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Literatur-Blog

RUCKSACKTOUR – Leseprobe (Teil 1) aus dem Roman: „Der Feenturm“ von Aileen P. Roberts

RUCKSACKTOUR

Leseprobe (Teil 1) aus dem Roman:

„Der Feenturm“

von Aileen P. Roberts

»Warum habe ich mich nur auf so einen Mist eingelassen?«

Belustigt beobachtete Dana ihre Freundin, die im strammen Ostwind mit der Landkarte kämpfte. Maritas lange, blonde Haare hatten sich mal wieder aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und wirbelten wie Medusas Schlangen um ihren Kopf herum.

»Was ist denn, wir sind doch heute höchstens zehn Kilometer gewandert«, wandte Dana ein. Genüsslich sog sie die klare Luft in ihre Lungen, ließ ihren Blick über die sonnenüberfluteten Berghänge des einsamen, wilden Glen Shiel schweifen und erfreute sich an dem grandiosen Ausblick.

»Mir tun aber die Füße weh«, jammerte Marita, gab den Versuch auf, die Karte ordentlich zu falten, und stopfte sie stattdessen zusammengeknüllt in Danas Rucksack.

»Du hättest deine Schuhe eben rechtzeitig einlaufen müssen.«

»Ja, ja.« Maritas Stupsnase kräuselte sich unwillig, dann blickte sie mit einem tiefen Seufzen die gewundene Bergstraße hinab.

»Im nächsten Ort nehmen wir uns ein Zimmer.«

»Hey, wir waren uns doch einig, nur bei ganz miesem Wetter in ein Bed & Breakfast zu gehen«, protestierte Dana. »Ich kann es mir nicht leisten, so viel Geld auszugeben.«

»Wo ist denn der nächste Campingplatz?«

Dana hob ihre Schultern. »Keine Ahnung, notfalls campen wir eben wild.«

»Nein!« Marita schüttelte entschieden den Kopf, stemmte die Hände in die Hüften und sah an sich herab.

»Zumindest eine heiße Dusche brauche ich heute unbedingt, und dir könnte das auch nicht schaden, vielleicht wäscht dir das Wasser dann endlich diese scheußliche Farbe aus den Haaren. Die armen Schafe bekommen ja einen Herzinfarkt, wenn sie dich durch das Heidekraut stapfen sehen.«

Lachend fuhr sich Dana durch die schulterlangen Haare, die sie vor Kurzem leuchtend rot getönt hatte. »Man sagt doch, zu einem neuen Lebensabschnitt gehört auch eine neue Frisur.«

»Aber jetzt siehst du wie Pumuckel aus, so findest du nie einen neuen Freund.«

»Ich will im Moment auch keinen.« Danas Gesicht verfinsterte sich, denn sie hatte ihren Exfreund Jens mit seiner Kollegin im Bett erwischt, und auch wenn er ihr hoch und heilig geschworen hatte, es wäre ein einmaliger Ausrutscher gewesen, so hatte sie doch auf der Stelle Schluss gemacht. Dann schob sie die düsteren Gedanken beiseite und drängte Marita, weiterzugehen. »Los jetzt, vielleicht nimmt uns jemand bis zum Campingplatz mit.«

»Wahrscheinlich ein Frauenmörder, der uns im nächsten Moorloch versenkt.«

»Blödsinn, in Schottland ist Trampen völlig okay, das sagt selbst meine Mutter, und die ist in dieser Beziehung ausgesprochen kritisch.« Schon hielt Dana ihren Daumen in Richtung Straße.

Viel Verkehr herrschte im Augenblick nicht, nur wenige Fahrzeuge rollten die einsame Hochlandstraße entlang. Einige Autos brausten an ihnen vorbei, wobei die meisten Fahrer entschuldigend winkten, um anzuzeigen, dass ihre Wagen bereits bis unters Dach bepackt waren. Doch nach etwa einem weiteren Kilometer stoppte endlich ein knallroter Citroën. Ein älterer Mann mit schlohweißen Haaren streckte seinen Kopf aus dem Fenster. »Wohin wollt ihr denn?«, fragte er mit starkem schottischen Akzent.

