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TOTGESCHRIEBEN IM LETZTEN ABSATZ – Eine Story von Daniel Sand

TOTGESCHRIEBEN IM LETZTEN ABSATZ

Eine Story

von

Daniel Sand

Mit gespielter Gelassenheit näherte er sich seinem Opfer. Noch hatte es keine Ahnung, was ihm gleich widerfahren und welch erregenden Schmerzen es jeden Augenblick erfahren würde. Es kam tatsächlich nicht jeden Tag vor, dass man ein Messer tief in den Eingeweiden stecken hatte und die einzigartige Pein verspürte, den Fremdkörper kalten Metalls in seinem warmen Leib zu fühlen.

Er straffte sich innerlich, versuchte sich zu beruhigen und auf die folgende Aufgabe zu fokussieren, was leider nur sehr schwer gelang. Alleine die Vorstellung daran, was er in wenigen Augenblicken tun würde, ließ sein Herz schneller schlagen und ihn noch mehr schwitzen, als er es ohnehin schon tat.

Aber es war auch an eine dieser berauschenden Nächte, ihrerseits geliebt und bestens bekannt auf dem Planeten Jantus 3. Im Sommer legten sich subtropische Dunstglocken mit einer immens hohen Luftfeuchtigkeit über die Städte. Man brauchte sich nicht einmal zu bewegen und das Körperwasser rann einem aus den Poren.

Heute Nacht hatte es die Stadt Flemar ganz besonders hart erwischt. Obwohl sie an der Küste des grünen Ozeans lag und die süße Luft der Brandung eine erfrischende Brise ins Landesinnere trieb, vermochte das die Glocke über dem 5000 Seelendorfes nicht abzumildern. Der Urlaubsort quoll zudem über vor Touristen, welche gerne in den grünlich schimmernden Schaumkronen mit ihren Gummibooten auf dem Süßwasser umher schaukelten und den Surfern, welche er wegen ihrer perfekten Sonnenbräune und dem angewachsenen Grinsen noch weniger leiden konnte, als Banker oder Aktionäre.

Sein heutiges Opfer gehörte jedoch zu keiner der Gruppierungen. Alles was er wusste war, dass der Typ eine Art erfolgloser Schriftsteller sei, der gerne dem Alkohol oder noch härteren, künstlichen Drogen frönte. Der Portier hatte auch behauptet, dass der Gast sich sogar eine Ampulle Rutin bestellt haben sollte, eine Substanz bestehend aus dem Urin einer extrem giftigen Sumpffroschart. Sie wurde in einen Inhalator gefüllt und mit Methan Gas aus eben denselben Sümpfen vaporisiert. Nur künstliche, ebenso toxische Süßstoffe verhinderten, dass der Konsument sich beim Einatmen nicht übergeben musste. Aber schon wenige Minuten später sollte es einen unheimlichen Rauschzustand auslösen.

Einen ähnlichen Kick musste sein letztes Opfer gehabt haben. Als er sich an den desorientierten Kerl heranschlich und dieser ihn bemerkte, fuhr er begeistert herum und brabbelte etwas komplett unverständliches. Als er allerdings das Messer sah, musste er sich an die Presseberichte im PrivateNet erinnert haben. Dort lief neben dem meist belanglosen Entertainment wie Filmen und Serien, auch die News Show von Flemars größtem Fernsehsender FCTV. Fast täglich berichteten sie von neuen Opfern des Schlitzers. Diesen Beinamen hatten sie ihm gegeben und nannten ihn einen pervers abartigen Serientäter.

Dabei tat er nur, was andere und die örtliche Polizei nicht vermochten. Die Welt vor Abschaum retten. Ein günstiger Nebeneffekt seines heroischen Akts der Selbstjustiz bestand daran, ein hohes Maß an Befriedigung und das Gefühl unendlicher Macht zu empfinden. Wenn er seine Opfer schlachtete, fühlte er sich frei und ungehemmt. Das Leben auf Jantus 3 glich für ihn einem Leben in der Hölle. Die Reichen und Mächtigen lebten auf dem großen Nachbarplaneten, dem zweiten Planeten des jantaischen Systems. Doch dahin hatte seinesgleichen keinen Zugang, zumindest nicht offiziell. Nur gelegentlich verschlug ihn ein illegaler Flug in einem Robotfrachter dorthin, um zu arbeiten. So pflegte er seinen Akt der Selbstjustiz und die Befriedigung seiner dunklen Triebe zu nennen. Trotzdem freute es ihn um so mehr, sollte sich einer dieser Schnösel wagen, einen Abenteuerurlaub auf dieser wilden Welt erleben zu wollen, die er gerne sein Revier nannte.

Er drehte das Messer in seiner Hand und verfluchte sich dafür, an den letzten Kill gedacht zu haben. Sein oberstes Ziel bestand darin, mit einem einzigen Hieb zu töten, sauber und ohne großartige Kraftanstrengungen und dem Opfer dabei zuzusehen, wie es langsam ausblutete, wie die sechs hufigen Emirinder in der Schlachterei, in der er gewöhnlich seinen Unterhalt verdiente. Nur im Gegensatz zu seinen Zielobjekten taten ihm die Tiere leid und er versuchte sie so schnell wie möglich zu töten. Doch seine menschlichen Schlachtobjekte sollten spüren, wie sie starben, darüber nachdenken, warum sie erwählt worden waren und vor Angst weinen oder um Gnade flehen.

Der letzte Kill jedoch hätte beinahe dazu geführt, dass er sich über den sterbenden Junkie erbrochen und somit DNA Spuren hinterlassen hätte. In den Nachrichten über ihn zu berichten war super für die Publicity und dafür, dass sich seine Ziele kurz vor ihrem sicheren Tod aus Furcht so richtig in die Hosen schissen. Aber er wollte nicht aufgeben und erwischt werden; dazu machte ihm das alles einfach viel zu viel Spaß. Jedoch bei diesem Olafsson wäre ihm eben dieser fast abhanden gekommen.

Wie sein jüngstes Ziel angeblich, war Olafsson definitiv auf einem Rutin Trip. Als er sich dem Junkie von hinten näherte, fuhr der in seiner komplett abgedrehten Art plötzlich herum und tanzte wie von Sinnen, bis zu dem Zeitpunkt, als er seinen Mörder erkannte und das auf seinen Unterbauch zurasende Messer. Als die gezackte dreischneidige Klinge in seine Bauchdecke eindrang, brüllte er wie am Spieß und wand sich wie ein Aal. Dabei verlief sich das ellenlange Messer in seinen Eingeweiden und zerfetzte nicht nur dessen Aorta, sondern auch viele Darmwände, die Niere und am Ende auch dessen Blase. Durch den immensen Adrenalinkick, brach also nicht nur sein durch den Rausch verdünnter roter Lebenssaft aus der klaffenden Wunde, sondern auch flüssiger Kot und Urin, sowie einige unverdaute Essensreste.

Wenn er nur alleine an den Geruch der mehrfarbigen Brühe mit dem goldenen Glanz zurückdachte, wurde ihm schon übel. Nein, so einen Kill musste er nicht mehr haben. Überhaupt versuchte er mit jedem Mal, es sauberer und klinisch reinlicher zu gestalten. Dabei wusste er, dass ein gezieltes Ausbluten eine kleine Sauerei anrichtete, wenn der Patient sich wehrte. Aber wenn er sich einfach sanft dahin gleiten ließ, entstünde ein traumhaft schöner See, der sich mit seiner edlen roten Färbung zähflüssig über den Boden verteilte.

Während er sich immer weiter näherte, bereitete er sich auf seinen Hieb vor. Im Idealfall würde der Feind ihn nicht bemerken, bis das Messer in ihn eindrang. Doch das war bisher noch nie der Fall gewesen. Aus irgendeinem Grund hatte man ihn immer zuvor wahrgenommen, egal wie sehr er sich bemühte, keinen Laut zu verursachen. Je näher er seinem Opfer kam, desto mehr übermannte ihn der Drang, nicht nur einmal zuzustechen, sondern zahllose Male, bis er keine Kraft mehr in den Armen hatte. Doch dagegen kämpfte er an, wenn auch zu Anfang seiner Karriere etwas erfolglos. Erst ein Cocktail aus Antidepressiva, die er von seinem dritten Opfer, einem Arzt, entwendet hatte, halfen ihm etwas dabei, diesen Trieb zu kontrollieren.

Mittlerweile hatte er 21 Schnitte in seinen Armen. Für jedes seiner Opfer ritzte er sich eine lange, wenn auch nicht tiefe Wunde ins Fleisch, um niemanden zu vergessen. Natürlich musste die Wunde aus hygienischen und forensischen Gründen verheilen, bevor er wieder auf die Jagd gehen konnte. Damit würde er keinen dieser dekadenten Schönheitswettbewerbe gewinnen, aber es machte ihn einzigartig.

Sein aktuelles Opfer wusste nicht, was ihm bevor stand, aber er schon. Seine Halsschlagader pochte wie wild ob des bevorstehenden Ereignisses. Schon früh hatte sich ein Ritual bei ihm etabliert, auf das er sich besonders freute. Wenn seine Beute am Boden lag und dem Tode nahe, wandelte sich dessen Entsetzen in friedliche Entspannung. Um ihm oder ihr den Gang am Schluss doch noch etwas entspannter zu gestalten, legte er sich auf den sterbenden Körper und küsste den erkaltenden Mund. Seine Zunge drang tief in die fremde Mundhöhle ein, in der sich nicht selten warmes Blut befand. Das Ritual stimulierte ihn sehr und er spürte eine enorme Steife zwischen seinen Beinen, auch wenn es sich bei den meisten seiner Ziele um Männer handelte.

Darauf freute er sich und hoffte wieder auf einen Samenerguss wie die letzten Male. Sein Arzt hatte ihm vor Jahren bescheinigt, dass er weder eine Erektion bekommen könnte, noch einen Höhepunkt. Der Narr konnte ja nicht ahnen, wie sehr er sich irrte. Ihn verwunderte nur, dass er auch einen Erguss bekommen konnte, wenn er männliche Opfer in den Tod verabschiedete, nicht nur bei seinen drei Weiblichen. Aber dieser intime Moment und der erschlaffende Leib unter ihm, wirkten sehr stimulierend. Vor allem schmeckten Lippen und Zunge trotz des eisenhaltigen Hämoglobin immer so süß. Im Anschluss sprühte er scharfes Pfefferspray in den Mund der Leiche, welches seinen Speichel verätzte und unkenntlich machte.

Etwas rührte sich in ihm, ein Gefühl unterhalb seines Bauchnabel. Der Platz in seiner Unterhose wurde immer enger, je näher er der Person am Computer kam. Noch immer schien sie sehr vertieft in ihre Arbeit zu sein, endlose Wortketten in die Tastatur einhämmernd. Sein kleiner tot gesagter Freund erwachte einmal mehr zum Leben. Und dieses Mal sogar noch gewaltiger, als jemals zuvor. Bald schon pochte er in dem Bestreben, sich mehr Platz zu verschaffen, welcher ihm der enge Plastik Overall über seiner Zivilkleidung aber nicht gönnte. Aber der Überzug musste sein, auch hier galt es, keinerlei rückverfolgbare Spuren am Tatort zu hinterlassen.

Oh, wie er sehr er sich auf diesen Kill freute. Und noch mehr auf das, was bald zwischen seinen Beinen passieren würde. Das Pochen dort wurde immer fordernder. Unweigerlich griff er nach dem unruhigen Schlingel und bereute diese Entscheidung noch im selben Moment. Das Zwicken löste ein leises, kaum hörbares aber doch ungewöhnliches Quietschen aus und abrupt stellte der Schreiber seine Arbeit ein. Sein Kopf, gerade noch über dem Keyboard versunken, fuhr hoch und seine Ohren spitzten sich und suchten nach dem Geräusch.

Perplex achtete der Täter nicht mehr auf seine Füße. Er hielt in der Bewegung inne und verharrte verkrampft in der unbequemen Position. Sein vorderer Fuß ruhte allerdings nur auf dem Ballen und als er ihn absetzte, tat er dies nicht geräuschlos und seine katzenhafte Anmut vermissend. Auch wenn er Sportschuhe mit weichen Sohlen trug, konnte der alarmierte Schreiberling hören, dass sich etwas hinter ihm befinden musste. Für einen langen Moment hielt er inne, also wolle er den verlorenen Faden in seinem Manuskript wiederfinden, dann sprang er mit einem überraschten Satz auf und drehte sich in heller Aufregung um …

* * *

Diese Nacht war wirklich abscheulich. Er hasste Hitze und das Meer noch viel mehr. Dank seines Verlegers musste er einen ausgedehnten Urlaub nehmen, um sein neuestes Werk zu beenden. Der Kerl im Verlag hatte eine brandheiße Idee, drei Wochen Urlaub in Flemar auf Jantus 3. Dort wo es nur so von Menschen wimmelte, deren Glück und die Freude am Leben er zutiefst verachtete, sollte er also sein Meisterstück abliefern.

