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SIEBEN KUGELN ZUM TURM DER TESTUDEN – (Leseprobe Teil 3) Utopischer Gegenwartsroman von Slov ant Gali

SIEBEN KUGELN ZUM TURM DER TESTUDEN

(Leseprobe Teil 3)

Utopischer Gegenwartsroman

von

Slov ant Gali

(Zum vorherigen Teil)

Die Hellersdorfer Blockade

Notrufmissbrauch zu verfolgen war nicht die Aufgabe des Dienst habenden Oberbrandmeisters in der Feuerwehrleitstelle Charlottenburg. Er hatte jede Meldung ernst zu nehmen. Das fiel ihm allerdings schwer, als ihm aus seiner Notrufleitung eine schrille weibliche Stimme entgegentönte: „Kommen Sie schnell! Es ist furchtbar. Es fließt … Durch unsere Gänge fließt es, schrecklich, nein! Wir werden verschäumt, verglast, zu Brei gemacht. Das haben Sie nie geseh’n. Die dritte Etage ist weg …“

Er hatte die offenbar verwirrte Anruferin ruhig gefragt, wie sie heiße und wo denn die schmelzende Etage sei. Als die Stimme antwortete „Christa Schnee, Hellersdorfer Straße 95!“, sendete er die Daten der Rufrückverfolgung an die dafür gebildete Sonderkommission der Polizei. Aber die Stimme gab nicht auf: „Helfen Sie schnell! Wir sind in der vierten Etage und kommen nicht raus. Die dritte ist weg und gleich bricht das Haus zusammen …“

Mürrisch antwortete er: „Machen Sie sich keine Sorgen. Hilfe ist schon unterwegs.“ Laut Ortung kam der Anruf tatsächlich aus der Hellersdorfer 95. Das wäre neu. Oder eine technische Meisterleistung. Sollte er wirklich wegen eines wahrscheinlich böswilligen Alarms die halbe Berliner Feuerwehr in Bewegung setzen? Aber ignorieren durfte er den Anruf trotzdem nicht. Wenn es nun kein Fake war? Unter einem TH 1 der Hellersdorfer ginge es nicht. Die Feuerwache 62 im Kummerower Ring war ja fast nebenan.

Sechs Pieper meldeten automatisch das Ziel. Der Einsatzleiter griff zum Drucker, fluchte, als er die Adresse las. „Schon wieder!“ Die Staffel rückte aus. Schaum im Chaosblock? 4. OG?! Einsturz? Was sollte der Quatsch?

Als die Männer den Ort des vermeintlich blinden Alarms erreichten, stoppten sie dann doch sehr verwundert. Der Block hatte wie alle hier sechs Etagen. Normalerweise. Jetzt aber schien die dritte etwas flacher als die anderen, so als wäre das Mauerwerk in sich zusammengesackt. Dort, wo die Fensterfront hätte sein sollen, zeichnete sich eine dicke, dunkelgraue Linie ab. In den Fenstern darüber – die gab es noch – hingen die Oberkörper schreiender Menschen. Gerade in dem Augenblick, in dem das Löschfahrzeug hielt, stürzten Teile des Gebäudekomplexes in sich zusammen. Einige von denen, die gerade noch um Hilfe gerufen hatten, flogen in hohem Bogen nach draußen. Für sie kamen die Sprungpolster zu spät. Andere waren noch einen Moment zu sehen, aber sie schrien nicht mehr. Wie zu Puppen erstarrt rutschten sie in ihre Zimmer zurück.

Die Linie an der Außenmauer bestand aus einem teigig wirkenden, teilweise verkrusteten Brei. An seinen Rändern funkelten blaue Tropfen in den Morgen. Vor dem Gebäude lagen Bruchstücke einer menschlichen Gestalt. Zwei Feuerwehrleute, die die Bruchstücke untersuchen wollten, riefen den anderen entsetzt, wenn auch nur bedingt treffend, zu: „Der ist ja mumifiziert!“ Immerhin schafften sie die Reste des Mannes zur Seite.

