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SCHATTENKLANG – ROSEEND 2 – Leseprobe (Teil 1) des gleichnamigen Romans von Christa Kuczinski

SCHATTENKLANG – ROSEEND

Leseprobe (Teil 1) des gleichnamigen Romans

von

Christa Kuczinski

Kapitel 1

Saras Blicke schweiften zum gegenüberliegenden Cottage. Sie verengte die Augen zu Schlitzen und dachte nach. Die leise Musik, die durch das geöffnete Fenster bis zu ihr drang, nahm sie kaum wahr.

Seit einigen Wochen war Saras ehemaliges Zuhause wieder bewohnt. Sie konzentrierte sich völlig auf den jungen Mann, der auf der obersten Treppenstufe des Cottages saß und ganz in seine Musik versunken zu sein schien. Diesen Anblick kannte Sara. Bei gutem Wetter saß ihr Nachbar, wenn er nicht gerade unterwegs war, jeden Tag dort und spielte unermüdlich auf seiner Gitarre. Sie hatte oftmals den Eindruck, dass er von seiner Außenwelt nichts mehr wahrnehmen würde, so entrückt wirkte sein Gesicht. Mehrmals hatte sie sich ausgemalt, wie er wohl reagieren würde, wenn sie ihn laut bei seinem Namen riefe. Doch bis jetzt hatte sie es nicht gewagt, ihre Idee in die Tat umzusetzen; zu hinterlistig kam es ihr vor, ihn in seiner Konzentration zu stören.

Den Blick weiterhin auf ihn gerichtet, musterte sie ihn. Eigentlich gab es keinen Grund, misstrauisch zu sein, trotzdem beschlich sie ein nicht eindeutiges Gefühl der Beunruhigung, wann immer sie ihn sah. Laurence war ein normaler, junger Mann, der zufällig in ihrem Bezirk gelandet war. Bevor Jack auf ihn aufmerksam wurde, zog er durch die Straßen von Bellwick und packte an jeder nur erdenklichen Straßenecke seine Gitarre aus, um die Menschen, die seinen Weg kreuzten, mit seiner Musik zu verzaubern. Eines musste Sara ihm lassen; seine Melodien klangen so bewegend, dass sie keinen, der sie zu hören bekam, kaltließen.

*

Damals war Jack offen auf ihn zugegangen und hatte Laurence in harmlos anmutende Gespräche verwickelt, um mehr über ihn zu erfahren. Er erkannte schnell, dass es sich hier um einen weiteren Werwolf handelte. Da Laurence nicht vorhatte, in der nächsten Zeit ihren Bezirk zu verlassen und keinen gefährlichen Eindruck machte, kam Jack zu dem Entschluss, Laurence anzubieten, für die Dauer seines Aufenthaltes nach Roseend zu ziehen. Ein streunender, fremder Werwolf ohne die Kontrolle eines Rudels behagte keinem der ansässigen Werwölfe.

Roseend vermittelte nach außen hin den Eindruck eines kleinen, unscheinbaren Dorfes, in das sich einige wenige Menschen, fern jeglichen Trubels zurückgezogen hatten. Die kleinen, mit Efeu bewachsenen Cottages und die verschlungenen Kieswege, die die Wohnstätten der Bewohner miteinander verbanden, boten ein romantisch angehauchtes Bild, wie man es von Postkarten her kannte.

Für die ansässigen Werwölfe war es ein besonderer Ort, denn hier konnten sie unter sich sein. Sie genossen die Freiheit, sich nicht verstellen zu müssen. Das war eine große Erleichterung und ein wichtiger Aspekt in ihrem Leben. Der Hang zur Friedfertigkeit, der sie alle verband, sowie das enge Zusammenleben, gaben ihnen eine Sicherheit und Stärke, die eine große Macht bedeutete. So war es nicht weiter erstaunlich, dass die Werwölfe jeden Fremden skeptisch betrachteten und sehr genau abwogen, wen sie bei sich aufnahmen.

Sara erinnerte sich an ihr Gespräch mit Laurence vor einigen Tagen. Sie war damit beschäftigt, ihren Einkauf aus dem Auto zu hieven und ins Cottage zu tragen, als er plötzlich neben ihr stand und seine Hilfe anbot. Sie verkniff sich, ihn darauf hinzuweisen, dass man sich nicht anschleichen sollte und schon gar nicht, wenn es sich, wie in ihrem Fall, um eine Werwölfin handelte. Immerhin war auch er ein Wolfswesen und sollte es besser wissen.