Das schien aber leichter gesagt als getan. Denn schließlich brauchte er Inspirationen. Am besten eine heiße Muse, die ihm die Schultern massierte. Doch alles, was er bei seinem Eintreffen hier vorfand, waren dämlich grinsende Urlauber, lachende Paare und hysterisch kreischende Kinder.

Schade, denn die kleine verschlafene Stadt hatte Potenzial. Sie bot eine perfekte Kulisse für einen Horrorfilm oder einen Gruselstreifen. Unter den kitschig geschwungenen Dachgiebeln der verträumten kleinen Häuschen könnten sich weltfremde Bauern und Kleinbürgern vor einer Werkatze, einer mythischen Kreuzung aus Mensch und Raubtier, verstecken und abends die hölzernen Fensterläden verbarrikadieren, damit sie morgens nicht tot und zerstückelt aufwachten.

Doch andauernd begegneten ihm Leute aus aller Herrenländer oder von weit entfernten Planeten kommend mit ihrer widerlich guten Laune, riesigen Holobild Kameras und einer geradezu dekadenten Sucht auf Spaß und dem Drang, ihr hart verdientes Geld für überteuertes Essen und fürchterliche Souvenirs auszugeben.

Zum Glück hatte ihm der Typ an der Rezeption etwas Rutin verschafft, sonst könnte er diese Hölle, in die ihn sein Chef verfrachtet hatte, niemals überstehen. Und trotzdem gelang es ihm nicht, sein Werk weiter zu schreiben, geschweige denn zu beenden. Einige Tage saß er vor einem leeren, weißen Bildschirm, der zu Anfang nur ein Wort anzeigte: HÖLLE. Es wurde Tage später abgelöst von dem Wort TOD, bis er sich entschied, erst eine kleine Kurzgeschichte zu verfassen, bis er den Faden zu seinem epochalen Machwerk wiederfand. Und den Faden brauchte er auch. In dem Buch sollte es um eine Liebesgeschichte in einem interstellaren Krieg gehen, in welchem zwei sehr unterschiedliche Personen zusammen ihr Glück finden sollten. Liebe und Krieg; zwei Worte, von denen er noch weniger verstand, als von der Begeisterung, sich mit widerlichen Menschen in Massen am Strand auf kratzigem Sand zu räkeln und in der weißen Sonne zu braten wie eine wentakianische Drude auf dem Grill beim Barbecue am Wochenende.

Nein, er würde in seinem Zimmer bleiben und eine kleine Fingerübung machen. Kurzgeschichten schrieb er immer dann, bis er zurück in seine eigentliche Story fand und sein Kopfkino sich nicht mehr auf Abwegen befand. Und eben diese widmete er seinem Boss beim Verlag, diesem selten dämlichen Idioten, der ihn hierher gebracht hatte, anstatt in eine kleine Blockhütte, einsam abgelegen im dichten schwarzen Wald auf der Insel Illgaral im hohen Norden von Wentak. Er liebte die Insel und ließ sich immer dann dorthin schicken, wenn er Abstand brauchte vom Alltag und von den Menschen, was in letzter Zeit wohl etwas zu oft der Fall gewesen war.

In der kleinen Story wollte er seinen Chef ermorden, was er im Augenblick nur zu gerne getan hätte. Doch der Widerling zahlt ihm sein Gehalt und Tantiemen. Und so durfte er ihn leider nur tot schreiben. Dabei entwickelte er ein Szenario, was ganz gut zu diesem verkommenen Klotz von Planeten passte, der hier allen als Urlaubsmagnet bekannt war. Sein Boss würde vom Schlitzer hingerichtet, einem abartigen Serienkiller, der angeblich hier und in dem umliegenden System auf insgesamt drei Planeten sein Unwesen trieb.

