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VORSICHT EXPERTEN! – Ein Artikel von Wolf Erhardt. – VIER BUCHEXEMPLARE DES AUTORS VON SEINEM NEUESTEN TITEL ANSCHLIESSEND BEI UNS IM PREISRÄTSEL!

VORSICHT EXPERTEN!

ein Artikel von

Wolf Erhardt

Nichts ist unausrottbarer als unser Glaube, Experten sprächen a priori die Wahrheit. Wenn dieser „Experte“ dann auch noch einen Professorentitel trägt, scheinen wir unseren Verstand auf Sparflamme zu schalten.

Mit dem unerschütterlichen Glauben an Experten haben wir selbst dieser Manipulation eine große Tür aufgemacht. Was ist eigentlich ein Experte? Grundsätzlich gibt es zwei Sorten. Jene mit akademischen Titeln und Experten kraft Aussage.

Nicht jeder weiß, wie akademische Karrieren zustande kommen. Schon nach dem Grundlagenstudium beginnt die Spezialisierung. Die Diplomarbeit beleuchtet ein noch kleineres Feld der Erkenntnis, denn schließlich muss sie nicht etwa das Aufzählen empirischer Fakten enthalten, sondern eine eigene geistige Leistung. Das ist ziemlich schwierig geworden heutzutage, wo  Millionen von Akademikern zum Beispiel im Fach Chemie ihre Diplomarbeiten schreiben. Man stürzt sich also auf einen winzig kleinen Teil der Leinwand, und malt mit einem Pinsel, der nur ein Haar hat.

Dann kommt der Doktortitel. Und wenn man ihn mit ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit erlangen möchte, muss man wissenschaftlich bisher unergründetes finden. Das Stück Leinwand wird immer kleiner, mikroskopisch klein. Dann folgen Jahre als „Postdoc“ an irgendeinem Institut, an der Universität oder in der Freien Wirtschaft. Noch einmal wird der Fetzen der Forschung kleiner, dem der Wissenschaftler seinen Namen aufprägen kann. Bis zum ersehnten Professorentitel und so weiter und so weiter.

Auf keinen Fall ist man anschließend in der Lage, mit breitem Pinsel ein großes und prächtiges, meinetwegen auch nur impressionistisches Bild seiner kompletten Wissensdisziplin zu malen. Im Gegenteil. Schließlich ist man als Nobelpreisträger (die ultimative Stufe der akademischen Laufbahn) zu einem Fachidioten geworden, wird aber im Fernsehen als Genie herumgezeigt und darf alles sagen. Eigentlich ist man zur Fata Morgana geworden.

Der „gewöhnliche Experte“ wird einfach nur ausgelobt. Im Fernsehen – gerade die Privatsender – benutzen den Begriff ganz inflationär. Ein Experte im Fernsehen steht für die Richtigkeit der Aussagen – ein  Nachweis für „Qualitätsjournalismus“. Ansonsten ist der Experte eine gelungene Marketing-Kreation. Nicht mehr und nicht weniger.

Das heißt nicht, dass alle Experte keine Ahnung haben. Die aktuelle Finanzkrise zeigt aber überdeutlich dass wir uns Experten gegenüber völlig falsch verhalten. Wir sollten eher skeptischer sein – als gläubiger. Kaum ein Problem ist so simpel, dass es von nur einem einzigen Experten beschrieben oder gar gelöst werden kann.

Nobelpreisträger in der Küche

Wenn Sie in Ihrem täglichen Leben eher weniger mit Nobelpreisträgern zu tun haben – wie wäre es mit den vielfältigen Problemen beim Einbau Ihrer neuen Küche?

Sie benötigen einen Installateur. Der hat aber keine Ahnung von Elektrik. Dann muss ein Fachmann die schönen neuen Fliesen anbringen. Schließlich kommt noch der Maler, der verputzt und alles streicht. Anschließend brauchen Sie einen Eheberater, weil die Küche doch nicht so aussieht, wie Ihre Holde es sich vorgestellt hatte.  Kämen Sie auf die Idee, diese Aufgaben einem Professor für Innenarchitektur zu übertragen? Das ist natürlich eine rhetorische Frage.

Nobelpreisträger melden Konkurs an

Ein klassisches Beispiel dafür, wie Experten sogar viele tausend Fachleute manipulieren konnten – gerade wegen ihres Nobelpreises – ist der Zusammenbruch des 1998 größten Hedgefonds: Long-Term Capital Management, kurz LTCM genannt.

Long-Term Capital Management (LTCM) war ein 1994 von John Meriwether (früherer Vize-Chef und Leiter des Rentenhandels bei Salomon Brothers) gegründeter Hedgefonds. Unter den Präsidenten waren auch Myron Samuel Scholes und Robert C. Merton, denen 1997 der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen wurde.

Während der Währungskrise in Russland 1998 verspekulierten sich die Experten gehörig. LTCM stand nicht mehr genug Eigenkapital zum Ausgleich zur Verfügung und seine komplette Zahlungsunfähigkeit stand kurz bevor. In dieser Situation war ein Zusammenbrechen der US-amerikanischen und internationalen Finanzsysteme mehr als wahrscheinlich. Und das war 1998. Die ganze Börse hängt eben nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten – oder umgekehrt.

Wir kommen jetzt nicht wirklich weiter, wenn wir auf andere Erklärungsmuster ausweichen. Kahneman (ein berühmter US-amerikanischer Psychologe, Nobelpreis 2002) hat zum Beispiel einen schönen Spruch gemacht: „Geld wird nicht gezählt. Geld wird gefühlt.“

Und ein Hedgefond, der von zwei Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaften geführt wurde, fühlte sich eben sehr gut an.

