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MIT DEM TOD AUF DU UND DU (Teil 2) – Shortstory von Margret Schwekendiek

Killerin

MIT DEM TOD AUF DU UND DU

(Teil 2)

Shortstory

von

Margret Schwekendiek

Assassinen.

(Zurück zu Teil 1)
Das Läuten einer Glocke rief die Franken in die Grabeskirche, um dort in einem feierlichen Ritual ihren Gottesdienst zu begehen. Die Ritter kamen in ihrer besten Kleidung, aber nicht einer von ihnen hatte seine Waffen zuhause gelassen. Die wenigen fränkischen Frauen, die überhaupt in Jerusalem lebten, kamen tief verschleiert und befanden sich ausnahmslos in der Begleitung ihrer Ehemänner oder Brüder. Das einfache Volk war leicht daran zu erkennen, dass die Kleidung einfach und grob gewirkt war, außerdem war es ihnen untersagt Waffen zu tragen. Und dann gab es noch die Konvertierten; Sarazenen, Muslime, einige Reisende aus fernen Ländern, die ebenfalls dem Christentum angehörten. Es gab Ritter, die ihre Sklaven und Bediensteten gezwungen hatten, den fränkischen Glauben anzunehmen, und es gab einige wenige, die für sich selbst entschieden hatten, dass das Christentum den eigenen Vorstellungen entgegenkam. Ebenso wie das einfache Volk mussten jedoch auch sie vorlieb nehmen mit den Plätzen ganz hinten und an der Wand entlang. Die vornehmen Kreuzritter und ihre Begleitung befanden sich in der Nähe des Altars, und die wenigen Sitzplätze waren für die edlen Damen vorgesehen, die eine so lange Zeremonie nicht stehend ertragen konnten.

Auch Lilaque war mittlerweile in der Kirche und kämpfte darum, den durchdringenden Geruch nach Schweiß, Leder, Pferden, aufdringlichem Parfüm und Weihrauch zu ignorieren. Verstohlen und doch aufmerksam hatte sie das Volk gemustert und festgestellt, dass ihre fünf Kollegen ebenfalls in der Menge standen. Sie versuchten unauffällig in die Nähe des Altars zu kommen, was inmitten der dicht gedrängten Menschenmenge nicht ganz einfach war. Der Altar befand sich auf einem Podest, und der Bischof von Jerusalem stand dort mit hoch erhobenen Händen und zeigte dem Volk die Monstranz, rechts und links flankiert von den so genannten Messdienern, deren Sinn und Zweck für Lilaque ein Rätsel blieb. Der König selbst befand sich in einer Sänfte, aufgrund seiner Erkrankung konnte er weder reiten noch längere Zeit laufen oder stehen. Rechts und links von ihm befand sich als eine Art Leibgarde jeweils ein schwer bewaffneter Ritter. Es würde fast unmöglich sein, an ihn heranzukommen.

Das Kyrie eleison klang durch die gefüllte Kirche. Obwohl lateinisch die Sprache der Gebildeten war und selbst das niedere Volk zumindest Grundkenntnisse davon besaß, wurde in der Kirche eine seltsame Mischung aus Griechisch und Latein benutzt, die Lilaque noch mehr verwirrte als die Handlung am Altar.

Plötzlich entstand Unruhe, drei Männer drängten sich rücksichtslos nach vorne, Lilaque warf, wie meisten anderen auch, einen Blick auf die Ruhestörer. Doch es handelte sich ihrer Meinung nach nicht um Assassinen. Augenblicklich griffen die beiden Ritter neben dem König zu ihren Schwertern, andere Ritter hielten plötzlich ebenfalls Waffen in der Hand, um ein mögliches Attentat zu vereiteln. Doch es handelte sich nur um ein Ablenkungsmanöver.

