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SENA (Teil 3) – Fantasy-Geschichte von Christa Kuczinski

SENA (Teil 3)

Fantasy-Geschichte

von

Christa Kuczinski

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Skog betrat in diesem Moment das Zimmer und hatte den letzten Satz offenbar mitbekommen. „Mein Freund, gerade du solltest wissen, dass wir nicht über den Sinn und Zweck dieses Waldes sprechen. Mit deinen Geschichten verdrehst du der Kleinen nur den Kopf“, polterte er und rollte mit den Augen, das einen das Fürchten lehren konnte an. Ofenbar war er der Meinung, dass man einem gesprächigen Raben nicht immer glauben sollte.

„Wie wäre es mit süßen Kirschen, Preiselbeerkompott mit einem guten Schuss Honig und warmes Fladenbrot? Vergeudet eure verbliebene Zeit bei mir, gefälligst mit einer geschmackvollen Tätigkeit!“, wechselte ihr seltsamer Gastgeber das Thema.

Sena vergaß ihren Groll und sprang auf. Hugin, der die Impulsivität seiner Freundin inzwischen kannte, hüpfte rechtzeitig zu Boden. Vor dem Waldgeist blieb sie stehen und sah betreten zurseite. „Wegen gestern Nacht, es tut mir leid, ich wollte dich nicht beleidigen. Naja, eigentlich schon aber nur, weil ich nicht wusste …“

„Ich nehme die Entschuldigung an“, brummte Skog, dem das wirre Gestammel und ihre Verlegenheit ein breites Lächeln entlockte, und schlug Sena gutmütig auf die Schulter.

Im ersten Moment verspürte sie Erleichterung, bis ihr aufging, dass er es gewesen war, der sie zuerst beleidigt hatte. Aber die Aussicht auf ein köstliches Mahl veranlasste sie, dieses eine Mal zu Gunsten des Preiselbeerkompotts nachzugeben.

Euphorisch beobachtete sie, wie ihr Gastgeber eine Platte, mit mehreren Tonschälchen, auf dem Holztisch abstellte. Der Duft des würzigen Akazienhonigs ließ sie vor Verlangen aufseufzen.

Während des Frühstücks sprach niemand ein Wort. Alle waren damit beschäftigt, die Schüsseln in Rekordzeit zu leeren. Selbst Hugin pickte an den eingelegten Beeren und schnippte sich eine nach der anderen in den offenen Schnabel.

Gesättigt lehnte sich Sena zufrieden zurück und beobachte Skog aus dem Augenwinkel. Bedächtig führte dieser den Löffel zum Mund und genoss augenscheinlich jeden Bissen. Als er bemerkte, dass sie ihre Mahlzeit beendet hatte, blitzten seine Augen erwartungsvoll auf. „Ich danke dir für deine Mühen und wäre gern noch ein ein wenig geblieben und nicht nur um dein vorzügliches Essen zu genießen …“, bedankte sie sich artig und war selbst erstaunt darüber, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen. Überrascht hielt sie den Atem an, als sich das schrumpelige Gesicht des Waldgeistes veränderte: seine faltige Haut spannte sich, wie ein geplättetes Leinentuch und dort, wo sich tiefe Falten in sein Gesicht gegraben hatten, erschien ein frisches strahlendes Antlitz, das man durchaus als schön bezeichnen konnte. Im Zeitraffer erschienen feine Rillen, die die Hautoberfläche, wie ein engmaschiges Netz durchzogen und an ein zerbrechliches junges Blatt erinnerten. Sena blickte kurz zu Hugin, der an einer Beere knabberte. Ihr Blick huschte zu Skog zurück, der nach seinem Wasserglas griff und einen tiefen Schluck nahm. Er hatte wieder sein ursprüngliches Aussehen angenommen, als wäre es nie anders gewesen. Stumm saß Sena am Tisch und suchte nach unverfänglichen Worten. Hugin, der seine Beere vertilgt hatte, kam ihr zuvor und hüpfte mit geöffneten Flügeln auf seinen Lieblingsplatz.