Inspiriert begann er mit dem Schreiben. Die Szene sollte in diesem Zimmer spielen, sein Verleger Henry Stein übernahm dabei die Rolle eines Schreiberlings, einem Autor wie er selbst einer war. Getrieben vom Druck etwas Gewaltiges zu veröffentlichen und die Kassen klingeln zu lassen, sollte er zittrig und panisch dazu genötigt werden, den Abgabetermin einzuhalten und am Besten noch schneller fertig zu werden. Täglich würde er angerufen und gelöchert werden, wann es denn soweit sei und immer durch den Nebensatz abgeschwächt: „Wir wollen dich nicht drängen“. Diesen Satz kannte er von Henry nur zu gut. Dabei ging es aber doch genau darum. Seine Autoren auszuquetschen wie eine überreife Frucht und dann die Ehrungen von ganz oben zu kassieren, dass der Verlag sich als lukrativ erwies und schwarze Zahlen schrieb. Dabei tat Stein nicht mehr für den Erfolg, als seine Mitarbeiter zu nerven.

Henry sollte also hier am Schreibtisch und vor demselben weißen Schirm sitzen, nicht wissend, was er mit seinen Fingern auf der Tastatur spielend darauf abbilden sollte. Dabei hatte er stets den Druck im Hinterkopf, dass alle Welt auf sein neues Kunstwerk wartete, die Vorankündigung bereits in den Medien zu hören war und beinahe täglich ein graues Haar mehr auf seiner Halbglatze spross.

Gedankenversunken würde er etwas schreiben, nichts gutes, einfach nur um dem Geist eine Möglichkeit zu geben, sich zu entleeren, bis er ein seltsames Geräusch hinter sich hören würde. Zuerst ungläubig, dann fragend überlegte Henry, ob das Geräusch von draußen kam, oder eine fremde Person sich unbefugt Zutritt zu dem Zimmer verschafft hatte. Natürlich würde der greise alte Mann einige Zeit brauchen, bis er entschied, was er zu tun gedachte und ob er überhaupt etwas gehört hatte. Meistens war er dafür bekannt, nichts oder nur wenig zu hören. Spezielle Worte wie der Wunsch nach mehr Honorar lösten bei ihm eine akute Taubheit aus, die mittlerweile bereits chronisch zu sein schien.

Dann drehte er sich aber doch um und erkannte entsetzt einen Fremden, von oben bis unten eingehüllt in so etwas wie einen Gummianzug, welchen ihn Tatort-Reiniger gerne zu tragen pflegten. In der Hand der zwielichtigen Gestalt blitzte ein gezackter Dolch mit einer langen Klinge und er trug ein böses Lächeln auf seiner verbrecherischen Visage.

Gallagher überlegte sich, die beiden etwas sagen zu lassen, entschied sich aber dagegen. Alleine der Anblick und die Nachrichten des lokalen TV Senders dürften seinem Boss so viel Angst eingejagt haben, dass er seine teure Designer Unterwäsche dreckig machen würde. Bevor er jedoch etwas tun konnte, würde der Schlitzer ihm schon den Dolch bis zum Anschlag in seinen fetten Bauch getrieben haben und es bis zum Handschutz in dessen Eingeweide versenkt haben.

Er konnte sich nur zu gut sein verdutztes Blick vorstellen, das Gesicht verzerrt vor Schmerz und Angst. Den Mund weit offen, aber unfähig etwas zu der unglaublichen Situation zu sagen. Ermordet aus heiterem Himmel in der Blüte seines Lebens. Keine Entschuldigung oder Bestechungsversuch würde ihm die kalte Klinge wieder aus seinem Körper heraus kaufen können. Keine böswillige Anschuldigung oder Beleidigung vermochte das wegen der hellen Aufregung aus seiner Aorta heraus spritzende Blut wieder in den Körper zurück zu pumpen. Es gab kein Entkommen, der Tod war ihm sicher. Mit jeder Sekunde schwand seine Lebenskraft, bis er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und unter seinem Mörder zusammenbrach. Der Schlitzer würde auf seinem röchelnden, davon gleitenden Opfer liegen und sein Geschlechtsteil an dem von Henry Stein reiben und ihm einen romantischen und intensiven Zungen…

Gallagher hielt inne. Er meinte, etwas gehört zu haben. Ein Geräusch, etwas wie ein Quietschen oder Knirschen. Und es kam aus seinem eigenen Zimmer. Was zum Teufel?

Erschrocken starrte er auf die letzten Zeilen und Absätze seiner kleinen Story. Darin stand etwas von einem Geräusch hinter ihm. Entsetzt starrte er auf seinen letzten Satz: Für einen langen Moment hielt er inne, also wolle er den verlorenen Faden in seinem Manuskript wiederfinden, dann sprang er mit einem überraschten Satz auf und drehte sich in heller Aufregung um …

In einem Wimpernschlag gingen dem Autor mittleren Alters tausende Sachen durch den Kopf. Hatte er das Geräusch tatsächlich gehört? Oder wirkte sich das Rutin in seinem Blut halluzinogen aus? Er bildete sich das vermutlich nur ein, da er sich so tief in die Geschichte hinein gesteigert hatte. Und dennoch fühlte er etwas. Eine fremde Präsenz, die er nur als anderen Menschen bezeichnen konnte. Die Anwesenheit einer Person, die sich nicht rührte und ihn anstarrte. Reine Einbildung! Rutin war bekannt dafür, gänzlich unvorhergesehene Nebenwirkung zu haben und die Art hing auch immer davon ab, von welchem Typ Frosch es genau stammte, und wie viel künstliches Zeug die Dealer noch beimengten, um es zu aus reiner Profitgier zu strecken.

Gerade als er beschloss, das Gehörte zu ignorieren, vernahmen seine durch die Droge sensibilisierten Ohren ein leises Stampfen. Es klang wie ein Schritt oder zumindest, als setze jemand den Fuß auf dem Boden ab. Auch das wurde so exakt in seiner Geschichte geschildert. Gallagher hatte genug. Dieses erneute Geräusch versetzte ihm einen regelrechten Schock und er sprang instinktiv auf, damit er sich selbst davon überzeugen konnte, dass dies alles nicht wahr sein konnte.

Ruckartig drehte er sich um und verspürte einen starken Schwindel in seinem Kopf. Trotzdem konnte er die dunkle Gestalt sehen, wenn auch stark verschwommen. Ihm kamen sofort wieder die Schlagzeilen über den sich von hinten an schleichenden Serienmörder aus dem Fernsehen in den Kopf. Der schwitzende Kerl vor ihm in der durchsichtigen Plastikmontur konnte auf keinen Fall zum Zimmerservice gehören und Besuch erwartete er auch keinen. Ein Bulle, der ihn wegen der Einnahme illegaler Substanzen verhaften wollte konnte es auch nicht sein, obwohl ihm das im Augenblick lieber gewesen wäre.

Der Andere stand regungslos da, schien vermutlich genauso überrascht zu sein wie er selbst und zögerte. Wie konnte eine Geschichte Realität werden? Alleine durch sein Schreiben hatte er eine Realität erschaffen, die es gar nicht geben durfte. Würde er jetzt ebenso brutal sterben wie die Figur in seiner Geschichte? Und würde sich sein Mörder danach auf ihn werfen und ihm im Todeskampf seine Zunge in den Mund stecken? Augenblick, Stop! Wie konnte er wissen, was post mortem geschah, wenn es doch augenblicklich passierte? Sein Geist erfand diese Realität, füllte sie mit Leben und erzeugte eine fiktive Gegenwart, geradeso wie ein Zeitsprung, dem beliebtesten Freizeit Spaß auf dem großen Bruderplaneten Jantus 2.

Somit konnte er sein Leben retten, indem er sich schnell wieder seiner Story widmete und ein Happy End verfasste. Er würde es mit einem temporalem Phänomen erklären und die Handlung zu einem Albtraum ändern. So sollte es leider doch ein gutes Ende für die Figur seines Romans geben, obwohl er Henry nur zu gerne getötet hätte, wenn auch nur schriftlich. Mit nur wenigen Augenblicken Zeit musste er also einen neuen Strang entwickeln, der ihnen beiden das Leben rettete. Änderungen konnte er keine vornehmen. Normalerweise waren Änderungen der Zeitlinie nur mit teuren und monströsen Gerätschaften möglich und selbst wenn er diese besäße, er hätte sprichwörtlich nicht einmal die Zeit, den Text soweit zu löschen, welcher die Attacke beschrieb. Und es war auch keine Option den gesamten Text mit einem Klick zu entfernen, da der Mörder ja jetzt schon im Zimmer war, oder zumindest in seinem Geist in dem Hotelzimmer stand.

