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Literatur-Blog

SCHLAFENDE SCHERBEN – (1) PartOne – Eine surreale Reflexion von Martina Müller und Ottmar Holdersen

SCHLAFENDE SCHERBEN

PartOne

Eine surreale Reflexion

von

Martina Müller und Ottmar Holdersen

„Manch einer verpaart Lügen mit Wahrheit so geschickt, dass es ebenso gefährlich ist, ihm zu glauben, wie es nicht zu tun.“

Edme de La Taille de Gaubertin. 1775.

1.

Ich sehe Bilder von Bunkern aus dem 2. Weltkrieg, tief unter der Erde. Vor einer Tiefkühlraumtür steht eine Bahre, auf der blutiges chirogisches Instrumentarium drapiert wurde. Ich sehe Bilder von Köpfen, von Gesichtern, die keine sind. Bilder von geöffneten Leibern, aus denen die Gedärme dringen und Ärzte dort experimentelle Schnitte vornehmen. Auf einer Bahre liegt ein Mensch, dessen Haut vom Kopf bis zum Scham aufgeschnitten und dann aufgeklappt wurde. Nur seine Arme, Hände, Beine und Füße identifizieren ihn noch als menschliches Wesen.

Ich sehe fürchterliche Bilder. Bilder von Menschen, denen man bei lebendigem Leibe die Haut vom Gesicht zieht. Bilder von Menschen, denen man bei lebendigem Leibe die Augen aus den Höhlen schneidet.

„DIE GALERIE HARTAI STELLT FOTOS VON OSKAR BENEDEK AUS, EINEM VERTRETER DER JUNGEN UNGARISCHEN FOTOGRAFIE. DIE GESAMTE ELITE DER STADT ERSCHIEN ZUR GESTRIGEN ERÖFFNUNG. MAN KAM JEDOCH NICHT DAZU, HERRN BENEDEK ZU GRATULIEREN, DA DIESER DURCH ABWESENHEIT GLÄNZTE.“
Magyar Nemzet, Budapest, 8. Februar 1944

„ANNA FÖLDES, HAUSWARTIN IN DER HUNYADI-STRASSE NR. 20, MELDET HEUTE MORGEN EINEN DER HAUSBEWOHNER ALS VERMISST. SIE HABE BEIM REINIGEN DER WOHNUNG FESTGESTELLT, DASS ALLE MÖBEL VERSCHWUNDEN WAREN. EINE BEFRAGUNG DER NACHBARN HAT ERGEBEN, DASS NIEMAND ETWAS VERDÄCHTIGES BEMERKT HAT.“
Polizeibericht vom 10. Februar 1944

Ich sehe einen Altbauhinterhof, bei dem die Farbe der Wände so weit abgeblätter ist, dass der weiße Verputz und sogar die Steine zu sehen sind. Ich sehe eine Frau über Fünfzig, die in einem weißgepunkteten Kleid in die Kamera lächelt. Ein alter Mann mit kariertem Hemd und Faltenhose, getragen von einem Gürtel mit metallener Schnalle steht vor einem halbhohen Schrank, auf dem sich im obersten Regal eine Reihe von Büchern befindet. Eine junge Frau faßt an eine rauhe Wand und blickt über die rechte Schulter in die Kamera. Im nächsten Bild schaut sie auf die Donau, aber nicht in die Mitte sondern zur rechten Seite.

„NICHTS NEUES VON OSKAR BENEDEK, DER SEIT ETWA EINEM MONAT VERSCHWUNDEN IST. GESTERN VERNAHM DIE POLIZEI SEINEN HAUSARZT, DR. KLEIN.“

Ich sehe ein Foto des noch jungen Fotografen, der einen Oberlippenbart trägt und ernst in die Kamera blickt. Danach sieht man ein Foto des Arztes, der etwa in den Fünzigern sein dürfte und eine Glatze und eine Brille mit mittelgroßen, ovalen Gläsern trägt.

