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Literatur-Blog

Exodus 22

René Moreau & Heinz Wipperfürth
Exodus 22 – Science Fiction Storys & Phantastische Grafik

Düren, 12/2007
Nicht-kommerzielle Presse, SF, ISSN 1860-675X, 72/600
Titelillustration von Mario Moritz
Innenillustrationen von Lothar Bauer, Thomas Franke, Frank G. Gerigk, Thomas Hofmann, Olaf Kemmler, Manfred Lafrentz, Mario Moritz und Robert Straumann.
Bezug: René Moreau, Schillingsstraße 259, 52355 Düren, rene.moreau@exodusmagazin.de
www.exodusmagazin.de

„Exodus“ ist eines der wenigen Print-Zines, die das große Massensterben überlebt haben und feiert mittlerweile seine 22. Ausgabe. Natürlich soll mit diesem, im A4-Format erscheinenden, Heft eine bestimmte Zielgruppe angesprochen werden. Ob das allerdings tatsächlich der Fall ist…?

Eines jedenfalls fällt dem interessierten Leser sofort auf, wenn er sich das Inhaltsverzeichnis so ansieht: eine einzige Frau, und die eigentlich auch ‚nur’ mit einer ‚halben’ Geschichte. Zeichner, Autoren, teils wirklich bekannte Namen, aber jemand Weibliches… Offensichtlich ist man wohl der Meinung, Frauen hätten in der SF nichts zu suchen, zumindest nicht als ausführendes und schöpferisches Organ – als ‚schmückendes Beiwerk’ und (natürlich) Akt sind sie allemal gut genug. Man bleibt denn wohl lieber in seinem eloquenten Club und frönt weiter der Selbstbeweihräucherung.

Aber kommen wir zum eigentlich Wichtigen, dem Inhalt. Da das „Exodus“ sich mehr oder weniger als Story-Zine versteht, liegt der Schwerpunkt eben auf jenen, neben Grafiken und Zeichnungen bekannter wie neuer Künstler. Aber zuerst die Geschichten.

Den Anfang macht Uwe Post mit seinem „Instant Man“. Ja, wenn die Weltformel einmal gefunden ist, sollte es auch möglich sein, endlich die Frauen zu beglücken. Was wundert, ist, dass nicht zuerst das Instant-Pinup erfunden wurde – würde näher liegen. Frauen sind ja immer so gefühlsschwanger. Ein netter Einstieg, bei dem auch wirklich ein- oder zweimal die Mundwinkel zucken können.

Thomas Franke gibt in diesem „Exodus“ sozusagen sein Debüt als Autor und ist mit gleich zweien seiner Vignetten vertreten. In der ersten, „Im Albbyss, keine Zeit mehr“, geht es sehr surrealistisch zu. Interessante Bilder, eher stimmungsvoll und durch eine gewisse Mehrdeutigkeit der Worte eine sehr viel aussagende kleine Szenerieanreihung.

Olaf Kemmler berichtet vom „Herrn der Sterne, Herr der Schmerzen“, einem uralten, vielleicht unsterblichen Alien, das sich als ‚Schoßtier’ einen Menschen hält und sich einmal mit dem – besser: der Falschen anlegt. Interessant ist das Frauenbild, das der Autor suggeriert in dieser Geschichte. Auf der einen Seite das nichts sagende, aber wunderschöne Dummchen, auf der anderen der kalt-berechnende Vamp. Und schließlich ist es denn doch die ‚böse’ Königin, die das Urböse besiegt. Stilistisch sauber und gut lesbar.

Und damit taucht jetzt die halbe ‚weibliche’ Geschichte auf, geschrieben von dem Ehepaar Günter und Johanna Braun. In „Das Mädchen von der Mondstraße“ geht es um einen ganz besonderen Service, den ein Laden seinen alten Stammkunden bietet. Interessant hier die Doppeldeutigkeit im abschließenden Gespräch, nach dem der Leser immer noch nicht sicher wissen kann, wer diese holde Weiblichkeit denn wohl ist. Ein erstes Highlight dieses Heftes.

Christian Weis weiß um den „Bethagi-Zwischenfall“, in dem eine Crew auf einem Planeten landen soll. Nebenbei hätte es nicht sehr verwundert, wenn die Zahl 13 noch irgendwo im Spiel gewesen wäre. Allerdings ist der doppelte Dreher denn doch ein Dreher zu viel. Entweder ja oder nein, selbst eine entscheidungsschwache Frau dürfte irgendwann zu einer solchen kommen, zumal in einer derartigen Situation. Und damit dann auch ein deutlicher Punkteabzug für diese Geschichte, die ohne das ganze Hin und Her wesentlich besser hätte abschneiden können.

Guido Seifert steht wahrscheinlich darin, so könnte man zumindest nach dem Titel „Mitten in das Leben“ schließen. Ein Mann irrt durch eine Geisterstadt auf der Suche nach Drogen. Leise Anklänge an diverse Zombie-Filme (auch wenn hier keine lebenden Toten auftauchen) sind wohl durchaus gewollt, nebst einigen Parallelen zur heutigen Politik. Ein bisschen langatmig, aber ein sehr interessanter Ansatz.

Wolfgang G. Fienhold beschreibt „Wie die Welt entstand“. Ein Spiele-Abend der besonderen Art wird ausgerichtet – ein bisschen weniger „Spanish Train“ und „Devil’s Eye“ und ein bisschen mehr Respekt vor dem Glauben immerhin eines recht großen Teils der Weltbevölkerung wäre vielleicht angebracht gewesen. Merke: Nicht jeder ‚große Boss’ ist auch wirklich lustig – das war unter der Gürtellinie.

Helmuth Hirsch weiß um die „Besucher aus der Ferne“ und bringt damit die längste Geschichte des ganzen Heftes an den Start. Nachfahren irdischer Siedler auf einem fremden Planeten sehen sich plötzlich einem unerwarteten Besuch gegenüber. Zwar mutiert Mona als Erzählerin immer mal wieder gern zu „Superwoman“, allerdings hat der Autor sich sichtlich bemüht, eine wirklich glaubhafte und nachvollziehbare Geschichte zu Papier zu bringen. Eindeutig gelungen, vor allem in Hinblick auf das Ende und der sich daraus ergebenden Frage.

Frank Neugebauer weiß über einige „Kentaurische Affären“ zu berichten – und das tut er nicht nur mit einem Augenzwinkern, da bleibt kein Auge mehr trocken. Definitiv ein weiteres Highlight und ein Hinweis für viele andere: So schreibt man Humor!!!

Der Band schließt mit der (angekündigten) zweiten Geschichte von Thomas Franke – „Das Tier“. Ein rätselhaftes Büchlein, das bei Berührung zu Staub zerfällt, eine Mumie unterm Bett und dann dieser gruselige Fremde im Cafe gegenüber. Wieder bestechend starke Bilder, dieses Mal nicht ganz so surreal wie in der ersten, dafür einfacher zu verstehen. Sehr gut.

Über die Grafiken und Illustrationen in Exodus gab es, wie die Leserbriefseiten zu berichten wissen, wohl eine kleine Diskussion. Nun, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Allerdings sollte man sich auch als Bewunderer ein bisschen selbst bremsen, wenn man einen Künstler vorstellt, wie Mörsch es in der „Galerie“ mit Mario Moritz getan hat. Andere schreiben, zeichnen, arbeiten und komponieren ebenfalls, ohne dass man sie überhaupt wahrnimmt. Etwas weniger Überschwang wäre ein bisschen mehr Info gewesen. Es gibt leider auch Menschen, die zuviel Lob skeptisch gegenüberstehen.

Nichtsdestotrotz würde es deutlich schwer fallen, irgendeine Grafik oder Illustration schlichtweg als ‚nicht tragbar’ zu bezeichnen. Jeder hat seine Vorlieben und Abneigungen, nicht jeder mag mittels Computer hergestellte Grafiken, nicht jeder schätzt ‚Comicstil’ oder gar Collagen. Den Mut zu beweisen und seine Werke einem Zine wie dem „Exodus“ zur Verfügung zu stellen, das verlangt schon Respekt. Zeichnungen sogar für die Geschichten herzustellen, erfordert Mut. Und so seien ohne Wertung alle Künstler erwähnt, deren Werke in diesem Heft veröffentlicht wurden:

Lothar Bauer, Thomas Franke, Frank G. Gerigk, Thomas Hofmann, Olaf Kemmler, Manfred Lafrentz, Mario Moritz und Robert Straumann.

Ob das „Exodus“ nun wirklich eines der besten Zines auf dem Markt ist, sei dahingestellt. Seine Zielgruppe hat es jedenfalls klar definiert, was sehr schade ist, aber auch offensichtlich angenommen wird von den jeweiligen Kunden. Insofern wird dieses Zine wohl auch eine 23. Ausgabe erleben. (RSch)

Updated: 17. Februar 2009 — 12:57

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