„Ich sagte dir ja bereits, dass nicht alles so ist, wie es aussieht. Gewöhn dich daran“, raunte er ihr ins Ohr und schmiegte sein weiches Gefieder an ihre Wange.

Sena nickte geistesabwesend, langsam verstand sie, was er damit meinen könnte.

Nachdem Skog seine Mahlzeit beendet hatte, verabschiedete sich der Waldgeist mit einer eleganten Verbeugung, die Sena ihm nicht zugetraut hätte und entlockte ihr einen ungelenken Knicks. „Wartet! Es war mir eine Ehre dich und meinen kleinen Freund hier“, sein knochiger Zeigefinger wies auf den Raben, der mit zusammengefalteten Flügeln auf einem Kerzenhalter saß und den geschwärzten Docht der Kerze beäugte, „beherbergen zu dürfen. Ich erlaube euch die Abkürzung nehmen“, hielt Skog Sena zurück.

Das es einen Hinterausgang geben könnte, daran hatte sie keinen Gedanken verschwendet. Am Ende des Gangs, wo sich zuvor die nackte Wand befunden hatte, tauchte wie von Geisterhand, ein efeuumrankter Torbogen auf. Das dunkle Eichenholz, das zwischen den Blättern hervorblitzte, war mit eingeritzten Zeichen versehen, die Sena nicht entziffern konnte. Geräuschlos öffnete sich der geheime Durchgang und gab den Ausblick auf einen märchenhaften Garten frei.

Sena übertrat die Schwelle, ohne sich nach Hugin umzusehen, oder  bei Skog für seine Gastfreundschaft zu bedanken. Mit einem dumpfen Geräusch schloss sich die Pforte hinter ihr, flimmerte kurz auf und verschwand.

*

Wiedereinmal befand sie sich in fremder Umgebung, die ihr allerdings nicht dieses unterschwellige Unbehagen verursachte, wie es tags zuvor im Wald der Fall gewesen war. Hochbeete, in denen verschiedene Gemüse und Gewürzpflanzen gediehen, deren Namen Sena nicht kannte, bildeten eine Abgrenzung zum hinteren verwilderten Teil des Grundstücks. Ihr Blick folgte Hugin, der als dunkler Klecks zu erkennen, oberhalb der Baumwipfel dahinflog. Sena lief an den Beeten vorbei und atmete lustvoll die reine Luft ein. Der warme Wind trug bunte Blütenblätter mit sich, die sich in ihrem langem Haar verfingen. Sie strich sich eine vorwitzige Strähne zurück und berührte eine blaue Blüte, die zurückwich und auf ihrer Stirn niederließ. „Schmetterlinge“, flüsterte Sena verzaubert und drehte sich übermütig im Kreis. Nach allen Seiten stoben die zerbrechlichen Lebewesen auseinander, formierten sich neu und wirbelten verspielt um sie herum. Aber Sena bemerkte etwas Neues, dass ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Bei einer Baumgruppe grasten etliche Rehe. Hin und wieder hoben sie ihre schlanken Hälse und blickten sie aus glänzenden Augen furchtlos an. Die Anwesenheit eines Menschen schien sie nicht im Geringsten zu stören. Offenbar war sie die erste Person, der der Waldgeist dieses kostbare Geschenk machte. Sena wollte sie nicht aufschrecken, schlich, einen weiten Bogen nehmend, um sie herum und ließ die Wiese und damit den eigentlichen Garten hinter sich.

Die offene Fläche vor ihr, beheimatete kelchförmige Blumen, auf denen sich nach und nach die Falter niederließen.

„Na, habe ich dir zu viel versprochen? Skogs Seele spiegelt sich an diesem Ort in jedem Lebewesen wider. Dieses Fleckchen Erde ist so, wie es überall in diesem Land, nein in allen Welten sein sollte. Skog hütet diesen kleinen Teil seiner Welt, wie seinen Augapfel und erlaubt nur den wenigsten ihn zu betreten, oder überhaupt zu Gesicht zu bekommen“, krächzte Hugin, nachdem er den letzten Schmetterling davon gejagt hatte und auf ihrer Schulter gelandet war.