Der Staffelführer, Brandoberinspektor Pantz, hatte sich und, soweit dies in Anbetracht der Situation überhaupt möglich war, die Lage schnell unter Kontrolle. „Schaum marsch!“, kommandierte er. Blitzschnell entrollte seine Mannschaft die Schläuche. Pantz gab inzwischen der Leitstelle seine Beobachtungen durch. Weithin tönte seine Stimme, während der Löschschaum die unbekannte Masse zu überdecken versuchte: „… Das Gelände weiträumig absperren … alle verfügbaren Staffeln. Schickt den TD 2 aus Marzahn. Wahrscheinlich … noch Verschüttete am Leben … brauchen Spezialisten für mögliche weitere Mumien. Notärzte, Polizei, das ganze Programm! Umliegende Häuser evakuieren … ungehinderten Zugang von allen Seiten …“ Brandoberinspektor Pantz ließ mitten in seinem Redeschwall die Arme sinken. Schwieg ganz kurz. Sagte „Oh, Scheiße!“, was offensichtlich keine Meldung an die Zentrale war.

Gerade waren einige der funkelnden Tropfen durch den Löschschaum hindurch aufgetaucht. Während sie wie frisch poliert glänzten und quietschvergnügt nach einem neuen Betätigungsfeld suchten, glitzerte das, was sie hätte ersticken sollen, weiß und absolut starr. Aber auch dieses Bild blieb nur kurz. Dann sackte der Löschschaum zu grau-braunem Brei zusammen. Von den blau leuchtenden Tropfen sah man nun mehr als vorher.

Geistesgegenwärtig befahl Pantz, die Löscharbeiten sofort einzustellen, dirigierte einige seiner Männer, die ersten Schaulustigen abzudrängen, und setzte den Lagebericht an die Leitstelle fort: „… Die tropfenartigen Gebilde leuchten bläulich wie kleine lebende Gasflammen. Bewegen sich schnell und unregelmäßig, werden ständig mehr. Vernichten alles, was sie berühren. Unklar wie. Richtige Ätzer …“

Die ersten auswärtigen Löschstaffeln trafen ein. Jetzt waren drei Drehleitern mit Korb im Einsatz. Wenn hier schon nichts zu löschen war, so waren doch noch Menschen zu retten. Aus dem früheren fünften Geschoss drang während der ganzen Zeit Geschrei nach draußen. Die Eingeschlossenen konnten sich offenbar nicht mehr selbst in Sicherheit bringen, egal, ob durchs Treppenhaus oder über die inzwischen aufgeblasenen Sprungpolster.

Einer der Feuerwehrmänner näherte sich im Korb stehend dem am besten erhaltenen oberen Fenster. Er streckte schon seine helfenden Hände aus, da erreichten ihn einige der Tropfen vom Breirand. Der Mann erstarrte. Gab keinen Laut von sich. Leuchtete weithin. War eine Figur, die sich langsam auflöste. Auf die Straße klatschte.

Pantz kam nicht mehr dazu, eine Warnung zu brüllen. Starr vor Schreck sah er der Verwandlung zu. Schon löste sich auch die ausgefahrene Leiter auf. Auf der turnte ein Teil der Ätzer dem Löschfahrzeug entgegen. Gleich sind sie da, durchfuhr es Pantz. Sie erwischen meine Leute, Karl ahnt nicht … Pantz sprang auf, fuchtelte mit den Armen, schrie: „Weg, kommt weg da!“

Der Ruf verhallte im allgemeinen Geräuschchaos. Karl, der Maschinist – also der Fahrer, wie ein Nicht-Feuerwehrmann gesagt hätte – bemerkte die Aufregung seines Einsatzleiters. Nie zuvor hatte er seinen Vorgesetzten so wild herumfuchteln sehen. Was der nur hatte? Karl zuckte fragend mit den Schultern, hob die Arme. Pantz rannte los, erreichte die Fahrzeugtür, riss sie auf, packte den Verwunderten … da hatten die Tropfen das Fahrerhaus erreicht.

