sfbasar.de

Literatur-Blog

ROT BEDEUTET MIR NICHTS – Ein Essay von Rüdiger Heins

ROT BEDEUTET MIR NICHTS

Ein Essay

von

Rüdiger Heins

Rot ist die Erinnerung an das, was ich vergessen habe.

Die Farbe der Trauer ist nicht Schwarz, sie ist Rot. Verblüht sind jetzt die Rosen, die vor deinem Foto stehen.

Weißt du noch dieser Abendhimmel in der Bretagne? Du sagtest zu mir: „Erzähl mir etwas über Shakespeare.“ Und ich tat nichts lieber als das.

Shakespeare in Rot.

Ja, Dichter erscheinen rot. Sie erscheinen rot, weil sich dieser Zustand besser reimen lässt auf „tot“.

Diese Erdbeere in deiner Hand. Du riechst daran.

Später als du mit deinen Händen liebevoll über mein Gesicht streichelst, duften sie nach Erdbeere – deine Hände.

Rot kann also auch ein Duft sein. Der Duft deiner Hände ist …

Warum weine ich nicht in Rot? Warum weine ich um dich?

Damals trug ich diesen roten Anzug, den mir meine Mutter geschneidert hatte.

Mit einer Freundin, wir waren noch Kinder, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, zündeten wir die alte Scheune an, die hinter unserem Haus stand. Diese Flammen, dieser Gestank, dieses Knistern, diese Angst.

Seit diesem Tag trug ich nie wieder diesen selbstgeschneiderten Anzug.

Odysseus vielleicht. Die Segel seines Bootes. Rot?

Rotes Segel, getränkt mit dem Blut getöteter Achäer.

Der Übergang des Matriarchats in ein Patriarchat. 1134 und 1135 vor Christus.

Priamos, König von Troja, Bewahrer der matriarchalen Kultur.

Penthesilea, die Amazone. Penthesilea kämpfte mit ihrem Amazonenheer an seiner Seite. An der Seite Priamos‘s. War der Schild der Amazone rot?

Auf der anderen Seite Agamemnon, der Angreifer, der Sohn des Altreus. Er führte die Achäer nach Troja, um auf den Trümmern Trojas das Patriarchat aufzubauen.

Die Farbe Rot, das Blut der gefallenen Krieger.

Nach dem Untergang Trojas gilt das Gesetz des Penis, gekrönt von einer roten Eichel.

Herodot schreibt über die Phönizier: Er schildert sie als ein Volk das vom Roten Meer stammt. Ihren Ursprung haben die Phönizier im Gebiet des Persischen Golfs.

Sidon, der Urvater der Sidonier, wird in der Genesis als Sohn Kanaans bezeichnet (Gen 10,15 LUT). Kanaan ist der Sohn Hams.

„Ham“ bedeutet im Phönizischen wie die griechische Bezeichnung der Hamiter „rot“.

Rot, die Farbe Rot bedeutet mir nichts. Sie hat mir noch nie etwas bedeutet. Und wenn, dann kann ich mich nicht mehr erinnern, will ich mich nicht erinnern an die Farbe Rot.

Rot ist Klang.

China ist rot. Rotchina.

Als dreizehnjähriger bekam ich regelmäßig die Peking Rundschau.

Zwei Mal im Monat erhielt ich sie per Luftpost. Sie war auf dünnem Papier gedruckt. Damals dachte ich, es sei Reispapier. Und ich habe geglaubt, was darin geschrieben stand. Heute weiß ich: alles kommunistische Propaganda der KP Chinas. Alles gelogen. Rot, die Farbe der Lüge.

Ein menschenverachtendes Regime, das mit einer Roten Fahne.

Rotchina.

Derek Jarman sagt: „Rot schirmt sich ab. Keine Farbe ist so territorial. Es steckt sein Revier ab, ist auf der Hut gegenüber dem Spektrum.“

Der Schiedsrichter zeigt beim Fußball die „Rote Karte“, wenn ein Spieler auf dem Spielfeld grob unsportlich gehandelt hat.

Im Augenblick verliere ich meinen Faden, den „roten Faden“.

Beim Stierkampf reizt der Matador den Stier mit einem (dunkel)roten Tuch, der Muleta. Aber der Stier ist farbenblind. Er reagiert nicht auf Rot, sondern auf die schnellen Bewegungen des Tuches.

Woher kommt die Redensart „Der ist für mich ein rotes Tuch“?

Für wen sollte man heute noch den „roten Teppich“ ausrollen?

