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VOR DEM SPIEL – Leseprobe (Teil 1) aus dem Roman „Herbert und die blau-weißen Zecken“ von Jörg Müller

VOR DEM SPIEL

Leseprobe (Teil 1) aus dem Roman „Herbert und die blau-weißen Zecken“

von Jörg Müller

Um 14.10 Uhr sah Schnüffel den Bus. Er hatte nach Rücksprache mit dem Ordnungsdienst und der Polizei dem Sör die Weisung gegeben, einen anderen Parkplatz anzusteuern. Die Information, dass der Sör im Bus saß, schien alles möglich zu machen. Als der Bus endlich hielt und Peter die Tür öffnete, stürzten als Erste Benny und Jenny aus dem Bus. Sie trafen dort auf die beiden Betreuer Werner und Alfons, die von der Anwesenheit der Kinder völlig überrascht wurden. Werner, genannt Schnüffel, machte seinem Spitznamen sofort alle Ehre. Er schnüffelte. Die beiden Kinder betrachteten den fremden Mann fasziniert.

„Seid ihr beiden etwa Blau-Weiße?“

Die beiden Kinder wussten nicht, wer oder was Blau-Weiße waren, aber es schien etwas ganz Schlimmes zu sein. Jenny fing sofort an zu weinen, drehte sich um und wollte wieder in den Bus einsteigen. Benny folgte seiner Freundin. Alfons sah seinen Freund vorwurfsvoll an.

„Ist mir nur so rausgerutscht. Tut mir leid.“

Er wollte zum Bus, um die Situation zu klären. Aber da erschien Oma Paula in der Tür. Sie sah, dass einer ihrer kleinen Lieblinge weinte.

„Meine kleine Jenny, warum weinst du?“, fragte sie besorgt.

Jenny zeigte auf Schnüffel und sagte: „Der Mann da hat mich eine Blau-Weiße genannt. Das muss etwas ganz Schlimmes sein. Der Mann ist böse.“

Oma Paula war genau derselben Meinung. Ihre kleinen Schützlinge als Schalker zu beschimpfen, ging entschieden zu weit. Sie sah trotz der vielen Schwarz-Gelben um sie herum rot. Sie baute sich vor Werner auf.

„Was fällt dir schwarz-gelben Flasche ein, meine kleinen Engel als Schalker zu beschimpfen?“ Mittlerweile waren andere Zuschauer auf den belgischen Bus und seine Insassen aufmerksam geworden. Genau das wollten Martin Scherff und Willi eigentlich vermeiden.

Von der Seite näherte sich ein berittener Polizist. Das Pferd hörte auf den Namen Borussia.

Vor ein paar Jahren wurden bei einem Heimspiel mehrere Dortmunder Fans von auswärtigen Chaoten eingekesselt. Borussia stand ohne Reiter etwas abseits und griff dann entschlossen ein. Die Chaoten waren auf ein wütendes Pferd, welches nach allen Seiten austrat, nicht vorbereitet. Sie ergriffen die Flucht. Seitdem war die Stute der erklärte Liebling der Fans und bekam als Dank eine große schwarz-gelbe Satteldecke mit der Aufschrift Borussia. Und Borussia genoss es, sich zwischen den vielen netten Fans zu bewegen und mit den jungen Fans zu spielen. Sie hatte in Fred Schulz einen erfahrenen Reiter. Leider hatte sich Fred vor vier Wochen ein Bein gebrochen, als er seiner Tochter beim Tapezieren der neuen Wohnung half. Seitdem saß auf ihrem Rücken Jens, der Schlaue.

