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“Murphy reist ins Jenseits” Murphy – Der Kämpfer des Lichtes – Band 21 als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen von W. A. Hary (Teil 4)

„Murphy reist ins Jenseits“

Murphy 21
als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen bei sfbasar.de

von W. A. Hary

Teil 4

In Jane Murphy überstürzten sich die Gedanken. Alles, was sie in den letzten Minuten erlebt hatte, war so unfassbar, so schrecklich gewesen. Sie hörte die verzweifelten Rufe des Fremden hinter sich. Verzweifelt? Unwillkürlich spürte sie den Impuls in sich, stehen zu bleiben, doch das Grauen in ihr war stärker, beschleunigte ihren raschen Lauf. Da war der Wagen. Sie lief vorbei, um die Lichtung zu überqueren. Die Mauer aus Bäumen auf der anderen Seite erschien ihr wie ein Schutzwall, der sie aufnehmen musste.

Dann blieb sie plötzlich stehen. Was war da gesagt worden? Eine Schattenwelt – eigentlich unsichtbar für jeden normalen Menschen? Sie wirbelte herum. Ihre Augen weiteten sich. Der Mann mit dem dicken Bauch: Die Schauergestalt, beugte sich langsam zu ihm hinab.

Wie war das gewesen? Ein Hexenmeister, der frische Lebensenergie brauchte, um sich erneuern zu können? Jane schrie gellend auf und begann zu laufen – diesmal in die umgekehrte Richtung, nämlich zurück. Sie war zu allem entschlossen. Noch war es nicht zu spät. Da lag der Knüppel, der der Hand des Fremden entglitten war. Sie hob ihn auf. Und ihre schlanken Arme schlugen mit aller Kraft zu. Das Ding sauste an dem dicken Mann vorbei und traf das durchscheinende Skelett.

Über Dietrich Borodins Lippen drang ein lang gezogener, klagender Laut. War der Unheimliche schon mit ihm vereint? War es schon zu spät für ihn? Er richtete sich auf und presste die Hände gegen seinen Schädel, als wolle er so verhindern, dass er auseinander platzte. Der Schrei schien gar nicht mehr abreißen zu wollen.

Mit einem Mal war Dietrich Borodin wieder er selbst. Er wusste, was beinahe mit ihm passiert wäre. Ein Grollen stieg von dem Geist auf, den man mit einem Knüppel nicht vernichten konnte – ein Grollen, das die Erde erzittern ließ.

Dietrich fiel dem rasenden Mädchen in den Arm und schrie: »Lassen Sie! Es ist genug. Es hat keinen Zweck.«

Sie hielt ein und warf sich ihm schluchzend an die Brust.

Es raschelte am Boden. Das Skelett kroch näher, hatte sie fast erreicht. Sanft drückte Dietrich das bebende Mädchen von sich. Er durfte keine Zeit verlieren. Der Geist kämpfte um sein Fortbestehen und kannte keine Gnade. Aus den Augenwinkeln sah Borodin den angeblichen Werwolf, der sich erhob und näher taumelte.

»Halten Sie ihn auf!« befahl er dem Mädchen, das vor den tierischen, teuflischen Augen zurückweichen wollte.

»Wie soll ich das tun?« fragte sie entsetzt.

Für einen Sekundenbruchteil begann sich auf Borodins Gesicht ein verzerrtes Lächeln zu bilden. In einem Anflug von Galgenhumor gab er zurück: »Was fragen Sie mich? Sie sind doch die Hexe!« Dann wandte er sich der Aufgabe zu, die er sich gestellt hatte. Er glaubte, den einzig gangbaren Weg gefunden zu haben.

Suchend blickte er umher. Überall lag Reisig. Er sammelte es ein und türmte es auf die Skelettreste.

»Nein!« grollte es. Ein paar Knochen bewegten sich hilflos.

»Was tun Sie da?« rief das Mädchen.

»Sie sollen sich um den Werwolf kümmern!« wurde sie von Borodin angefahren. Eine Spur sanfter fügte er hinzu: »Ich bin sicher, dass es Ihr Freund David ist!«

Er sah nicht das Grauen in den Augen der jungen Frau. Immer mehr Reisig stapelte er, bis er sicher war, dass es genügte. Sein Feuerzeug funktionierte auch in dieser Welt. Doch bevor er das Reisig in Brand stecken konnte, grollte der Geist darunter hervor: »Du machst einen großen Fehler. Ich könnte euch helfen, hier, in eurem jetzigen Dasein. Allein seid ihr verloren. Ich kenne eure geheimsten Gedanken und weiß mehr über euch als ihr selbst. Höre auf mich. Lasst euch von mir helfen.«