Vielleicht für die Huren von Soho oder die Gefangenen der Guantanamo Bay, die mit der orangenen Gefangenenkleidung.

Orange, eine Mischung aus Rot und Gelb.

Die Huren von Soho tragen Rot, um die Aufmerksamkeit der Freier auf sich zu lenken. Rollen wir den Roten Teppich aus für die Gefangenen der Guantanamo-Bay, für die Huren von Soho.

“I see a red door and I want it painted black” M.Jagger, K.Richards

Ja doch, jetzt erinnere ich mich. Dieser Augenblick, dieser rote Augenblick, wenn wir uns in die Augen schauen und ineinander verschwinden. Dann fühle ich Rot. Ein in sich verwobenes Rot mit einer Melodie, die ich nur erahne. Das Rote Du im roten Ich.

Die Rosen sind nicht mehr rot. Verblüht, sie sind einfach verblüht.

Weißt du, was ich meine?

Ja und, ich erzähle dir gerne etwas über Shakespeare.

-ENDE-


Copyright Text und Eingangs- und Ausgangsgrafiken © 2015 by Rüdiger Heins

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit, eine kleine Summe über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

 

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Buchtipp des Autoren in eigener Sache:

Der Konvent – Zisterziensermönche der Abtei Himmerod erzählen (Kartoniert)
von Heins, Rüdiger

.

Verlag:  Wiesenburg Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  160
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erscheint:  Dezember 2014
Maße:  140 x 210 mm
Gewicht:  200 g
ISBN-10:  3956322525
ISBN-13:  9783956322525

Beschreibung
Der Autor flicht seine eigenen Erinnerungen an Himmerod als Wegstation seit seiner Jugend ein, bringt lebensgeschichtliche Verbindungen mit diesem Ort ins Wort, die als Hintergrund der Begegnungen mit heutigen Mönchen spannende Eindrücke vermitteln. Und er schenkt dem Leser Reflexionen über seinen Lebensweg, seinen way of life. Dies immer entlang eines monastischen Tages. Manchmal durchaus etwas dramaturgisch entfaltet und doch ein Sprungbrett hin zu dem, was die Mönche von sich preisgeben und erzählen. Tatsächlich also keineswegs ein Klosterführer, sondern ein Blick hinter die Kulissen. Sehr persönlich gehalten, eigenwillig durchaus in den Äußerungen der Mönche, divergent manchmal, somit ein Spiegelbild einer Gemeinschaft von Männern, die teilweise lange Jahre in der Welt gelebt haben, bevor sie in der Mitte des Lebens ihrer klösterlichen Berufung gefolgt sind. Und insofern stimmig für Himmerod, wie es sich heute darstellt.

Autor
Rüdiger Heins ist freier Schriftsteller und produziert Beiträge für Hörfunk, Fernsehen und das Internet. Er ist Dozent im Creative Writing sowie Gründer und Studienleiter des INKAS – INstitut für KreAtives Schreiben. Mit seinem Roman “Verbannt auf den Asphalt” und den Sachbüchern “Obdachlosenreport” und “Zuhause auf der Straße” machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rand der Gesellschaft aufmerksam. In seinen Theaterstücken “Allahs Heilige Töchter”, und “Fee: Ich bin ein Straßenkind”, greift er ebenfalls sozialkritische Themen auf. Er organisiert Literaturveranstaltungen und interdisziplinäre Künstlerprojekte. Rüdiger Heins ist Herausgeber des Online Magazins “eXperimenta”. Zuletzt erschien sein Roman “In Schweigen gehüllt”.

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei ebook.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Leseproben auf sfbasar.de, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

3 Comments

Add a Comment
  1. Herzlichen Glückwunsch, Rüdiger! Ein wirklich geniales Essay. Schade das unsere anderen Autoren so wenig Sinn oder Mut? haben, sowas in die Tat umzusetzen. Ich weiss deine Arbeit zu schätzen, auch wenn sie vielleicht nicht jedermans Sache ist. Schade. Aber so ist das nunmal. Der Mensch ist ein Massengeschmäckler!

  2. Danke, lieber Detlef Hederich, für dieses Kompliment. Ich halte mich mit meiner Arbeit an ein Zitat von Dylan Thomas: „Nicht jedem müssen meine Worte gefallen. Hauptsache ich weiß, dass sie gut sind. Jetzt sind wir schon zu dritt, lieber Detlef!
    Herzliche Grüße dein Rüdiger

  3. Hedderich nicht Hederich! 😉 Bin Froh, dass du nicht noch Detlev geschrieben hast! 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme