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UNNATURAL HISTORY – PAX BRITANNIA – Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman von Jonathan Green

UNNATURAL HISTORY – PAX BRITANNIA

Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman

von

Jonathan Green

Inmitten der einer Karikatur von Heath Robinson anmutenden Laborausstattung befanden sich etliche Regalablagen. Diese waren großzügig gefüllt mit Professor Galapagos’ privater Sammlung biologischer Ansichtsexemplare, die in gläsernen Krügen und Töpfen unterschiedlichster Formen und Größen aufbewahrt wurden. Hier standen die üblichen Subjekte, die jedermann in dem Labor eines besessenen Evolutionsbiologen zu finden gedachte: Seeteufel aus der Tiefsee, Oktopoden, ein vorzeitig von seiner Entwicklung abgehaltener Elefantenfötus, der Kopf eines Kalbes. Dazwischen befanden sich auch andere Dinge, weniger deutlich zu identifizierende; aber ebenfalls konserviert in demselben urinfarbenen Formaldehyd. Vereinzelt handelte es sich um formlose Körper, mit kaum erkennbaren vorstehenden Merkmalen von bleicher, missgebildeter Anatomie; verkümmerte Gliedmaßen, ein starrendes Auge ohne dazugehöriges Lid, ein halbes Dutzend Zähne, ohne dass ein Mund dabei gewesen wäre, Flossen, fischähnlich anmutende Tierschwänze.

Was auch immer Ulysses sich ansah, es handelte sich stets um groteske Grässlichkeiten, die ein Affront gegen Gott und die Naturgesetze waren, nur zur Hälfte entwickelte beziehungsweise zurückgebildete fötale Dinge, deren schiere Existenz niemals vorgesehen war und die auf natürliche Art auch nie zum Leben würden erweckt werden können. Sie alle waren tot, dümpelten in ihren Gläsern umher wie Fischleichen in einem verseuchten Fluss. Einige sahen aus, als hätte man sie teils zergliedert und dann zurück in die Behältnisse gegeben. Was nur hatte dieser angesehene Professor hier getrieben, in seinem Haus des Makabren?

Direkt auf der gegenüberliegenden Seite des Regals mit den Abscheulichkeiten befand sich das andere Ende des Kellerraumes – und eine schwere eiserne Tür in einen massiven Rahmen, der in den nackten Stein der kalkigen Wand eingesetzt worden war. Ein Schlüssel steckte in der Sperrvorrichtung.

»Sollen wir fortfahren, Sir?«, fragte Nimrod.

»Nun, wir sind immerhin so weit gekommen, nicht?«, sagte Ulysses mit einem grimmigen Lächeln. »Und nachdem wir uns dieses morbide Museum ansehen durften, muss ich zugeben, dass ich äußerst gespannt bin, was sich möglicherweise hinter einer Eisentür verbergen mag, die wir im Haus eines fragwürdigen Evolutionsbiologen entdeckt haben.«

»Sehr gut, Sir. Soll ich mir selbst die Ehre erweisen?«

»Na, ich bitte doch sehr darum, Nimrod.«

»Mit Vergnügen, Sir.« Der Diener drehte den Schlüssel im Schloss herum und öffnete die Tür, sodass Ulysses bequem hindurchgehen konnte.

In das Fundament in diesem südlichen Teil des Hauses war eine steinerne Treppe geschlagen worden, die in eine enge, noch tiefer gelegene Kelleretage hinabführte. Durch einen Schlitz in dem ebenmäßigen Bodenbelag sickerte Licht, gerade genug, um ihnen den Weg zu zeigen. An den Wänden rann eine Flüssigkeit hinab, und ein Flickwerk aus Moos wucherte in jeder Lücke. Ein starker, erdiger Geruch, versetzt mit einem Hauch von Ammoniak und feuchtem Stroh drang in ihre Nasen. Am Fuße der schlickigen Treppe führte sie der Gang zuerst eine Weile geradeaus und mündete bald in einer T-Kreuzung. Zu ihrer Linken befand sich eine weitere Eisentür. Auf der rechten Seite weitete sich der Durchgang zu einer etwas größeren unterirdischen Kammer.

»Taschenlampen an, würde ich sagen«, sagte Ulysses und holte seine eigene Lampe hervor.

Die Tür zu ihrer Linken war von außen verschlossen worden, auch hier steckte der Schlüssel noch im Schloss. Ulysses drehte ihn und öffnete die Tür. Erst da riet ihm sein sechster Sinn zur Vorsicht. Unwillkürlich machte er einen Satz zurück und nahm Abstand zu der offenen Tür. Starker Gestank nach Kot stürmte seine Sinne und fegte in einer immensen Welle über ihn hinweg, während er die düstere Zelle mit dem Strahl seiner Taschenlampe ausleuchtete.

»Sei vorsichtig, alter Freund«, warnte Ulysses, »wir sind nicht allein.«

Eine vorsichtige Bewegung, das Geraschel von Stroh auf dem Boden. Etwas bewegte sich aus dem Fokus des forschenden Lichtstrahls heraus. Nimrod und Ulysses standen nun beide vor der Zelle, das Licht ihrer Stablampen durchdrang die Dunkelheit. Ein Winseln erklang aus dem Inneren und beiden Männern verschlug es bei dem Anblick, der sich ihnen bot, glatt die Sprache.

In eine Ecke der winzigen, steinernen Zelle drängte sich eine ungeschlachte, brachiale Kreatur. Sie mochte gut einen Kopf größer als Ulysses sein, doch sie hielt den Kopf gesenkt, ihre Körperhaltung ähnelte beinahe der eines Affen. Abgesehen von einem Lendenschurz war sie nackt. Die Haut war fahl, der Körper muskelbepackt, den Kopf bedeckte strähniges Haar, das bis auf die Schultern hinab hing. Geblendet von dem plötzlichen Lichteinfall bedeckte sie mit ihren großen Händen das Gesicht. Die wulstigen Augenbrauen und die stumpfe Rundung der Nase deuteten an, dass diese Kreatur ihren affenartigen Vorfahren näher war als dem Homo sapiens.

»In Deckung, Sir!«, schrie Nimrod und stieß Ulysses aus dem Weg. Der Butler stürmte mit dem Brecheisen in der Hand in die Zelle. Die Kreatur zuckte ängstlich zusammen. Die improvisierte Waffe hoch über dem Kopf erhoben, starrte Nimrod in das Gesicht des halbmenschlichen Wesens. Ganz und gar menschliche Augen begegneten seinem Blick, eine tiefe Traurigkeit drang aus ihnen hervor.

Nimrod zögerte. Und genau diese Zeit nutzte Ulysses. Auch ihm war der Blick in den Augen der am Boden kauernden Kreatur nicht entgangen. »Nimrod, alter Knabe, ich danke dir für deine Fürsorge um mein Wohlbefinden, doch ich denke nicht, dass du die Brechstange einsetzen musst.«

»Aber es handelt sich um den Affenmann, Sir.«

Sehr langsam und bedächtig schob sich Ulysses zwischen Nimrod und die Kreatur, hielt dabei seinen Hausdiener mit einer Hand auf Abstand. Trotz dieser entwaffnenden Geste blieb sein Körper angespannt, zum Kampf bereit, wenn es sein musste.

»Da muss ich dich korrigieren, alter Knabe. Es handelt sich um einen Affenmann, nicht um Professor Galapagos.« Kühn tat Ulysses einen weiteren Schritt, seine Nase hatte er unabsichtlich gegen den Gestank gekräuselt. Er hatte solcherlei Kreatur bereits zuvor gesehen. »Genau genommen nehme ich eher an, dass wir es hier mit einem Homo Neanderthalensis zu tun haben.«

»Einem was bitte, Sir?«

»Ein Neandertaler, Nimrod. Evolutionstechnisch gesehen eine Sackgasse, nichtsdestotrotz ein Urahn der menschlichen Rasse. Ich glaube sogar, dass das hier unser Missing Link ist, sozusagen.«

»Dennoch könnte er gefährlich sein, Sir.«

Ulysses tat einen weiteren Schritt, senkte seine Taschenlampe und streckte die Hand nach der Kreatur aus. Langsam nahm der Neandertaler die Hände vom Gesicht und erwiderte die Geste, indem er sich Ulysses’ Hand mit einer fleischigen Pranke näherte.