Sena, die sich nur noch wage an den Waldgeist erinnern konnte, empfand ein starkes Gefühl des Verlustes, der sie heftig schlucken ließ. Sie brachte nicht mehr als ein Nicken zustande.

„Ich habe im Laufe vieler Jahre unzählige solcher Orte besucht. Einige sind so gut verborgen, dass kein Mensch sie je finden wird, andere liegen offen vor euch und doch seid ihr blind und seht nur das, was ihr sehen möchtet“, plapperte der Rabe auf Sena ein, in der sich Widerstand regte. Sie runzelte die Stirn, dachte über das Gesagte nach und wählte ihre Worte mit Bedacht. „Aus deinem Schnabel klingt es, wie ein Vorwurf.“

„Wie könnte ich jemanden anklagen, der sich keiner Schuld bewusst ist? Du solltest nicht alles auf dich beziehen, wenn ich allgemein von Deinesgleichen spreche …“

Hugin flatterte auf und verschwand laut krächzend in der Ferne…

ENDE

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2015 by Christa Kuczinski

Bildrechte: Eingangsgrafik von Wolfgang Sigl Copyright (c) 2015 mit freundlicher Genehmigung des Künstlers (http://l.facebook.com/l/QAQHMFqo3AQFBYdEG4PZt_VvU8_aeYhCENEM-qNuD3_b-pg/www.whiskey-sierra.com/Images___Stuff/Images/NEU__16_9_/MIXED/16_9/16_9_121.html)

Bildrechte: Coverillustration “Märchen” (nixe01.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Leseempfehlung der Redaktion:

Bis bald im Wald (Gebunden)
Kurzgeschichten
von Annel, Ulf / Annel, Ingrid / Babendererde, Antje / Biskupek, Matthias / Danz, Daniela / Dietrich, Jörg
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Verlag:  KLAK Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  183
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  März 2015
Maße:  244 x 172 mm
Gewicht:  466 g
ISBN-10:  3943767418
ISBN-13:  9783943767414

Beschreibung
Vierzehn Autorinnen und Autoren machen mit unterhaltsamen Kurzgeschichten neugierig auf die Natur in Deutschland – ob nun auf den geheimnisvollen Wald oder die Tiere der Wildnis vor der eigenen Haustür. Sie erzählen über die Kraft der Bäume und die Düfte der Waldpflanzen, über Wölfe, Wildschweine und die kleinen Waldameisen. Kurze Sachtexte ergänzen die Geschichten mit Interessantem rund um den Wald. Illustrationen: Studio ZEICH MAL Weimar

Autoren
Ulf Annel, geboren 1955, ist Kabarettist am Erfurter Kabarett „Die Arche“. Von ihm gibt es zahlreiche Zeitungsveröffentlichungen und Ausstellungen von humoristischen und satirischen Collagen. Ulf Annel lebt in Erfurt.

Ingrid Annel, geb. 1955 in Erfurt, ist Autorin und Dramaturgin.

Antje Babendererde, geboren 1963 in Jena, ist freie Autorin. Nach einer Töpferlehre war sie zunächst als Arbeitstherapeutin in einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie tätig. Die Autorin hat ein spezielles Interesse an der Kultur der Indianer. In ihren Romanen verarbeitet sie Eindrücke und Erlebnisse, die sie während ihrer USA-Reisen in verschiedenen Reservaten gesammelt hat. Antje Babendererde wurde für ihren Jugendroman „Libellensommer“ mit dem Erwin-Strittmatter-Sonderpreis und dem DeLiA für den besten deutschsprachiger Liebesroman ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Liebengrün in Thüringen.

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4 Comments

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  1. Muss das nicht mit doppeltem s geschrieben werden? – „Das(s) es einen Hinterausgang …

    Christa?

  2. Fehlt hier nicht ein Wort, Christa: „Sie strich sich eine vorwitzige Strähne zurück und berührte eine blaue Blüte, die zurückwich und (sich) auf ihrer Stirn niederließ …“ ??

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