Henry Stein würde also seinen Schock überwinden und sich zurück auf den Stuhl setzen. Er versetzte dem Mörder einen Schock, welcher ihm gestattete, in höchster Eile einen alternativen Handlungsstrang zu verfassen. Das gelänge am Besten durch einen schockierenden Höhepunkt, wie zum Beispiel einer Stichverletzung. Um diesen Zustand zu erreichen, musste der Schlitzer seine eigene Starre wieder überwinden und zögerlich auf sein Opfer zu gehen, damit er sein Werk vollenden konnte.

Er würde sich natürlich fragen, weshalb sein Zielobjekt so seltsam reagierte und ihn regelrecht wie Luft behandelte. Trotzdem würde seine Gier zu töten stärker sein als der gesunde Menschenverstand, der einem in dieser Situation sicherlich raten würde, zu verschwinden. Im Gegenzug konnte der Verstand des Killers gar nicht gesund sein, wenn man sein Persönlichkeitsprofil einmal genauer betrachtete. Vermutlich sehnte der Schreiberling sogar seinen Tod herbei, weshalb sollte er sich sonst so präsentieren? Nein, er würde sein Werk auf jeden Fall beenden wollen, schon allein aus Neugier, wie sein auserwählten Ziel auf den Angriff reagieren würde, da ihm sein Leben ja offensichtlich nichts bedeutete.

Gallagher tippte so schnell wie noch nie in seinem ganzen Leben, denn um eben dieses ging es ja. Er brauchte keine Angst haben zu sterben, solange er die notwendige Textpassage erreichte, in welcher alles nur ein böser Traum war und er freute sich darauf zu sehen, was dann passierte. Mit Genugtuung und Zufriedenheit spürte er plötzlich einen stechenden Schmerz in seinem unteren Rücken, der ihm realer wirkte, als nur das Produkt einer durch Drogen verwirrten Phantasie zu sein. Ein kalter, gezackter Gegenstand perforierte seine rechte Niere und es fühlte sich an, als ramme man ihm ein glühenden Stück Eisen in den Leib. Auf seinen Angreifer reagierte er nicht, denn dieser musste sich in wenigen Sekunden auflösen und er schweißgebadet aus seinem Bett hochfahren. Sein Blick verschwamm und er konnte sich nicht mehr daran erinnern, ob er in seinem Text tatsächlich bis zu der Passage, bis zum Ritual des Aufwachens, gekommen war. Er konnte nicht mehr lesen, was er als letztes geschrieben hatte und feuerte sich daher selbst im Geiste an: Aufwachen, mein Freund! Es ist Zeit aus dieser Halluzination aufzuwachen! Jetzt!

* * *

Gallagher rieb sich seine Augen und suchte vergeblich nach einer Uhrzeit. Es musste schon spät in der Nacht sein, denn nur das kleine grelle Licht der Schreibtischlampe erhellte seinen Arbeitsbereich. Er hätte die Drogen nicht nehmen sollen. Sie halfen ihm zwar dabei, sich zu konzentrieren, aber sie hielten ihn auch unnötig wach, obwohl sein Körper nach Schlaf regelrecht rief. Leider fiel ihm zu seinem neuen Roman nichts Tolles ein, obwohl dies der Grund für seinen erzwungenen Urlaub war. Daher vertrieb er sich die Zeit mit einer kleinen Geschichte, vielleicht machte ihn das müde. Mit ihr konnte er auch eine kleine Vendetta an seinem Boss verüben.

Plötzlich erstarrte sein Blick. Warum kam ihm das alles so bekannt vor. Ein Deja vú? Hatte er gerade im Sitzen geschlafen und einen Albtraum geträumt? Die Dosis des Zeugs, was ihm der Typ unten am Empfang gegeben hatte, musste wohl etwas zu heftig gewesen sein, denn er konnte sich nicht mehr erinnern, was er die letzten paar Stunden geschrieben oder überhaupt getan hatte. Er nahm sich vor, das Teufelszeug nie mehr anzufassen, denn so einen Filmriss hatte er noch niemals erlebt, immer nur darüber in Büchern geschrieben. Qualvoll suchte er in seinem Verstand nach Erinnerungen, nach Fragmenten um sich zu orientieren. Doch da herrschte nur Dunkelheit vor. Ein leerer Raum, ein schwarzes Loch, eine riesige Raumschiffwerft ohne Inhalt. Entgeistert schüttelte er den Kopf, aber auch das half nichts. Mit verschwommenem Blick beäugte Gallagher seinen eigenen Text. Todesangst fuhr ihm in die Glieder, als er den letzten Satz las und sich bruchstückhaft an Sequenzen aus seinem Traum erinnerte. Sämtliche Erinnerungen kamen in einem Bruchteil einer Sekunde zurück und überschlugen sich in seinem benebelten Verstand. War nun sein Ende gekommen? Träumte er wieder oder noch immer? Was zum Teufel ging hier eigentlich vor?

