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Literatur-Blog

Autorenwerkstatt

DAS KLEINE MÄDCHEN MIT DEM HUND – Eine wahre Geschichte von Tröpfchen Kakadu (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2015 – gedrittelter Preis)

Elf Tage lang ist ein knapp vier Jahre altes Mädchen allein in einem Wald der Teilrepublik Jakutien in Russlands Fernem Osten herumgeirrt. Zu seiner Verteidigung gegen Bären und Wölfe stand ihm nur sein kleiner Hund zur Seite, bis es endlich von Helfern gefunden wurde. Nun erholt sich das Mädchen auf der Intensivstation im Krankenhaus der Stadt Jakutsk im Nordosten Sibiriens. Am 29. Juli verließ Karina mit ihrem Hund das Haus und wollte ihren Vater Rodion in dessen Heimatdorf begleiten. Der hatte das wohl aber garnicht so richtig mitbekommen. Nur die Mutter des Mädchens war der Meinung, dass ihre Tochter zusammen mit ihrem Papa dorthin unterwegs war. Erst als dieser nach vier Tagen von dort zurückkehrte – und zwar ohne Karina – realisierten die Eltern, dass ihre gemeinsame Tochter seit dieser Zeit verschwunden war.

DAS VERHÄNGNIS DER GOLDEN EAGLE – Kurzgeschichte von Thomas Vaucher

Das Schiff war urplötzlich aus dem Nebel vor ihnen aufgetaucht. Kaum hundert Schritt entfernt, schien es sich ihnen trotz der Flaute fast unheimlich schnell zu nähern. Es war eine Brigantine, ein Zweimaster von ungefähr dreißig Metern Länge, wie Leutnant Taylor sofort erkannt hatte. Doch das Seltsame daran war, dass niemand an Bord auszumachen war. Deck und Ausguck schienen verlassen zu sein und nicht einmal das Steuer war besetzt. Das Schiff schlingerte führerlos auf sie zu. Es waren auch keine Notsignale geflaggt worden, die Brigantine hatte die englische Flagge gehisst. – Taylor fuhr ein kalter Schauer den Rücken herab. Obwohl er sich auf einem der größten Kriegsschiffe der Gegenwart befand, bekam er es plötzlich mit der Angst zu tun …

AM ENDE STEHT DAS WORT – Eine Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

Sie sehen, liebe Zuschauer, es ist eine Art Geisteskrankheit, von der die Literaten befallen sind, und wir tun gut daran, sie wegzusperren, zu unser aller Bestem. Melden Sie jeden Verdächtigen der Book-Guard, um jede Gefahr gleich aus dem Verkehr zu ziehen. Unsere Sendezeit für diesen außergewöhnlichen Besuch ist nun um. Jason Low fuhr mit seinem Schwebegleiter nach Hause, verschloß alle Türen und Fenster, steckte sich Pfropfen in die Ohren, um die Dauerberieselung durch die nicht ausschaltbaren Monitore abzublocken. Dann öffnete er ein Geheimfach und nahm einen Gegenstand heraus. Wenig später glitt ein Lächeln auf sein Gesicht. In den Händen hielt er ein Buch, in dem er mit Vergnügen las: William Shakespeare „Viel Lärm um Nichts“.

DAS ETWAS ANDERE INTERVIEW – Eine Kurzgeschichte von Petra Weddehage (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 1/2013)

Langsam sank die Nacht herab und bedeckte meine Heimatstadt Paderborn. Ein wundervoller, sternenklarer Himmel wölbte sich über den Dächern der Häuser und Kirchtürme. Jedenfalls nahm ich das an. Es wurde langsam Zeit für mich aufzustehen. Ich reckte und streckte mich erst einmal ausgiebig, bevor ich langsam den Deckel meines Sarges öffnete. „Sarg“, denkt ihr, „komische Art sich schlafen zu legen“. Recht habt ihr. Mein Name ist Petra – und NEIN: Ich bin kein Vampir. Außerdem bin ich weder Grufti noch abgefahrener SM-Fan. Ich bin Schriftstellerin und beobachte Vampire, um Stoff für meine Geschichten zu bekommen. Tja, lange Rede, kurzer Sinn. Ich hatte mich von zu Hause für ein paar Tage verabschiedet. Offiziell war ich bei einer Freundin, die natürlich in meinen verrückten Plan eingeweiht war …

BESUCH VON MEINEN LIEBEN FREUNDEN VON DEN ZEUGEN JEHOVAS – Eine Teuflische Shortstory von Mona Mee & Marianna Müller (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 1/2016)

