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Literatur-Blog

sfbasar.de-Story-Wettbewerb 2/2012 – SPONSORING DURCH DEN ARGUMENT VERLAG!

Der Argument Verlag hat uns freundlicherweise ein Buchpaket zur Verfügung gestellt, das der Gewinner der Story für den 5. Platz direkt vom Verlag erhalten wird. Wir danken dem Verlag recht herzlich für seine Unterstützung! Frau Dörte Graul vom Argument Verlag hat sich ausserdem bereit erklärt, bei der Abstimmung mit in der Jury die besten Storys zu bewerten. Vielen Dank dafür schon mal im Voraus. Jetzt aber zum Buchpaket, das der Gewinner auf Platz 5 erhalten wird:

Lindsay Gordon 3
Neuausgabe

Val McDermid
Der Fall
Ariadne Krimi 1033
ISBN 3-88619-533-3

Titel erhältlich bei Libri.de

Journalistin Jackie Mitchell wird wegen Mordes an ihrer Geliebten zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Ein böser Justizirrtum?

Recherche-Ass Lindsay »Flash« Gordon wagt sich aus dem italienischen Exil nach Glasgow zurück, um die Sache unter die Lupe zu nehmen und möglichst Jackies Unschuld nachzuweisen. Außerdem will Lindsay Licht in ihre Herzensangelegenheiten bringen. Doch das gibt ein böses Erwachen…

Die trinkfeste Schottin Lindsay Gordon ist McDermids erste Krimiheldin. Der Fall, ihr dritter Auftritt, wurde 2004 neu übersetzt.

Autorin/Bibliografie

V.L. McDermid alias Val McDermid, Ariadne-Autorin seit 1989, hat sich im Laufe der Jahre zu einer der führenden Crime-Ladys entwickelt. Für ihre Serien um die lesbische Journalistin Lindsay Gordon und die Hardboiled Lady Kate Brannigan erhielt sie diverse internationale Literaturpreise. McDermid gehört mit ihren drei Krimiserien zu den erfolgreichsten Autorinnen Englands. Sie wurde mit dem Gold Dagger geehrt und schreibt an allen drei Serien weiter.

Lindsay Gordon 2
Neuausgabe

Val McDermid
Das Nest

Ariadne Krimi 1021
ISBN 3-88619-521-X

Titel erhältlich bei Libri.de

In der englischen Ortschaft Brownlow Common sind Kernwaffen stationiert. Entsprechend hat sich ein Widerstandsnest formiert: Das Frauenfriedenscamp sorgt mit allerlei politischen Aktionen für Unruhe.

Doch die Glasgower Reporterin Lindsay Gordon wird hellhörig, als von Gewalt die Rede ist – eine der Friedensfrauen soll einem braven Brownlower Steuerzahler die Nase gebrochen haben. Dann spitzen sich die Ereignisse zu, und Lindsay »Flash« Gordon steckt mittendrin ……

Die trinkfeste Schottin Lindsay Gordon ist McDermids erste Krimiheldin. Das Nest, ihr zweiter Auftritt, wurde 2004 neu übersetzt.

Autorin/Bibliografie

V.L. McDermid alias Val McDermid, Ariadne-Autorin seit 1989, hat sich im Laufe der Jahre zu einer der führenden Crime-Ladys entwickelt. Für ihre Serien um die lesbische Journalistin Lindsay Gordon und die Hardboiled Lady Kate Brannigan erhielt sie diverse internationale Literaturpreise. McDermid gehört mit ihren drei Krimiserien zu den erfolgreichsten Autorinnen Englands. Sie wurde mit dem Gold Dagger geehrt und schreibt an allen drei Serien weiter.

Titel erhältlich bei Libri.de

Patricia Carlon
Die flüsternde Wand

Ariadne Krimi 1156
ISBN 3-88619-886-3

Titel erhältlich bei Libri.de

Wenn eine sich nicht rühren kann . . .
»Sie liegt da wie ein Fisch auf der Servierplatte«, sagt ihre Pflegerin, ein Satz, der in Sarahs Kopf zur Endlosschleife gerät. Nach einem Schlaganfall ist sie gelähmt, unfähig, sich zu rühren oder zu sprechen – obwohl sie alles mitbekommt. Sie weiß, dass ihre Nichte Gwenyth hinter ihrem Vermögen her ist. Und durch eine Kaminwand am Kopfende ihres Bettes dringen die Unterhaltungen ihrer neuen Untermieter an ihr Ohr. Leise wie Geflüster, aber wenn man sonst nichts zu tun hat, schärft sich die Wahrnehmung. Und so erfährt Sarah von einem perfiden Mordplan…

Ein beklemmender Thriller in der Tradition von Fenster zum Hof und ein anrührender Roman über die Freundschaft zwischen einer kranken alten Frau und einem unerschrockenen Mädchen.

»Dieses faszinierende australische Psychodrama ist eine herausragend treffende Studie ohnmächtigen Schreckens und zugleich eine raffinierte Lektion zum Thema Tücken der Kommunikation.« The New York Times Book Review

»Wie Rendell und Highsmith erschafft Carlon eine Atmosphäre klaustrophobischer Bedrohlichkeit.« Mostly Murder

Leseprobe

Kapitel 1

Manchmal stellte sich Sarah vor, der Tod lauere hinter den schweren dunklen Türen des Eckschranks und beobachte sie mit einem hellen, wissenden, aufmerksamen Auge. Das geschah in den Nächten, wenn das Licht durch einen Gardinenspalt ins Zimmer fiel und auf das große runde Schlüsselloch schien, bis es funkelte, ein heller Kreis, der ihr aus dem Dunkel zuzwinkerte.

Dann überlegte sie, was wohl Bragg zu dieser Vorstellung sagen würde, und war froh, dass sie nicht in Versuchung kommen konnte, in einem unbedachten, einsamen Augenblick ihre nächtlichen Ängste auszuplaudern, und dann sehen müsste, wie die blassen Augen das Mitleid in der triefenden Stimme widerspiegelten.

