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SABIHA UND DAS ERBE DER VERGANGENHEIT (Teil 2) – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann

SABIHA UND DAS ERBE DER VERGANGENHEIT

Eine Kurzgeschichte (Teil 2)

von

Irene Salzmann

Kranzberg, Oktober 1991/Februar 2014

(Zurück zum vorherigen Teil)
Der Mond war gerade aufgegangen, und in den Hügeln jaulte ein hungriger, junger Wolf, als wolle er den nächtlichen Lichtspender für seinen knurrenden Magen verantwortlich machen.

Bi schloss die Fensterläden, damit der milchige Schimmer des zernarbten Vollmonds nicht auf Memnos ausgemergeltes Gesicht scheinen und ihn stören konnte. Endlich war der alte Priester eingeschlafen, nachdem er sich lange unter Schmerzen auf seinem einfachen Lager gewälzt hatte. Jedes Jahr war sein Leiden schlimmer geworden, bis schließlich auch die Kräutertränke keine Linderung mehr brachten.

Nicht mehr lange, dachte Bi müde und gähnte, dann hast du es überstanden, Memnos. Vielleicht noch ein, zwei Tage, vielleicht eine Woche. Wären die Götter gnädig, würden sie dich gar nicht mehr aus deinem Schlaf erwachen lassen.

Sie setzte sich auf den niedrigen Schemel, lehnte sich, die Zugluft ignorierend, mit dem Rücken an die Wand und streckte die langen Beine aus. Gern hätte sie sich hingelegt, doch Memnos hatte einen unruhigen Schlaf, sodass sie gleich an seiner Seite sein wollte, wenn er etwas brauchte. Armer, alter Mann!

Die Götter waren nicht gnädig. Sie hatten ihre Mutter Vrigga sterben lassen und sie selbst am Leben erhalten, nur damit die Bewohner Lyoneds sie quälen konnten. Sie hatten den gutmütigen Priester mit Krankheit geschlagen und wollten ihn nicht auf die lange Reise schicken, die ihn von seinen Qualen erlösen würde. Sie hatten zugelassen, dass auch er, der allen nur Gutes tat, von den Dorfbewohnern verachtet und gedemütigt wurde. Was waren das nur für Götter, die Unschuldige straften und gute Taten übel belohnten?

„Ythrasis und Xanithe, wenn es euch wirklich gibt, ihr seid keine guten Götter, ihr seid …“

Sie verstummte, als sie Memnos‘ schwache Stimme vernahm. Der alte Mann war kaum zu verstehen. „Nicht fluchen“, bat er, „du bist Priesterin. Das darfst du nicht.“

Wild schleuderte Bi ihren hüftlangen Zopf in den Nacken.

„Und ob! Ein Priester ist immer nur so gut wie seine Götter. Und bei solchen Göttern, bin ich -“

Sie wollte noch mehr sagen, sich ihre Wut von der Seele reden, doch dann biss sie sich auf die Lippen. Memnos sollte in Frieden sterben – und er war zweifellos besser als seine Götter.

Sie setzte sich an sein Lager und ergriff die raue, knochige Hand des Greises. Durch die langwierige Krankheit hatten sich seine Finger zu ständig schmerzenden Klauen verkrümmt und ließen sich kaum noch gerade biegen. Selbst die einfachsten Tätigkeiten hatte er in den vergangenen Wochen nicht mehr ohne ihre Hilfe ausführen können.

„Du darfst nicht zweifeln“, röchelte er. „Die Götter allein wissen den Grund. Wir sind ihre Kinder, auch du. Versprich mir, dass du das Dorf beschützen wirst, und lass mich dir den Priestersegen geben!“

Nein, hätte Bi am liebsten laut geschrien und umklammerte krampfhaft seine Hände, um zu verhindern, dass er die Zeichen über sie machte. Sie wollte keinem Gott und keiner Göttin gehören, die sie verachtete.

Längst hatte sie ihr Bündel gepackt, um das Dorf sofort verlassen zu können, wenn Memnos die lange Reise antrat. Dann gab es nichts mehr, was sie in Lyoned hielt, und sie wollte schnell fort, bevor sich die Fischer zusammenrotteten, um sie an der Seite des Priesters dem Meer zu überantworten.