Heute Nachmittag klingelt es an unserer Haustüre. Genervt, da ich gerade dabei bin, mir meine Fußnägel zu lackieren, humpel ich zur Wohnungstür und werfe einen Blick durch den Spion: Ich sehe einen jungen Mann, etwa 25 Jahre alt, Brillenträger, groß, hager und schlaksig, mit einem pickeligen Gesicht. Neben ihm steht eine junge Frau, etwa 33-35 Jahre alt. Auf mich wirkt sie ziemlich unattraktiv, mit einem auffälligen Leberfleck über ihrem flaumigen Oberlippenbart. Beide stecken sie in dunklen, akkuraten Anzügen. Nachdem ich mich wiedermal darüber ärgere, dass irgend jemand der anderen Mieter diesen Leuten unten die Haustür geöffnet hat, öffne ich meine Wohnungstür einen Spalt breit. Die Frau fängt sofort an zu sprechen …

ALTE TRADITIONEN HABEN AUCH IHR RECHT! – Eine Kurzgeschichte von Martina Müller

Das Vernichtungsschiff der BROTANI schwebt über dem blauen Planeten. Die BROTANI haben eine Tradition die bereits 100.000 Jahre währt: sie haben von ihrem Gott die Aufgabe bekommen, jedes Sonnensystem, das ihnen unter die Augen kommt, von Ungeziefer-Planeten zu reinigen. Alles, was nicht wie die BROTANI aussieht, riecht und schmeckt, ist unwertes Leben, so ihre heilige Doktrin. Der BROTANI bewegt seinen Rüssel und berührt kurz den Schalter, der die Antimaterie-Tokika-Gas-Rakete auf den Weg zum blauen Planeten schickt, um das Universum wieder ein Stückchen perfekter zu machen. Traditionen sind die Grundlage, denkt der BROTANI, Gottes Wille geschehe…

DER APFEL FÄLLT NICHT WEIT VOM STAMM – Stortstory von Bella C. Moremo

Während Adam am Küchentisch saß und ein Stück Kuchen aß, beobachtete Eva voller Neugier, was sich auf dem Nachbargrundstück tat. Vor kurzem hatten ihre früheren Nachbarn die Flucht ergriffen und Evas Tochter das Haus erstanden.Seit den frühen Morgenstunden war dort ein stetiges Kommen und Gehen. Evas Blick glitt über den unbeholfen wirkenden Mann, der mit hängenden Schultern den Regieanweisungen seiner Frau, kommentarlos folgte.Mit den Vorbesitzern hatte es ja eigentlich sehr harmonisch begonnen. Doch an dem Tag, an dem die Nachbarn eine hohe Palisade errichteten, wurde Evas nachbarschaftliche Anteilnahme empfindlich gestört.

DAS HAUS MEINER ELTERN – eine fantastische Geschichte von Leon Ferri

Aus meinem Mund dringen nur noch unartikulierte Laute, ich sabbere und sondere Speichelfäden ab. Ich möchte rufen, aber das einzige, was meine Kehle zustande bringt, ist ein erbärmliches Gurgeln. Mein Kopf wendet sich hilflos nach allen Seiten, auf der Suche nach einer Person, die mich tröstet und mir beisteht in meinem Kummer und meinem Zorn. Keine meiner Gliedmaßen mag mir mehr gehorchen, nutzlos zappeln sie herum, während ich auf dem Rücken liege und mich weder nach links noch nach rechts auf den Bauch drehen kann.

DIE MACHT DER ASCHE – Eine Science Fiction Geschichte von Michael Bahner

Stevenson zog vorsichtig ein kleines, gut verschlossenes Reagenzgläschen aus einer gepolsterten Kartusche und betrachtete aufmerksam dessen Inhalt. Nichts weiter als feinster Staub; anthrazitfarben in dieser Konzentration und silbern schimmernd an Stellen, wo sich das Sonnenlicht darauf spiegelte. Als er das Röhrchen drehte, fiel ein Teil der Substanz in winzigen Flöckchen nach unten; dazwischen bildete sich eine winzige unscheinbare Wolke, die sich von Sekunde zu Sekunde mehr verdichtete; Strukturen erschienen, bildeten Wirbel und zogen Kreise. Dann verflüchtigen sie sich so geheimnisvoll, wie sie gekommen waren und fielen wieder als anthrazitfarbene Schicht am Boden des Röhrchens aus.

BELLA KOMMT NACH HAUSE – Eine Katzengeschichte von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 4/2014 – geteilter Preis)

Es war dunkel und roch nach alten Schuhen. Und es war eng. Bella fuhr ihre Krallen aus und kratzte mit den Pfoten, wie eine Furie, an der Pappe. Sie mochte normalerweise die Dunkelheit. Aber das hier, das war die pure Finsternis. Und das machte Bella Angst. Um so mehr strengte sie sich an. Sie spürte, wie ihre Krallen immer mehr von der Pappe zerfetzten und dann bahnte sich auch schon der erste Lichtstrahl einen Weg in Bellas finsteren Kerker. Anders konnte dieser alte und mit Packband verschnürte Schuhkarton kaum bezeichnet werden.

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