Wie sie so dalag und nichts weiter zu tun hatte als denken, erinnerte sie sich an kleine Einzelheiten aus ihrem Leben und aus dem Leben anderer; Belanglosigkeiten, an die sie nie zuvor gedacht hatte – zum Beispiel eine karierte Schärpe, die sie mit vier verloren und schmerzlich vermisst hatte; an den Tod eines Kanarienvogels; eine vergessene Schulaufgabe; an heiße Sommersonntage und einen jungen Geistlichen, der bei seiner Predigt stotterte, weil er wusste, dass seine Zuhörer ihn mit seinem Vorgänger verglichen und unzulänglich fanden. An heiße Sommersonntage erinnerte Sarah sich, und auch an ihren Groll, dass sie in der überfüllten Kirche eingepfercht war, wenn doch der ganze Sommer – die offenen Koppeln, das Zirpen der Zikaden, der kühle Samt brauner Creekwasser – draußen auf sie wartete, während sie in einem gestärkten Baumwollkleid stillsitzen und einer stotternden Stimme zuhören musste.

Wie sie so dalag, fünfzig Jahre und tausend Meilen von den Koppeln und dem zehnjährigen Kind entfernt, erinnerte sich Sarah auch an einzelne Bröckchen aus den Predigten. Das wollte sie nicht, es war ihr unbehaglich, die jugendliche stammelnde Stimme wiederzuhören, die von Menschen und Hass und Sünde sprach.

Wegen dieser Erinnerung hatte sie Schuldgefühle, denn sie hasste Bragg so sehr, von der sanft säuselnden Stimme bis zu den speckigen Händen, und dieser Hass war unangemessen und ungerecht, das wusste sie. Es war wirklich eine große Sünde, Bragg zu hassen, die kompetent war und sich für freundlich und tröstlich hielt, eine Zierde der Krankenpflege.

Aber wie, grübelte Sarah, konnte man für eine Person, die in jeden Intimbereich eindrang, die alles über einen wusste, oder sich das jedenfalls einbildete, und dieses Wissen über den reglos liegenden Körper hinweg zum Besten gab; die einen ›Sie Arme‹ nannte und einen wieder und wieder mit einem Fisch auf der Servierplatte verglich, etwas anderes als Hass empfinden?

In solchen Augenblicken bedauerte Sarah heftig, dass sie ihre Stimme verloren hatte. Gern hätte sie Bragg auf den Kopf zugesagt, was sie, Sarah, von dieser scheußlichen Phrase hielt; aber zu anderen Zeiten, in den einsamen, dunklen Zeiten, war sie froh, dass sie nicht mehr sprechen konnte, sonst würde alles aus ihr hervorbrechen und an Braggs aufmerksame Ohren dringen, nur um später dem Arzt und alten Freunden aufgetischt zu werden – über den Schrank und das helle wissende wachsame Auge in der Nacht und hundert andere Dinge, die besser ungesagt blieben.

Wenn Sarah an die Frau dachte, dann schlicht als Bragg. Nicht mal als Schwester Bragg oder Pflegerin Bragg, und ganz bestimmt nicht als Cornelia, obwohl an dem ersten Morgen, als Sarah die Welt wieder wahrnahm, Bragg auf sie heruntergelächelt, mit ihrer dicken Hand Sarahs getätschelt und gesagt hatte: »Hallo, meine Liebe. Wie schön, dass Sie endlich wach sind. Ich bin Cornelia Bragg, meine Liebe. Denken Sie an mich einfach als Cornelia, so wie alle meine Freunde.« Und dann hatte Mitleid die blassen Augen verdunkelt, sie hatte sich an den Arzt gewandt und mit ihrer dicken, klebrigen Stimme gesäuselt: »Nicht ein Blinzeln, Doktor. Meinen Sie, sie kann hören? Sie liegt da wie ein Fisch auf der Servierplatte, und genauso lebendig, die Arme.«

Sarah hasste die Erinnerung an diese Phrase, an das erste Mal, als sie sie gehört hatte. Denn dann fiel ihr wieder ein, wie die Erkenntnis langsam durchgesickert und schließlich wie eine beängstigende Flutwelle über sie hereingebrochen war – die Erkenntnis, dass sie weder sprechen noch sich bewegen konnte – dass ihr Geist in etwas Unbeweglichem gefangen und sie nicht in der Lage war, dieses Etwas ihrem Willen zu unterwerfen; dass sie, wie Bragg behauptete, nur mehr ein lebloser Fisch auf einer Servierplatte war, zur Besichtigung ausgelegt, und von jedermann untersucht und befingert werden konnte.

Es gab nur das Buch, an dem sie sich festhalten konnte. Sarah wusste nicht mehr, wann sie es gelesen hatte, aber es handelte von einer Person in derselben Lage – durch einen grausamen, unvorhergesehenen Schlaganfall an Körper und Stimme gelähmt.

Darin hatte es geheißen, dass der Körper des Opfers sich schwer wie Blei anfühlte. Sarah hätte dem Autor gern geschrieben und ihm gesagt, dass er keine Ahnung hatte, denn in ihrem Fall hatte der Körper die Leichtigkeit von Distelflaum. Distelflaum konnte weder Butterbrot schmieren noch Frühstücksflocken löffeln oder strampeln. Manchmal ergötzte sich Sarah an der Vorstellung, was Bragg für ein Gesicht machen würde, wenn ihre Patientin es irgendwie schaffen sollte, plötzlich die Bettdecke hochzutreten. Aber Distelflaum lag nur da und wartete darauf, dass etwas oder jemand sie anderswohin bewegte.

Noch etwas erinnerte Sarah aus dem Buch – und klammerte sich in verzweifelter Hoffnung daran. Das Opfer dieses Schlaganfalls hatte sich zum Schluss erholt. Oh, nicht vollständig, aber ausreichend. Sie konnte sich nicht erinnern, ob ein Bein oder ein Arm weiterhin versagt hatte, aber was es auch war, gemessen an der Hauptsache – dass nämlich der Rest der Person wieder zu Leben und Bewegung zurückkehrte – war es eine Kleinigkeit gewesen.

Wann immer Bragg oder einer der Besucher, die kamen und Sarah anstarrten und mitleidige Geräusche machten, sie besonders angestrengt hatten, dachte Sarah an das Buch und an die schöne Zeit, wenn sie wieder Mrs. Sarah Oatland sein würde und nicht nur ein Fisch auf einer Platte, der angestarrt und als wertlos, oder schlimmer, als Last bezeichnet wurde.