„DER ARZT SCHLIESST SELBSTMORD NICHT AUS. BENEDEK HABE SEIT LÄNGEREM UNTER SCHWEREN DEPRESSIONEN GELITTEN.“

Wieder sieht man ein Foto des Fotografen, auf dem er ebenso ernst schaut wie zuvor. Dann sieht man ein anderes Foto:

„IN DER MITTE DES BILDES IST DR. KLEIN ZU SEHEN, RECHTS VON IHM OSKAR BENEDEK UND LINKS LUKACS NADASDY, BENEDEKS FREUND AUS KINDERTAGEN. DIESER GLAUBT, BENEDEK SEI ENTFÜHRT WORDEN. DER FOTOGRAF WERDE SEIT EINIGEN WOCHEN VON UNBEKANNTEN VERFOLGT. DAS MYSTERIUM UM DAS VERSCHWINDEN BENEDEKS BESCHERT DER AUSSTELLUNG UNERWARTETEN ERFOLG. BÖSE ZUNGEN UNTERSTELLEN DEM GALERISTEN, ER WOLLE DURCH KOMPLIZENSCHAFT MIT DEM KÜNSTLER ZU RUHM KOMMEN.“
Budapester Zeitung, 28. Februar 1944

Ich sehe das Foto eines pausbäckigen Jungen oder Mädchen. Das nächste Foto zeigt einen Jungen Mann, (beide Fotos könnten den Fotografen in jungen Jahren zeigen) der mit freiem Oberkörper vor einer Tapete mit großem Blumenmuster auf einem Sessel oder Stuhl sitzt …

2.

Es wechseln sich Bilder der Stadt Prag, die bauliche Monumente zeigen mit Propagandafotos der Nationalzoszialisten ab, auf denen Menschen mit Judenstern zu sehen sind. Dabei hört man die Stimme eines Sprechers:

„AUF ANWEISUNG DER KOMMANDANTUR HAT DIE POLIZEI DIE IN DER GALERIE HARTAI AUSGESTELLTEN FOTOGRAFIEN BESCHLAGNAMT. DIE BILDER WURDEN VERNICHTET UND DIE GALERIE BLEIBT BIS AUF WEITERES GESCHLOSSEN. MAN KANN DIESE MASSNAHME IM WOHLE DER ÖFFENTLICHEN ORDNUNG NUR BEGRÜSSEN. DIE FOTOS VON BENEDEK SIND EIN ABSCHEULICHES BEISPIEL VON ENTARTETER KUNST IM AUFTRAG DES INTERNATIONALEN JUDENTUMS.“
Das Neue Ungarn, März 1944

„JEDER TAG BRINGT NEUE ENTHÜLLUNGEN DES VERRÄTERS BENEDEK ANS LICHT. DER GENERALSTAB HAT BESTÄTIGT IN BESITZ VON UNWIDERLEGBAREN BEWEISEN ZU SEIN, DASS DIESER VOLKSFEIND INFORMATIONEN AN DIE SOWJETS VERKAUFT. HINZU KOMMT DIE JÜNGSTE ENTDECKUNG EINES KLEINEN UNTERIRDISCHEN LABORS, IN DER DIE POLIZEI EINE GROSSE  SAMMLUNG VON OBZÖNEN FOTOS FAND, DIE BESCHLAGNAHMT WURDEN …“

Man sieht ein Foto einer Frau mit großen Brüsten, die vom Kopf – dessen Gesicht mit schwarzen Farbtupfern oder Fotoeffekten unkenntlich gemacht wurde – bis zum Nabel nackt ist und die Hände hinter dem Rücken verschränkt hat. Es ist nicht richtig zu erkennen, ob die Frau lange schwarze Haare hat oder ob es sich um weitere Effekte handelt. Auf Teilen Ihres Körpers sind viele schwarze Punkte zu sehen, mal mehr und mal weniger …

Das Foto wechselt und man sieht nun eine schwarzhaarige kräftige junge Frau, die ihre Arme unter ihre Brüste verschrenkt hat und dabei in der linken Hand offenbar ihr ausgezogenes Kleid hält und leich süfisant von der Seite in die Kamera grinst. Schließlich sieht man sie auf dem nächsten Foto von hinten mit nacktem Hintern und nur bekleidet mit halblangen Damenstrümpfen. Noch immer hält sie ihr ausgezogenes Kleid in der linken Hand …

„BENEDEKT BEGNÜGTE SICH NICHT DAMIT, SEIN LAND DEM SOWJETISCHEN UNGEZIEFER ZU VERRATEN, ER HAT AUCH NOCH VERSUCHT, DIE MORAL UNSERER JUGEND ZU VERDERBEN!“
Das Neue Ungarn, März 1944

3.

Man sieht eine Filmaufnahme, die zeigt, wie das Wasser der Donau unter einer Brücke hindurchfließt, dabei hört man eine Stimme:

„DER KÖRPER EINES ERTRUNKENEN WURDE AM DONNERSTAG AM UFER DER DONAU ENTDECKT. LAUT DEM BERICHT DER GERICHTSMEDIZIN ENTSPRECHEN SEINE MERKMALE VON BENEDEKT, DER AKTIV VON DER POLIZEI GESUCHT WURDE. DIES IST DAS ENDE EINER SCHMUTZIGEN GESCHICHTE.
Das Neue Ungarn, März 1944

Bei diesen Worten wird wieder auf das Foto von Benedekt geblendet, das bereits ganz zu Anfang schon mal gezeigt wurde …

(wird fortgesetzt.)