Fast alle Leute verdrängten neugierig die Hälse, um nur ja nichts zu verpassen. Das war der Augenblick, den die fünf Mörder wählten, um ihren Auftrag in Angriff zu nehmen. Je zwei hatten mittlerweile strategisch günstige Plätze erreicht und stürzten sich auf die beiden Ritter neben dem König, der fünfte warf sich todesmutig auf die Sänfte, einen vergifteten Dolch in der Hand. Selbst die kleinste Verletzung würde den Tod herbeiführen. Blut spritzte, als die Leibgarde und weitere Ritter gegen die Angreifer kämpften, Frauen schrien entsetzt auf, Menschen drängten sich zusammen, und vom Altar brüllte der Bischof Worte in die Menge, auf die niemand reagierte. Es dauerte nur Sekunden, bis die fünf Assassinen selbst den Tod gefunden hatten, in den sie jedoch mindestens sechs weitere Franken mitnahmen. Einer der Leibwächter lag ebenfalls im eigenen Blut, roter blutgetränkter Schaum trat aus seinem Mund, er hatte nur noch Sekunden zu leben.

Die Frau neben Lilaque murmelte mit dumpfer Stimme etwas vor sich hin. Lilaque lächelte hinter ihren Schleier. Sie war eine Meisterin der Verkleidung und lebte schon lange in einer männlichen Domäne, ohne aufzufliegen, ihr konnte niemand etwas vormachen. Nur für den heutigen Tag war sie zurückgekehrt zum Weiblichen, sie hatte einen der veramten Ritter großzügig bezahlt, um in seiner Begleitung in die Kirche zu kommen. Die Frau neben ihr hatte vermutlich nicht bezahlen müssen, benahm sich allerdings auch nicht wie eine typische Frau.

„Der König ist tot“, schrien einige Leute, und Tumult kam auf.

Lilaque drehte sich um und schaute die Person neben sich direkt an. „Das Volk wird unruhig, Majestät, Ihr solltet dafür sorgen, dass das Missverständnis keinen Bestand hat.“

Kurzes heftiges Luftholen antwortete ihr, dann spürte sie durch den Schleier einen stechenden Blick. „Habe ich meine Rolle so schlecht gespielt?“, kam die deutliche Frage.

„Keine Frau geht in dieser Welt vor einem Mann, nicht einmal in die Kirche“, erklärte Lilaque bitter und spielte auf den Fehler an, den König Balduin gemacht hatte. „Aber ein Mann wie Ihr sollte sich trotzdem vor einer Frau in Acht nehmen.“ Wie durch Zauberei hielt sie plötzlich einen Dolch in der Hand. Mit einer raschen Bewegung schlug König Balduin den Schleier hoch, Lilaque starrte in ein Gesicht, das von der Lepra zerfressen war. Der Mann besaß nur noch ein Auge und leere Nasenhöhlen, außerdem zeigten die Lippen ein groteskes Grinsen, und die Hand, die den Schleier zurückgeschlagen hatte, wies nur noch drei Fingerstümpfe und einen Daumen mit einem Glied auf. Der König war ein bedauernswertes Wesen, die Qual durch die Krankheit war vermutlich schon so groß, dass er den Tod begrüßte.

Lilaque stieß den Dolch vor, hielt dann aber inne, bevor die Spitze den Stoff vom Wams durchstoßen konnte.

„Es ist Weihnachten“, sagte König Balduin leise. „In unserem Glauben ein Fest der Liebe, an dem man sich Geschenke macht. Ich werde den Tod als Geschenk von Euch annehmen, edle Dame, und ich danke Euch dafür.“

Lilaque schüttelte plötzlich heftig den Kopf. „Dieses Geschenk kann ich Euch nicht machen, Majestät. Ich töte niemanden aus Mitleid.“ Sie ließ den Dolch fallen und drängte sich durch die Menschenmenge davon. König Balduin jedoch gab sich zu erkennen und verschaffte Lilaque auf diese Weise die Möglichkeit unbemerkt zu verschwinden.

#

Einige Tage später machte sich eine Karawane auf, Jerusalem mit unbekanntem Ziel zu verlassen. Eine tief verschleierte Frau saß in einer Sänfte, eine ganze Gruppe bewaffneter Wächter übernahm die Sicherung, und die schwer bepackten Tiere deuteten an, dass jemand mit viel Vermögen unterwegs war.

In der Gilde der Assassinen trauerte man um sechs Tote, die bei dem missglückten Attentat ihr Leben gelassen hatten. Der Name Lilaque ging in die Geschichte ein, doch nicht einmal ihm war es gelungen, den König in seiner Verkleidung zu erkennen und zu töten. Es handelte sich um die erste Niederlage der Gilde, und für die Zukunft wurden Lehren daraus gezogen.

Lilaque war tot, aber Lilian lebte. Und Lilian machte sich auf, einen Ort zu finden, an dem eine Frau leben konnte, ohne sich einem Mann unterzuordnen oder eine Lüge leben zu müssen. Im christlichen Glauben war es Weihnachten, und manche Geschenke sind so groß, dass ihre Auswirkungen über Jahre hinweg reichen. Lilaque hatte ein Geschenk verweigert, aber Lilian hatte eines bekommen, das für den Rest ihres Lebens ausreichte.

ENDE

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Copyright © 2016 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: “Killerin“ (Killerin.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Assassinen” (Assassinen.jpg) © 2016 by Wolfgang Sigl. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers, unter Nennung seiner Webseite: http://www.wolfgangsigl-grafiken.de/

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Tameriq - Wächter des Totenbuches

Inhalt
Dies ist die Geschichte von Tameriq, dem Kuschiter, Ratgeber des Pharao und Aufseher über die Gesetze. Tameriqs Volk wurde von den Ägyptern fast vollständig vernichtet und doch hat das Schicksal ihn dazu ausersehen, eine bedeutende Rolle im Leben von Ramses II. zu spielen, anstatt geopfert zu werden. Tameriq soll den Mord am Hohepriester lösen. Doch dafür wird er einen furchtbaren Preis zahlen müssen…

Autorin
Eine kleine persönliche Vorstellung: Mein Name ist Margret, oder auch Maggie, oder Oma Maggie – je nachdem, wer gerade etwas von mir möchte. Als ich im Jahr 1955 auf die Welt kam, hat mir keine gute Fee eine Prophezeiung in die Wiege gelegt, dass ich irgendwann einmal mein Geld als Schriftstellerin verdienen würde. Eher das Gegenteil war der Fall, denn ich komme aus einfachen Verhältnissen. Meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in Herne, in unmittelbarer Nähe des Rhein-Herne-Kanals, bis heute habe ich eine Vorliebe für Wasser und Schiffe. Im zarten Alter von 12 Jahren begleitete ich meine Eltern beim Umzug nach Ostwestfalen-Lippe, wo ich nach der Schule als kaufmännische Angestellte in der Buchhaltung arbeitete. Hier heiratete ich später auch und zog meine Kinder groß.

Seit rund 20 Jahren bin ich Witwe und lebe heute mit der Familie meines ältesten Sohnes in der Nähe von Koblenz und gleich dreier Flüsse: Lahn, Mosel und Rhein. Meine Vorliebe für Wasser wird also voll befriedigt.

Schreiben war schon während der Schulzeit meine Leidenschaft, aber die ersten richtigen Geschichten entstanden nur für meine eigenen Kinder. Um Fuß im Literaturkreis zu fassen bedurfte es zahlloser Versuche und der Fürsprache eines lieben Kollegen, um das erste Manuskript zu verkaufen. Mit Heftromanen hat alles angefangen, aber es dauerte nicht lange, bis auch andere Genres dazukamen. Ich liebe Geschichten aus der Geschichte und freue mich, wenn ich da große Bögen oder tiefe satirische Wunden schlagen kann.

Mittlerweile schreibe ich schon lange Zeit professionell, aber meine unstillbare Neugier, der Spaß am Schreiben und das Ausleben gewöhnlicher und ungewöhnlicher Ideen hören zum Glück nie auf. Ich bin offen für absurde und verrückte Einfälle, schätze aber auch die Ernsthaftigkeit des konzentrierten Arbeitens mit persönlicher Disziplin und Terminvorgaben. Ich liebe meine Arbeit, auch wenn ich dabei nicht reich werden kann. Aber es ist das, was mich glücklich macht, da nehme ich schon ein paar Abstriche hin – was nicht heißt, dass ich es nicht gern zu finanziellem Wohlstand bringen würde.

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Updated: 4. September 2016 — 17:33

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