Für Gwenyth war sie eine Last. Das wusste sie, weil Gwenyth sich nicht verstellen konnte. Die gut genährte, adrett gekleidete Gestalt ließ sich nie dazu herab, wie eine alte Freundin am Bett zu sitzen und zumindest ein Weilchen so zu tun, als wäre Sarah noch ein lebendiges Wesen und könnte die Worte verstehen, die sie sagte, auch wenn sie nicht darauf reagierte. Gwenyths Besuche waren kurz. Sie kam einzig und allein, um ein Auge auf Bragg zu haben, das spürte Sarah und erkannte an Braggs Gesicht und Stimme, dass die Pflegerin es ebenfalls wusste. Gwenyth machte auch keinen Hehl daraus. Sie kam immer unangekündigt, stand plötzlich im Eingang zu Sarahs Zimmer und stocherte mit dunklen Augen darin herum, wobei sie den Standort jeder Nippsache, jeder Kleinigkeit inspizierte. Eines Tages war einer der Schäferinnen-Leuchter auf dem Kaminsims aus irgendeinem Grund in ein anderes Zimmer gestellt worden. Gwenyths stets streng erhobenes Kinn – eine Maßnahme gegen die Anfänge eines Doppelkinns – hob sich noch höher. Ihre dünne Stimme schnitt anklagend durch die warme stille Luft in Sarahs Zimmer: »Schwester, was haben Sie mit der Schäferin meiner Tante gemacht?«

Sarah hatte sich amüsiert über das, was darauf folgte. Bragg reckte ihr ebenso strenges Kinn und sagte unverblümt: »Ich bin damit nicht ins nächste Pfandhaus gerannt, Mrs. Oatland. Sie sind äußerst misstrauisch veranlagt, nicht?« Und auf Gwenyths Verblüffung fügte sie triumphierend hinzu: »Sie können mich gern feuern, wenn Sie wollen – oder wenn der Arzt es zulässt –, aber dann pflegen Sie die gute Alte selbst. Nicht eine Pflegerin unter hundert nimmt so einen Fall. Zu viel schweres Heben und Aufsicht rund um die Uhr.«

Gwenyths Wut schrumpfte zu einer eisigen spitzen Bemerkung. »Das ist lächerlich. Sie haben keinen Grund, ausfallend zu werden. Ich habe eine Verpflichtung meiner Tante gegenüber. Sie ist ja nicht in der Lage, selbst auf ihre Sachen zu achten. Ich habe Sie nicht beschuldigt, aber hier gehen dauernd Leute ein und aus, und der Besitz meiner Tante –«

Bragg hatte maliziös gelächelt. Keine Spur von Einlenken in ihrem schnippischen: »… wird eines Tages Ihnen gehören, und Sie haben ein Auge darauf. Nur zu. Mir soll’s recht sein, solange Sie nicht erwarten, dass ich für die Sachen verantwortlich bin. Wenn Sie Angst haben, dass etwas verschwindet, ehe Sie es in die Finger kriegen, können Sie jederzeit hier einziehen und mir bei der guten Alten zur Hand gehen.«

Sarah hatte gewusst, dass das nicht passieren würde, und war dankbar dafür. Als Witwe mittleren Alters hatte Gwenyth ihre eigene kleine Wohnung und ihre Annehmlichkeiten, die sie niemals aufgeben würde, schon gar nicht für eine angeheiratete Tante, die jetzt nur noch eine Last war und Gwenyth daran hinderte, das große Haus an der Parkland Avenue zu übernehmen. Ihre unangemeldeten Kontrollbesuche waren aber weitergegangen, und ihre Feindseligkeit gegen Bragg hatte zugenommen. Manchmal dachte Sarah, dass es zum Teil diese Feindseligkeit war, die Gwenyth dazu brachte, so offen zu sprechen und Braggs geflüstertes »So sollten Sie vor der guten Alten nicht sprechen. Sie könnte jedes Wort verstehen, und stellen Sie sich vor, wie Ihnen zumute wäre, wenn …« beiseite zu wischen.

»Seien Sie nicht albern«, hatte Gwenyth einmal erwidert. »Meine Tante vegetiert doch nur noch dahin wie eine Pflanze.«

Dies eine Mal hatte sich Sarah für Bragg erwärmt. »Es gibt ein Menge Pflanzen, die ganz plötzlich frische Triebe entwickeln«, hatte sie gekontert. »Schauen Sie sich nur die Zwiebeln an – braune vertrocknete Dinger – und plötzlich treiben sie neu aus und sind wieder voller Leben.«

Gwenyth hatte nicht gelacht, aber Sarah hatte sich gewünscht, sie selbst könnte darüber lachen. Allein in der Dunkelheit, wenn nur das helle Schlüsselloch sie beobachtete, fand sie nichts Komisches daran, eine Mischung aus Fisch und Zwiebel zu sein. Es war abstoßend. Sie konnte sich immer noch an die verzweifelte Übelkeit erinnern, die sie an jenem Morgen empfunden hatte, denn das war der Tag gewesen, an dem Gwenyth beschlossen hatte, das Haus müsste aufgeteilt werden.

Wie üblich hatte sie neben dem Bett gestanden und Sarah nicht ein einziges Mal angeschaut, während sie sprach – vielleicht, hatte Sarah bitter gedacht, weil sie fürchtete, in den Tiefen der erloschenen Augen Protest, Panik und Entsetzen zu sehen. Sie hatte knapp erklärt: »Schwester, ich habe mit dem Arzt gesprochen. Wie es scheint, kann niemand sagen, wie lange meine Tante auf diese Art weiterlebt. Seit ihrem Schlaganfall sind jetzt sechs Wochen vergangen – über sechs Wochen und …«

Bragg hatte erschrocken und empört geklungen. »Sie meinen, Sie wollen das Haus über den Kopf der armen Alten hinweg verkaufen? Wo soll sie dann hin? Zu Ihnen?«

