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ÜBERDRUCK – Skurrile Alternativweltgeschichte von Miguel de Torres

ÜBERDRUCK

Skurrile Alternativweltgeschichte

von

Miguel de Torres

Das trommelfellzerfetzende Tuten der großen Dampfpfeife auf der Spitze der Reichstagskuppel riss mich wie alle anderen Bewohner der Hauptstadt Punkt sechs aus dem Schlaf des Gerechten. Mit einem schicksalsergebenen Aufstöhnen wälzte ich mich aus dem Bett, mitten hinein in die Reste meines Abendessens. Die Dampfnudeln schmeckten bereits leicht ranzig.

Während ich mich reckte und streckte, warf ich einen Blick aus dem Fenster. Es war noch ziemlich dunkel, aber recht viel heller würde es erfahrungsgemäß den ganzen Tag über nicht werden – nicht im späten Frühjahr. Die Wolkendecke, erzeugt von Abertausenden von kleinen und großen Dampfmaschinen, hing heute wieder mal besonders tief; die Aussichtsplattform des Funkturms war kaum noch zu erkennen. Die Hälfte des Jahres glich die Hauptstadt stets einer Dampfküche. Es gab Spinner, die behaupteten, jenseits der Wolkendecke befinde sich so etwas wie ein großer Feuerball, den sie »Sonne« nennen, aber das ist natürlich nackter Nonsens – genauso gut könnte man behaupten, die Erde sei eine Kugel oder es gebe eine effizientere Energiequelle als die Dampfmaschine.

Ich stakste, immer noch nicht ganz wach, in die Küche meiner Winzwohnung und kontrollierte den Wasserstand in der Zwei-Liter-Kanne. Sie war fast leer, aber morgen, Samstag, war wieder eine Wochenration fällig, und so benutzte ich das restliche Wasser, um meinen schönsten Besitz – das Resultat zweier langer Jahre des Kneipenverzichts – in Gang zu setzen: Ein nagelneues Dampfradio der Marke »HighSteam 2034«. Für die Kurznachrichten würde das Wasser hoffentlich noch reichen.

Bevor ich mich an die Inbetriebnahme machte, überprüfte ich nochmals, ob alle notwendigen Utensilien bereitlagen: Hitzeisolierte Handschuhe, ein kleiner Feuerlöscher, ein Trichter zum Einfüllen des Wassers und eine Schutzbrille – die setzte ich als Erstes auf. Ich ölte den Zylinder und alle Lager, dann nahm ich mit spitzen Fingern das Sicherheitsventil heraus und überprüfte es. Schlamperei gibt’s bei mir nicht – wäre nicht das erste Dampfradio, das seinem nachlässigen Besitzer um die Ohren flog!

Als Brennstoff dienten die letzten paar Seiten eines verbotenen Reiseführers über Liechtenstein, den ich im Müllcontainer hinter einem der Abgeordnetenpaläste gefunden hatte. Ich durfte keinesfalls vergessen, neuen Brennstoff zu besorgen; vielleicht konnte ich an meinem Arbeitsplatz etwas abzwacken.

Endlich war alles bereit, und ich setzte das Schwungrad in Bewegung. Während ich darauf wartete, dass das Dampfradio seine Betriebstemperatur erreichte, schlüpfte ich aus dem Pyjama und kratzte mir mit einem schon ziemlich stumpfen Schaber den Dreck vom Körper. Mit dem letzten Tropfen aus der Wasserkanne befeuchtete ich meine Fingerspitzen und fuhr mir damit über die Augen – ein Luxus, den ich mir leisten zu können glaubte.

Wie sich später herausstellen sollte, hatte ich nur allzu recht damit …

Kaum war ich angezogen, klang die gedämpfte Stimme des Nachrichtensprechers auf. Schon bei den ersten Worten spitzte ich die Ohren: Aus Anlass des 20. Jahrestags der Gründung der GVD, der Großen Vereinheitlichten Dampfpartei, hatte sich Unter den Linden ein Häuflein Reaktionärer zu einer verbotenen Demonstration zusammengerottet. Der Sprecher vermutete die Hintermänner in den Reihen der verbotenen PRV, der Partei zur Renaissance des Verbrennungsmotors, und empfahl allen unbescholtenen Bürgern der Deutschen Dampfrepublik dringend, den Schauplatz der Demonstration weiträumig zu umgehen.