Der Wolf im Schafspelz

Und dann gibt es noch Experten, die im Namen der Wissenschaft auftreten aber eigentlich Lobbyisten sind. Da gibt es den von den Medien gerne hochgehaltenen  Rentenexperten-Professor von einer Fachhochschule der in den Medien die Vorzüge der Riesterrente auslobt. Ein genauer Blick in sein Tätigkeitsspektrum entlarvt dann aber die Versicherungsbranche als spendablen Brötchengeber (Sie finanziert großzügig seinen Lehrstuhl mit, fragt um seinen Rat und lässt Ihnen als Referent auftreten). Doch das kriegt keiner mit.

Aber nicht nur bei den großen Fragen der Lebensrisiken tauchen Experten auf. Kaufen Sie mal einen Lattenrost, eine Matratze oder wirkungslose Medikamente. Gerne werden Experten mit  akademischen Titeln in Verbindung mit  wohlklingenden Institutsnamen herangezogen um die perfekte  Experten-Illusion aufbauen und Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Denn der Otto-Normalverbraucher kennt das Institut eben nur vom Vorbeifahren an der Uni – dass  das oben genannte Institute mit  Wissenschaft nichts zu tun hat schwant den wenigsten.

Experten ohne Titel

Experten sind auch Experten, wenn sie keinen akademischen Titel tragen. Denn die Investmentbanker haben sich nicht lange damit aufgehalten, akademische Titel anzuhäufen. Wir sind ihnen trotzdem nachgelaufen und tun es immer noch. Bitte beachten Sie, wie stark uns die Experten der Finanzindustrie manipuliert haben, bestimmte Begriffe geradezu umzucodieren. Schulden? Meine Eltern wussten noch, dass Schulden ein sehr negativer Begriff war. Wie denken wir heute darüber? Seit etwa zehn bis zwanzig Jahren beobachten wir diese begriffliche Umcodierung. Schulden sind plötzlich mit einem Schlag nichts mehr, wofür man sich schämen müsste, ganz im Gegenteil. Wer sich nicht verschuldet, ist naiv. Warren Buffett hat das einmal sehr elegant ausgedrückt: „Debt now become something to be refinanced rather than repaid.“ (Schulden werden etwas zum Umfinanzieren. Nicht zum Zurückzahlen.) Und alles das haben uns „Experten“ eingebrockt. Wir sind ihnen gefolgt wie die Lemminge. „Aus Dreck Gold machen“ – das sind die alchemistischen Weisheiten der Finanzakrobaten. Groß nachgedacht haben wir selten.

Kaum eine Dienstleistung die heute verkauft wird, kommt ohne Experten aus. Titel unwichtig, Qualifikation zweitrangig. Wenn „Experte“ drauf steht wird es schon richtig sein. Das haben wir gelernt. Für den Experten zahlen wir gerne etwas mehr. Ein ungeschützter Begriff der Sicherheit vermittelt. Es ist doch einfach beruhigender wenn „Der Experte für Anlagestrategien“ ihr Geld abgreift – äh managed als es bloß vom Bankkaufmann Müller verwalten zu lassen, oder?

Neonschrift im Kopf

Zweifelsohne versteht mein Arzt mehr von Bronchitis. Natürlich mein Anwalt mehr vom Erbrecht. Selbstverständlich mein Steuerberater mehr von Abschreibungen. Aber Faktenwissen ist nur eine Seite der Medaille. Weisheit und Lebensklugheit eine ganz andere. Wir schalten nur allzu gerne unseren Verstand aus, wenn uns jemand als „Experte“ gegenübertritt. Damit werden wir das willkommene Opfer von Experten. Vom Arzt, der mir als willkommenem Privatpatienten eine teure, aber auch wirkungslose Spezialtherapie verpasst. Vom Anwalt, der mir eine zu optimistische Prognose über den vielleicht zu führenden Prozess gibt. Vom Steuerberater, der mir empfiehlt in Schweinebäuche zu investieren, weil er „zufällig“ dazu auch ein „Finanzprodukt“ im Angebot hat. Wenn Ihnen in Zukunft also ein Experte gegenübersitzt – vertrauen Sie ihm ruhig – aber lassen Sie gleichzeitig vor Ihrem inneren Auge eine rote Neonschrift aufleuchten: Vorsicht Manipulation.

Copyright © 2012 Text und Autorenfoto by Wolf Erhardt


BUCHEMPFEHLUNG DES AUTORS:

Ehrhardt, Wolf
Ich mache doch, was ich nicht will

Wie wir täglich manipuliert werden, und wie wir uns dagegen wehren können

Verlag :      BusinessVillage
ISBN :      978-3-86980-139-1
Einband :      gebunden
Preisinfo :      24,80 Eur[D] / 25,50 Eur[A] / 37,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 19.12.2011
Seiten/Umfang :      ca. 256 S. – 21,0 x 15,0 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Auflage 10.2011
Gewicht :      350 g

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Denken, handeln, bereuen – ein Muster, das uns tagtäglich begleitet. Die Nachrichten im Fernsehen, die Werbung, der Kollege, der Vorgesetzte, das andere Geschlecht – permanent wird versucht unser Handeln zu beeinflussen. Und diese Manipulation wird immer trickreicher – im Glauben selbstbestimmten Handelns werden wir zu Marionetten und merken nicht, was mit uns geschieht.

Wie können wir uns dieser gezielten Manipulation entziehen? Antworten darauf liefert Wolf Ehrhardt in seinem neuen Buch. Auf humorvolle und einfache Art enthüllt er die täglichen Muster der Manipulation. Erkenntnisse aus der Verhaltensökonomie und der Psychologie zeigen, welche Mechanismen uns anfällig für Manipulation machen und was wir dagegen tun können. Eine längst überfälllige Enthüllung, die uns hilft, bessere Entscheidungen zu treffen und selbstbestimmt zu handeln.