»Bisher sieht es wohl nicht danach aus, nicht wahr? Abgesehen davon, hast du die Fessel um seinen Fußknöchel nicht gesehen, die in der Wand verankert ist? Ich weiß, das ist ein Klischee – und dieser Kumpane hier könnte vermutlich unser beider Genick wie dünnes Geäst brechen – aber ich denke, er hat mehr Angst vor uns als wir vor ihm.«

Für einen Augenblick berührten sich ihre Fingerspitzen und Ulysses verspürte eine Art Gemeinsamkeit zwischen ihnen – die Menschlichkeit, die er mit dem gefangenen Neandertaler teilte. Irgendwie wunderte er sich, dass jemand, der ein so großmütiges Wesen wie Geneviève Galapagos gezeugt hatte, so grausam zu dieser Kreatur hatte sein können. Dennoch war der Neandertaler weniger das Haustier des Professors als vielmehr das Ergebnis irgendeines unmenschlichen und unmoralischen Experiments.

»Nimrod, wenn du bitte das Schloss dieser Fußfessel knacken würdest.«

»Sind Sie sicher, Sir?«

»Vertrau mir.«

Sein Pflichtgefühl überwand die sehr überzeugende Stimme allen gesunden Bedenkens und Nimrod näherte sich der Kreatur. Sie schreckte vor ihm zurück und seine unverzügliche Reaktion war es, dasselbe zu tun. Doch langsam, mit ebenso bedachten wie vorsichtigen Bewegungen, erlaubte die Kreatur ihm, sie von ihrer Kette zu befreien.

Ein schreckliches reptilhaftes Brüllen hallte dröhnend durch die Dunkelheit des Kellergewölbes; ein trotziges Gebrüll, wie von einem Krokodil in wilder, urzeitlicher Raserei. Es klang nach dem Versprechen eines grausigen Todes. Der Neandertaler heulte vor Angst jämmerlich auf. Ulysses gefror das Blut in den Adern.

»Nun, was genau war das

Die Lichter ihrer Taschenlampen stachen in das dunkle Loch gegenüber der Zelle, als ob sie versuchten, die undurchdringliche Finsternis zurück in die Eingeweide der Unterwelt zu schicken, wohin sie gehörte. Stattdessen fanden sie einen eisernen, wie aus einem Guss geschaffenen Kanaldeckel.

Das reptilhafte Brüllen hallte durch den Raum. Es drang von unterhalb ihrer Füße durch die Schlitze der Eisenplatte herauf. War es der Schrei eines bösartigen Sauriers, der nach dem Ausbruch aus dem Londoner Zoo noch umherirrte oder gehörte es gar zu etwas ungeheuer Schrecklicherem?

Als das Echo verhallte, konnten sie das Geräusch fließenden Wassers hören, das ebenfalls von unten herauf drang und einen Schwall fauliger Luft mit sich brachte. Was auch immer dieses schreckliche Geräusch verursacht hatte, es lauerte irgendwo dort unten in dem widerlichen Labyrinth des städtischen Kanalisationssystems. Und das war es, wohin nun auch Ulysses Quicksilver gehen musste. Das Schicksal rief. Die Kreatur wartete bereits auf ihn. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2013 by Jonathan Green. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des Luzifer Verlages

Bildrechte: “Vintage (Steampunk5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog –http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht, erfährt dies in folgendem Buch des Autors:

Green, Jonathan
Unnatural History

Pax Britannia

Verlag :      Luzifer-Verlag
ISBN :      978-3-943408-19-5
Einband :      Englisch Broschur
Preisinfo :      13,95 Eur[D] / 14,95 Eur[A] / 18,40 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 28.08.2013
Seiten/Umfang :      ca. 390 S. – 19,0 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Produktform (detailliert) :      Geklebt
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 31.10.2013
Erstverkaufstag :         31.10.2013
Gewicht :      400 g
Aus der Reihe :      Pax Britannia 1

KLAPPENTEXT
Es ist das Ende des 20. Jahrhunderts und Queen Victoria regiert das Reich noch immer an oberster Stelle, gewartet von einer Babbage-esken Lebenserhaltungsmaschine. Aufwiegelungen und Unzufriedenheit wachsen so stetig in Magna Britannia, wie das ständige Streben von Schattenwesen nach Macht und Einfluss.