Die Verbrennungsmotor-Gruftis müssen wieder mal Dampf ablassen, dachte ich kopfschüttelnd. Von denen hielt man sich lieber fern. Zum Glück musste ich auf dem Weg zur Arbeit nicht dort vorbei, und bis in die Nähe des Regierungsviertels hatten es die Reaktionäre noch nie geschafft – die mit Dampfhämmern ausgerüsteten Schlägertrupps des Umweltministeriums versetzten ihnen stets vorher einen empfindlichen Dämpfer.

Ich kontrollierte die Wasserstandsanzeige des Radios und nahm dann die Brennerschale heraus. Der Nachrichtensprecher verstummte mitten im Wort. Ich öffnete das Dampfabsperrventil, um den Druck abzulassen. Als Frühstück verschlang ich hastig eine übrig gebliebene Dampfnudel, wobei ich mich bemühte, meine überempfindlichen Geschmacksnerven möglichst wenig mit dieser in Kontakt kommen zu lassen. Die Nahrung war wirklich etwas eintönig, Nationalspeise hin oder her.

Schließlich angelte ich meine Infrarotbrille aus dem Hängeschrank und verließ die Wohnung – ich war auf dem Weg zu einem weiteren erfüllten Arbeitstag. Sie müssen nämlich wissen, dass ich eine immens wichtige Position einnahm: Ich war Zweiter Kesselpolierer der großen Dampfmaschine im Regierungsviertel. Ja, richtig, ich war es, der dafür sorgte, dass der mehr als fünfzig Meter hohe, kilometerweit sichtbare Kupferkessel so schön glänzte! Denn der Erste Kesselpolierer stand immer nur dumm rum und kommandierte.

Auf dem Flur rannte ich beinahe in Erich, meinen Arbeitskollegen, einen untersetzten Mann mit rotem Gesicht, der stets zu einem Witz aufgelegt war – meist auf Kosten anderer. Kurz gesagt, ein Hansdampf in allen Gassen. (Na ja, streng genommen war er nicht direkt ein Kollege, sondern er stand im Rang über mir – er war der Erste Überdruck-Kontrolleur. Aber das macht ja nun keinen großen Unterschied mehr.) Heute jedoch schien Erich nicht nach Späßchen zumute zu sein; er machte im Gegenteil ein Gesicht, als wäre er unter eine Dampfwalze geraten – flach und lang. Und sein Kopf zeigte in einem komischen Winkel nach rechts. Um mir ins Gesicht zu sehen, musste er seinen Körper nach links drehen.

»Morgen, Michi«, sagte er traurig.

»Morgen, Erich. Was ist passiert?«

»Kann meinen Nacken nicht mehr bewegen – muss zum Arzt. Kann heute nicht zur Arbeit. Sagst du Bescheid?« Sein rotes Gesicht zuckte dabei mehrmals, als bereite ihm jedes einzelne Wort Schmerzen.

»Hast du’s schon mal mit einer Dampfkompresse probiert?«, fragte ich.

»Mein Dampfgarer hat seinen Geist ausgehaucht. Kannst du mir mal deine Ausgabe von Band 451 der Reihe ›Steam For Dummies‹ ausleihen, du weißt schon, Professor Bömmels ›Wat is een Dampfmaschin‹?«

Ich machte eine Geste des Bedauerns. »Sorry, den habe ich schon längst verheizt.«

Seine Schultern sanken herab und sein Gesicht wurde noch länger. »Seit sie nicht nur das Wasser, sondern auch den Brennstoff rationiert haben, um damit die großen Fabriken unter Dampf zu halten, wird das Leben immer schwieriger …«

Doch mit solchen aufrührerischen Äußerungen war er bei mir auf dem falschen Dampfer. Ich hatte keine Lust, wegen Erich meinen pensionsberechtigten Job zu riskieren. Noch mal würde ich kaum genug Vertrauliches zusammentragen können, um den Personalchef unter Druck zu setzen.

»Willst du etwa wieder zurück in die Zeit der umweltzerfressenden Verbrennungsmotoren, der Kohle- und Kernkraftwerke?«, fuhr ich ihn an. »Du weißt doch, was die Regierungszeitung darüber schreibt!«

Er erschrak sichtlich. »Natürlich nicht! Ich wollte nur sagen … Na, ist ja auch egal. Bis morgen – hoffe ich!« Er hob die Rechte zu einem kurzen Gruß, machte eine 180-Grad-Kehrtwende und wankte zurück in seine Wohnung.