Wolf Ehrhardt ist Unternehmensberater und beschäftigt sich seit über 10 Jahren mit den Manipulationsmustern der Verhaltensökonomie. Er ist Betriebswirt und Dipl. Ing und ergänzte seine akademische Ausbildung durch einen Master in Behavioral Economics. Wolf Ehrhardt ist Autor zahlreicher Publikationen, unter anderem „Verkaufen mit Psychologie“ und „Nicht geschenkt“. www.vertriebslabor.com

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Preisrätsel 4 x 1 Exemplar: Wer ein Exemplar erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!):  Wolf Ehrhardt ist Unternehmensberater und beschäftigt sich seit mehr als wie vielen Jahren mit den Manipulationsmustern der Verhaltensökonomie? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 400 richtige Mails eingetroffen sind, werden die Gewinner daraus gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen!

Gewonnen hat: Swetlana Zister, Monique Braun, Nadin Müller und Florian Schmittbauer. Herzlichen Glückwunsch! Wir danken unserem Sponsoren und auch allen Teilnehmern.

Updated: 3. August 2012 — 18:51

25 Comments

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  1. Ich bitte mal um Meinungen zu dem Artikel, dem Themenkreis und dem Buchtitel!

  2. Wenn jemand ein Reziexemplar für unser Buchrezicenter benötigt, einfach mir hier bescheid sagen, bestimmt können wir auch ein Interview auf e-mail-Basis vereinbaren, wer sich das zutraut. Jemand Interesse an dem Thema?

  3. Herr Ehrhardt hat völlig recht: Die meisten Experten taugen nicht die Tinte auf ihrer Diplom- oder Doktorarbeit.

    Ich definiere Experte ganz anders – und in aller Bescheidenheit – darf ich mich selbst als Experten in meinem Beruf bezeichnen. Und hier war es nicht ein Fitzelchen der Leinwand, wie sie Herr Ehrhardt beschreibt, sondern ein langer, schweißtreibender und manchmal nervenzerfetzender Weg. Der bis heute 35 Jahre gedauert hat und immer noch andauert.

    Das ist für mich die Krux an jedem Fachgebiet: Das Lernen hört nie auf. (Das Berufsleben wäre ja dann auch ziemlich langweilig oder nicht.)
    Wer hat das gesagt? „Je mehr ich weiß, weiß ich, was ich alles nicht weiß.“ Oder so ähnlich.

    Und die „Karriere“ im o.g. Artikel ist heutzutage längst überholt und jeder wirklich clevere Personalchef wird dies längst beachten: Nur Studium, eine Doktorarbeit und dann schwupps, eine Professur, so funktioniert das nicht.

    Die Praxis sieht eher so aus, dass man einen Beruf erlernt, sich möglichst breit mehrere Sparten aneignet in Theorie UND Praxis, ein Auslandsaufenthalt um über seinen bundesdeutschen Tellerrand zu blicken, in verschiedenen Positionen sich hocharbeiten … und dann endlich irgendwann eine führende Position zu erhalten und zu BEHALTEN. Und an jeder Stufe zählt nur Leistung.

    Das ist so wie in der Werbung:
    (unzulängliches Zitat, weil der Spot schon lange nicht mehr läuft):
    „Wo bekomme ich die Schrauben?“ Antwort: „Bei Eisen Meier … oder bei Obi!“
    „Wo bekomme ich die beste Beratung?“ „Bei Heizungs-Müller … oder bei Obi!“ usw. usw.

    In meiner Firma heißt es:
    „Der X ist krank. Wer kann für ihn einspringen?“ Antwort: „Der Karl“
    „Der Y ist im Urlaub. Wer kann das noch, was der Y macht?“ Antwort: „Der Karl“
    „Die Z hat gekündigt. Wer kann sie ersetzen, bis die Neue kommt? Halt ich weiß schon: Laß das den Karl machen.“

    Klingt vielleicht irgendwie arrogant – und jeder der mich kennt, weiß, wie ich Arroganz verabscheue – aber es ist wirklich so. Mein Chef nennt mich manchmal „seinen Joker“, manchmal … nee, das sag ich nicht.

    Und glaubt mir: Wenn ich nicht am Ball bleibe, kann sich das ganz schnell ändern. Vielleicht noch eine Weisheit, nein pure Erfahrung: Die Bereitschaft sind weiterzubilden, auf die Messe zu gehen, auf die Schulung, auf das Seminar ist eine der Fesseln, die meinen Chef an MICH bindet. Ich komm mir schon vor, wie einer dieser sogenannten Best-Ager: In anderen Firmen längst auf den Schutt geworfen, in wirklich cleveren Firmen bis zum Berufsende – und oft darüber hinaus – als echter Experte genutzt (vielleicht auch ausgenutzt).

    Aber besser so, als mit 54 Frührentner und schwer vermittelbar.
    Besser Experte, als Flasche.

    mgg
    galaxykarl 😉

    P.S. So, und jetzt haut mir eure beruflichen Verhältnisse um die Ohren. Ändert aber nichts daran, dass Herrr Ehrhardt recht hat. Unser größter Arbeitgeber in Coburg – der Brose-Konzern, hat ein Plus-50-Programm. Die haben verstanden, dass jahrzehntelange Erfahrung nicht mit einem 25jährigen Studienabgänger zu haben ist.