»Du uns helfen? Indem du uns alle Lebensenergie raubst, wie?«

Furchtbare Flüche kamen aus dem Reisigberg, Flüche, die immer mehr in Wimmern und Winseln und Betteln übergingen, als die Flammen höher und höher schlugen und die Hitze zischend auf das Skelett übersprang. Das Grollen der Grabesstimme verstummte endlich mit einem schrecklichen Laut. Borodin ließ die Flammen hoch lodern, bis nur noch Asche und Blut übrig waren. Der Unglückliche, den der Zufall oder eine teuflische Macht hierher verschlagen hatte, war endlich erlöst.

»David?« flüsterte Jane. Sie hatte auf einmal alles um sich herum vergessen, außer jenem wolfsähnlichen Wesen vor ihr. Der Werwolf stieß klagende Laute aus und wandte sich zur Seite. Jane ging langsam auf ihn zu und streckte eine Hand aus. Der Werwolf schnappte danach. Jane zog ihre Hand nicht zurück, auch als das seltsame, unirdische Wesen sein furchtbares Gebiss zeigte.

»David!« sagte sie zärtlich und schöpfte aus der neuen, unbegreiflichen Kraft, die sie seit ihres Hier seins erfüllte. Es war unglaublich, aber der Werwolf ließ sich tatsächlich von ihr berühren.

»Bald wirst du wieder du selbst sein«, versprach Jane. Hinter sich hörte sie das Knistern des Feuers. Sie wartete noch einen Augenblick, dann ging sie mit dem unglücklichen Geschöpf, das einmal David Murphy gewesen war und vielleicht auch mal wieder sein würde, zu dem Fremden, der neben der verglimmenden Glut stand. Dietrich Borodin wandte sich ihr zu.

»Ich habe das untrügliche Gefühl, meine Liebe, als säßen wir hier gründlich in der Falle!« sagte er.

»Warum gehen wir nicht einfach zurück in unsere Welt?« fragte sie unschuldig. »Wenn ich richtig verstanden habe, was das Ungeheuer behauptet hat, dürfte damit alles wieder in Ordnung sein.«

Borodins Augen wurden groß und rund. Mit der flachen Hand hieb er sich gegen die Stirn.

»Natürlich, dass ich daran nicht gleich gedacht habe!« Er ging an ihr vorbei. Nach ein paar Schritten blieb er stehen und wandte den Kopf. »Also glauben auch Sie an diese Geisterwelt, in der wir nur die Astralkörpern von allem Gegenwärtigen sehen und in der wir vielleicht für die reale Welt unsichtbar sind?«

»Natürlich. Wie sonst ließe sich Davids gegenwärtiger Zustand erklären?« sagte sie einfach. »Allerdings glaube ich nicht so recht an unsere Unsichtbarkeit.«

Borodin ging zu der Stelle, an der die Wagenspur begann.

»Hier muss es sein«, meinte er, vergeblich bemüht, das Zittern in seiner Stimme zu verbergen. Mit einem großen Schritt überquerte er die Grenzlinie.

»Hier war es!« erwiderte Jane Murphy trocken, als nichts geschah. Betreten blickte er sie an.

»Haben Sie sich verletzt?« erkundigte sich Jane besorgt und deutete auf sein Gesicht. Er stutzte und tastete nach seiner Stirnwunde. Aber dort war alles glatt, als wäre nie etwas gewesen. Nur das getrocknete Blut zeugte davon, dass er dort eine Wunde gehabt hatte.

»Das ist der letzte Beweis«, flüsterte er. »Dieser lebende Leichnam hatte recht. Hier bin ich so was wie ein Hexenmeister.« Er sah zu dem Werwolf. »Aber wieso ist er hier ein solches Untier? Was ist der Grund und: Was machen wir mit ihm?«

»Vielleicht sollten wir jene geheimnisvollen Kräfte einsetzen, die diese Welt in uns geweckt hat – aus welchen Gründen auch immer?« fragte sie leise.

Der Werwolf knurrte sie an und fletschte die Zähne, als sie sich zu konzentrieren begannen. Sein Körper duckte sich zum Sprung. Für eine Sekunde sah es so aus, als wollte er die beiden Menschen im nächsten Augenblick zerreißen. Da brach er zusammen. Sein Körper zuckte wild. Klagende Laute entrangen sich der nichtmenschlichen Kehle – Laute, die mehr und mehr menschlich wurden. Minuten später lag David Murphy vor ihnen, wie Jane ihn kannte. Er war ohne Bewusstsein. Schluchzend beugte sich Jane über ihren Mann.