„Versprich es!“, drang Memnos Stimme überraschend eindringlich und klar an ihr Ohr.

Er war ungewöhnlich stark und befreite sich aus ihrem Griff. Obwohl sie noch immer an seinen zitternden Gelenken hing, vollendete er die Gesten der Segnung.

Nein, dachte Bi und schwieg verbissen. Xanithe und Ythrarsis bekommen mich trotzdem nicht!

Langsam sank der Priester auf sein Bett zurück, Enttäuschung im erlöschenden Blick. Die klamme Hand wurde kalt und schwer.

*

Zunächst hatte Bi befürchtet, die Fischer würden sie verfolgen, aber offensichtlich gaben sie sich damit zufrieden, dass die verhasste Hexe das Dorf verlassen hatte. In sicherer Entfernung von einem kleinen Hügel aus hatte sie das Feuer lodern gesehen, das auf dem winzigen Totenschiff Memnos den Weg in die andere Welt zeigen sollte. Danach waren Lyoned und das schwärzlich schimmernde Meer aus ihrer Sicht entschwunden, und sie wünschte, dass auch ihre Erinnerung so schnell verblassen würde.

Es war eisig, und die Luft roch nach Schnee. Die trockene Kälte hatte den Boden stellenweise aufspringen lassen, sodass die Wanderung ins Landesinnere über harte Schollen und wulstige Unebenheiten recht beschwerlich war. In den ersten Tagen wollte Bi schon verzweifeln: Kälte, Hunger und Angst vor den wilden Tieren setzten ihr schwer zu, aber die harten Jahre in Lyoned hatten sie stärker werden lassen, als sie selbst gehofft hatte.

Schnell akzeptierte sie das winterliche, trostlose Gelände, lernte, während des Wanderns trockenes Brennholz zu sammeln, verdorrte Beeren und schrumpelige Wurzeln zu entdecken, instinktiv gefahrvolle Orte zu umgehen, und schließlich gelang es ihr sogar, den hungrigen Wolf, der ihr lange Zeit gefolgt war, mit einem derben Stock in die Flucht zu treiben.

Anfangs hatte Bi kein klares Ziel gehabt, wollte nur weit, weit fort von jenem Dorf, in dem man sie gehasst und gepeinigt hatte, aber schließlich konnte sie nicht ihr Leben lang durch die Länder streifen. Es musste doch einen Ort geben, von dem man sie nicht verjagte, wo Menschen wohnten, für die blaue und grüne Augen oder Albinismus nichts Ungewöhnliches waren, zu denen ihre Mutter gehört hatte, wo sie vielleicht sogar Verwandte fand.

Da sie jedoch von Memnos wenig über Maurinia und seine Geschichte hatte erfahren können, musste sie sich auf ihren Instinkt verlassen, der sie dem ungefähren Küstenverlauf nach Norden zu folgen hieß. Dort, flüsterte eine innere Stimme, würde sie entdecken, wonach sie suchte.

Die Siedlungen meidend, zog Bi durch die düsteren Wälder und das unwegsame Hochland. Vor jedem einsamen Reisenden verbarg sie sich ängstlich; vielleicht würde er sie wegen ihrer Abstammung zu töten versuchen, und ohne Waffen konnte sie sich nicht einmal verteidigen. Vermutlich hatte sie bereits die Grenze nach Karkaras überschritten, wo man angeblich um Leute wie sie kein großes Aufheben machte, doch noch immer war ihre Furcht so mächtig, dass sie lieber Hunger und Frost ertrug, statt in eines der Dörfer zu gehen, um ein Winterquartier zu erbitten und Fragen zu stellen.

Abends begann es sehr früh zu dämmern, sodass sich Bi bald nach einem geeigneten Platz umsah, an dem sie ihre leichte Zeltplane aufbauen und ein wärmendes Feuer entfachen konnte. Im Schein der untergehenden Sonne wählte sie eine geschützte Nische am Fuße eines Felsmassivs, in der sie vor neugierigen Blicken sicher war.