  4. Toller Text! Da kann ich nicht mithalten.

  5. Na, du wirst doch wohl schon mal Experten genossen oder unter ihnen gelitten haben.

    Morgen habe ich die totale Eierwanderung: Man schickt mich nach Thüringen … um dort eine neue Technologie vorzustellen. Hier nicht wie der arschige Besserwessi aufzutreten, ist wirklich eine Herausforderung. Wäre ich nicht so ein charmantes (Achtung! Selbstironie!) Kerlchen, würde das voll in die Hose gehen.

    mgg
    galaxykarl 😉

  6. Falls noch ein Reziexemplar übrig ist, melde ich mich, da mich das Thema interessiert.

  7. Der Text ist großartig. Was wir uns alles so aufschwatzen lassen, von sogenannten Experten, ist schon drollig.

    Ich bin kein Experte. Ich habe einen Job gelernt, den ich heute nicht mehr mache, weil er mir nicht mehr gefällt. Ich bin Mutter und mache den Job einfach irgendwie, wie ich denke, dass es ist richtig. Ich bin keine gute Hausfrau und hasse putzen.

    Aber vielleicht bin ich ja doch ein Experte, denn ich kann etwas, was nicht jeder kann. Ich kann mich neu erfinden, andere Wege einschlagen und gegen alle Widerstände daran festhalten. Ich kann mich selbst jeden Tag zur Arbeit motivieren und bin sehr kreativ und fantasievoll. Ich schreibe Bücher und das mit großer Leidenschaft und viel Herzblut. Ich habe durchgehalten, obwohl es viele Niederlagen und Absagen gegeben hat, über Jahre hinweg. Ich habe nie den Mut verloren und an mich geglaubt.

    Ich bin kein Experte im Bücherschreiben, ganz sicher nicht. Aber ich erzähle gerne Geschichten und vielleicht bin ich ein Experte darin geworden, wie man aus einer winzigen Idee etwas ganz großes macht….

  8. Christa Kuczinski

    Nicole, genau das ist es!

    Meinen Job habe ich ganz bewusst nach der Geburt meiner Kids an den Nagel gehängt. Früher war das ja Gang und Gebe, heute wird man schief angesehen. Familie, Haushalt und das Schreiben füllt mein Leben aus. Ich kenne Leute die mit Begeisterung Arbeiten gehen, mit ihrer Freizeit jedoch nichts anzufangen wissen. Ich hingegen langweile mich nie 😉

    Als Experten sehe ich ebenfalls die Menschen an, die wissen was, wie und warum sie es tun. Das kann durchaus auch ein Nachbar sein, der seit vielen Jahren Hühnerhaltung betreibt, Eltern die ihre Kinder großziehen, Menschen die sich intensiv und lange Zeit mit etwas Bestimmten beschäftigen… All diese Menschen können auf ihrem Gebiet Experten sein und andere können von ihnen profitieren.

  9. Christa Kuczinski

    Habs vergessen, man sollte immer und alles hinterfragen und sich nicht ausschließlich auf den Experten verlassen 😉

  10. Da kann ich ebenfalls nicht mithalten. Ich bin nicht in der Lage, mich so zu motivieren. Ich habe schon mit den normalen Sachen jeden Tag zu kämpfen. Menschen, die alles so super können, sind mir absolut fremd, das kann ich ich gefühlsmäßig nicht nachvollziehen, da ich oft schon an den täglichen Problemen scheitere oder sie kaum bewältige.

  11. @ Christa und Nicole

    Das – denke ich – ist die wahre Kunst, das leben zu meistern: In dem, was man tut, versuchen immer besser zu werden. Und Menschen, die sich nur über die Arbeit definieren tun mir leid; die sind trotz vielleicht vorhandenem beruflichen Können irgendwie leer. Ich habe einen Nachbarn, der Vollzeit arbeitet, darin scheinbar wenig glücklich ist und mir vor einigen Jahren folgendes offenbart hat: (O-Ton) „Hallo Werner, ist das Leben nicht schön? Ich sitze hier auf meiner Terrasse und blicke in den Sonnenuntergang. Ich hab alles erreicht, was ich im leben erreichen wollte: Ich hab ein Haus, einen Hund und eine Frau.“ Er hat tatsächlich diese Reihenfolge benutzt. Der gute Mann war damals knapp über 40. Ich entgegnete dann, was er mit den restlichen 60 Jahren anfangen will. Der hat mich angeklotzt wie ein Eichhörnchen.

    Mir tun auch Leute leid, die ab dem ersten Rententag nichts mehr mit sich anfangen können und die Familie nerven (siehe „Papa Ante Portas“ mit Loriot).

    @ Irene

    Ich behaupte ja nicht, das ich in allem was ich tue, gut bin. In meinem Beruf sicher, aber viele andere Dinge ganz bestimmt nicht.

    Generell pflege und hege ich eine sehr einfache Philosophie:
    Wir sind mit Hin- und Rückfahrt zur Arbeit mindestens 9 Stunden am Tag eben mit Arbeit beschäftigt. Sind wir dann Zuhause, sind wir i.d.R. nicht 9 Stunden wach, sondern weniger. Wenn wir also während der Arbeitszeit nicht glücklich sind, sind wir auch einen großen Teil unseres Lebens nicht glücklich. Und wer griesgrämig – mit innerlicher Ablehnung oder schon geistig gekündigt hat – der kann einfach nicht gut in dem sein, was er tut.
    Ergo ist es besser, sich einen Beruf oder eine Arbeitsstelle zu suchen, die man sehr gut bewältigen kann, als Leistungsträger gilt und schon in dieser Zeit glücklich ist.

    Dieses Gefühl nimmt man genauso mit nach Hause, wie schlechte Stimmung.