»Zum nächsten Campingplatz«, antwortete Dana.

»Steigt ein, der Shiel Bridge Caravanpark ist noch knapp zehn Meilen entfernt.«

»Sie sind unsere Rettung!« Marita hob ihre Hände gen Himmel, aber ihre Euphorie hielt nur so lange an, bis sie auf der Rückbank saß, denn im Kofferraum gackerte es laut, und Federn erfüllten die Luft. Ihr Fahrer, er stellte sich als Bobby vor, erzählte unterwegs von seinen Hühnern, die er erst heute in Nairn, knappe einhundertfünfzig Meilen von seinem Heimatdorf entfernt, gekauft hatte.

Obwohl Dana sehr gut Englisch sprach, fiel es ihr ein wenig schwer, Bobby zu folgen, denn zum einen machte ihr sein Akzent zu schaffen, zum anderen trugen die fehlenden Zähne auch nicht zu einem besseren Verständnis bei. Aber Bobby war nett und lustig und beschrieb mit ausschweifenden Gesten seine kleine Hobbyfarm und die neu ausgebaute Ferienwohnung. Dann deutete er auf die Hühner im Kofferraum, die bei jeder Bodenwelle – und davon gab es viele – laut gackernd in die Luft hüpften.

»Ihre Rasse ist beinahe ausgestorben, aber bei mir auf der Farm werden sie es gut haben.«

Während Dana interessiert ihren Kopf nach hinten drehte, und die ungewöhnlich großen, braun und schwarz gefiederten Tiere betrachtete, rümpfte Marita nur die Nase.

»Wo wohnen Sie denn?«, erkundigte sich Dana.

»In Ardmore, auf der Isle of Skye.« Bobby lachte. »Dem schönsten Fleckchen Erde, wenn du mich fragst.«

»Auf die Insel wollen wir auch noch«, erwiderte Dana begeistert.

»Na, dann kommt mich doch besuchen.« In einem halsbrecherischen Manöver lehnte sich Bobby auf Danas Seite und wühlte in dem Handschuhfach, wobei seine Augen immer nur für Sekunden auf der Straße ruhten.

»Ich mache euch einen guten Preis für die Ferienwohnung, falls ihr eine Unterkunft braucht«, versprach er.

»Der bringt uns noch um«, jammerte Marita auf Deutsch, wobei sie auf ihrem Rücksitz immer kleiner wurde.

»Ein Schaf!«, quietschte sie plötzlich, und auch Dana hielt die Luft an.

Bobby riss das Steuer zur Seite. Reifen quietschten, das Schaf floh ins Heidekraut, dann hatte sich ihre Fahrt wieder stabilisiert.

»Ha, ha«, lachte Bobby. »Ein Mann aus unserem Dorf, Black Bob, hat wegen so einem dummen Schaf mal sein Auto zu Schrott gefahren. Sah wie eine zerbeulte Konservendose aus. Black Bob ist Transvestit, müsst ihr wissen, und das dumme Gesicht des Polizisten, als sie einen bärtigen Mann mit Kleid aus dem Wrack schnitten, war noch wochenlang Inselgespräch.«

»Na toll.« Im Gegensatz zu Dana, die sich ein Auflachen nicht verkneifen konnte, fand Marita das überhaupt nicht lustig. »Vermutlich werden wir ihm gleich folgen, zumindest, was das Autowrack betrifft.«

Ihre Finger klammerten sich so fest um die Lehne des Beifahrersitzes, dass die Knöchel weiß hervortraten, als Bobby noch einmal im Handschuhfach herumkramte und dann strahlend eine verknitterte Visitenkarte in die Höhe hielt, dabei allerdings gefährlich zur rechten Straßenseite abdriftete.