Pantz sah plötzlich aus, als hätte man ihn als Puppe aus dem Kühlhaus geholt, und seine Kälte verwandelte die Feuchtigkeit der ihn umgebenden Luft in Reif. Aber nur ganz kurz. Dann vollendeten die auf ihm sitzenden Tropfen ihr Werk. Pantz fiel – wie alles andere zuvor – zu Brei zusammen. Dieser Vorgang ging als Spot um die Welt. Ein Reporter hatte, kaum angekommen, seine Kamera auf den Feuerwehrmann gerichtet, Pantz beim Brüllen gefilmt und wie er dem Kameraden vergeblich Zeichen gab, und natürlich hatte er weiter draufgehalten, als Pantz zum Führerhaus lief und, wie in einer Computersimulation, auseinanderfloss … das Eindrucksvollste, was seit Jahren über die Sender gegangen war.

Schaudernde Neugierde war geweckt. Was war da los in Hellersdorf? Die Nachrichten blieben verworren. Ätzer? Sollte man nun in Panik verfallen? „Nein, nein … Na, ja, sie breiten sich ungehindert um den Block herum aus, sind noch nicht zu stoppen … Aber warten Sie auf unsere nächste Liveschaltung, dann erfahren Sie mehr …“

Immerhin wurden neben Feuerwehr und Polizei bald auch Antiterrorkräfte zur Untersuchung und Bekämpfung der Ätzer-Tropfen herangezogen. Und ein Wissenschaftlerteam, das den unbekannten Wesen den Namen Sikroben gab – als Umschreibung dafür, dass diese vielleicht Mikroben ähnlichen Wesen alle befallenen Produkte silizierten.

Am Rande des Geschehens landeten einige von Rahmans Leichenteilen bei der kriminaltechnischen Untersuchung. Wären sie einen Moment länger der Wirkung der Tropfen ausgesetzt gewesen, hätte man nichts zum Untersuchen gehabt und keinen Kristall in der geschlossenen Hand entdeckt. So aber wurde er erfasst, untersucht, eingelagert, ging ein in den Datenwust, den die vielen Untersuchungen produzierten, denn auch andere Spezialisten hatten ihre halb silizierten Teile, aus denen sie vergeblich Erkenntnisse zu gewinnen versuchten.

Was in Hellersdorf für unheimliche Kräfte am Wirken seien? Nun, zumindest habe er so etwas in seinem ganzen Leben nicht gesehen, erklärte der Einsatzleiter der Polizeikräfte in einem TV-Interview. „Es“ scheine kein Leben zu sein, verhalte sich aber irgendwie so, vielleicht sei „es“ eine Chemikalie, er kenne allerdings keine vergleichbare … nur was sollte es sonst sein? „… Liebe Zuschauer, wir werden Sie ständig über den weiteren Gang der Ereignisse auf dem Laufenden halten …“  (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright © 2014 by Slov ant Gali

Bildrechte: Coverillustration “Überraschungsgeschichten-der-besonderen-Art1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Wer möchte, kann den vorliegenden Titel über einen der Bestellinks zu kaufen:

Gali, Slov ant
Sieben Kugeln zum Turm der Testuden
Vielfarbig – Band 4: Erzähltes, utopisch

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Verlag :      Verlag neun9zig
ISBN :      978-3-944907-04-8
Einband :      Paperback
Preisinfo :      9,90 Eur[D] / 9,90 Eur[A] / 14,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 11.04.2014
Seiten/Umfang :      ca. 304 S. – 21,0 x 14,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Produktform (detailliert) :      Fadengeheftet
Erscheinungsdatum :      23.04.2014
Gewicht :      420 g