    Und jetzt zum Kreativen: Miesgelaunte Menschen sind nicht kreativ. Sie sind eher aggressiv, destruktiv und nerven ihre Umgebung. Wer unglücklich ist, hat ständig den Kopf mit Selbstmitleid, Kummer und Sorgen voll; der wird nichts Kreatives, Künstlerisches, Ästehtisches auf die Beine bringen.

    Und wer während seines Arbeitslebens nichts anderes hat (Familie, Freunde, Hobbies, TRÄUME!), der wird im Alter kein liebenswerter Genosse sein. Weder für den Ehepartner, die Kinder und Enkel oder für den Rest der Welt.

    Ich gebe zu, sehr einfach, aber die elementaren Wahrheiten sind einfach.

    Mit galaktischen Grüßen
    ein glücklicher galaxykarl 😉

  12. Liebe Irene,

    ich bin auch nicht in allem super. Weiß Gott nicht. Ich mache verdammt viele Fehler und ärgere mich fürchterlich über jeden von ihnen. Aber es lohnt sich weiterzumachen, seinen Alltag zu meistern und nicht aufzugeben. Und wie gesagt: Dann können auch aus ganz kleinen und oftmals unwichtigen Dingen große besondere Dinge werden… und wenn sie es nur für dich allein sind, dann ist das doch schon großartig ! 😉

    Lieber Gruß
    Nicole

    P.S. Die sich aber der nächsten Woche ins Lektorat stürzt !
    🙂

  13. Ich muß hier mal einen Stab brechen für alle die Leute, die es nicht schaffen, das tägliche Leben zu bewältigen. Es mag ja sein, dass viele glauben, dass diese Leute selbst daran schuld sind oder wie es es so schön heißt: „Man ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Das mag alles stimmen und bestimmt sind die vielen Tipps der Gewinner gut gemeint, wenn sie denen, die das nicht hinbekommen, zu helfen glauben. Ich weiß aber, dass das eher das Gegenteil bewirkt, wenn man die Leute damit zu motovieren versucht, wie man es selbst so toll hinbekommt. Doch das funktioniert nicht. Dazu muß man aber etwas mehr on Verhlatenswissenschaft und Soziologie verstehen, was kaum jemand als ausgeprägte Eigenschaften besitzen dürft. Jedenfalls nur die wenigsten.

    Ich bin der meinung, dass unsere Gesellschaft viel zu herzlos mit solchen Leuten umgeht und sie als Versager abstempelt, wenn man ihnen Tipps gegeben hat und die damit niemals zum Ergebnis kommen. Für solche Leute Leute, die am täglichen Leben scheitern, sollte es eine Instanz geben, an sie sich widmen können, ohne dass das gleich wieder zu Nachteilen führt. Ich jedefalls schäme mich für unsere so reiche und glorreiche westliche Gesellschaft, die so stolz auf ihre Erungenschaften und Erfolge sind, dass sie viele, viele Menschen einfach ihrem Unglück überlät. Natürlich können wir alle dabei nicht wirklich helfen, denn dazu sind wir alle nicht ausgebildet, aber sie mit guten Ratschlägen zu übergießen halte ich nicht für angebracht, siehe oben! Sorry, wenn irgendjemand auf die Füße getreten habe. Ich versuche jedenfalls in meinem privaten Umfeld anderen Menschen, die irgendwelche Probleme haben KEINE Ratschläge zu geben oder zu zeigen, wie ich das so toll hinbekomme, was sie nicht können. Ich weiß aus Erfahrung, dass das für die meisten die Sache noch schlimmer macht, wenn sie das dan auch probieren, wie sie es bei denen oder von denen erfahren oder sehen und es dann auch nicht klappt, niemals klappen kann. Es gibt da nämlich Gründe, die bewirken, das gute Ratschläge IMMER das Gegenteil bewirken. Un dann fühlen sich die Leute mit diesen Proplemen erst recht als Versager. Ich mache das nicht mehr. Ich versuche solche Leute eher zu etwas zu motivieren, das sie kurzfristig entspannt oder von ihren Problemen ablenkt, natürlich ohne diese dadurch noch schlimmer zu machen. Ich habe begriffen, dass ich die Probleme von andern in dieser Hinsicht nicht lösen kann. Wenn überhaupt können das ausgebildete Instanzen, die aber in diesem Land so gut wie nicht ZUR Verfügung stehen oder den Betroffenen stigmatisieren.

  14. Oh-oh, da hast du mich vielleicht nicht verstanden, Detlef. Ich bin weder ein Weltverbesserer, noch ein Gutmensch, der seine Umgebung zu retten versucht. Meine o.g. Philosophie ist mein ureigenstes Rezept, um mit dem Leben klar zu kommen. Und scheinbar klappt es ja damit seit einigen Jahrzehnten. Ich habe nie behauptet, dass es auch auf alle anderen Menschen anwendbar ist. Das einzige, was ich damit sagen wollte, ist meine grundsätzliche Einstellung dem Leben gegenüber: Eine Zustimmende, Bejahende, die Chancen sehende Einstellung.

