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SENA (Teil 2) – Fantasy-Geschichte von Christa Kuczinski

SENA (Teil 2)

Fantasy-Geschichte

von

Christa Kuczinski

Zum vorherigen Teil

Das Kaminfeuer war längst in sich zusammengefallen. Verschlafen schaute Sena zu den Efeuranken hinauf, zwischen dessen Blättern sich ihr kleiner Freund befand. Die Neugier erwachte ebenso wie sie aus dem Dämmerschlaf und drängte Sena, diesen merkwürdigen Ort näher in Augenschein zu nehmen. Auf Zehenspitzen huschte sie aus dem Raum und überlegte, welche Richtung sie einschlagen sollte. Die gegenüberliegende Tür war geschlossen. Vermutlich handelte es sich um das Privatgemach des Alten und ihn wollte sie auf keinen Fall im Schlaf überraschen. Sie schlich den dunklen Gang zurück und folgte dem Lichtschimmer der durch das Astloch fiel.

Entschlossen drückte sie die Türklinke hinunter und schlüpfte hinaus in die Nacht. Feuchtkalte Luft schlug ihr entgegen. Mit hochgezogenen Schultern trat sie einen Schritt über die Schwelle. Der Kiesweg schimmerte im fahlen Mondlicht und legte eine Spur zu den Bäumen, die fast gänzlich mit der Dunkelheit verschmolzen. Sena wandte sich nach rechts, um einen kurzen Blick um die Hausecke zu riskieren.

„Das würde ich an deiner Stelle besser lassen.“

Sie wirbelte herum und sah sich dem Waldgeist gegenüber. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.

„Musst du mich so erschrecken? Ich konnte nicht schlafen und wollte nur schauen, was sich auf der Rückseite befindet.“

„Junges Fräulein. Neugier mag ja außerhalb dieser Wälder von Vorteil sein, doch hier ist sie gänzlich fehl am Platz.“

„Mein Name ist Sena, wie du sehr genau weißt. Ich hatte bisher alles bestens im Griff.“

Der Waldgeist hielt ihrem herausforderndem Blick stand und konterte mit einem amüsierten Unterton in der Stimme: „Man merkt, dass du eher zu uns gehörst als zu ihnen. Vermutlich ist dein Dorf froh, dich endlich los zu sein.“

Fassungslos, solche Worte aus dem Mund eines Fremden zu hören, vergaß Sena jegliche Zurückhaltung: „Zwischen uns gibt es keinerlei Ähnlichkeit! Du bist wie der schrumpelige Baum, den ich heute Nachmittag gesehen habe und so garstig wie der Bienenschwarm, der an seinen Ästen hing!“

Sie war auf alles gefasst, nur nicht auf das laute Lachen, das den Waldgeist schüttelte. Mit offenem Mund starrte sie ihn an und nahm nur am Rande wahr, dass sich Hugin auf ihrer rechten Schulter niederließ.

„Was hast du mit ihm angestellt? Normalerweise ist Skog die Ruhe in Person.“

Trotzig reckte sie das Kinn vor und zog jedes Wort in die Länge. „Er hat mich beleidigt, das konnte ich unmöglich auf mir sitzen lassen.“

Skog japste, schüttelte den Kopf und revidierte: „Nein mein kleiner Freund, deine Kratzbürste hat mir das schönste Kompliment aller Zeiten gemacht. Sie sagte ich gliche diesem altem Baum, auf dem die Bienentraube momentan ihr Unwesen treibt.“

Hugin krächzte vor Begeisterung und verschluckte sich prompt. Mit einer wütenden Handbewegung wischte Sena den Vogel von ihrer Schulter und stolzierte mit erhobenem Kopf an Skog vorbei, zurück in die Behaglichkeit des Kaminzimmers. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, warum sich die Welt die sie kannte, mehr und mehr in ein Irrenhaus zu verwandeln schien.

Zurück auf ihrem Schlafplatz, verschränkte sie die Arme hinter dem Kopf und sah nach oben. Der Lehmputz über ihr wies feine Haarrisse auf, die ihr zuvor nicht aufgefallen waren.

Sena hielt erstaunt die Luft an.

Eine monumentale Landkarte breitete sich gleichsam einem zerknitterten Blatt über die gewölbte Decke und lief an den oberen Rändern der Wände aus. Düstere Waldgebiete, zerklüftete Gebirgsketten, baumlose Ebenen und weite Meere flossen ineinander und bildeten ein faszinierendes Gemälde. Sie entdeckte die Umrisse eines mächtigen Baumes, dessen Wurzeln sich in alle Himmelsrichtungen erstreckten und alles zusammenzuhalten schien. Ihr fiel ein dicker Wurzelstrang auf, der in der Mitte auseinandergebrochen war und nun aus zwei Teilen bestand.