»Ach was, solange keine Windböen von links kommen ist das kein Problem. Der Wind ist nicht ganz ohne hier. Mein Nachbar Tony wurde vor ein paar Jahren mit seinem Caravan über die Klippen geblasen.«

Während Marita ihre blauen Augen aufriss, musste Dana grinsen, denn Bobby erzählte die Geschichte in einem so unbekümmerten Plauderton, als wäre das etwas völlig Alltägliches.

»Wie konnte das denn passieren?«

»Na ja, ein Wintersturm, und der Caravan war schon alt und in schlechtem Zustand. Eine üble Geschichte, aber Tony war sowieso schon über achtzig.«

Bobby grinste und entblößte dabei seine Zahnlücken. »Er hat sich allerdings bis zum Schluss jeden Tag, ob Sommer oder Winter, nackt in der Quelle hinter seinem Caravan gewaschen.«

»O mein Gott, wo sind wir hier nur gelandet?«, stöhnte Marita. Anders als ihre Freundin fand Dana diese Fahrt ausgesprochen amüsant, und nachdem Bobby jetzt seine Hände wieder fest am Lenkrad hatte, fuhr er auch sehr sicher über die kurvenreiche Bergstraße. Nach einer Weile erreichten sie das Dörfchen Shiel Bridge, und Bobby setzte sie schließlich sogar direkt am Campingplatz ab.

»Vielen Dank, dass Sie unseretwegen den Umweg gemacht haben«, bedankte sich Dana, während Marita sich ungeduldig eine Feder aus den Haaren zupfte und lautstark niesen musste.

»Keine Ursache, ich wünsche euch einen schönen Urlaub, und meldet euch, wenn ihr auf der Insel seid!« Laut hupend fuhr Bobby mitsamt seinen Hühnern davon.

»Was für ein schräger Vogel«, meinte Marita, blickte dem roten Auto noch kurz hinterher, dann eilte sie zur Rezeption, aber die war geschlossen. »Na toll!«

»Komm, wir stellen einfach das Zelt auf, bisher hat das noch niemanden gestört.« Dana erspähte ein ebenes Stück Wiese und errichtete dann gemeinsam mit ihrer Freundin – dem Wind zum Trotze – ihr kleines Zweimannzelt.

Nachdem Marita geduscht und ihre Haare gewaschen hatte, schien sich ihre Laune deutlich gebessert zu haben. Eigentlich war sie ohnehin recht fröhlich und unkompliziert, sonst hätte es Dana wohl auch kaum schon über drei Jahre mit ihr zusammen in einer Wohnung ausgehalten, nur war sie nicht unbedingt der Outdoor-Typ. Sie waren beide im gleichen Alter, Dana vierundzwanzig, Marita ein halbes Jahr jünger. Auf dem Gymnasium hatten sie sich kennen gelernt und nach ihrer Ausbildung beschlossen, zusammenzuziehen.

»Ich habe ja gedacht, deine Mutter übertreibt, als sie von den hilfsbereiten Schotten und ihren verrückten Erlebnissen erzählt hat.« Genüsslich tauchte Marita ihren Löffel in den Topf voller Gulasch, den Dana gerade auf dem Gaskocher erwärmt hatte.

»Ja, ich glaube, spätestens nach Bobby und seinen Hühnern hat sich das bestätigt«, lachte Dana. Im Grunde war es ihrer Mutter zu verdanken, dass sie hier waren. Um sich von ihrem untreuen Freund abzulenken, hatte sie bei ihren Eltern ein altes Fotoalbum hervorgezogen. Obwohl sie wusste, dass ihre Eltern, Katharina und Bernhard, in den Jahren vor ihrer Geburt in der Nähe von Edinburgh gelebt hatten, hatten die beiden nie allzu viel davon berichtet. Aber an jenem Abend waren die Augen ihrer Mutter sehnsüchtig über die alten Fotos geglitten, und war über die schönen Zeiten ins Schwärmen geraten, als Bernhard dort noch als Lehrer gearbeitet und so ihren Lebensunterhalt bestritten hatte.