»Seien Sie nicht albern«, hatte Gwenyth müde erwidert. »Ich kann das Haus nicht verkaufen. Ich habe nicht die Vollmacht, aber ihr Anwalt sagt, dass Teile davon vermietet werden können. Für den Anfang wäre da diese kleine Wohnung im Parterre hinten. Die hat mein Onkel vor Jahren einrichten lassen, um eine Haushälterin zum Bleiben zu verlocken. Sie wissen, wie es ist – um jemanden dazu zu kriegen, dass er ein bisschen sauber macht, muss man ihm den Himmel auf Erden bieten.« Sie zuckte ungeduldig die runden Schultern. »Aber damit war Schluss, als Onkel starb. Für Haushaltshilfen war kein Geld mehr da. Außerdem sagte meine Tante, es gäbe keine Arbeit für irgendwen und sie kümmere sich lieber selbst um ihre Sachen. Nicht mal vermieten wollte sie.« Die glatte weiße Stirn runzelte sich empört. »Dabei hätte sie seit Jahren Einnahmen aus dieser Wohnung haben können. Sie ist in sich abgeschlossen, und im vorderen Parterre fehlt nur ein Herd. Da ist der kleine Raum mit der Spüle. Wenn man da einen Herd reinstellt – man müsste sicher nur die Gasleitung verlängern, das würde nicht viel kosten –, dann ist es eine Küche. Eine Dusche ist schon da. Und die Tür auf dem oberen Treppenabsatz kann man abschließen. Das würde zwei Wohnungen im Parterre bedeuten und etwas Geld bringen. Sie wird es brauchen. Sie könnte Jahre in diesem Zustand verbringen. Oder nicht?«

Sarah wollte protestieren. Sie wollte schreien, dass sie das Haus nicht teilen wollte, nicht wollte, dass sich Fremde in ihren geliebten Zimmern herumtrieben und ihre alten, mit viel Liebe und Fürsorge polierten Möbel anfassten; und vor allem wollte sie gegen diese ultimative Herausforderung an Bragg protestieren. Sie wartete darauf, dass die Frau es abstritt, aber Bragg schüttelte nur den Kopf und wisperte: »So sollten Sie nicht reden. Die Ärmste könnte jedes Wort verstehen.«

»Ach, hören Sie auf, sich wie eine Idiotin zu benehmen!« Gwenyth wandte sich ungeduldig ab. »Wenn irgendein Leben in ihr steckte, hätte sich das in ihren Augen gezeigt, als ich über das Haus sprach. Das Haus«, plötzlich war reine Wut in der dünnen Stimme, »ist das Einzige, das ihr etwas bedeutet hat, seit mein Onkel tot ist. Sie wollte es nicht verkaufen, sie wollte es nicht vermieten, sie wollte sich von keinem einzigen Möbelstück trennen, weil es zu dem elenden Haus gehörte und der Gedanke, dass eine Ecke leer stehen könnte, ihr unerträglich war …«

Da hatte Bragg gelacht. Sarah fand, ihr Lachen war das Netteste an Bragg. Es war fröhlich und jugendlich, selbst wenn es spöttisch war wie jetzt, als sie sagte: »Sie haben sie um ein paar Möbel gebeten, um ihre eigene Wohnung einzurichten, was? Und sie hat Ihnen den Kopf zurechtgesetzt?«

Gwenyth hatte sich beherrscht und nur gesagt: »Mein Mann war im diplomatischen Dienst. Wir hatten keine Gelegenheit, eigenen Besitz anzusammeln. Als er starb und ich hierher zurückkam, gehörten die Möbel meinem Onkel – dem Onkel meines Mannes … Einige davon«, fuhr sie fort, »gehörten Onkels Eltern.«

»Genau betrachtet steht die liebe Alte den Großeltern näher als Sie, nicht wahr? Und offenbar hat er alles der lieben Alten hinterlassen, also …«

Gwenyth hatte sich abgewandt und nur noch über die Schulter gesagt: »Nachher kommt jemand und kümmert sich um den Herd unten. Die Annonce wegen der hinteren Wohnung steht morgen in der Zeitung. Ich werde dann hier sein und mögliche Interessenten herumführen.«

Sie war allein hinausgegangen wie immer, und Bragg war an Sarahs Bett zurückgekommen, hatte sich in dem großen Korbsessel niedergelassen und zu Sarah gesagt: »Ein Gutes hat es, meine Liebe. Die wird nie jemanden in die Wohnung lassen, der nicht über allen Zweifel erhaben ist. Da unten werden Leute wohnen, die so respektabel sind, dass sie niemals Fritten aus Zeitungspapier essen. Die werden extrem pingelig sein, Sie werden sehen, aber das ist ja auch gut so. Dann müssen Sie sich keine Sorgen machen, dass sie mit Ihren Sachen abhauen oder die Wohnung verschandeln. Nicht, dass Sie sich Sorgen machen könnten, nicht wahr?« Das lange Gesicht beugte sich über das Bett, die blassen Augen erforschten Sarahs Gesichtszüge. »Ich wünschte, ich wüsste, ob Sie sich Sorgen machen können.« Es war Unsicherheit in ihrer Sirupstimme gewesen, die langsamer gesprochen hatte und jedes Wort sorgfältig vom nächsten trennte. »Wenn Sie verstehen, was sie gesagt hat, was ich sage, dann sollen Sie sich keine Sorgen machen. Sie wird an jemanden vermieten, der sich um Ihre Sachen kümmert. Sie wird nicht zulassen, dass etwas damit passiert. Niemals.«

Das lange Gesicht zog sich zurück. Zwischen ihnen lag die unausgesprochene Gewissheit, dass Gwenyth nur darauf wartete, dass die Pflanze, der Fisch auf der Platte, starb … – Weiter geht es im Buch!

Titel erhältlich bei Libri.de

Christine Lehmann
Harte Schule

Ariadne Krimi 1157
ISBN 978-3-88619-887-0

Titel erhältlich bei Libri.de

Die Stuttgarter Journalistin Lisa Nerz recherchiert für eine Story über den Mord an einem Lehrer. Prompt pfeift ihr Chef, dessen Gattin am selben Gymnasium unterrichtet, sie zurück. Doch so leicht lässt Lisa Nerz sich nicht ausbremsen, und sie entdeckt schnell, dass es bei diesem Mord kaum um die Affekthandlung eines Schülers gehen kann. Vielmehr wittert sie einen Zusammenhang mit einer Strafanzeige, bei der es um Videoproduktionen und Minderjährige geht…
Ein knallharter Stuttgarter Whodunnit, der zynisch und treffsicher das Lebensgefühl heutiger Jugendlicher auf den Punkt bringt.