KLAPPENTEXT
Utopischer Gegenwartsroman: “Allmählich wird es unheimlich. Ein Schwur aus Kinderzeit verbindet das Schicksal von sieben Menschen in ganz anderer Weise, als sie sich das je hätten vorstellen können. Als Kinder waren sie nur verwundert, dass die gefundenen Kugeln seltsam leicht, aber dennoch unzerstörbar waren, später, erwachsen, als die eigentliche Handlung einsetzt, entfalten sich immer neue Kräfte, die nicht leicht zu verstehen sind … Die Halluzinationen, die eine der Kugeln bei Jens Marder auslöst, sind bis zu dem Augenblick, als seine Familie von wütenden Hornissen angegriffen wird, noch richtig angenehm. Dann aber: Weil die ehemaligen Klassenkameraden lange keinen Kontakt zueinander gehabt haben, können sie nicht ahnen, wie unnatürlich ihre Kinder sind, richtiger, die Kinder, die sie für ihre halten. Aus demselben Grund kommen sie lange nicht auf die Idee, dass jener Horror, der von Hellersdorf ausgehend immer weitere Kreise zieht, durch eine ihrer Kugeln ausgelöst worden sein könnte. All das ändert die fast 16jährige Marie als sehr „unorthodoxe“ Heldin erst einmal noch nicht. Die ist immerhin so „unmüd“, mit Freundin Jule, einer Gitarre, dem Buch eines Sektengurus und einem „antimodischen“ Blumenkinderkleid von Eberswalde aus den alles vernichtenden Sikroben nach Berlin entgegenzuziehen – wenn die Welt schon untergeht, dann will sie das wenigstens aktiv erleben. Ähnlich unbekümmert lässt sie später weitere phänomenale Kräfte der mühevoll zusammengetragenen Kugeln auf die Menschheit los, und gegen die nach der absoluten Macht greifenden Wissenschaftlerin und Unternehmerin Petra Herbst kämpft sie mal als Hobby-Wissenschaftlerin, mal als Agentin unter Wüstensonne. Allmählich erschließt sich, was die Kugeln eigentlich hätten sein, wie sie hätten funktionieren sollen. Wer unbedingt über Miss- und Gebrauch von fortschrittlichen Entdeckungen philosophieren möchte, dürfte in diesem Buch ein auf die Spitze getriebenes Beispiel entdecken. Aber auch über Macht, künstliche Intelligenz, Leben und was man so als menschlich ansehen sollte, lässt sich gut diskutieren. Bei allem, was in dem Roman passiert, sind die Übergänge zwischen wissenschaftlich anmutenden Elementen und der dahinter lauernden Spannung fließend – bis hin zum Grauen. Dass Marie trotz einer gewissen Leichtfertigkeit so viele kritische Situationen letztlich meistert, liegt außer an ihrem Mut auch an ihrer Bereitschaft, Ungewöhnliches tolerant anzunehmen.”

DER AUTOR
Der Autor der „Sieben Kugeln“, Slov ant Gali, ist Kind der DDR und hat inzwischen (geschieden) zwei erwachsene Kinder. Bereits als Jugendlicher versuchte er sich am Schreiben, probierte sich zwischenzeitlich in unterschiedlichen Berufen aus; seit fünfzehn Jahren betätigt er sich dauerhaft als Autor von Lyrik und Geschichten, vorzugsweise im Bereich Science-Fiction..

Veröffentlicht wurden in diesem Genre 2009 „Planet der Pondos“, die Geschichte der Eroberung eines idyllischen Halbplaneten durch siedelnde Menschen und das Zusammenfinden von menschlichen und eingeborenen Jugendlichen, 2013 „Der lebende See“, 15 Storys aus verschiedenen Zeiten und Räumen des Alls … und 2014 nun „Sieben Kugeln zum Turm der Testuden“. Mehrere Manuskripte warten noch auf Vollendung. Slov ant Gali ist Vorstandsmitglied im brandenburgischen Landesverband des Verbandes deutscher Schriftsteller.

PRESSETEXT
Die Erde in naher Zukunft. Jahrtausende hatte eine Gabe Außerirdischer im Erdboden gelegen. Ausgerechnet von Kindern gefunden, werden einzelne Kugeln voneinander getrennt, die ihre positive Wirkung nur gemeinsam hätten entfalten können. Aber die den Kugeln innewohnenden Programme laufen automatisch ab, sobald sie aktiviert werden. Und es ist möglich, diese Programme anzuhalten und an eigene Zielvorstellungen anzupassen. Dann bedeuten sie für den, der sie beherrscht, eine gewaltige technologische Überlegenheit gegenüber allem, was bisher auf der Erde bekannt ist. Der Wettlauf, alle Kugeln in Besitz zu bekommen, ist also eine Entscheidung zwischen Weltmacht oder friedlichem Fortschritt. Auf der Seite derer, die den intergalaktischen Kontakts suchen, kämpfen Jugendliche, Kinder und Amateure gegen ebenso geniale wie skrupellose Wissenschaftler.

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Updated: 2. Dezember 2015 — 02:17

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