Stattdessen ließ sie seine Hilfe aus Gastfreundschaft zu.

Als sie ihren Einkauf sicher verstaut hatte, ihr Nachbar jedoch keine Anstalten machte, zu gehen, lud sie ihn widerwillig auf eine Cola ein. »Sag mal, was hält dich eigentlich in dieser Gegend? So abgelegen, wie wir hier leben, bietet es doch keinerlei Reiz für dich. Man könnte fast sagen, hier liegt der Werwolf begraben«, fragte Sara beiläufig und nippte an ihrem Getränk.

Sie mussten über Saras Witz lachen.

»Ich stamme aus dem Norden und gehöre keinem Rudel an«, erwiderte Laurence mit nunmehr ernstem Gesicht.

Er stockte kurz. »Nein, dafür gibt es keinen besonderen Grund«, ging er erklärend auf Saras fragenden Gesichtsausdruck ein und betrachtete sie intensiv. »Ich musiziere schon seit meiner Kindheit, und mir genügt es schon lange nicht mehr, dass nur eine Handvoll Leute meine Musik zu hören bekommt. Ich bin niemand, der es längere Zeit an einem Ort aushält und deshalb bin ich mal hier und mal dort.«

Sara hob die Brauen und blickte ihn ratlos an. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Werwolf allein und ohne einen Rückzugsort glücklich sein konnte. Ob aus freier Entscheidung oder erzwungen, für sie machten beide Möglichkeiten keinen Sinn. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie selbst lange Zeit auf sich allein gestellt gewesen war und dies immer als eine Belastung empfunden hatte. »Tja, ich danke dir für deine Hilfe. Es war nett, mit dir zu plaudern.« Sie war sich bewusst, dass diese abrupte Verabschiedung mehr als unhöflich war, doch ihr waren Laurence’ interessierte Blicke keinesfalls verborgen geblieben und dies gefiel ihr nicht. Sie griff nach den leeren Gläsern, dabei streiften ihre Finger seine Hand. Unangenehm berührt zog sie sie hastig zurück und bemerkte, wie einen Moment lang ein gefährlicher Funke in seinen Augen aufflackerte.

»Bis demnächst mal, es war auch nett, mit dir zu plaudern.« Mit verkniffenem Gesicht stand Laurence auf, machte kehrt und verließ das Haus.

Als sich Sara an diese Begegnung zurückerinnerte, beschlich sie ein ungutes Gefühl. Sie glaubte nicht, dass ihr Nachbar wirklich Interesse an ihr haben könnte, doch irgendetwas störte sie an ihm. Und es war sicherlich nicht sein Aussehen. Obwohl er scheinbar eine Vorliebe für seine braune Lederjacke mit dem lächerlichen rot karierten Kragen besaß, da er sie immer anhatte, wenn Sara ihn sah.

Wie viele Werwölfe trug Laurence sein helles Haar schulterlang, sein Körper war für Saras Geschmack etwas zu dürr und hager und doch muskulös genug, um auf den zweiten Blick erahnen zu können, dass er Kraft besaß, und dass man sich besser nicht mit ihm anlegen sollte. Sein Gesicht war zwar ebenmäßig, aber es entsprach keineswegs dem gängigen Schönheitsideal, nichts, was ihr dieses Unwohlsein in seiner Nähe erklären könnte, und doch …

*

An diesem Abend wartete sie schon ungeduldig auf Jack, der mehrmals in der Woche bei seinem Bruder Marc im Bodybuildingcenter aushalf. Normalerweise arbeitete Sara bei Marcs Frau Miranda in einem kleinen Dessousgeschäft, doch für heute hatte sie sich freigenommen, da sie auf Minas sechzigstem Geburtstag eingeladen waren.

Ihre Freundin wollte dies gebührend feiern. Sara hatte ihr versprochen, einige Salate vorzubereiten. Diese standen mittlerweile fertig und abgedeckt in ihrer Küche.

Inzwischen blickte Sara zum wiederholten Male auf die Uhr. In genau einer halben Stunde würde die Party beginnen, und noch immer war nichts von Jack zu sehen.

Gereizt trat Sara vom Fenster zurück und entschied sich, schon einmal duschen zu gehen.

Als sie das kleine Bad betrat und ihr Blick auf den großen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand fiel, musste sie schmunzeln. Ich liebe dich, Jack!,  prangte auf dem Spiegel im Farbton einer ihrer Lippenstifte.