Ausgewählte Pressestimmen

»Christine Lehmann ist den meisten deutschen Krimischreibern stilistisch haushoch überlegen. Man kann sich diesen Sound nicht antrainieren. Bei Lehmann beruht er auf Menschenkenntnis, Lebenserfahrung, Selbstironie und Belesenheit.« Perlentaucher

»Einsam, aufsässig und notorisch respektlos – ein klarer Fall von hard-boiled woman.« Konkret

»Christine Lehmann schreibt mit Herz und, eine Rarität im D-Krimi, (Wort-)Witz.«
Tobias Gohlis, Die Zeit

»Harte Schule ist aus zwei Gründen ein sehr empfehlenswerter Roman. Weil Lehmann mit nie aufgesetzt wirkender sprachlicher Chuzpe zu Werke geht, also gerne simple Floskeln ins Originelle dreht, durch Wechsel von Adjektiven oder Verberfindungen. Und weil sich hier ein überzeugendes Bild von Jugendlichen findet, eine Mischung aus Kälte und Unbedarftheit, Zynismus und Romantik, Hormonkiller und Stilwillen.« Stuttgarter Zeitung

Leseprobe

Chefredakteur Hermann Elsäßer stand an der Kaffeemaschine, biss auf seiner Pfeife herum und kontaminierte den Kaffee mit drei Pillen Süßstoff. »Frau Nerz, wie Sie wissen, unterrichtet meine Frau am Paul-Häberlin-Gymnasium.« Elsäßer war sonst nicht der Mann, der den Verheirateten herauskehrte. »Also machen Sie bitte keine große Geschichte draus.«
Ich nahm Zucker. »Woraus denn?«
Er kraulte sich den Vollbart. »Irgendein Deutschlehrer ist ermordet worden. Und behandeln Sie mir die Volontärin pfleglich!«
Volontärin Isolde Ringolf saß in meiner Zelle im Großraumbüro des Stuttgarter Anzeigers auf meinem Stuhl vor meinem Bildschirm und surfte durch die Agenturmeldungen. Der Duft von Laura Biagottis Venezia harmonierte mit einem orangeroten Leinenblazer, einer beigefarbenen Seidenbluse und einem braunen Wickelrock mit orangeroten Streifen. Sie war blond. Auf dem Näschen saß ein randloses Titanmodell. Sie war hochintelligente unter dreißig, und ich hatte sie jetzt für einen Monat am Hals.
»Was wissen Sie über das Paul-Häberlin-Gymnasium?«
»Paul Häberlin«, sagte sie, »war ein Pädagoge und Philosoph, ein Existenzialist. Er entwickelte eine Ontologie von Individualität…«
»Was auch immer das ist.«
Isoldes Augenbrauen rutschten hoch. »Ontologie? Die Lehre vom Sein.«
»Ich meine Individualität.«
Sie lächelte spöttisch. Als ich nach meiner Lederjacke griff, nahm sie einen karamellfarbenen Kamelhaarmantel vom Haken.
»Und wo wollen Sie hin?«, erkundigte ich mich.
»Ich dachte, wir…«
»Wissen Sie, was eine Blondine mit zwei Gehirnzellen ist?«
Sie runzelte die Stirn.
»Schwanger.«
Hinter den entspiegelten Gläsern brodelte blaues Gift. Ich meldete uns im Sekretariat zur Recherche ab und hielt meiner schönen, verstockten Begleiterin die Türen auf, die sich uns auf dem Weg zum Parkplatz entgegenstellten. Ihr »Danke« klang wie Zitronenbonbons mit Vitamin-C-Zusatz. […]
Ehe ich in den Schulhof sprang, hatte ich Christoph Weininger ausgemacht. Er neigte zu weißen Socken, die vor der schwarzen Plane blitzten.
»Ich kann dir nichts sagen«, sagte er.
»Brauchst du auch nicht. Warum liegt die Leiche noch hier?«
»Glatteis. Der Leichenwagen steckt im Stau. Es sind wieder alle Hausfrauen mit Sommerreifen losgefahren und haben sich quergestellt.« Er blies in die rot gefrorenen Hände und steckte sie dann in die wattierte rote Weste. Christoph war ein kleiner Schlägertyp mit stoppeligem Schädel und einem Gesicht zwischen Biergemütlichkeit und Strafbarkeitsvermutung.
»Wer hat ihn gefunden?«, erkundigte ich mich.
»Der Hausmeister und eine Turnlehrerin, heute früh beim Aufschließen, gegen halb acht.«
Ich hätte gern die Plane angehoben. Aber die Spurensicherung ließ niemanden mehr ran. Der Tote lag kopfseits an einem sechseckigen Blumenkübel aus Beton, in dem ein kahles Bäumchen kümmerte. »Wie ist er gestorben?«
Christoph hob die breiten Schultern. »Möglicherweise ausgerutscht und rückwärts gegen den Kübel gefallen.«
»Das klingt nicht nach Mord.«
»Dazu kann ich nichts sagen.« Christoph blinzelte an mir vorbei. Eine Frau stürzte auf uns zu. In Regenjacke, Jeans, Turnschuhen und mit dem mausgrauen Kurzhaarschnitt über dem Backpflaumengesicht schien sie seit Jahrzehnten erpicht darauf zu beweisen, dass sie der Abteilung bester Mann war.
»Was machen Sie hier? Wer sind Sie?«
»Nerz.« Ich senkte meine Stimme um eine halbe Oktave. »Hat man Sie nicht informiert? Ich bin der Stuntman. Dezernat für aktionsorientierten Lokaltermin, DALT, im Volksmund Stuntmen genannt. Wir stellen den Tathergang gerichtsverwertbar nach, sobald es der materielle Befund erlaubt. Ich kann nichts dafür. Die Idee stammt von unserem rührigen Polizeipräsidenten. Wir sind beim Referat Ärztlicher Dienst angesiedelt. Versuchsphase. Ich sollte einen Blick auf die Angelegenheit hier werfen. Und wer sind Sie?«