Nachdem sie ihr kleines Zelt errichtet und die fade Suppe aus den wenigen Wurzeln und Kräutern gelöffelt hatte, kroch sie unter die wärmende Plane, hüllte sich fest in die weichen Pelze und schlummerte mit einem vagen Gefühl von Geborgenheit erschöpft ein.

Wie lange Bi geschlafen hatte, wusste sie nicht, als sie plötzlich aufschreckte. Misstrauisch blickte sie sich um, konnte jedoch nichts Verdächtiges entdecken. Niemand schien sich ihrem Lager genähert zu haben, kein Mensch und kein Tier. Das Feuer war zu rötlicher Glut heruntergebrannt, und abgesehen von seinem leisen Knistern war alles still. Vorsichtig glitt sie unter der Plane hervor und tastete nach dem Knüppel, der ihr schon gegen den hungrigen Wolf hervorragende Dienste geleistet hatte.

Lautlos entfernte sie sich einige Schritte von ihrem Lager, kauerte sich im Dickicht nieder und lauschte mit angehaltenem Atem. Da die Nacht klar war, konnte sie im Licht der Sterne schemenhaft ihre Umgebung wahrnehmen, doch weder schlich ein Räuber zu ihrem Zelt noch sprang ein Dämon aus der Finsternis.

Da muss aber etwas sein, dachte Bi mit einem leichten Frösteln. Sie spürte, dass sie nicht allein war, und wunderte sich, dass sie es nicht schon bei ihrer Ankunft gefühlt hatte. Vielleicht war sie zu müde gewesen, um auf ihre innere Stimme zu achten. Möglicherweise war das Unbekannte auch gerade erst gekommen. War es hinter ihr her? Oder war es vielleicht gar keine Bedrohung?

Einerseits empfand sie ein dumpfes Unbehagen, andererseits aber nahm sie eine seltsame, süße Verlockung wahr. Je länger sie sich darauf konzentrierte, umso deutlicher hörte sie den wortlosen Ruf in ihrem Kopf.

Nachdenklich wog sie den Stock in ihren Händen. Jemand oder etwas wusste, dass sie hier war und rief sie zu sich. Das Bedürfnis, eilig wegzulaufen und dem Unbekannten zu entkommen, hielt sich die Waage mit ihrer Neugierde und dem Verlangen herauszufinden, wer der unsichtbare Rufer war. Nein, es oder er schien ihr kein Leid zufügen zu wollen, und ihr Instinkt versprach ihr zudem die Antwort auf viele Fragen.

Wahrscheinlich gab es eine kleine Ansiedlung zwischen den Felsen, versuchte sich Bi zu beruhigen, und dort lebte einer der geheimnisvollen Wawarei, der erkannt hatte, dass sie zu seinem Volk gehörte. Bestimmt würde ihr nichts passieren! Und wenn doch, mit dem Knüppel konnte sie umgehen.

Entschlossen erhob sie sich und ließ sich von dem mysteriösen Ruf leiten. Schon nach wenigen Schritten stieß sie auf einen Trampelpfad, der darauf schließen ließ, dass ihm hin und wieder Wanderer durch die zerklüftete Landschaft folgten. Es war nicht leicht, in der Dunkelheit einen sicheren Halt für Hände und Füße zu finden, doch sie schaffte es.

Auf einem schmalen Sims ruhte sie sich einen Augenblick aus, bevor sie sich weiter an der Felswand entlang tastete. Nicht weit von ihr glomm ein unsteter Funke auf, verschwand wieder, wurde dann deutlicher. Die flackernde Helligkeit stammte von einem mächtigen, verwitterten Torbogen, vermutlich das Überbleibsel einer archaischen Bergfeste, an dessen Querbalken ein Feuerkessel die Anwesenheit von Menschen signalisierte.

Klickend sprang ein kleines Steinchen, gestoßen von ihrer Stiefelspitze, abwärts.

Bi verharrte und presste sich in den Schatten. Bevor sie sich zeigte, wollte sie wissen, wer sie erwartete, und notfalls die Flucht ergreifen.