»Bis morgen«, antwortete ich und atmete auf.

Schade, dass ich ihn nun nicht wiedersehen werde; er war, alles in allem, kein übler Kerl.

Ich hastete die drei Treppen hinunter, bevor ich noch jemandem in die Arme laufen konnte, denn ich war ohnehin zu spät dran. Draußen trieb mir die dampfende Atmosphäre sofort den Schweiß aus allen Poren. Beschleunigten Schrittes legte ich die zweihundert Meter zur nächsten U-Bahn-Haltestelle zurück, vorbei an den Denkmälern von James Watt und Thomas Newcomen, die gerade mithilfe von Dampfdruckreinigern vom Taubenmist befreit wurden. Bevor ich mich in den Untergrund wagte, setzte ich die Infrarotbrille auf.

Zu dumm, dachte ich, dass noch niemand etwas gegen den Dunst in den U-Bahnhöfen erfunden hat! Doch wie anders sollten die Bahnen angetrieben werden als durch Dampflokomotiven?

Noch ehe ich den Fuß der Treppe erreichte, nahm mich das Gedränge der Werktätigen auf und schob mich automatisch in Richtung Bahnsteig, an dem ich drei U-Bahnen später anlangte. Der zähe Strom der Menge quetschte mich durch eine offene Wagentür; meine linke Hand machte schmerzhafte Bekanntschaft mit einer Dampfabzugshaube, die irgendein Trottel mit sich schleppte, und mein Kinn bohrte sich in den Hinterkopf eines Klappergestells von einem Männchen, das mir daraufhin sein Gesicht zuwandte. Durch die Infrarotbrille sah es violett aus, mit gelb glühenden Raubtieraugen. Seine Nase zuckte, dann öffnete es den Mund – einen feurigen Rachen.

»Wie riechst denn du?«, fuhr es mich an. Es brauchte wohl ein Ventil für seinen Frust. »Du duftest ja direkt! Gib’s zu, du hast dich gewaschen, vor höchstens einer Woche!«

»Verdunste«, zischte ich, »sonst dampfe ich dich ein!« Ich ballte die freie Rechte zur Faust.

Doch das war offensichtlich die falsche Antwort, denn nun erhob das Klappergestell seine Fistelstimme: »Er hat sich gewaschen! Hierher! Ergreift den Wasservergeuder! Den Umweltschreck! Den Volksschädling!«

Gegen den entfesselten Zorn der Menge gab es nur eine Verteidigung: Rückzug! Zu meinem Glück – nein, wie ich mittlerweile weiß: zu meinem Unglück – hielt die U-Bahn in diesem Augenblick an und ich zwängte mich unter Inkaufnahme einer Vielzahl blauer Flecken aus dem Wagen.

Natürlich war es die falsche Haltestelle: Brandenburger Tor! Aber noch mal würde ich nicht die U-Bahn nehmen, lieber ging ich zu Fuß zu meinem Arbeitsplatz; allzu weit war es ja nicht mehr.

Die Menschenmenge schwemmte mich die Treppe hinauf und an die frische Luft, wo sie sich langsam verteilte – und plötzlich stockte.

Ich nahm die Infrarotbrille ab und blickte mich um. Gleich darauf unterdrückte ich einen Fluch: Eine lebende Mauer von Demonstranten versperrte den Weg. Auf ihren Transparenten standen Sprüche wie »Dem Überdruck ein Ventil!« oder »Dem Dampf einen Dämpfer!«. Einer forderte die »alte Dampfbarkasse« – womit nur die greise Bundeskanzlerin gemeint sein konnte – zum »Abdampfen« auf, und ein anderer verstieg sich zu der Forderung: »Senkt die Dampfkraftsteuer!«

Hier ist die Kacke am Dampfen!, erkannte ich.

Ich war mitten in die verbotene Demo der Anti-Dampf-Aktivisten, kurz Antidas, geraten.