Christoph drehte sich schnell weg und machte sich fremd.
»EKHK Beckstein. Und Sie verpissen sich! Verarschen kann ich mich selber.«
Erste Kriminalhauptkommissarin also, Leiterin des Dezernats1.1 für Tötungsdelikte und Todesermittlungen, das war neu. Eine wackere Frau, die ihre Untergebenen mit ihrer physischen Gegenwart beglückte und sich nicht zu schade war, eigenhändig nach einem Streifenpolizisten zu winken, der mich abführte.
Mit dem Klingeln zur Pause erschienen an den Fenstern zum Hof Gesichter. Die Gänge waren plötzlich voll von Orange, Giftgrün und DDR-Blau mit weißen Streifen und viel Nabelfrei. Die jungen Türken in gestreiftem Adidas mit Messern in den Taschen. Die Lans in weißen Hosen mit zu Krönchen und Kränzchen gegelten Farbstoffhaaren, bei ihnen die Schminkmädels mit quellendem Busen und so knappen Hüftjeans, dass der Stringtanga rausguckte. Den Skatern hingen die Hosen von den Hinterbacken, der Hosenboden in den Kniekehlen. Hin und wieder ein Skin mit Springerstiefeln, ein Punk mit Hahnenkamm, ein Gruftie ganz in Schwarz und Samt. Was war das nur für ein Rektor, der den Unterricht voll durchziehen ließ, während der Deutschlehrer auf dem Schulhof erkaltete.
Die Glieder des Lehrkörpers, die im zweiten Stock aschgesichtig dem Lehrerzimmer zueilten, waren schon reichlich gichtig, keiner unter fünfzig. Da fiel es auf, dass der albinoblonde Mann im grauen Zweireiher, der, gefolgt von Isolde, aus dem Rektorat kam, kaum die vierzig erreicht haben konnte.
»Wie gesagt«, sagte er, »ich muss erst einmal das Kollegium informieren.«
»Aber natürlich«, antwortete Isolde. »Wir warten gern.«
Otter war ein pigmentarmes Prachtexemplar von einem breitärschigen Jungkarrieristen, der außer einer Topausbildung in Menschenführung und dem richtigen Parteibuch noch ein Schweinsgesicht ins Amt einbrachte. Wieder einmal wäre ich gern Mäuschen im Lehrerzimmer gewesen. Wenn Isolde behauptete, sie warte gern, war sie keine Journalistin. Jetzt wollte sie auf dem Schulhof Jugendliche befragen.
Ein Junge, gerade mal elf oder zwölf Jahre klein, sprang uns auf der Treppe entgegen und fuhr just in dem Moment, da er zwischen uns durchhuschte, die Ellbogen aus. Mich traf er an der Brust. Auch Isolde japste. Ich erwischte ihn am Kragen. Sein Maul feixte noch, aber seine Augen weiteten sich schon. Kurzerhand fasste ich ihm in den Schritt.
»He, was machen Sie denn da!«, rief jemand von unten.
Der Bub riss sich los. Eine Lehrerin stieg mit fliegenden Grauhaaren die Treppe hinauf. Isolde war auffällig sprachlos.
»Wir wollen zu Herrn Otter«, sagte ich.
»Das Rektorat befindet sich aber oben.« Die Lehrerin machte graue Augen hinter den Brillengläsern und zupfte am violetten Halstuch. Sie war dem, was sie gesehen hatte, sprachlich im Moment nicht gewachsen. Überdies fantasiert jeder Mensch, der dazu verdammt ist, sich als Lehrer auf die Gewalt des Wortes zu beschränken, zuweilen von handgreiflicher Zurechtweisung der Rabauken. Isolde und ich kehrten um und fanden zwischen den Grünkübeln Platz. Mit dem Klingeln zum Pausenende erschien Otter.
»Frau äh Ringolf. Von welcher Zeitung waren Sie doch gleich noch mal?« Er öffnete die Tür zum Sekretariat und dann das zu seinem Büro.
»Das ist meine Kollegin Lisa Nerz«, hechelte Isolde hinterher.
Otter eroberte seinen Schreibtisch. Der Stuhl dahinter machte ihn optisch größer. Wir nahmen auf Stühlen davor Platz. Isolde schlug die Beine übereinander. Der Wickelrock klaffte, wie es sich gehörte. Otter nahm seinen glasigen Blick an die Kandare. »Wie gesagt, ich kann Ihnen auch nichts sagen. Wir sind entsetzt und schockiert über diese feige Tat. Herr äh Marquardt war–«
»Dann war es Mord?«, unterbrach ich.
Otters Äuglein hielten es nur Bruchteile von Sekunden auf meinem Gesicht aus. »Wie gesagt, Frau äh Ringolf, Sie werden verstehen, dass ich zu diesem Zeitpunkt natürlich keinerlei Auskunft geben kann, um die polizeilichen Ermittlungen nicht zu gefährden. Herr Marquardt unterrichtete an dieser Schule Deutsch und Ethik seit nunmehr fünf Jahren. Er war ein engagierter Kollege. Ich habe seine Beförderung zum Oberstudiendirektor befürwortet. Er war ein sehr beliebter Kollege…«
»Bei wem?«, fragte ich. »Bei den Schülern oder bei seinen Kollegen?«
Otter blinzelte. »Die Türken gingen sogar zu ihm in den Ethikunterricht. Aber«, an Isolde gewandt, »das schreiben Sie bitte nicht, denn sonst steht morgen der Imam bei mir im Vorzimmer. Wir haben hier einen Ausländeranteil von dreißig Prozent.«
»Verstehe«, seufzte Isolde aus tiefster deutscher Seele. »Da ist die Gewaltrate sicherlich hoch.«