Kurzerhand war in Dana der Entschluss gereift, die ehemalige Heimat ihrer Eltern zu bereisen, und so war sie nun mit Zelt, Rucksack und Marita unterwegs.

»So ein Mist, drei Blasen«, stöhnte Marita. Sie hatte ihr Essen beendet und klebte sich nun Pflaster auf die entsprechenden Stellen.

»Wenn die Schuhe erst eingelaufen sind, wird’s sicher besser.«

Satt und zufrieden ließ sich Dana auf ihre Isomatte sinken, beobachtete die weißen Schäfchenwolken am dunkler werdenden Himmel, die einen faszinierenden Kontrast zu den aufragenden Bergen bildeten.

Schmunzelnd sah sie ein paar Kaninchen zu, die über die Wiese hoppelten und sich gegenseitig jagten. Ansonsten war auf dem Campingplatz nicht viel los. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern aß vor ihrem riesigen Kuppelzelt zu Abend, drei halbwüchsige Franzosen spielten in einiger Entfernung Fußball, und aus einem beigefarbenen Caravan kam ein weißhaariger Mann, der ihnen kurz zuwinkte und dann davonschlurfte, um Wasser zu holen.

Bisher hatten sie auf den Campingplätzen schon einige nette Bekanntschaften gemacht, und in Sterling sogar mit einer Gruppe Engländer die ganze Nacht durchgefeiert. Jetzt waren sie auf dem Weg zur Isle of Skye, die Danas Mutter besonders gut gefallen hatte. (…)

-Ende von Teil 1-

(Weiter zu Teil 2)

Copyright der Leseprobe (c) 2012 by Aileen P. Roberts (mit freundlicher Genehmigung des Verlages und im Auftrag der Autorin)

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus30-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Roberts, Aileen P.
Der Feenturm

Roman

Verlag :      Goldmann Verlag
ISBN :      978-3-442-47711-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,99 Eur[D] / 13,40 Eur[A] / 18,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 14.08.2012
Seiten/Umfang :      640 S. – 20,6 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      20.08.2012

Medien :
Leseprobe(PDF)

Titel erhältlich bei ebook.de
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Als Dana bei ihrer Reise durch Schottland auf eine verfallene Turmruine stößt, fühlt sie sich sofort angezogen von dem Ort und seiner mystischen Stimmung. Sie verbringt die Nacht dort und ihr erscheint der Geist von Rionach, einer Piktenkriegerin, die seit 2000 Jahren an diesen Ort gebunden ist. Verzweifelt bittet sie Dana um Hilfe: Nur, wenn die junge Frau sich bereit erklärt, für sie in die Vergangenheit zu reisen und ihren Tod zu rächen, wird Rionach Frieden finden. Dana zögert, glaubt zuerst an einen Traum – und lässt sich dann doch ein auf eine gefährliche, abenteuerliche Reise …

Aileen P. Roberts ist das Pseudonym der Autorin Claudia Lössl. Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckte sie vor einigen Jahren durch ihren Mann. Als dieser mit der Arbeit an einem Buch begann, beschloss sie, sich ebenfalls als Schriftstellerin zu versuchen. Seither hat sie bereits mehrere Romane im Eigenverlag veröffentlicht, 2009 erschien mit “Thondras Kinder” ihr erstes großes Werk bei Goldmann, danach folgten “Weltennebel” und “Feenturm”. Claudia Lössl lebt mit ihrem Mann in Süddeutschland.

Youtube Trailer zum Buch mit Bildern von Originalschauplätzen!

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Updated: 28. März 2013 — 16:08

6 Comments

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  1. Mir gefällt die Leseprobe sehr gut, man lernt Dana und Marita ein bisschen besser kennen, ihre Charaktere und bekommt ein bisschen Schottland-Feeling 🙂

    An anderer Stelle hatte ich ja schon geschrieben, dass mir die Erzählart gut gefällt, das bestätigt sich hier wieder.

    Liebe Grüße
    Bine

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