Ein breitschultriger Hüne, der mit seinem Schild »Macht den Politbonzen Dampf!« wild herumfuchtelte, schrie: »Wie lange wollt ihr noch auf ranzigen Dampfnudeln herumkauen? Wie lange Dampfturbinen und Dampfkochtöpfe reinigen? Wie viele Leute sollen noch bei Dampfkesselexplosionen ums Leben kommen? Wie lange –«

Der Dampfplauderer brach mitten im Satz ab, denn bei dem Versuch, mich an ihm vorbeizuschleichen, erhielt ich von der anderen Seite einen Stoß, der mich gegen seinen Rücken schleuderte. Er fuhr herum und packte mich am Kragen.

»Wo willst du hin, Zwerg?«

Wenn man mich einen Zwerg nennt, beginne ich stets vor Wut zu dampfen. Doch in Anbetracht der Übermacht der Antidas wäre eine Explosion eine Überreaktion gewesen. Ich schluckte also mit erheblicher Mühe meinen Ärger hinunter und bemühte mich um eine sachliche Antwort.

»Zum Regierungsviertel, ich –«

Weiter kam ich nicht. Er ließ meinen Kragen los, packte meine rechte Hand und riss sie nach oben, so dass ich beinahe den Boden unter den Füßen verlor.

»Er geht zum Regierungsviertel!«, brüllte er. »Dieser kleine, tapfere Mann marschiert ins Regierungsviertel! Wollen wir ihn allein marschieren lasen?«

»NEIN!«, toste die Menge unter heftigem Applaus und Fußgetrappel.

»Recht so!«, brüllte wieder der Hüne. »Wir marschieren mit ihm! Wir gehen auch ins Regierungsviertel!«

»JAWOHL!«, toste die Menge noch lauter. »WIR MARSCHIEREN!«

Eingekeilt im Transparente und Fahnen schwingenden Mob, als wäre ich zwischen ein Dampfbügeleisen und einen alten Sakko geraten, wurde ich in Richtung Bundestag geschoben. Anhand der zunehmenden Lautstärke des Gebrülls konnte ich erkennen, dass die Menge dabei lawinenartig anschwoll – offensichtlich schlossen sich immer mehr Leute den Demonstranten an. Schon kam das Bundeskanzleramt in Sicht, hinter dem der gewaltige Kupferzylinder der Regierungs-Dampfmaschine aufragte – mein Arbeitsplatz.

Die äußere Absperrung wurde glatt überrannt.

Wo, zum Teufel, bleibt die Schutztruppe des Umweltministers?, fragte ich mich. Weit und breit war keine einzige grüne Uniform zu sehen!

Ich riss mich aus dem Griff des Hünen, doch meine Freiheit war nur eine kurze; sofort hatte er mich wieder gepackt.

»Wo willst du hin?«

Ich deutete auf den Kessel. »Zur großen Dampfmaschine! Ich muss –«

Abermals packte er meinen Arm; diesmal riss er ihn mir fast aus dem Gelenk, als er mich daran hochhob, um mich der tobenden Meute einmal mehr als leuchtendes Beispiel zu präsentieren.

»Er will die große Dampfmaschine in die Luft sprengen!«, brüllte er. »Wir helfen ihm! Nieder mit allen Dampfmaschinen! Es lebe der Verbrennungsmotor!«

»NIEDER MIT ALLEN DAMPFMASCHINEN!«, lautete die einmütige Antwort.

»Aber was redet ihr denn …«, zeterte ich.

Es war sinnlos.

Dann, endlich, tauchte eine dunkelgrüne Phalanx vor uns auf. Der entfesselte Mob stoppte unwillkürlich und ich nutzte die Gelegenheit, mich loszureißen und vorauszurennen. Dank meines fälschungssicheren Ausweises, dessen Daten mit einem in meinem Nacken implantierten Chip übereinstimmten, ließen mich die Polizisten passieren.

»Lasst sie nicht durch!«, schärfte ich dem Offizier ein, der meinen Ausweis kontrolliert hatte.

»Keine Sorge«, antwortete er und schwenkte seinen Dampfhammer. »Die werden glauben, sie wären mit einer Dampflokomotive zusammengestoßen!«

Ich hastete weiter, in Richtung des großen Kessels. Während ich rannte, hörte ich an den Schmerzensschreien hinter mir, dass die Dampfhämmer in Aktion traten.

Recht so!, dachte ich hämisch.

Ich erreichte die große Befeuerungshalle am Fuß des Kessels, in der auch die Aufenthaltsräume der Bedienungsmannschaft untergebracht waren – und blieb stocksteif stehen.

Die Halle war leer!

Wo sind die alle hin?, fragte ich mich.