Solltest du noch einmal meinen Lippenstift benutzen, nutzt dir diese Erkenntnis auch nichts mehr!,  schrieb sie aus einem Impuls heraus mit ihrem Kajalstift darunter.

Gutgelaunt ließ sie kurz darauf das heiße Wasser über ihren Körper rieseln. Sie genoss den Anblick der Nebelschwaden, die die kleine Kabine einhüllten, als sie hörte, wie die Badezimmertür geöffnet wurde und ein belustigtes Lachen erklang. Sara lächelte; allem Anschein nach hatte Jack ihre Notiz gelesen. Ihren guten Ohren entging nicht, dass sich Jack ebenfalls ausgezogen hatte und scheinbar beabsichtigte, zu ihr unter die Dusche zu kommen. Ein kalter Luftzug traf ihren Rücken, der sogleich von warmer Haut, die sich an sie schmiegte, abgelöst wurde. Jacks kräftige Arme legten sich um ihren Körper und zogen sie in seine Umarmung.

»Was würdest du mir denn antun, wenn ich deinen Lippenstift noch einmal benutze? Du bedrohst doch nicht etwa deinen dich liebenden Mann?«, raunte er ihr mit heiserer Stimme ins Ohr.

Mit einer geschmeidigen Drehung stand sie ihm gegenüber. Spielerisch strich sie über seine muskulöse Brust.

»Keinesfalls, wenn ich es mir recht überlege, warum sollte ich erst auf eine neue Schandtat von dir warten, ich bestrafe dich gleich jetzt«, flüsterte sie. Mit verschmitztem Lächeln setzte sie ihr Vorhaben in die Tat um, während sich in Jacks ursprünglich tief blauen Augen bereits ein intensiver Goldton zeigte.

Als Sara einige Zeit später aus der Dusche stieg, hatte Jack schon längst das Feld geräumt. So hatte sie genug Raum, um sich in dem winzigen Bad in Ruhe anzuziehen.

Während sie in ihre Hose stieg, fiel ihr Blick auf den Spiegel, der für eine Begutachtung ihres Äußeren nun völlig ungeeignet war. Und diese Erkenntnis hatte nicht nur damit zu tun, dass er inzwischen komplett beschlagen war.

Fasziniert beobachte sie, wie sich der feine Nebel vom Glas löste und einen neu hinzugekommenen Satz enthüllte. Du hast recht, ich werde es immer wieder tun und trage die Konsequenzen, stand nun unter ihrer Drohung.

Grinsend griff Sara nach ihrer gelben Bluse, die zusammengefaltet auf dem Hocker bereitlag. Heute Abend würde sie diese und eine dazu passende, dünne Stoffhose tragen.

Das Wetter war jetzt im Spätherbst noch immer außergewöhnlich warm und ließ leichte Kleidung zu. Ihr feuchtes schwarzes Haar hielt sie mit einer silbernen Spange zurück. Schulterzuckend nahm sie den ramponierten Lippenstift in die Hand. Ach was, wozu Farbe auftragen? Bevor sie überhaupt bei Mina ankäme, würde davon nichts mehr zu sehen sein.

*

Sara hörte schon von Weitem fröhliches Stimmengewirr aus Minas Garten. Jack balancierte jeweils eine Schüssel Salat in seinen Händen, während sie ein schön verpacktes Geschenk trug.

Mina hielt schon ungeduldig nach ihnen Ausschau.

Sie erkannte offenbar an Saras Blick, dass sie Minas Reaktion auf ihr Geschenk kaum erwarten konnte. Liebevoll umarmten sie sich, während Jack mit einem Blick auf die Salate hilflos danebenstand.

Jack verlor die Geduld und räusperte sich übertrieben.

»Würdet ihr mir bitte die Schüsseln abnehmen? Erstens möchte ich Mina ebenfalls gratulieren und zweitens, wie sieht es denn aus, wenn der Rudelführer Salathalter spielt?«

Übermütig kichernd befreiten sie ihn von seiner Last.

Doch nun war es Mina, die nicht mehr in der Lage war, Jacks Umarmung zu erwidern. Lachend verschwanden Sara und Mina am Buffet, das weiter hinten in dem weitläufigen Garten aufgestellt war.

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*   *   *

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Jack schmunzelte, als er einen Blick über die Gäste gleiten ließ. Die Anwesenden waren über das Grundstück verteilt und genossen den schönen goldenen Oktober.