Otter versteifte sich. »Eine konsequente Erziehung zur Leistungsbereitschaft und Demokratie ist der beste Schutz vor politisch motivierter Gewalt. Ich darf wohl sagen, dass wir an dieser Schule bislang keine derartigen Vorkommnisse hatten. Diese erschütternde Bluttat ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar.«
Niemand verlangte von Otter, dass er einen Mord nachvollzog.
»Ist Herr Marquardt verheiratet?«, erkundigte ich mich.
»Nein.«
»War er schwul?«
Otter zog das Kinn an. »Wie gesagt, ich kann hier, selbst wenn ich es wüsste, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes über private Dinge natürlich keine Auskunft geben.« Er schaute auf die Uhr.
»Natürlich«, sprang ihm Isolde bei. »Wir haben ja auch schon viel von Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch genommen. Allerdings hätten wir da noch eine kleine Bitte. Wäre es wohl möglich, ein paar Worte mit Marquardts Klasse zu sprechen? Ein paar Schülerstimmen würden das Bild abrunden.«
Warum war Isolde nur so darauf erpicht, mit Jugendlichen zu reden? Otter errötete, quetschte sich hinter seinem Schreibtisch hervor und ließ sich von Frau Bluthaupt, die sich auf allerhöchsten Stöckelschuhen in Zeitlupe zu den Stundenplanaushängen bewegte, sagen, wo die Klasse 8b Unterricht hatte. Ich fragte mich, was Schüler von einem Rektor hielten, der immer rot anlief. Was er von Schülern hielt, offenbarte er Isolde beim Gang durch die Gänge. Rechtschreibung mangelhaft, Rechnen ungenügend. »Hätten wir bei Pisa mitgemacht, Deutschland wäre Letzter geworden.« In einer Zeit, da sich das Weltwissen in einem Jahr verfünffache, komme es auf die Grundlagen an und darauf, dass die Schüler das Lernen lernten. Otter setzte auf die Vermehrung von Datenträgern. Gleich bei Amtsantritt hatte er den EDV-Raum ausgebaut. Leider versagten die Rechner zuverlässiger den Dienst als ein Lehrer mit Burn-out-Syndrom. Isolde gab sich als Philosophin und Politologin zu erkennen. Ich trottelte hinterher und spielte mit dem Gedanken, ihr in den Nietenabsatz zu treten.
Otter atmete durch, ehe er die Hand mit dem Ring am kleinen Finger auf die Klinke einer Klassenzimmertür legte. Dann trat er schwungvoll ein und überraschte Madame Hoffmann mitten im Wort il meurt.
»Entschuldigen Sie die Störung. Hier sind zwei äh Damen von der Presse.«
Madame Hoffmann schob scharfen Protest auf ihr Gesicht, doch als ihr Blick auf mich fiel, wichen die Gesichtszüge erschrocken zurück. Manche Schöngeister konnten sich schlecht beherrschen, wenn sie die Narbe erblickten, die mein Gesicht spaltete.
Otter verabschiedete sich von Isolde mit eiligem Handschlag und schwitzte hinaus. Isolde ging zur Tafel hinüber. Ich blieb bei der Tür und lehnte mich gegen den Rahmen. Da Isolde bei der Lehrerin stand, musste sie nun auch etwas sagen.
»Ja, äh, ihr wisst doch alle, was euerm Deutschlehrer, dem Herrn Marquardt, zugestoßen ist.«
Die Schüler lümmelten.
»Ihr seid doch sicher alle sehr betroffen.«
Ich erhaschte den hellblauen Blick einer gefärbten Blondine in der zweiten Bank. Sie hatte einen Teint wie Milch und Zucker.
»Herr Marquardt war doch ein beliebter Lehrer«, krampfte Isolde weiter.
Neben der Aquamarinblondine saß eine dicke Brünette mit Ringen an jedem Finger und nabelfreiem Streifenwestchen. Sie starrte mich hemmungslos an. Die Grunge-Lady hinter ihr nahm verstohlen den Walkman aus den Ohren. Sie trug drei Lagen laufmaschiger, auf links gedrehter Strickpullover übereinander. Vier blankäugige Südländer in blauen Trainingsanzügen flegelten hinten.
»Wir möchten«, holte Isolde aus, »etwas über die schreckliche Tat in der Zeitung bringen. Dafür brauchen wir noch ein paar Schülerstimmen…«
Ich zog die Hand aus der Jackentasche und legte– unsichtbar für Isolde– den Finger an die Lippen. Die Aquamarinblonde runkste ihrer Nebensitzerin den Ellbogen in die Rippen. Die Grunge-Lady schaute sich um. Eine Mauer des Schweigens war im Nu hochgezogen.
»Oder habt ihr zu seinem Tod gar nichts zu sagen?«, mühte sich Isolde. »Lässt euch das denn völlig kalt?!«
Hinten stand einer auf, zog die Jacke vom Stuhl und schlappte nach vorne knapp an Isolde vorbei zur Tür.
»Wo willst du hin, Marko?«, fragte Madame Hoffmann alarmiert.
Der Junge zeigte bös gelichtete Vorderzähne, streifte mich mit der Schulter und knallte die Tür.
»Ich denke«, sagte die Französischlehrerin energisch, »Sie gehen jetzt. Es ist ohnehin eine Geschmacklosigkeit extraordinaire, was Sie hier treiben.«
Isolde drehte sich wortlos um. Ich hielt ihr die Tür auf. Während der Kamelhaarmantel an mir vorbeirauschte, zeigte ich der Klasse verstohlen den erhobenen Daumen.
»Sie sollten sich was schämen!«, sagte Hoffmann.
Die Blonde kicherte lautlos in ihre Nike-Jacke hinein.