Die Antwort war klar: Sie hatten die anrückenden Antidas bemerkt und waren getürmt, die größte Dampfmaschine der Republik schmählich im Stich lassend!

Sekundenlang stand ich einfach nur da, am Rand der leeren, hektargroßen Halle, und versuchte meiner Verblüffung Herr zu werden. Dann packte mich die nackte Angst.

Eine Dampfmaschine dieser Größenordnung durfte man unter keinen Umständen unbeaufsichtigt lassen! Dabei konnte das Schlimmste passieren – nämlich das, was man im Fachjargon »Kesselzerknall« nannte.

Und wenn dieser Kessel zerknallte, würden die Fetzen bis zum anderen Ende der Republik fliegen!

Dieser Gedanke brachte wieder Leben in mich. Ich legte die fast hundert Meter bis zum unteren Kesselrand in Rekordzeit zurück und kontrollierte die Druckanzeige, dann den Wasserstand. Wie ich mir schon gedacht hatte: Es musste schleunigst Wasser nachgefüllt werden! Wassermangel war die häufigste Explosionsursache von Dampfmaschinen.

Ich öffnete die entsprechenden Hähne der Zuleitungen und schloss sie erst wieder, als die Anzeige im grünen Bereich stand. Während ich mir den Angstschweiß von der Stirn wischte, sah ich mich um.

Was ist das Nächste?

Normalerweise war zum Betrieb dieser Dampfmaschine, die das Regierungsviertel mit Strom versorgte, eine zehnköpfige Mannschaft nötig. Aber ich war allein!

»Brennstoff!«, sagte ich laut und eilte zu der Rutsche, auf der das Brennmaterial mit freundlicher Unterstützung durch die Schwerkraft in die Feuerbüchse des Kessels transportiert wurde. Ein dampfgetriebener Zwanzigtonner mit der Aufschrift »Bundesarchiv« hatte Nachschub gebracht: Unmengen vergilbter Zeitungen. Ich hoffte, dass diese besser brennen würden als die zehn LKW-Ladungen von Gender-Mainsteaming-Gutachten, mit denen wir die Dampfmaschine in den letzten Wochen befeuert hatten.

Normalerweise arbeiteten stets zwei Heizer, was bedeutete, dass ich doppelte Arbeit leisten und mich daneben noch um die Überwachung des Dampfdrucks kümmern musste.

Ich begann also, die alten Zeitungen stapelweise in die breite Rutsche zu wuchten. So vertieft war ich in diese Aufgabe, dass ich meiner Umwelt erst wieder gewahr wurde, als mich jemand an der Schulter packte. Einen Schreckensschrei ausstoßend, fuhr ich herum.

Es war der breitschultrige Hüne, der mir zweimal fast den Arm ausgerenkt hatte – und er war nicht allein: Die Halle wimmelte auf einmal von Menschen! Die Antidas mussten die Schutztruppen ebenso überrannt haben wie die äußeren Absperrungen.

»Was tust du da?«, fragte mich der Hüne. Durch das Gebrüll der Menge war seine Stimme kaum zu verstehen.

»Halten Sie mich nicht auf!« Ich wies auf den Zeitungsberg. »Der Kessel muss gleichmäßig befeuert werden!«

»Ach! Und was passiert, wenn die Befeuerung unterbrochen wird?«

Mittlerweile ziemlich kurzatmig von der schweren Arbeit, konnte ich mich nicht mit langatmigen technischen Erläuterungen aufhalten: »Dann kann etwas kaputt gehen.«

Sein ungewaschenes Gesicht flammte auf wie ein Streichholz. »Aber das ist ja –«

Ein neben ihm Stehender raunte ihm etwas zu, das ich wegen des allgemeinen Lärms des Mobs nicht verstehen konnte.

»Bist du sicher?«, fragte der Hüne mit hochgezogenen Brauen.

»Absolut!«, antwortete der andere, heftig nickend.

»Ja, dann …« Der Hüne warf die Arme hoch und schrie: »Die Zeitungen! Packt alle Zeitungen und werft sie auf die Rutsche!«

Die Menge verstummte abrupt und die Leute starrten sich sekundenlang ratlos an. Dann rissen der Hüne und sein Nebenmann Zeitungsstapel hoch und warfen sie auf die Rutsche. Ein anderer tat es ihnen nach, dann zwei, drei … viele.