Alles, was Sie in den viktorianischen Gothic-Novellen gelesen haben, ist wahr: Menschen können vom Tod wiederauferstehen, Dinosaurier leben noch immer in abgelegenen Bereichen der Welt (und im Londoner Zoo!), und auch Darwins Evolutionstheorie wurde korrekt nachgewiesen.

Aristokratische Stammbaumhalter der Vampire setzen sich in Osteuropa durch und graben ihre Klauen in die königliche russische Familie, Dampf- und Uhrwerkbetriebene Robotersklaven arbeiten neben den Ärmsten der Gesellschaft, während logisch denkende Maschinen der Führungsschicht helfen, ihren Machtanspruch in dieser überbevölkerten Welt aufrecht zu erhalten.

In diese Kulisse setzen wir nun den höflichen Dandy und Galgenvogel Ulysses Lucian Quicksilver, gelegentlicher Abenteurer und Agent im Dienste des Thrones, der für schattenhafte Herren arbeitet, welche verzweifelt ein Regime zu erhalten versuchen, das seit 150 Jahren andauert und nun von innen einzustürzen droht – also keineswegs mehr das ist, was es zu sein scheint.

Er bekämpft schnauzbärtige Schurken in den zylindrischen Gewölben der Unterwelt mit raffinierter Eleganz und modischer Stilsicherheit. Unterstützung findet er dabei in seinem unerschütterlichen Hausdiener Nimrod, während die Uhr des Big Bens das Jahr 2000 ankündigt … und damit das Ende der Welt.

PRESSETEXT
Dieser Roman bildet den Auftakt der beliebten PAX BRITANNIA-Serie uns spielt im London der 1990er Jahre. Er entführt den Leser in eine Parallelwelt voller Eigentümlichkeiten. In diesem Steampunk-Universum existieren Dinosaurier (im Londoner Zoo), und seltsame Dampfmaschinen dienen der Fortbewegung ebenso wie der Lebensverlängerung oder als Rechenmaschinen.

Ulysses Quicksilver, der Held (eine James Bond-Hommage), erlebt haarsträubende Abenteuer, während er sich verpflichtet fühlt, das Empire zu retten.

Dieser Action-Thriller stürzt von Seite zu Seite immer tiefer in eine verzwickte Geschichte, die den Leser gekonnt fesselt und viele bekannte Film- und Buchfiguren karikatiert. Ein deftiger Lesespaß für alle Freunde des schwarzen Humors.

INHALT
Zwei Monate vor den Feierlichkeiten zum 160. Thronjubiläum von Königin Victoria wachsen Unsicherheit und Unzufriedenheit in Magna Britannia. Eine revolutionäre Sekte namens Darwinian Dawn verbreitet Angst und Schrecken in Londons Straßen. Mysteriöse Schattenwesen streben nach Einfluss und Macht. Nichts ist wie es scheint, während die Uhr des Big Bens das Jahr 2000 ankündigt … und damit das Ende der Welt.

AUTOR
JONATHAN GREEN ist ein Schriftsteller der spekulativen Fiktion. Er hat bereits 45 Bücher und unzählige Kurzgeschichten geschrieben – von Fantasy-Spielebüchern bis Doktor Who, Star Wars: The Clone Wars, Sonic the Hedgehog, Mutant Ninja Turtles und Moshi Monsters.

Er ist der Schöpfer der Serie Pax Britannia für Abaddon Books und hat bis heute acht Romane für dieses Steampunk-Universum geschrieben. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in West London.

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Updated: 9. März 2014 — 20:53

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