Auf den ersten Blick sah es aus wie ein gewöhnliches Nachbarschaftstreffen. Ihre Freunde standen oder saßen mit ihren Picknicktellern beisammen und plauderten.

Dass hier nur Werwölfe beisammen waren, hätte ein normaler Mensch nicht im Traum vermutet.

Vielleicht wäre einem aufmerksamen Beobachter irgendwann aufgefallen, dass alle eine gewisse unterschwellige, athletische Spannung ausstrahlten. Von der übergewichtigen Schwerfälligkeit mancher Menschen war hier keine Spur zu erkennen. Auch die älteren Gäste, von denen einige etwas rundlichere Formen hatten, strahlten eine sportliche Präsenz und Dynamik aus, die sie jünger wirken ließ, als es ihrem Alter entsprach.

Jafa, Minas Mann, war in eine Unterhaltung mit Michael vertieft, einem Schriftsteller, der die Ruhe in Roseend genoss und vor einem Jahr sein erstes Buch herausgebracht hatte. Laurence gesellte sich zu den beiden, natürlich mit seiner Gitarre. Ein Stück weiter stand Jennifer, die in Mitchen lebte. Neben ihr Marcel, Saras Bruder, der extra zu Minas Geburtstag aus Surrey angereist war. Er war der Einzige in der Runde, der kein Wolfswesen war.

Sie waren verwundert gewesen, als sie erfahren hatten, dass Marcel bei Jennifer übernachten würde, da Saras ehemaliges Cottage neu vermietet war und als freies Gästehaus nicht mehr zur Verfügung stand. Jack erinnerte sich daran, dass im letzten Sommer, als Sara und ihr Bruder das erste Mal seit Jahren in Roseend zusammentrafen, Jennifer ein reges Interesse an Marcel gezeigt hatte.

Noch weitere Werwölfe, die allerdings aus den umliegenden Orten stammten, waren Gäste bei Mina und Jafa und nickten ihm zur Begrüßung kurz zu.

Jack ging zu seiner Frau, die gerade beobachtete, wie Mina voller Vorfreude das Schmuckband der Geschenkverpackung löste. Neugierig schaute er ihr über die Schulter.

Als sie endlich die kleine Schachtel geöffnet hatte, kam ein neues Handy zum Vorschein. Mina blickte gerührt zu Sara, die neben ihr stand und sie keine Sekunde aus den Augen ließ.

»Das ist wirklich ein wunderbares Geschenk. Du hast nicht vergessen, dass ich im letzten Sommer davon gesprochen habe, mir endlich eines kaufen zu wollen. Immerhin scheinen alle, die etwas auf sich halten, ein Handy zu besitzen. Aber Jafa war einfach nicht zu überreden. Er meinte, ein normales Telefon würde für unsere Bedürfnisse ausreichen«, sagte sie begeistert über die gelungene Überraschung.

Bei der Erwähnung ihres Mannes funkelten ihre Augen so vor Schadenfreude, dass Jack und Sara herzhaft lachen mussten. Wenn sich Frauen erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatten, standen die Männer auf verlorenem Posten. Sie fanden immer Mittel und Wege, ihren Willen durchzusetzen.

Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie die zwei ihre Köpfe zusammengesteckt hatten, um einen Weg zu finden, der sie zum Ziel führen würde. Er war schon auf Jafas Gesichtsausdruck gespannt, wenn er mitbekommen würde, dass er von Sara und Mina ausgetrickst worden war.

Eine ausgelassene Stimmung lag über den Gästen, als Laurence sein Instrument auspackte und zu spielen anfing.

Niemand schien darüber verwundert zu sein, da er niemals ohne seine Gitarre anzutreffen war. Als die ersten leisen Klänge durch den Garten zogen, verstummten für einen Moment die Gespräche. Alle lauschten der Musik.

*

Laurence ließ seine Finger spielerisch über die Saiten gleiten und entlockte ihnen zarte Klänge, die niemand bei einer Gitarre für möglich gehalten hätte. Eine merkwürdige, traumhafte Atmosphäre entstand unter den Anwesenden, die fast greifbar war. Doch scheinbar spürte nur Sara einen unangenehmen Widerhall, den sie nicht zu benennen wusste. Sie musste sich täuschen, vielleicht lag ihr die Musik einfach nicht, da sich bei niemandem sonst eine ähnliche Regung erkennen ließ.