Ich war so verblüfft über diese unverhoffte Unterstützung, dass meine Beine nachgaben und ich mich unversehens auf dem Boden wiederfand, eingekeilt in Antidas, die wie die Wilden Zeitungsbündel auf die Rutsche schleuderten, die schon bald zu verstopfen drohte.

Schließlich dämmerte mir der diabolische Plan des Hünen.

»Hört sofort auf!«, schrie ich. »Ihr habt ja keine Ahnung, wie gefährlich das ist! Wenn nicht genug Wasser –«

Während meiner Worte hatte ich mich aufzurichten versucht, doch der Fuß des Hünen fuhr auf meine Brust nieder und presste mir den Dampf aus den Lungen, so dass ich atemlos zurückfiel. Hilflos musste ich zusehen, wie die Rutsche bald überquoll von Brennmaterial, das unverzüglich in die Feuerbüchse schlitterte. Die Wasserstandsanzeige war außerhalb meiner Sichtweite, aber wenn diese Verrückten, denen der Schweiß in Bächen von den Stirnen strömte, in diesem Tempo weiter schufteten und schaufelten …

Doch da war es bereits so weit: Aus den Augenwinkeln konnte ich mehr ahnen als sehen, dass sich das Zylinderrund des Kessels nach außen wölbte. Ich riss den Kopf herum, doch eine Zeitung, die der Hüne gerade hochhob, versperrte mir den Blick.

Ich las die uralte Schlagzeile Sekundenbruchteile, bevor mich der größte Kesselzerknall der Geschichte ins Nirwana schleuderte, von wo aus ich diesen Bericht einem besessenen Mönch diktiere:

Bundeskanzlerin Merkel verkündet:

DEUTSCHLAND RETTET DAS WELTKLIMA!

Verbot von Verbrennungsmotoren binnen eines Jahres –
Abschaltung aller Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke.

Deutschland trumpft auf – und dampft ab!

-ENDE-

Copyright (c) 2012 by Miguel de Torres und www.HARY-PRODUCTION.de

Bildrechte: Coverillustration “SkurileGeschichten1.jpg ” (SKURILE GESCHICHTEN-SPIRALE-20110114083935-8edac2f8) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Vintage (Steampunk5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

 

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Zu dem Titel, in welchem die vorliegende Story enthalten war:

AD ASTRA 014 Buchausgabe: Der Sinn von alldem (AD ASTRA Buchausgabe) [Kindle Edition]
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Kurzbeschreibung
– Witziges und Aberwitziges von dem erfolgreichen STAR-GATE-Autor Miguel de Torres!Inhalt:
1. Der Sinn von alldem
2. Überdruck
3. Alles ist gut
4. Der allererste Wettbewerb
5. Staatsfeind Nummer eins
6. Die Würde des Menschen
7. Finsternis
Titelbeispiele

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4 Comments

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  1. Ich habe mich wirklich köstlich amüsiert! 😉

  2. Eine lustige Story mit traurigem Hintergrund: Nachdem meine Kurzgeschichte »Die Würde des Menschen« (ebenfalls enthalten in der Sammlung »Der Sinn von alldem«) beim Marburg-Award 2007 den 2. Platz belegt hatte, wollte ich im Jahr darauf natürlich wieder an diesem Wettbewerb teilnehmen. Das ausgeschriebene Thema lautete »Steampunk« und ich gestehe, dass ich den Begriff erst in der Wikipedia nachschlagen musste. Aber mir fiel dann doch etwas ein – etwas nicht so Ernstes wie »Die Würde des Menschen«, aber in eine ähnliche Richtung gehend. Dann starb Richard, mein bester Freund seit Schulzeiten, mit dem ich auch schriftstellerisch zusammengearbeitet hatte (z. B. bei der Serie »Star Gate – das Original« und bei den »Baroja«-Horror-Romanen), und ich war monatelang nicht mehr in der Lage zu schreiben.

    Beim Sichten der Storys für die erwähnte Anthologie stolperte ich über die alten Aufzeichnungen und dachte mir, es wäre wirklich schade, sie für immer ungeschrieben zu lassen. Richard jedenfalls hätte die Geschichte gewiss gern gelesen.

  3. Da hast mich neugierig gemacht: Dürfen wir denn »Die Würde des Menschen« hier veröffentlichen oder hat dein Verleger was dagegen?

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