaltsam. Auf die anfänglichen Gewaltausbrüche war ein Zustand der Katatonie gefolgt.

Theoretisch hätte das Trauma allein die Degeneration nicht auslösen können, aber bislang waren keine Substanzen, keine Bakterien oder ähnliches in den Körpern der Patienten entdeckt worden, die damit in Zusammenhang gebracht werden konnten. Allein die Zahl der weißen Blutkörperchen hatte sich auf über den Normalwert erhöht.

Bisher hatte keine Therapie angeschlagen. Die Sedierung war ausgesetzt worden, weil die Patienten nicht mehr Gefahr liefen, sich selbst und die Pfleger zu verletzten. Sie befanden sich nach wie vor in Isolation, da nicht sicher war, ob ein unbekannter Kleinsterreger die Degeneration ausgelöst hatte. Angeblich hatten einige Kliniken auf Welten der Konföderation Anitalle bereits mit vergleichbaren Fällen zu tun gehabt, doch fanden sich in den Datenbanken keine entsprechenden Unterlagen, und die Bitte um Informationen war abgelehnt worden.

Eine Vernehmung und eventuelle Verurteilung für begangene Straftaten – der Vorwurf lautete: Landung auf einer verbotenen Welt, illegaler Export von Gütern, Schmuggel und Tötung von wenigstens fünf Besatzungsmitgliedern der Yaunde – war aufgrund der schlechten Verfassung und Prozessunfähigkeit ausgeschlossen. Keiner der beiden war schuldfähig, insbesondere was die Tötungsdelikte betraf, die sie durchgeführt hatten, nachdem sich ihr Geist bereits verwirrt hatte.

Die Toten und Vermissten waren alle namentlich in einer Liste erfasst worden. Allein ein gewisser Dr. G hatte nicht identifiziert werden können, da er seine Identität vor der Besatzung der Yaunde geheim gehalten und sich nichts im Gepäck befunden hatte, durch das man seinen Namen hätte erfahren können. Der einzige persönliche Gegenstand war ein Holowürfel mit Bildern von mutmaßlichen Angehörigen. Nachdem er die Gesichter kurz betrachtet hatte, stellte Färber das Erinnerungsstück an die Ecke seines Schreibtisches.

Er wusste, dass er endlich die Xavanthische Liga über den Verbleib der Yaunde und das Schicksal ihrer Crew in Kenntnis setzen und der Konföderation Anitalle von den Vorkommnissen in ihrem Hoheitsgebiet, dazu in einer Sperrzone, Mitteilung machen musste. Wen sollte er zuerst zu sich rufen? Neue Konflikte würden garantiert die Folge sein, und eine Kooperation zum Wohle der beiden Patienten war eher nicht zu erwarten.

Einer Eingebung folgend, stellte er die Verbindung zum Vorzimmer her. „Mr. Hynemann, hält sich zufälligerweise Pakcheon oder ein anderer Vizianer auf der Station auf?“ (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2012/13 by Irene Salzmann, Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

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Zurück auf Gamorrha – Band 52 (Rettungskreuzer Ikarus) [Kindle Edition]

Irene Salzmann (Autor), Lothar Bauer (Illustrator)

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 449 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 140 Seiten
  • Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
  • Verlag: Atlantis Verlag Guido Latz (29. Juni 2013)
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  • Sprache: Deutsch
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Ein Unglück kommt nie allein:

Auf Sally McLennane wurde ein Attentat verübt. Während die Ärzte um das Leben der Direktorin des Raumcorps kämpfen, geht ihr Stellvertreter Heinrich Färber den wenigen Spuren nach; diese weisen auf einen alten, tot geglaubten Feind hin.

Für die beiden schwerkranken Schmuggler, die vom Rettungskreuzer Phoenix nach Vortex Outpost gebracht worden waren, scheint es keine Heilung zu geben. Um zu erfahren, was ihnen zugestoßen ist, riskiert die vizianische Telepathin Shilla ihr Leben.

Eine mysteriöse Droge überschwemmt die Galaxis. Nicht nur trägt sie die Handschrift von Sally McLennanes Widersacher, sondern es scheint auch eine Verbindung zu den Schmugglern und damit zu einer verbotenen Welt zu geben.

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