Er las den Satz noch einmal. Auf der weißen Monitor Oberfläche stand: Der Schlitzer würde auf seinem röchelnden, davon gleitenden Opfer liegen und sein Geschlechtsteil an dem von Henry Stein reiben und ihm einen romantischen und intensiven Zungen…

-ENDE-


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BUCHTIPP DER REDAKTION:


Gott und das Multiversum (Kartoniert)
Eine theologische Analyse der Multiversentheorie
von Füchtner, Albrecht

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Verlag:  AV Akademikerverlag
Medium:  Buch
Seiten:  128
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  223 x 151 mm
Gewicht:  205 g
ISBN-10:  3639724127
ISBN-13:  9783639724127

Beschreibung
Allein die Vorstellung, dass wir nicht die einzigen Lebewesen in unserem Universum sind, ist für viele Menschen nur schwer nachzuvollziehen – doch wie unglaublich ist dann erst die Überlegung, dass es neben unserem Universum noch unzählige andere gibt? Dies ist gewiss keine reine Science-Fiction! Sogenannte Multiversen werden von Kosmologen und theoretischen Physikern als mögliche Erklärungen angesehen, warum unser Universum ist wie es ist. Doch Kritiker behaupten, dies sei nur ein Versuch den Problemen der aktuellen Forschung aus dem Weg zu gehen und alternative religiöse Interpretationen vom Beginn des Urknalls auszuschließen. Doch ist dem wirklich so? Ist für Gott kein Platz im Multiversum? Oder sind all diese Schlüsse zu schnell gezogen wurden? Das vorliegende Buch betrachtet dazu die Entstehung der Multiversenvorstellung innerhalb verschiedener Bereiche der Physik, um diese im Anschluss aus theologischer Sicht zu analysieren. Dabei werden auf der einen Seite die Probleme und Grenzen von Multiversen aufgezeigt und auf der anderen Seite ihre einzigartige Möglichkeit, den Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie zu verbessern, herausgestellt. Unter Verwendung prozesstheologischer Argumente wird gezeigt, wie man sehr wohl eine Gottesvorstellung mit der Multiversentheorie vereinbaren kann.

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Updated: 2. September 2015 — 00:34

9 Comments

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  1. Hallo Daniel

    Eine geniale Idee, ich möchte es mal mehrdimensionale Realität nennen. Ich denke, die Schlüsselszene ist der Moment in der Gallaher es für möglich hält, die empfundene Realität, den Lauf der Dinge, durch sein Schreiben zu beeinflussen. Dieser Moment und das folgende Handeln enthält noch viel Potenzial, dass noch heraus gekitzelt werden sollte.
    Und ich als Autor erotischer Romane hätte natürlich nur Frauen als Opfer gewählt :))

    Gruß, Günter

  2. Lieber Daniel herzlich willkommen in unserer werten Runde illustrer Autoren. Der Story ist toll. Vor allem der Gedanke als Autor/Autorin eine Welt zu beeinflussen die wir erschaffen haben, 🙂 ist echt gelungen.

  3. Meinte natürlich die Story. 🙂 Immer dieser Fehlerteufel.

  4. Hallo,
    danke für das Feedback und für das Willkommen 😉

    Da kann man sicherlich noch etwas mehr heraus kitzeln, wenn ein Autor seine Realität beeinflusst durch Schreiben. Wird es aber dann nicht so wie Tintenherz?
    Bei der Nachbearbeitung ist mir dazu eine ganze Geschichte eingefallen, in welcher diese Story ein Teil wäre. Vielleicht habe ich ja die Gelegenheit, sie etwas mehr auszukleiden.

  5. Martina Müller

    Schreib das doch einfach und wir stellen es als „neue Version“ rein, Daniel! Gruss MM, das fleissige Bienchen auf sfb! 😉

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