Merkwürdigerweise verspürte Sena keinerlei Beklemmung oder gar Angst, als die Reliefs zu Flimmern begannen, ein leises Summen ertönte, lauter wurde und ihren Kopf ausfüllte. Plötzlich fühlte sie sich schwerelos und tauchte in einen Kriegsschauplatz ein, den sie noch vor wenigen Minuten aus sicherer Distanz betrachtet hatte.

Beißender Brandgeruch stach ihr in die Nase und ein ekelhaft metallenes Aroma legte sich auf ihre Zunge. Kampfgeräusche vermischten sich mit Schmerzenslaute und verursachten ihr eine Gänsehaut. Angewidert, angesichts der Grausamkeit und Härte, mit der sich die Menschen bekämpften, drehte sie den Kopf zur Seite und betrachtete stattdessen schäumende Wellenbrecher, die gegen hohe, zerklüftete Klippen prallten. Ein feiner, salziger Nebel benetzte ihre Lippen und spülte den unangenehmen Geschmack aus ihrem Mund. Sie schloss die Lider und genoss die unerwartete Abkühlung.

Eine Aneinanderreihung sanfter Töne veranlasste Sena einen weiteren Teil der Karte in Augenschein zu nehmen. Fasziniert beobachtete sie, wie sich innerhalb weniger Sekunden aus vereinzelten Baumgruppen ein dichter Laubwald entwickelte. Goldfarbene Laternen blitzten zwischen dem Blätterwerk auf. Zitternde Glühwürmchen in der Nacht.

Ihr gefiel der Gedanke, dass es sich um solche handeln könnte. Sie folgte den winzigen Lichtern, die sich im Takt der einsetzenden Musik bewegten. Als die bittersüße Melodie schlagartig aussetzte, schlief Sena bereits tief und fest.

*

Sie erwachte durch einen sonderbaren Druck. Eine flauschige Kugel, die sich in Harmonie mit ihren Atemzügen hob und senkte, hatte es sich auf ihrem Bauch bequem gemacht. Verschlafen summte sie eine Weise, obgleich sie sich nicht daran erinnerte, wo sie diese gehört haben könnte und strich über das glänzende Gefieder des Vogels. Sie wusste, dass sie in der vergangenen Nacht überreagiert hatte. Doch diese Reise entwickelte sich zu einem gewagten Kopfsprung in unbekanntes Gewässer, ohne zu wissen wann sie wieder auftauchen würde. Nicht überblicken zu können was um sie herum geschah, ärgerte sie maßlos und ließ sie darüber hinaus unsicher werden. Ein unangenehmes Gefühl, das Sena so schnell wie möglich wieder loswerden wollte. Sie zog die Hand zurück und stützte sich mit dem Ellenbogen auf, ihre helle Stimme durchdrang die Stille: „Hugin?“

Der Rabe, der schon seit geraumer Zeit die unerwarteten Streicheleinheiten genoss, schob den Kopf unter dem Gefieder hervor und schaute seine Freundin aus dunklen Knopfaugen an.

„Schau mal nach oben. Weißt du, um welche Gebiete es sich hier handelt?“

Hugin plusterte sich kurz auf und krächzte verschlafen: „Das sind die neun Welten. Ihren Ausgangspunkt findest du im Weltenbaum.“

Sena legte die Stirn in Falten und entgegnete: „Du meinst, es gibt tatsächlich neun Welten und ich lerne sie alle kennen, wenn wir angekommen sind?“

„Nein. Ich sagte, der Ursprung liegt im Weltenbaum.“

Begriffsstutzig bohrte Sena nach: „Ich sehe nur eine Welt.“

Der Rabe ordnete sein Gefieder, indem er jede einzelne Feder durch seinen Schnabel zog und sagte: „Du siehst das Ganze aus einem völlig falschen Blickwinkel.“

Sie verkniff sich eine Erwiderung und wechselte das Thema.

„Gestern hast du mich davor gewarnt, nicht vom Pfad abzuweichen. Wieso eigentlich?“

Ihr Gesprächspartner spreizte die Krallen und antwortete mit einiger Verzögerung: „Ich hatte meine Gründe. Sicher ist dir aufgefallen, dass uns keine Tiere begegnet sind, abgesehen von den Wildbienen und der mickrigen Mücke. Derjenige, der den Pfad verlässt und sei es auch nur mit einer Fußspitze, wird sich im unüberwindbaren Labyrinth der Wälder wiederfinden, deren einziges Bestreben darin liegt, jeden Eindringling in die Irre zu führen.“

„Schön, dass ich davon erst jetzt erfahre!“

Ihre Stimme überschlug sich vor Entrüstung und Hugin machte sich bereit rechtzeitig aus ihrer Reichweite zu entkommen.

„So wie ich dich kenne, hättest du meine Warnung missachtet, nur um herauszufinden was passiert.“

Sie ignorierte seinen berechtigten Einwurf und flüsterte entsetzt: „Gestern Nacht wollte ich den Weg verlassen um zu sehen, was sich auf der Rückseite der Hütte befindet. Wenn Skog nicht gewesen wäre …“, ihr versagte die Stimme.