    Und widerum ist das längst keine Garantie, das alles auch funktioniert. Jedes Scheitern, jeden Verlust sehe ich aber als Try-and-error-Übung an, und versuche, es das nächste Mal besser zu machen. Nicht am Boden liegen zu bleiben und zu versagen macht die Kunst aus, sondern aufstehen und weiterkämpfen.

    mgg
    galaxykarl 😉

  15. Christa Kuczinski

    Liebe Irene,

    dein und Detlefs Beitrag geben mir zu denken, dass die Diskussion einen falschen Eindruck erwecken könnte.
    Niemand ist perfekt und darauf kommt es auch gar nicht an. Jeder von uns hat eine ganz eigene Vorstellung vom Leben. Es gibt Menschen, denen ist es wichtig, dass ihr Haus zu jeder Zeit wie frisch poliert wirkt, anderen ist Haushalt und Ordnung nicht so wichtig oder völlig egal. Für Menschen (denen vieles leicht fällt) ist es einfach ihr Leben so zu gestalten wie sie es sich vorstellen, meiner Meinung nach gibt es aber wesentlich mehr Menschen, die in irgendeiner Form belastet sind, sei es im Umfeld, körperlicher oder psychischer Natur. Diese setzen andere Prioritäten und das ist richtig und gut. Einen Menschen und das was er zu leisten vermag, sollte man nicht an Oberflächlichkeiten festmachen.
    Ich habe den Eindruck, dass du sehr nett bist und das ist eine der wichtigsten und wertvollsten Eigenschaften überhaupt!

    Liebe Grüße
    Christa

    Liebe Grüße
    Christa

  16. Ich habe sehr oft den Eindruck, dass Menschen durch die Darstellung, dass alles so toll in Ihrem leben läuft und wie prima sie alles auf die Reihe kriegen und wie perfekt sich das alles in leben Leben ergibt, den Eindruck erwecken, dass andere, die das nicht so hinbekommen, irgendwelche Fehler machen.

    Ich bin mir aber sicher, dass diese Menschen, wären sie in einer anderen Situation und in einem anderen Umfeld, ihre gesamten Strategien rundherum in allen Belangen versagen würden. Aus diesem Grund frage ich mich, warum andere Menschen überhaupt schildern, wie toll alles in ihrem Leben klappt.

    Was wollen sie damit bezwecken? Warum berichten sie überhaupt davon, da es anderen ja keinen Deut hilft in ihrem Leben? Was soll überhaupt eine Selbstdarstellung? Wem bringt das was? Oder ist das nur Eigenlob oder Selbstdarstellung? Ich weiß es nicht?

    Mag ja sein, dass sie sich vielleicht nichts dabei denken. Aber was mir aufgefallen ist, dass besonders diese Menschen so gut wie davon berichten, wenn etwas nicht so rund läuft, das wird sehr oft verschwiegen. Bedeutet das, dass nur Positives Darstellungswürdig sind und Negatives man lieber verschweigt. Ist da was dran, wenn ja, warum? Hier würde ja eine ungerechte Bewertung eintreten, denn warum ist Negatives zu verschweigen und Prositives darzustellen? Das erscheint mir irgendie falsch und stellt die Welt falsch dar, wenn man nur die gut laufenden Sachen erzählt und den Rest nicht. Warum diese Bewertung? Ist das nicht eine Art Diskriminierung des Negativen? Sollte nicht beiden die selben Rechte haben?

  17. Nein Irene, die Menschen sind so.

    Im Privaten betonen wir Positives, schlichtweg weil Positives hilft. Negatives wird verdrängt. Das Erstaunliche dabei ist eigentlich, dass gerade die negativen Erlebnisse als Urinstinkt uns das Überleben ermöglichten.

    In den Medien ist es genau umgekehrt. Da langweilt eine gute Nachricht (Herr Meier hat den Tag ohne Unfall überstanden). Wäre Herr Meier bei dem Ufall gestorben, wäre es eine Nachricht. Ist schon irgendwie pervers.

    Und ich gebe dir insofern recht, dass die Lebensumstände Einfluss auf unser Verhalten haben.

    Aber genau das ist es doch, was ich sage: Wenn ich mit diesen Umständen nicht zufrieden bin, dann versuche ich sie zu ändern. Ist doch nicht meine Idee, sondern das ist doch immer so. Wird ein Zustand unerträglich, rebelliert der Mensch und kämpft für Veränderung.

    Einzig die Resignation, das Aufgeben, das Andere-haben-die-Schuld-dafür kann ich nicht akzeptieren.

    mgg
    galaxykarl 😉

  18. Jetzt fühle ich mich doch bemüßigt mich einzumischen.

    Als erstes widerspreche ich dieser Behauptung: *Wer unglücklich ist, hat ständig den Kopf mit Selbstmitleid, Kummer und Sorgen voll; der wird nichts Kreatives, Künstlerisches, Ästehtisches auf die Beine bringen.*

    Das ist einfach so nicht richtig, denn aus eigener Erfahrung kann ich behaupten, dass ich auch in meinen schlimmsten depressiven Phasen durchaus in der Lage bin, kreativ zu sein. Auch die Behauptung, dass jeder der unglücklich ist, in Selbstmitleid schwelgt, entspricht meiner Ansicht nach keinesfalls dem heutigen Wissensstand.

    *Wenn ich mit diesen Umständen nicht zufrieden bin, dann versuche ich sie zu ändern.* Dabei vergisst Du meiner Meinung nach, dass es viele, sehr viele Menschen gibt, die zwar ihr Leben als unbefriedigend erleben, jedoch aufgrund ihrer psychischen Situation nicht in der Lage sind, diese von sich aus zu verändern.

    @Irene
    Deine Aussage könnte ich Wort für Wort als meine ausgeben und es wäre immer noch wahr.

    Warum die Menschen in Blogs alle so toll sind und immer alles schaffen? Weil sie Angst haben zuzugeben, dass sie nicht perfekt sind, da unsere Gesellschaft perfekte Menschen propagiert, Nur wer makellos schön, klug und unbegrenzt belastbar, also leistungsfähig erscheint, wird als erfolgreich gewertet. Es liegt schlicht und einfach daran, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, gerade mal das Nötigste schaffen passt schlicht nicht in das heutige Menschenbild.