Ein paar Minuten vergingen, bis David Murphy zu sich kam. Verständnislos schaute er sich um. Da war etwas in ihm, eine vage Erinnerung, gegen die sich sein Innerstes sträubte. Er fasste sich an den Kopf. Dann erst kam ihm zu Bewusstsein, dass er am Boden lag, dass vor ihm ein Fremder stand.

»Was – was ist geschehen?« stammelte er. Zum ersten Mal sah Jane ihren geliebten Mann ratlos, ja, sogar ein wenig hilflos. David wurde das bewusst. Behände sprang er auf die Beine, blickte umher. Alles erschien ihm seltsam unwirklich. Er ballte die Hände, als er seinen Wagen mitten auf der Lichtung stehen sah. Sein Erinnerungsvermögen funktionierte wieder, doch er wollte nicht wahrhaben, was geschehen war.

»Wie sind wir hierher gekommen?« David wandte sich an Dietrich Borodin. »Wer sind Sie?«

Dietrich deutete eine ironische Verbeugung an und stellte sich vor.

Zehn Minuten später blieb David Murphy nichts anderes übrig, als die Tatsachen zu akzeptieren. Borodin und Jane hatten ihn über alles aufgeklärt. Was er als eine Art Werwolf erlebt hatte, war mehr oder weniger verworren in seinem Gedächtnis haften geblieben. Der Kämpfer des Lichtes erwachte nun wieder in ihm. Stirn runzelnd betrachtete er die Stelle, an der der Geist verbrannt war.

»Es wird also noch mehr von dieser Sorte hier geben«, stellte er tonlos fest und stocherte mit der Fußspitze in der Asche.

»Das glaube ich nicht«, widersprach der Handelsreisende. »Ich nehme vielmehr an, dass solche Unwesen recht selten sind. Bedenken Sie, wie lange der Geist in dem schrecklichen Zustand war. Eine Verzerrung, wie er es nannte, tritt wohl höchst selten ein. Außerdem scheint es Machtkämpfe zu geben. Der Hexenmeister wollte uns keine Chance geben und uns an Ort und Stelle gleich vereinnahmen.«

David kratzte sich am Kinn.

»Ich habe mir da eine Theorie zurechtgelegt. Sie kennen die Phänomene wie Geistererscheinungen, Hexen und so weiter, obwohl Sie so etwas bisher als Ammenmärchen abgetan haben. Jane bemerkte schon richtig, dass alles, was wir hier tun, direkte Einwirkungen auf die Realwelt hat. Auch glaube ich, dass wir für jeden Menschen sichtbar sind.« Er machte eine Kunstpause. Sein Blick ruhte auf Dietrich Borodin, dessen Augen sich weiteten. Er ahnte, was David Murphy hinzufügen wollte: »In Wirklichkeit hat sich nicht unsere Umgebung verändert, sondern wir!«

Obwohl David sich vergeblich fragte, wieso aus ihm ein Werwolf und aus seiner geliebten Jane eine Hexe geworden war. Ja, WIESO?

Es gab keine Antwort auf diese brennendste aller Fragen – vorerst jedenfalls nicht.

Jane stieß einen erstickten Laut aus. Sie hatte das Unausgesprochene jetzt ebenfalls verstanden. Wie Hilfe suchend tastete sie nach dem Arm ihres Mannes.

»Wie – wie meinst du das alles?« kam es stockend über ihre Lippen.

»Die Zukunft wird erweisen, ob ich recht habe, Jane«, sagte David Murphy mit brüchiger Stimme. »Denke daran, was der Geist gesagt hat. Es fand eine Verzerrung statt. Wir wurden Wesen ohne Seele! Unsere Geister wurden selbständig, verließen uns!«

Dietrich Borodin begann unvermittelt zu lachen. Es klang irr. Er barg sein Gesicht in den Händen und konnte sich nicht mehr beruhigen. Jane und ihr Mann sahen ihn entgeistert an.

Schlagartig riss Dietrich die Hände vom Gesicht und ballte sie zu Fäusten. Seine Stimme zitterte, als er ausstieß: »Sie irren sich, Mr. Murphy! Sie irren sich gewaltig! Nur in einem haben Sie recht: Unsere Körper wurden ihrer Seelen beraubt. Wenn es aber so wäre, wie Sie es sehen, müssten Astralleib und Körper auf einer Ebene leben.«

David Murphy verstand, worauf Borodin hinaus wollte.