Copyright (C) 2014 by Martina Müller und Ottmar Holdersen, mit freundlicher Genehmigung unter Verwendung von Material aus „Tiefe Schatten“ von Olivier Smolders.

Bildrechte: Eingangsgrafik © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Buchtipp der Redaktion:

Lethen, Helmut
Der Schatten des Fotografen

Bilder und ihre Wirklichkeit

Verlag :      Rowohlt Berlin
ISBN :      978-3-87134-586-9
Einband :      gebunden
Preisinfo :      19,95 Eur[D] / 20,60 Eur[A] / 28,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 14.01.2014
Seiten/Umfang :      272 S., Zahlr. s/w Abb. – 20,5 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      07.03.2014
Aus der Reihe :      Sachbuch RB 586

Das Foto eines vertrauten Menschen kann uns diesen auf fast magische Weise vergegenwärtigen; die Bilder flüchtender Kinder führen die Schrecken des Krieges geradezu schmerzhaft vor Augen. Wie kommt es, dass Fotos eine so ungeheure Wirkung auf uns haben? Wie viel Wirklichkeit steckt in oder hinter den Bildern? Helmut Lethen geht diesen Fragen auf einem Streifzug durch die Kunst- und Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts nach: Er zeigt uns am Beispiel der berühmten Fotografien Robert Capas von der Landung in der Normandie, wie aus Bildern Geschichtszeichen werden; er folgt gebannt den Performances von Marina Abramovic, in denen Kunst und Wirklichkeit verschmelzen; er vertieft sich in das ironische Zeichenspiel des Konzeptkünstlers Bruce Nauman, das jede Realität verschwinden lässt, er entdeckt in idyllisch anmutenden Bildern jene totale Verlassenheit, die ihn bereits als Kind erschreckte. Lethen erläutert mit scharfem Blick, was Bilder sind und was sie vermögen. Dabei folgt er einer Überzeugung, die seinen Lebensweg geprägt hat: Er will die Wirklichkeit hinter den Bildern nicht preisgeben. Ein persönliches, eindringliches Plädoyer und eine Schule des Sehens in einer unübersichtlichen Zeit.

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2 Comments

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  1. Eigentlich wollte ich mit meinem Co-Autor, der mir einige sehr nützliche und wichtige Kontakte herstellen konnte, weitere Teile dieser Reflexion erarbeiten. Leider ist Ottmar Holdersen einer beruflichen Verpflichtung nachgehend in der nächsten Zeit nicht in der Lage mit mir diese Arbeit weiter zu vervollständigen. Da ich nicht im Besitz des Hintergrundmaterials bin muß ich leider mit der Fortsetzung damit warten bis Ottmar Holdersen wieder in der Lage ist mir dieses Material zur Verfügung zu stellen und zusammen mit mir weiter daran zu arbeiten. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen ersten, sehr kurzen Teil überhaupt hier posten soll.

    Nachdem ich den Seiteninhaber darauf angesprochen habe, meinte er, dass ich das ruhig schon mal posten solle, ich könnte ja später hier noch eine Verlängerung druntersetzen und auch weitere Teile bringen. Er meinte, es wäre einfach zu schade, den dazugehörigen aktuellen Buchtipp nicht zu bringen. Eventuell würde er sogar einige Gewinnspielexemplare bekommen können. Worauf wir ansonsten hier leider verzichten müssten.

    Also bitte ich die Leser sich schon mal ein Bild von dieser Arbeit zu machen und mir/uns mitzuteilen, ob mit solcherart Texte nicht vielleicht eine künstlerische Überforderung der Leser einhergeht. Mir ist bewußt, dass das Thema sehr speziell ist und mit seiner historischen Einbindung auch wohl nicht jedermanns Sache.

    Auf jeden Fall sollte aber der Buchtipp eine besondere Beachtung finden und dabei wären vielleicht einige Kommentare von Euch sehr hilfreich, damit der Verlag auch gerne bereit ist, hier ein Gewinnspiel zu veranstalten. Ich/wir bitte(n) also um reichlich Kommentare zur Reflexion und zum Buchtipp. Wäre jedenfalls sehr lieb von Euch, wenn ihr das machen würdet. 🙂

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