Autorin/Bibliografie

Christine Lehmann, geboren 1958 in Genf und wohnhaft in Stuttgart, hat mit Lisa Nerz die beste deutschsprachige Krimiheldin der „hart gesottenen“ Art erschaffen. Neben der Hard-boiled-Schiene schreibt sie »Soft-Krimis« und Romane. Lehmann pflegt einen wundervoll eigenen Stil: realitätsscharf, gefühlsecht, souverän und sarkastisch.

Mehr Lisa-Nerz-Krimis:

Ariadne Krimi 1165: Vergeltung am Degerloch
Ariadne Krimi 1167: Gaisburger Schlachthof
Ariadne Krimi 1157: Pferdekuss
Ariadne Krimi 1161: Höhlenangst
Ariadne Krimi 1169: Allmachtsdackel
Ariadne Krimi 1173: Nachtkrater
Ariadne Krimi 1179: Mit Teufelsgwalt

Titel erhältlich bei Libri.de

Christine Lehmann
Höhlenangst

Ariadne Krimi 1161
ISBN 3-88619-891-X

Titel erhältlich bei Libri.de

Lisa Nerz und die steinernen Abgründe.

Tief und dunkel sind die berühmten Höhlen der Schwäbischen Alb. Doch das kann eine Journalistin vom Kaliber der narbengesichtigen Lisa Nerz nicht schrecken – wenn Gerüchte von Mord und Korruption umgehen, steckt sie ihre Nase auch ins finsterste Fledermausnest. Auf der Suche nach einem Staatsanwalt, einer Leiche, die eben noch da war, und ein bisschen Liebe nimmt Lisa Nerz waghalsige Klettertouren auf sich und entreißt dem unterirdischen Labyrinth die Wahrheit.

Ausgewählte Pressestimmen

»Höhlenangst bietet eine Mischung von Schmiergeldskandal, Eifersuchtsszenen, Waffenhandel und diversen anderen Grausamkeiten. Auf 318 Seiten erlebt der Leser Mord, Missgunst und Machenschaften. Und erfährt so ganz nebenbei einiges über die Höhlenwelt der Schwäbischen Alb. Man muss Christine Lehmann großen Respekt zollen für einen durchdachten Krimi, der in die nicht unkomplizierte Höhlenforscher- und Höhlenretterszene führt. Dabei ist der Schriftstellerin ein packendes Werk gelungen, dass jeden, ob Höhlenmensch oder nicht, zu mehrstündigen Lesemarathons verleitet.«
Höhlenforum und Reutlinger Generalanzeiger

»Christine Lehmann ist den meisten deutschen Krimischreibern stilistisch haushoch überlegen. Man kann sich diesen Sound nicht antrainieren. Bei Lehmann beruht er auf Menschenkenntnis, Lebenserfahrung, Selbstironie und Belesenheit.« Perlentaucher

»Einsam, aufsässig und notorisch respektlos – ein klarer Fall von hard-boiled woman.« Konkret

»Christine Lehmann schreibt mit Herz und, eine Rarität im D-Krimi, (Wort-)Witz.«
Tobias Gohlis, Die Zeit

Autorin/Bibliografie

Christine Lehmann, geboren 1958 in Genf und wohnhaft in Stuttgart, hat bereits vier Lisa-Nerz-Krimis veröffentlicht. Neben der Hard-boiled-Schiene schreibt sie »Soft-Krimis« und Romane. Lehmann pflegt einen wundervoll eigenen Stil: realitätsscharf, gefühlsecht, souverän und sarkastisch.

Mehr Lisa-Nerz-Krimis:

Ariadne Krimi 1165: Vergeltung am Degerloch
Ariadne Krimi 1167: Gaisburger Schlachthof
Ariadne Krimi 1157: Pferdekuss
Ariadne Krimi 1161: Höhlenangst
Ariadne Krimi 1169: Allmachtsdackel
Ariadne Krimi 1173: Nachtkrater
Ariadne Krimi 1179: Mit Teufelsgwalt

Titel erhältlich bei Libri.de

Christine Lehmann
Vergeltung am Degerloch

Ariadne Krimi 1165
ISBN 3-88619-895-2

Titel erhältlich bei Libri.de

Lisa Nerz – ihr erster Auftritt.

Lisa Nerz hockt in der Redaktion der Amazone, als eine Flirtbekanntschaft hereinplatzt und sich selbst eines Mordes bezichtigt. Notwehr? Geschlechterkrieg? Das Dilemma der kerligen jungen Provinzschwäbin füllt alsbald die Schlagzeilen der Presse und die Akten der Kriminalpolizei.

Lisa Nerz zieht ihre eigenen Schlüsse. Sie rekrutiert einen Säufer vom Stuttgarter Anzeiger und setzt sich mit ihm auf die Fährte des Opfers. Doch ihre anarchische Ermittlung schlingert in neue Widersprüche, und jemand versucht sie aus dem Weg zu räumen …

Wie alles anfing: Lisa Nerz, Deutschlands beste Hardboiled-Krimifigur, schnüffelt in ihrem ersten Fall kalten Fährten nach und schlägt sich auf dünnem Eis zur Wahrheit durch.

Ausgewählte Pressestimmen

»Christine Lehmann ist den meisten deutschen Krimischreibern stilistisch haushoch überlegen. Man kann sich diesen Sound nicht antrainieren. Bei Lehmann beruht er auf Menschenkenntnis, Lebenserfahrung, Selbstironie und Belesenheit.« Perlentaucher

»Einsam, aufsässig und notorisch respektlos – ein klarer Fall von hard-boiled woman.« Konkret

»Christine Lehmann schreibt mit Herz und, eine Rarität im D-Krimi, (Wort-)Witz.«
Tobias Gohlis, Die Zeit

Autorin/Bibliografie

Christine Lehmann, geboren 1958 in Genf und wohnhaft in Stuttgart, hat bereits vier Lisa-Nerz-Krimis veröffentlicht. Neben der Hard-boiled-Schiene schreibt sie »Soft-Krimis« und Romane. Lehmann pflegt einen wundervoll eigenen Stil: realitätsscharf, gefühlsecht, souverän und sarkastisch.

Mehr Lisa-Nerz-Krimis:

Ariadne Krimi 1165: Vergeltung am Degerloch
Ariadne Krimi 1167: Gaisburger Schlachthof
Ariadne Krimi 1157: Pferdekuss
Ariadne Krimi 1157: Harte Schule
Ariadne Krimi 1161: Höhlenangst
Ariadne Krimi 1169: Allmachtsdackel
Ariadne Krimi 1173: Nachtkrater
Ariadne Krimi 1179: Mit Teufelsgwalt

(Reihenfolge chronologisch)

Titel erhältlich bei Libri.de

Updated: 26. März 2012 — 17:50

2 Comments

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  1. Die Titel zu diesem Paket habe ich persönlich ausgesucht, mit Erlaubnis des Verlages. Wie gefallen sie Euch?

  2. Super, Detlef!
    Den „Allmachtsdackel“ hatte ich schon mal in einem Buchpaket gewonnen. Hervorragender Stoff :D. Ich bevorzuge zwar SF, aber Christine Lehmanns Krimis sind eine Klasse für sich, daran gibt’s nichts zu rütteln. Außerdem spielen sie im Großraum Stuttgart. Da kommen Heimatgefühle auf ;-).

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