»Um Himmels Willen, wenn das stimmt, dann sind wir die Seelen! Durch die Verzerrung wurden wir von unseren Körpern weggerissen.«

»Nein«, schrie Jane hysterisch. »Was ist mit dem Wagen? Er kam mit. Ihr müsst euch beide irren!«

Borodin und David Murphy sahen sich betroffen an. Es wurde ihnen bewusst, dass sie das Geheimnis um die Dinge noch längst nicht gelöst hatten, die mit ihnen geschehen waren.

Sie diskutierten noch ein paar Minuten hin und her. Dann beschlossen sie, sich zu trennen. Borodin bestand darauf, sich noch in derselben Nacht in der Umgebung umzusehen. Er wollte mehr erfahren. David konnte aus Rücksicht auf Jane nicht mitkommen. Sie blieben beim Wagen und sahen zu, wie Borodin in den Wald stapfte und bald darauf ihren Blicken entschwand.

»Hoffentlich war es kein Fehler, dass wir uns getrennt haben«, sagte Jane.

David zuckte mit den Achseln.

»Ich glaube kaum, dass uns im Moment Gefahr droht.«

Jane kuschelte sich eng und schutzsuchend an ihn. David fühlte den weichen, federnden Druck ihrer Brüste und streichelte über das seidige, rotblonde Haar. Die Nähe der geliebten Frau berauschte ihn und ein Funke sprang auch auf Jane über. Sie küssten sich leidenschaftlich.

»Meine geliebte Hexe«, flüsterte er ihr ins Ohr. Sie lachte über den Scherz und flüsterte zurück: »Mein geliebter Werwolf!«

Eine Woge der Leidenschaft überflutete sie und ließ sie für Minuten alles andere vergessen.
(Wird fortgesetzt!)

Copyright © 2010 by W. A. Harry


Der gesamte Roman ist auch käuflich zu erwerben:

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Lesen Sie auch die Besprechung von Petra Weddehage:

W. A. Hary
Murphys Reise ins Jenseits…
MURPHY – Der Kämpfer des Lichtes 21

HARY-PRODUCTION, Neunkirchen, 08/2005
Roman-Heft, Horror
ISSN 16143345
Titelillustration von Christel Scheja
Comic von Hary/Bone

Als eBook bei www.sofortlesen.de
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David und Jane Murphy befinden sich auf ihrer Hochzeitsreise. Sie fahren mit dem Wagen nach Schottland, um dort ihre Flitterwochen zu verbringen. Während eines heftigen Gewitters verliert Murphy die Kontrolle über sein Auto und kommt von der Straße ab. Das Paar verliert das Bewusstsein. Doch kurz bevor David die Sinne schwinden, sieht er eine merkwürdige Gestalt mit rot glühenden Augen.

Dietrich Borowin, ein Handelsreisender, ist ebenfalls in dieser Nacht unterwegs. Er entdeckt das Auto der Bewusstlosen, das mitten auf der Landstraße quer steht, zu spät. Um nicht mit dem anderen Auto zu kollidieren, vollführt er hektisch ein Ausweichmanöver und rast in dichtes Gestrüpp. Auch er verliert das Bewusstsein. Kurze Zeit später trifft er auf David und Jane Murphy. Entsetzt bemerken die drei Pechvögel, dass sie nur noch als Astralwesen auf der Erde wandeln. David Murphy und seine Begleiter setzen nun alles daran, ihre Körper zu finden und den unheimlichen Situationen, in die sie geraten, zu entkommen.

Dem Autor gelingt es mit dem Einstieg in ein neues Abenteuer, die Leselust seiner Fans zu wecken. Die einzelnen Figuren werden gut in die Serie eingeführt und erhöhen die Spannung. Das Ende des Heftes steigert die Erwartung auf den nächsten Band. Christel Schejas Bild einer mondbeschienenen Landschaft ziert den 21. Band über den „Kämpfer des Lichtes“. Damit beweist sie wieder einmal ihre Stärke für phantasievolle Bilder. Die kalten Farben lassen eine mystische Atmosphäre entstehen.

Wer als Einsteiger diesen Band in die Finger bekommt, wird eine Weile brauchen, um sich in Murphys Welt zurechtzufinden. Es empfiehlt sich also, auch die anderen Bände zu besorgen. Wer Romane wie „Professor Zamorra“ oder „John Sinclair“ liebt, wird hier ebenfalls voll auf seine Kosten kommen. Für alle anderen Leser, die Horror-Geschichten mit einer dicken Portion phantastischer Elemente lieben, stellt diese Serie auf jeden Fall eine Bereicherung dar.

Copyright © 2010 by Petra Weddehage (PW)

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Updated: 20. April 2010 — 11:17

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