Aus der Dunkelheit neben dem Torbogen schälte sich eine hochgewachsene, kräftige Gestalt. „Wer da?“

Die Stimme gehörte keinem Ungeheuer, sondern einem jungen Mann. Als er unmittelbar unterhalb des Feuerkessels stand, wurden seine Lederrüstung, sein muskulöser Oberkörper und ein Teil seines markanten Gesichts in purpurnes Licht getaucht. Kampfbereit hielt er die Lanze vor sich, um auf einen etwaigen Angriff sofort reagieren zu können. Offensichtlich war er allein und sehr nervös.

Einer Eingebung folgend, ging ihm Bi mit ausgebreiteten Armen langsam entgegen, vermied es aber, dem Licht allzu nahe zu kommen, damit er nicht ihre hellen Augen sehen konnte.

„Nur eine müde Reisende. Ich sah dein Feuer. Kann ich mich ein wenig wärmen?“

Der junge Mann senkte zögernd seine Waffe. Als sie nur wenige Schritte von ihm entfernt stehen blieb, bemerkte sie, dass er kaum älter sein konnte als sie selbst. Nein, er war gewiss nicht der merkwürdige Rufer!

Da er in ihr keine Gefahr sah, wies der Bursche einladend hinter sich auf ein schiefes Steinhaus, das Bi zuvor nicht entdeckt hatte, so vollkommen fügte es sich in seine Umgebung. Davor befand sich eine kleine Bank, auf der sie Platz nahm, während er unter dem Torbogen stehen blieb.

„Aus Maurinia, wie? Dein Dialekt“, fügte er hinzu, als er ihr erstauntes Gesicht bemerkte. „Du bist ziemlich weit weg von der nächsten Ortschaft. Hast du keine Angst, allein umherzuziehen? Dazu im Winter. Wölfe und Räuberbanden sind noch das Harmloseste. Wo ist dein Gepäck?“

„Ich habe mich verirrt und meinen Rucksack verloren“, log Bi, um ihn nicht misstrauisch werden zu lassen. „Ich wollte an die Küste, kam aber im Abendnebel vom Weg ab. Wo bin ich hier?“

„Nördlich der Grenze, in der Nähe von Nuowan“, antwortete der Mann bereitwillig, und Bi bemerkte, dass er die Endungen seiner Worte anders betonte; offenbar eine Eigenart der Bewohner von Karkaras. „Wenn du willst, kannst du bis morgen bleiben. Dann findest du leichter den richtigen Weg. Ich bin ganz froh, ein wenig plaudern zu können. Ich fürchtete schon einzuschlafen, als du kamst, und das darf ich nicht.“

„Deswegen?“

Als Bi neugierig in die Schwärze hinter seinem Rücken blickte, spannte er unwillkürlich seine Muskeln an …

(Zur Fortsetzung)

Copyright (C) 1991/2014 by Irene Salzmann

Bildrechte: Eingangsbild (Klosterruine – Zeichnung von Lothar Bauer.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Armentrout, Jennifer L.
Dämonentochter – Verlockende Angst

Band 2

Übersetzt von Röhl, Barbara
Verlag :      cbt
ISBN :      978-3-570-38044-4
Einband :      Paperback
Preisinfo :      8,99 Eur[D] / 9,30 Eur[A] / 13,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.01.2014
Seiten/Umfang :      480 S. – 18,3 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      10.03.2014

Medien :
Leseprobe(PDF)

Zwischen Göttern und Sterblichen gibt es die Eine, die kämpfen wird!

Alex’ Mutter wurde von Dämonen verwandelt und macht nun Jagd auf Menschen. Einzig Alex kann sie aufhalten. Doch sie ist noch keine voll ausgebildete Dämonenjägerin. Als Alex’ Mutter einen Freund ihrer Tochter entführt, bleibt Alex keine Wahl. Sie zieht in einen Kampf auf Leben und Tod, und stellt sich allein ihrer größten Angst …

Jennifer L. Armentrout (Autorin)

Jennifer L. Armentrout hat es mit ihren Büchern bereits auf die Bestsellerliste von USA Today geschafft. Ihre Zeit verbringt sie mit Schreiben, Sport und Zombie-Filmen. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in West Virginia.

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