Mit weit aufgerissenen Augen schaute sie den Raben an. Dieser nickte und sprach ihren Gedanken aus: „Der Waldgeist hat dich vor einer großen Dummheit bewahrt. Und als Dank lieferst du dir mit ihm ein Wortgefecht vom Feinsten. Obwohl, ich glaube er hatte seine wahre Freude daran.“

Sena jedoch bekam den stolzen Unterton nicht mehr mit, da sie von Gewissensbissen gebeutelt wurde. Eine weitere Frage brannte ihr auf der Zunge: „Aus welchem Grund möchte Arkans verhindern, dass ihn jemand durchquert?“

„Es gibt Dinge, die du noch nicht erfahren musst. Nicht alles, was du siehst oder berühren kannst ist das, nachdem es aussieht. Die Bäume zum Beispiel sind in Wirklichkeit …“

ENDE

(Zur Fortsetzung!)

Copyright (C) 2012 by Christa Kuczinski


Leseempfehlung der Autorin:

Anderson, Rebecca J.
Bryony

Rebellin unter Feen

Übersetzt von Ströle, Wolfram
Verlag :      dtv
ISBN :      978-3-423-62545-6
Einband :      Paperback
Preisinfo :      7,95 Eur[D] / 8,20 Eur[A] / 11,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 27.11.2012
Seiten/Umfang :      ca. 336 S. – 19,1 x 12,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Produktform (detailliert) :      B102
Erscheinungsdatum :      01.11.2012
Aus der Reihe :      dtv Fortsetzungsnummer 85 62545

Lange schon hat das Feenvolk von Amaryllis seine magischen Kräfte verloren und sich zurückgezogen aus der Welt. Nur die junge Bryony will sich damit nicht abfinden. Sie möchte wissen, was ihrem Volk die Kräfte geraubt hat, und sie ahnt, es muss mit den Menschen zu tun haben. Soll sie sich mit einem Menschen anfreunden, um das Geheimnis zu ergründen? Vielleicht mit Paul, der von ihr, dem zarten Flügelwesen, fasziniert ist? Bryony weiß: So eine Freundschaft ist für eine Fee tabu. Aber sie sieht keinen anderen Ausweg. Das Schicksal der Feen ist mit dem der Menschen unauflösbar verknüpft.

Rebecca J. Anderson, 1970 in Uganda geboren, ist in Kanada aufgewachsen. Schon mit 12 Jahren schrieb sie ihre ersten Geschichten. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ontario, Kanada.

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11 Comments

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  1. Wer mag was zu diesem Teil 2 sagen? Darf man wirklich bei einem Vorsatz zu einem Dialog in Anführungstrichen, das Komma oder den Doppelpunkt weglassen? Macht man das jetzt so? Ich kannte das noch nicht so…

  2. Guckt mal hierhin: http://www.sprache-kompakt.de/zeichensetzung/doppelpunkt.php

    Ich denke, es gibt hier keine neue Regelung. Änderungen, Variationen, Experimente als stilistisches Mittel sind selbstverständlich jedem Autor gestattet. Allerdings halte ich von Zeichenspielchen nichts. Freigeister werden solche Experimente als solche wohl erkennen und akzeptieren, andere ernsthaftere Gemüter, wie z. B. Lektoren, werden es gnadenlos als „handwerklichen Fehler“ ansehen. Mich stört es schlichtweg im Leserhyhtmus. Und das will ja wohl kein Autor riskieren: Das sein Zielpublikum durch solche – zugegebenermaßen – Kleinigkeiten das Buch zur Seite legen.

    mgg
    galaxykarl 😉

    Fazi: nein, nix für mich.

  3. Außerdem habe ich schon einmal erwähnt, das ich mich während eines Nominierungs- und Abstimmungsmonats nicht zu Beiträgen äußere. Hier soll jede/r Stimmberechtige völlig unbeeinflusst seine eigene Meinung zu einem Text finden und entsprechend abstimmen. Die Gedanken sind frei!

    mgg
    galaxykarl 😉

  4. Christa Kuczinski

    Bei der Textübertragung gab es nur eine Panne. Das Programm hat die Zeichen gelöscht und mir ist es nicht aufgefallen.
    Detlef wird es in Kürze ändern. 😉

  5. Wird in den nächsten Tagen erledigt, melde mich nach Fertigstellung hier nochmal!

  6. Galaxy, hier sind aber noch sehr viele Beiträge unter den Storys, die neu hinzugekommen sind, die garnicht beim Wettbewerb mitmachen, dazu sagst du aber leider auch nichts?!? Und dabei handelt es sich ja um Autorinnen, die nichts gegen deine Enschätzungen hätten.

  7. Wer sagt was zum Buchtipp hier, damit ich mal beim Verlag nachfragen kann zwecks Verlosungsexemplaren? (Ohne Kommentar sehr schlecht!)

  8. Der Text wurde jetzt ausgetauscht! Bitte mal anschaunen und Kommentar abgeben! Danke!

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