    @all
    Am schlimmsten sind für mich diejenigen, die für jedes Problem gleich eine Patentlösung parat haben, ohne auch nur ansatzweise etwas über den oder die Menschen zu wissen, die dieses Problem haben. Selbsternannte Experten findet man in fast jedem Blog, Forum oder als Kommentatoren unter Artikeln.

    Lieben Gruß

    Ariana

  19. Bella C. Moremo

    Einen Aspekt sollte man allerdings nicht vergessen. Ein Blog ist öffentlich. Und somit in Sachen Privatsphäre etwas heikel.
    Ich kämpfe seit vielen Jahren mit Angst und Panikatacken und habe mich mit ihnen arrangiert. In schlechten Zeiten nehme ich mich zurück und in Guten renne ich vorneweg.
    Nur die Wenigsten wissen überhaupt davon, denn in der heutigen Zeit redet niemand gerne von derartigen Problemen und schon gar nicht im Internet unter seinem realen Namen. Würde ich über mein Leben berichten, wäre mein Bericht durchaus positiv und nicht weil ich mich hervorheben, wollte, sondern einzig aus dem Grund, weil es der Wahrheit entspricht. Für mich ist ein zum Teil gefülltes Glas halbvoll und nicht halbleer.

    Meiner Meinung nach geht es in den oberen Berichten doch gar nicht um Selbstdarstellung, sondern hat sich durch den Verlauf der Diskussion entwickelt. Ich sehe sie keinesfalls als Angriff oder als ein herabschauen auf die Menschen, die Probleme haben. Es ist einfach nur ein kleiner Ausschnitt(Gedankengänge), aus dem Leben eines Einzelnen, der natürlich nicht die ganze Lebensgeschichte enthält und bestimmt niemanden verletzen oder gar angreifen will.

    Lg

  20. Martina Möchel

    Ich finde das richtig gut, wie hier über solche Themen diskutiert wird. Das vermisse ich zum Beispiel auf facebook, da glänzen immer aller nur.

    Ehrlich gesagt ergeht es mir ähnlich wir Ariana, Irene und Bella, ich hatte mich nur nicht getraut das hier zu posten, weil ich dachte, ich wäre die Einzige, der es so ergeht, jetzt sieht frau aber, dass es mehr sind als frau denkt.

    Und ist es vielleicht eine Sache, die eher Frauen betrifft als Männer, oder trauen die sich nicht, das zuzugeben?

    Was das Öffentliche angeht, da finde ich es gut, das sfbasar es möglich macht, das frau hier Pseudonyme verwenden kann, so dass frau da auch keine Konsequenzen erwarten muß im richtigen Leben.

    Ich bin richtig froh, dass das Bild, was frau so hat, wie es anderen ergeht, hier für mich mal wenigstens ein wenig korrigiert wurde. Danke an alle. 😀

  21. @Bella
    *Ein Blog ist öffentlich. Und somit in Sachen Privatsphäre etwas heikel.*

    Das unterstreicht meine Aussage nur. Psychische Erkrankungen gelten immer noch als Makel in unserer Gesellschaft und es ist ein Armutszeugnis eben dieser Gesellschaft, dass Menschen, die offen mit ihrer Erkrankung umgehen, negative Reaktionen zu erwarten haben. Kein Mensch käme auf die Idee, einem Diabetiker vorzuwerfen, dass er kein vollwertiger Mensch sei, bei einer psychischen Erkrankung geschieht das dauernd.

    @Martina
    *Und ist es vielleicht eine Sache, die eher Frauen betrifft als Männer, oder trauen die sich nicht, das zuzugeben?*

    In diversen Statistiken kann man nachlesen, dass Frauen öfter unter z. B. Depressionen leiden. Diese Statistiken werden jedoch stark angezweifelt, da man heute davon ausgeht, dass Depression gleichmäßig in der Weltbevölkerung verteilt ist. Einige Symptome der Depression wei z. B. Antriebslosigkeit und Weinerlichkeit passen jedoch nicht in das immer noch vorherrschende Männerbild, sodass Männer mehr Probleme haben dies zuzugeben. Vermutet wird, dass diese dann Zuflucht in Alkohol und Gewalt nehmen und damit die Depression überdesckt wird.

    Solange es immer noch Eltern gibt, die ihren Söhnen vermitteln, dass ein Mann nicht weint, wird sich daran voraussichtlich wenig ändern.

  22. Martina Möchel

    Ariana, das kann ich alles nur voll unterstreichen, was du hier gepostet hast! Der Vergleich mit einem Diabetiker ist genial! 🙂 Habe auch noch nie gehört, dass wenn jemand öffentlich über seinen Diabetes spricht, das als heikel angesehen wird. Es wird also ganz klar unterschieden und die einen Sachen sind gesellschaftsfähig, für die anderen muß man sich schämen und wird diskriminiert und gebranndmarkt. Ich finde diesbezüglich unsere Gesellschaft echt zum kotzen und könnte gar nicht mehr aufhören zu kotzen! 🙁

  23. Stärke zu zeigen ist kein Problem unserer modernen Gesellschaft und auch nicht das Todschweigen von Schwächen. Es ist nicht einmal ein menschliches Problem. Habt ihr schon einmal ein Fluchttier genau beobachtet? Es wird solange weitermachen und nicht zeigen, das es ihm schlecht geht, bis es tot zusammenbricht.
    Es ist ein Überlebensinstinkt Stärke zu zeigen. Wer Stärke zeigt überlebt, die Schwachen werden sterben. So war es schon immer.
    Der Mensch kann seine Evolution nicht durch moderen Begriffe verändern und damit auch nicht seine Form der Darstellung.
    Niemand wird öffentlich in einem Blog oder im Internet über seine Schwächen sprechen, denn wir sind nicht dafür geschaffen Schwächen zu zeigen, das ist nicht menschlich und es ist auch gut so. Wir sind dazu geschaffen irgendwie zu überleben, wie alle Lebewesen auf der Welt, wo nur eine Regel gilt. Kopf hoch, Brust raus und weitermachen… nach jeder Niederlage aufstehen und tapfer weitergehen, auch wenn es wehtut…
    Was ist die Alternative: gefressen werden, untergehen, sterben, vergessen werden… am Rand der Gesellschaft ein trauriges Dasein fristen.