Jens war ein junger, ehrgeiziger Polizist. Er war in allen theoretischen Prüfungen der Beste. Seine praktischen Fähigkeiten bewegten sich hingegen in engen Grenzen. So verwunderte es nicht weiter, dass er bei den jungen Damen kaum Chancen hatte, denn sie gaben lieber den Praktikern unter den Männern den Vorzug. Und so schwankte Jens zwischen Selbstüberschätzung und Depression hin und her. Als eine Stelle in der Reiterstaffel frei wurde, sah er seine Chance gekommen, sich auf Kosten der Pferde neu zu profilieren. Bei Borussia war er allerdings an die Falsche geraten. Sie zeigte Jens schnell die Grenzen auf. Bei seinem zweiten Einsatz riefen ihm die Fans zu:

„Na, Jens, reitet Borussia wieder mit dir spazieren?“

Jens war stinksauer auf Borussia. Aber die Stute störte das nicht weiter. Sie befand sich heute in bester Stimmung, als sie entdeckte, dass Oma Paula zu Besuch erschienen war. Borussia war eines der Pferde, die bei Oma Paula untergebracht waren. Und wie alle anderen Pferde, liebte sie die Oma heiß und innig. Vor allen Dingen ihre Pferdekekse waren eine Wucht. Aber das Pferd spürte auch, dass Oma Paula sehr wütend war. Borussia wurde neugierig. Jens nervte wieder. Er wollte an einer anderen Stelle für Recht und Ordnung sorgen.

Dann überschlugen sich die Ereignisse.

Der Mann, der Oma Paula gegenüberstand, sagte gerade:

„Es tut mir leid, gute Frau.“

Weiter kam er nicht. Das „gute Frau“ brachte das Fass zum Überlaufen. Oma Paula holte aus und versetzte Schnüffel eine Ohrfeige, die nicht von schlechten Eltern war. Die Dortmunder Fans feuerten die Oma an, ohne zu wissen, worum es ging. Jens wollte eingreifen und stieg vom Pferd.

Im gleichen Augenblick verließ Herbert mit den zwölf kleinen Engeln den Bus. Benny rief:

„Schau mal, Herbert, da steht Borussia, Oma Paulas Lieblingspferd.“

Herbert steuerte sofort zielstrebig auf Borussia zu.

„Hallo, Borussia, kannst du uns helfen? Weißt du, wohin die Kinder müssen?“

Natürlich wusste Borussia das. Sie drehte sich um und ging gemeinsam mit Herbert und den zwölf kleinen Engeln los. Den Fans bot sich ein seltenes Schauspiel. Ein reiterloses Pferd, ein Clown in einem schwarz-gelben Gewand und zwölf kleine Borussen-Fans marschierten im Gänsemarsch an ihnen vorbei. Sie bildeten für das Pferd und seine Begleiter eine Gasse.

„Hallo, Borussia, wo hast du Jens gelassen?“ Die Fans johlten und klatschten.

Borussia fand schnell den richtigen Eingang. Herbert war noch nie in einem Stadion gewesen. Eigentlich wusste er gar nicht so richtig, was ihn und die Kinder hinter dem Eingang erwartete. Er sah Borussia fragend an. Die Stute nickte und wollte weitergehen.

„Ich muss wieder zurück zu meinen anderen Freunden, passt du gut auf die Kinder auf?“

Borussia wieherte, als wolle sie Herbert den Wunsch erfüllen. Sie setzte sich in Bewegung und die kleinen Engel folgten ihr in Zweierreihen. Der Ticketkontrolleur traute seinen Augen nicht. Er versuchte, Borussia aufzuhalten und wollte die Eintrittskarten der Kinder sehen. Er war ein neuer Mitarbeiter eines Security-Unternehmens und mit den Besonderheiten der Dortmunder Vereinsfamilie nicht vertraut.

„Pferde haben hier keinen Zutritt.“

„Warum?“, wollte der kleine Benny wissen.

Das wusste der Kontrolleur auch nicht. Mittlerweile bildete sich hinter Borussia eine Schlange von Fans, die ins Stadion wollten. Borussia schob den Kontrolleur sanft, aber bestimmt, zur Seite und betrat mit den begeisterten Kindern das Stadion. Dann führte die Stute die Kleinen über den Rasen zu ihren Plätzen. Die Dortmunder Spieler, die sich schon auf dem Spielfeld unter der Anleitung des Co-Trainers warm machten, ließen den Ball ruhen, um sich das Schauspiel anzusehen. Der kleine Benny rannte auf den ersten Dortmunder Spieler zu, der gemeinsam mit dem Co-Trainer und dem Mannschaftskapitän neben einem vorbereiteten Mikrofon stand. Im Stadion wurde es auf einmal mucksmäuschenstill. Die Zuschauer starrten wie gebannt auf den kleinen Jungen.

„Bist du ein richtiger Fußballspieler?“, tönte es über die Lautsprecher.

Der Profi nickte amüsiert.

„Ja, das bin ich.“

„Ich heiße Benny und bin heute mit Oma Paula zum ersten Mal in einem richtigen Fußballstadion. Deshalb müsst ihr unbedingt gewinnen. Meinst du, das schafft ihr?“

Der Spieler sah ihn nachdenklich an. Dann nahm er ihn auf den Arm, drehte sich mit Benny zu seinen neugierigen Kollegen um und sagte so laut, dass ihn alle Spieler und die Zuschauer hören konnten:

„Wir werden uns für dich anstrengen, Benny, das versprechen wir dir.“

Borussia sah sich zu Benny um und wieherte leise. Der Profi stellte Benny wieder vorsichtig auf den Rasen und die Fans klatschten laut Beifall. Benny rannte zurück zu Borussia. Die Spieler lachten und entspannten sich merklich. Der Co-Trainer sah das und sagte leise zum Mannschaftskapitän:

„Das Pferd und die Kinder hat uns der Himmel geschickt.“

Die Fans auf den Rängen erkannten ihr Lieblingspferd Borussia und begleiteten es und die Kinder mit lauten Borussiarufen zu den für Oma Paula und die Kinder reservierten Sitzen. Direkt daneben hatte eine Gruppe aus München schon ihre Plätze eingenommen. Sie bestand aus jungen behinderten Menschen und ihren Betreuern. Sie waren auf Einladung des BVB heute zu Gast. Die Behinderten verfolgten alle Bewegungen von Borussia mit großem Interesse und freuten sich, als die Stute auch zu ihnen kam und sich von ihnen streicheln ließ.

Verhielten sich die Fans aufgrund der augenblicklichen sportlichen Misere ihres Vereins anfänglich auffallend ruhig, so war auf einmal Stimmung im Stadion. Die Kinder winkten ins Publikum, Borussia wieherte vor Freude und tänzelte vor den begeisterten Fans auf und ab. Roland, der Stadionsprecher, wurde durch den unerwarteten Geräuschpegel im Stadion in seine Sprecherkabine gelockt. Als er Borussia im Innenraum entdeckte, griff er zum Hörer und rief Meinolf, den Chef der Reiterstaffel, an.

„Hallo, Meinolf, hier spricht Roland. Wer reitet heute Borussia?“

„Warum willst du das wissen?“

„Nur so.“

Meinolf glaubte ihm kein Wort. Er kannte Rolands seltsamen Humor zur Genüge.

„Stimmt was nicht mit Borussia und Jens?“

Roland grinste. Jens, der Schlaue, war also der Reiter.

„Nein, alles bestens. Danke, Meinolf.“

Roland wartete noch ein paar Minuten ab, um den Fans nicht den Spaß mit Borussia zu verderben. Gegen 14.45 Uhr nahm er das Mikro in die Hand und schaltete alle Lautsprecher ein, auch die außerhalb des Platzes.

„Achtung, eine wichtige Durchsage. Achtung, eine wichtige Durchsage. Jens, mein Freund, wenn du dein Pferd Borussia suchst, es hält sich hier im Innenraum des Stadions auf und wartet auf seinen Reiter. Ich wiederhole. Jens, du musst nicht weiter suchen. Wir haben dein Pferd gefunden.“

Roland wiederholte die Durchsage noch zweimal. Die Fans lachten laut und feuerten Borussia jetzt noch intensiver an. Jens hatte nur noch den Wunsch, sich unsichtbar zu machen. Aber das klappte nicht.

„Jens, wenn du dein Pferd suchst, wir können dir einen Tipp geben“, waren noch die harmlosen Kommentare, die er sich auf dem Weg ins Stadion anhören musste. Meinolf schäumte vor Wut. Er beschloss, sich Roland und Jens nach dem Spiel zur Brust zu nehmen.

Herbert machte sich sofort auf den Rückweg und benutzte als Orientierung die noch immer von den Fans gebildete Gasse für Borussia und die Kinder.

„Schau mal nach links, Olaf, da kommt der Clown zurück, allerdings ohne Borussia und die Kleinen.“

Olaf war der Anführer einer berüchtigten Dortmunder Fangruppe. Er trat einen Schritt nach vorne und wollte sich mit Herbert einen Spaß machen. Herbert kam ihm jedoch zuvor. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2013 by Jörg Müller.

Bildrechte: Coverillustration “SkurileGeschichten1.jpg ” (SKURILE GESCHICHTEN-SPIRALE-20110114083935-8edac2f8) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte wie die Geschichte endet, kann das Buch mit Klick auf das Cover oder durch den untenstehenden Link käuflich erwerben.

Was ist eigentlich eine Deeskalationswaffe und welches Trauma muss der Dalai Kurt überwinden? Was macht überhaupt das Besondere des Ruhrgebiets aus? Wie fühlen die Menschen im Revier, wie ticken sie und warum ist Fußball besonders im Revier die wichtigste Nebensache der Welt? – Das sind einige der Fragen, die der Wanne-Eickeler Autor Jörg Müller in seinem Erstlingswerk mit viel Liebe fürs Detail und in seiner ganz eigenen Art beantwortet. Viele liebenswerte, teilweise auch skurrile und vor allem völlig unterschiedliche Figuren bestimmen das Geschehen in diesem Fußballmärchen. Von Herbert über Robie, die Zwillinge Alpha und Beta, die Jugos und Oma Paula – alle Figuren haben und leben ihre Geschichte, in der sich oft auch die Geschichte des Ruhrgebiets widerspiegelt. Sie werden für den Leser lebensechte Begleiter rund um die Erlebnisse des 33. Spieltags der Fußballbundesliga. Schmunzelnd verfolgt der Leser, wozu echte Liebe zum Fußball führt und was möglich wäre, wenn ein Märchen wahr wird. Nicht nur für Fußballfans ein Muss, sondern auch für Liebhaber des Ruhrgebiets und solche, die es werden wollen.

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Updated: 3. September 2013 — 14:08

6 Comments

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  1. Dies ist wohl eine der skurrilsten Leseproben auf sfbasar.de. Ich habe Tränen gelacht, und das, obwohl ich gar kein Fußballfan bin. Ein aussergewöhnliches Buch. Was meint Ihr? Gibt es Meinungen zu dieser Leseprobe?

  2. So, jetzt mit mit richtigem Cover!

    Was sagen denn unsere Ruhrpottler dazu?

  3. Petra Weddehage

    Da ich von meinem Vater schon als kleines Kind mit dem Lieblingssport der Deutschen ´Fußball` in Berührung kam musste ich bei dieser Geschichte sehr lachen.
    Spieler und Fans werden so dargestellt wie sie auch in echt sind. Immer bereit für ihren Verein alles zu geben und trotzdem fair zu bleiben.
    Wie mein Opa immer sagte: Ach Petra egal ob man gewinnt oder verliert, am Ende sitzen wir zusammen in der Kneipe und trinken mit unseren Gegnern ein Bier. Mal werden wir getröstet mal die anderen. Es kann eben immer nur einer gewinnen. Hauptsache man bleibt fair.

  4. Jan Niklas Zielonka

    Originelle Sache, dieses Fan-Projekt! Aber die Vereine sollten mal darüber nachdenken, denn da steckt viel Wahrheit drin. Und jede Menge Zeitbezug. Hinter den Figuren im Buch findet man den einen oder anderen aus dem richtigen Leben wieder oder auch die ein oder andere Machenschaft kommt einem bekannt vor. Und Herbert, der schräge Vogel, ist wahrscheinlich der einzige ohne Vorurteile und Hemmungen.

  5. Aha Jan, sprichst du gerade aus dem Nähkästchen? 😉

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