Als die Gespräche wieder einsetzten, tanzte die Melodie weiterhin zart wie ein Hauch durch den Garten. Von zu Anfang langsamen, sanften Klängen, steigerten sich nun Geschwindigkeit und Intensität der Melodie. Wie Sara mit einem Blick auf Laurence erkennen konnte, war er völlig in seine Musik vertieft und registrierte nichts mehr von dem, was um ihn herum geschah.

Warum machte er nicht mehr aus seinem Talent? So gut, wie er spielte, standen ihm doch alle Türen in der Musikszene offen, überlegte Sara gerade, als sie jäh aus ihren Gedanken gerissen wurde.

Ihr Blick richtete sich alarmiert auf den Teil des Gartens, wo Jafa und Michael beisammenstanden. Eben noch in ein ruhiges Gespräch vertieft, hatten sie begonnen, sich lautstark miteinander zu streiten.

»Solltest du jemals ein Buch über diesen Ort schreiben, dann halte mich da raus. Was für eine blöde Idee ist das überhaupt? Wer will schon erfahren, wie wir hier leben?

Außerdem ist es dir ohnehin nicht erlaubt, den Namen Roseend zu benutzen, ganz zu schweigen von Ähnlichkeiten, die auf unseren Aufenthaltsort hinweisen. Wozu also das Ganze?«, machte Jafa seinem Unmut Luft.

»Was ist denn in dich gefahren? Erst gestern sagtest du mir, es würde dir nichts ausmachen, als Vorbild für eine meiner Romanfiguren herzuhalten. Außerdem ist das ganz allein meine Entscheidung, dich lasse ich am besten ganz außen vor, so blöd, wie du mir kommst«, polterte sein Gegenüber nicht weniger erregt.

Sara lauschte irritiert dem Wortwechsel der beiden.

So wütend hatte sie Jafa noch nie erlebt, und Michael, den sie als absolut ruhigen und umsichtigen Mann kannte, verblüffte sie besonders.

Mittlerweile richteten sich alle Blicke auf die Streitenden.

Unsicher sah sich Sara nach Jack um, der gerade bei ihrem Bruder stand und ebenfalls Jafa und Michael beobachtete, während Marcel mit einem verwirrten Gesichtsausdruck von einem zum anderen blickte.

Als hätte er Saras Blick gespürt, blickte Jack kurz zu ihr herüber. Überrascht starrte sie ihn an. Seine Augen hatten sich verändert, ursprünglich blau, färbten sie sich jetzt golden.

Ungläubig über die Wut, die sie in seinen Augen erkennen konnte, glitt ihr Blick entgeistert über die restlichen anwesenden Werwölfe. Sie alle hatten stechende Augen und lauerten geradezu auf einen passenden Moment, um in den Streit eingreifen zu können. Sara beschlich eine Vorahnung. Die menschliche Seite begann, die Kontrolle über ihr wildes Erbe zu verlieren. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, dann würden sich ihre menschlichen Fesseln gelöst haben und die Instinkte des Wolfes würden die Oberhand übernehmen.

Da in dieser Nacht kein Vollmond wäre, bestünde zumindest nicht die Gefahr, dass sie sich verwandeln würden, doch die Aggressivität, die mittlerweile von ihnen ausstrahlte, behagte ihr überhaupt nicht. Alle Werwölfe in diesem Bezirk wussten sich unter Kontrolle zu halten, nicht umsonst galt gerade Roseend als Zufluchtsort für Werwölfe, die Gewalt zutiefst verachteten.

Sie war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob Jack der prekären Situation gewachsen war, die wie aus dem Nichts entstanden zu sein schien. Denn auch er strahlte eine Kampfbereitschaft aus, die Sara selbst aus dieser Entfernung spüren konnte.

Verwirrt nahm sie die düsteren Empfindungen der Anwesenden wahr, die sich wie ein unsichtbarer Schleier über den Garten gelegt hatte.

Sie schlängelte sich zwischen den Gästen hindurch, schob dabei Marcel zur Seite, der ihr verunsichert im Weg stand, und trat beherzt zwischen Jafa und Michael.

»Lasst es gut sein. Heute ist Minas Geburtstag, da wollt ihr doch sicher keinen Streit vom Zaun brechen«, sprach sie leise auf die beiden ein. »Jafa, geh mal rüber zu deiner Frau. Sie will dir etwas zeigen. Michael, wie sieht es aus? Du hast noch nicht mit mir auf Minas sechzigsten angestoßen. Holen wir das jetzt nach oder muss ich für uns beide einen trinken?«, wandte sie sich in ruhigem, festen Tonfall an Michael, bemüht, ein Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.