    Es ist unsere Natur und wir können nicht dagegen ankämpfen. Morgen geht die Sonne wieder auf und der Kampf ums Überleben beginnt von neuem… Futtersuche, Kinder beschützen und erziehen, im Job weitermachen, gesund werden, mitlaufen…

    Entweder man lernt im Strom
    schwimmen und findet seinen Platz oder es ergeht einem wie dem Gnu in Afrika… man wird gefressen…

    Sorry, aber so ist das Leben… ob das der Menschen oder der Tiere !!!!

    🙂

  24. >> … vorzuwerfen, dass er kein vollwertiger Mensch sei, bei einer psychischen Erkrankung geschieht das dauernd.

    dauernd? Mir es ist es seit Mitte der 80er Jahre nicht mehr aufgefallen. Ob ich abgehärtet bin, weil es zum Alltag gehört und ich es nicht mehr wahrnehme?

    Die Kinder unseres Dorfes wurden im Landkreis von Kindern und Erwachsenen schief angequatscht, weil wir in einem Dorf wohnten, wo es zwei psychiatrische Kliniken gab. Ihre Schlussfolgerung war, dass es ja eine Grund geben müsse, warum wir in dem Dorf wohnen. Es war seinerzeit wohl derselbe „ländliche Humor“ mit dem damals offen auf der Strasse und im ÖPNV Judenwitze erzählt wurden. Das war in den 70ern. Bei uns im Dorf war allerdings die Euthanasie des dritten Reiches ein ausführliches Thema in der Grundschule. Menschen, die einen „Knacks“ haben sind für mich und Gleichaltrige, die ich noch aus dem Dorf kenne „Alltag“. Ich selbst empfinde mich als alles andere als „normal“, und ich bin stolz darauf. Naja… irgendwann habe ich mich arrangiert und im Alter wird daraus Stolz und es gibt bereits erste Anzeichen von Arroganz 😉
    Ich kenne einen Teil meiner Macken. Das „Problem“ ist, wenn ich mich sehr gut fühle oder sehr mies, dann vergesse ich die Macken zu kontrollieren … Ich habe meine Fettnäpfe (kein -chen) immer dabei.

    Nach der Schule bin ich aus meiner Heimat weggezogen. Bis heute habe ich fast ohne Unterbrechung mit psychisch kranken Menschen zu tuen, privat und beruflich. Es ist Alltag. Wenn ich mitbekomme, dass jemand einen „Knacks“ hat, macht mir das diesen Menschen individuell, gelegentlich sympathischer. Andererseits, wenn ich einen schlechten Tag habe und wenn es nur Übermüdung ist, gehen mir alle Menschen inklusive mir auf den Zeiger. Ich habe dann einfach nicht den Nerv, mir zum x-ten Male (am selben Tag) anzuhören, dass jemand z.B. nicht weiß wie er in seine Wohnung kommt, weil er keine Türklinke anfassen kann.
    Es käme mir aber nie in den Sinn, so jemanden als nicht vollwertigen Menschen zu klassifizieren. Wer an einem solchen Tag nicht vollwertig ist, wäre allenfalls ich.

    > @Martina
    > *Und ist es vielleicht eine Sache, die eher Frauen betrifft als Männer, oder trauen die sich nicht, das zuzugeben?*
    >
    > In diversen Statistiken kann man nachlesen, dass Frauen öfter unter z. B. Depressionen leiden. Diese Statistiken
    > werden jedoch stark angezweifelt, da man heute davon ausgeht, dass Depression gleichmäßig in der Weltbevölkerung
    > verteilt ist. Einige Symptome der Depression wei z. B. Antriebslosigkeit und Weinerlichkeit passen jedoch nicht in das
    > immer noch vorherrschende Männerbild, sodass Männer mehr Probleme haben dies zuzugeben. Vermutet wird, dass
    > diese dann Zuflucht in Alkohol und Gewalt nehmen und damit die Depression überdesckt wird.

    Mir fehlt ein a und ich kann auch ich nichts zu „Männer“ sagen, nur zu mir:
    Das einzige was an einer Statistik stimmt sind die sprichwörtlich verfälschten Daten, die hier möglicherweise dadurch entstanden sind, dass nur Frauen fähig waren, zu antworten.
    Ich habe als Kind das „nicht weinen“ gelernt. Mitte 20 kamen mir vor seelischen Schmerzen Tränen und ich konnte mich zu dem Zeitpunkt nicht erinnern, wann ich das letzte Mal geheult habe. Die Freude über diese „ersten Tränen“ (sowie eine Tablette) haben mich einigermaßen schnell wieder nach oben gebracht. Alkohol? Weder früher noch heute. Gewalt? Ja, akustisch. Ich werde so laut, dass ich vor mir selbst erschrecke und/oder ich schließe mich für einen Tag in mein Arbeitszimmer ein und entspanne, damit der Tag draußen einigermaßen ungestört verlaufen kann.

    Gruß
    Martin

  25. Gewonnen hat: Swetlana Zister, Monique Braun, Nadin Müller und Florian Schmittbauer. Herzlichen Glückwunsch! Wir danken unserem Sponsoren und auch allen Teilnehmern.

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