Sara konnte geradezu spüren, wie sich die Männer langsam beruhigten, und entspannte sich etwas. Verunsichert wandte sich Jafa ab und ging zu Mina, die noch immer am Buffet stand und ihm forschend entgegensah, während Michael sie, angesichts des gerade Geschehenen, erstaunt ansah. Sara überspielte das unangenehme Schweigen zwischen ihnen, indem sie so tat, als ob nichts geschehen wäre. »Bring uns doch schon mal zwei Bier, ich komme gleich zu dir hinüber.«

Erleichtert darüber, dass Michaels Augen wieder ihren gewohnten haselnussbraunen Ton angenommen hatten, blickte Sara in die Runde. Alle hatten sich scheinbar inzwischen beruhigt, niemand strahlte mehr die Wut und Gewaltbereitschaft aus, die noch vor Kurzem zu eskalieren drohte. Mit noch immer leicht zitternden Knien ging sie zu Jack, der sie beruhigend in den Arm nahm.

»Es sieht so aus, als ob sich der kleine Streit in nichts aufgelöst hat. Ich wusste gar nicht, dass Michael so wütend werden kann«, raunte er ihr zu und drückte ihr zärtlich einen warmen sinnlichen Kuss auf die Lippen.

Sara stutzte. Jacks harmlose Entgegnung ließ eine Banalität der Situation vermuten, die sie nicht nachempfinden konnte. Offenbar sah sie Gespenster. Wie kam sie nur auf die Idee, dass sich hier jemand ernsthaft einem Kampf aussetzen würde? Dennoch blieb eine gewisse Unruhe, die sie sich nicht erklären konnte.

Obwohl alle, die meiste Zeit in Menschengestalt, auch immer das Erbgut eines Wolfes in sich trugen, kam dieser nur selten spontan an die Oberfläche. Kleine Empfindlichkeiten, die einen Mittelweg zwischen Mensch und Wolf erforderten, waren eigentlich nicht weiter ungewöhnlich.

Die Wolfswesen waren daran gewöhnt, zwischen ihren Persönlichkeitsteilen auszubalancieren. Doch eine solch potenziell gefährliche Situation hatte Sara unter den Einwohnern von Roseend noch nie erlebt. Beruhigt erkannte sie, dass sich mittlerweile auch alle anderen wieder völlig normal verhielten.

Laurence hatte seine Gitarre gegen einen Baum gelehnt und unterhielt sich angeregt mit Jennifer, während Marcel an ihrer Seite stand und dem Gespräch folgte.

Den restlichen Abend über war von der Unstimmigkeit zwischen Jafa und Michael nichts mehr zu spüren, alle amüsierten sich, bis sie zu später Stunde aufbrachen. Als Jack nach der Heimkehr von Minas Party die Tür zu ihrem Cottage hinter sich schließen wollte, hob er kurz die Hand.

Laurence erwiderte den Gruß, bevor auch er in seinem Cottage verschwand.

Zufrieden über ihr überaus gelungenes Geburtstagsgeschenk für Mina, kuschelte sich Sara in Jacks Arme, während seine Hand suchend unter ihr T-Shirt glitt, es nach oben schob und seine Fingerspitzen die Konturen ihrer Haut nachfuhren. Als seine Handfläche eine ihrer Brüste bedeckte, stöhnte Sara leise auf. Begierig drängte sie ihren Körper an seinen und konnte spüren, dass auch er von ihrer Leidenschaft mitgerissen wurde. Ein Blick in seine goldglühenden Augen genügte, um zu erkennen, dass dieser an sich schöne Abend noch nicht zu Ende war.
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(Zum 2. Kapitel)

Copyright © der Leseprobe 2013/2015 by Christa Kuczinski (mit freundlicher Genehmigung des Verlages und im Auftrag der Autorin)

Bildrechte: LYKANTHROPIE – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar” (werwolfgeschichten.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Schattenklang – Roseend 2 (Kartoniert)
von Kuczinski, Christa
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Verlag:  at Bookshouse Ltd.

Medium:  Buch

Seiten:  204

Format:  Kartoniert

Sprache:  Deutsch

Erschienen:  Oktober 2015

Maße:  190 x 120 mm

Gewicht:  227 g

ISBN-10:  9963530087

ISBN-13:  9789963530083


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