sfbasar.de

Literatur-Blog

KONSUMVERWEIGERUNG – Eine Kurzgeschichte von Anna Breitzke

KONSUMVERWEIGERUNG

Eine

Kurzgeschichte

von

Anna Breitzke

„Ich will, dass jeder erfasst ist – jeder, verstehen Sie?“ Desmond Clarke, der Generaldirektor von Buycom Unlimited schnauzte seinen Stellvertreter an und warf die Folie mit der Gesamtaufstellung der weltweiten Kunden zornig auf den Tisch. „Es gibt immer noch gut drei Prozent der Weltbevölkerung, die weder eine Kreditkarte haben, noch unsere Bonusprogramme nutzen. Drei Prozent, Smith, wissen Sie, was das heißt? Das sind rund zweihundert Millionen Menschen, die wir mit unseren gezielten Werbemaßnahmen nicht erreichen können. Wissen Sie, was das noch heißt? Unsere Kunden weigern sich, den Werbeetat zu erhöhen, weil es noch zu viele Leute gibt, die aus dem Raster fallen. Und als letztes heißt es, Smith, dass unsere Gehälter noch längst nicht ihre volle Höhe erreicht haben. – Also, wie wollen Sie diese drei Prozent in unser System integrieren? All das ist – Konsumverweigerung.“ Das letzte Wort brüllte er förmlich hervor und schlug mit der Faust auf den Tisch.

William Smith, der Stellvertreter, stand kerzengerade da und schluckte schwer. Er arbeitete nun schon seit fünf Jahren für und mit Clarke und hatte in dieser Zeit manchen Wutausbruch stoisch ertragen. In dieser Zeit hatten sie aber auch hervorragende Erfolge vorzuweisen. Die Buycom Unlimited kontrollierte jeden Einkauf, der mit einer Kredit- oder Bonuskarte getätigt wurde. Aus den Käufen wurde für jeden Kunden ein Profil erstellt, aus dem nicht nur hervorging, was wann wo konsumiert wurde, auch die Reisegewohnheiten, die Vorlieben und natürlich die Laster ließen sich aus diesem Programm ablesen. Die Menschen selbst schien es nicht zu stören, dass sie zu gläsernen Kunden mutierten, viele freuten sich sogar darüber, dass die Werbebotschaften deutlich weniger geworden waren. Nur einigen wenigen war bekannt, dass die Werbung jetzt subtil und passend auf den Einzelnen abgestimmt erfolgte – häufig genug nahmen die Menschen die versteckten Werbebotschaften gar nicht mehr wahr. Aber sie reagierten in der gewünschten Weise darauf. Die Gewinne der großen Konzerne, die das Bonusprogramm ursprünglich ins Leben gerufen hatten, waren in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Offenbar reichte das aber noch nicht, so dass der „Boss“ einen Wutanfall bekommen hatte. Der Druck von oben lastete schwer auf ihm.

Was sollte Smith tun? Es lief bereits eine weltweite Kampagne, um auch die letzten Konsumverweigerer zu bekehren, die tatsächlich noch immer Bargeld in der Tasche trugen, und die kostenlosen Karten – wie auch die kleinen Geschenke – einfach ablehnten. Offenbar gab es sogar in der Regierung einige von ihnen, denn trotz aller Bitten und Aufforderungen hatte sich der Finanzminister dem Druck der Werbeindustrie nicht gebeugt – das Bargeld wurde nicht abgeschafft. Auch war es den Geschäften untersagt worden, Kunden, die mit Bargeld statt Karte zahlen wollten, wegzuschicken. Aber halt, da konnte man vielleicht ansetzen.

„Sir, ich verstehe Ihre Empörung“, sagte Smith beschwichtigend. „Leider weigern sich Teile der Regierung, mit uns zu kooperieren, so dass wir das Geld noch immer nicht abschaffen konnten. Aber ich sehe da gerade eine gigantische Kampagne vor mir, die nur ein Minimum kostet, die Konsumverweigerer aber scharenweise in unser System treiben wird.“

„Ich höre“, grollte Clarke wenig überzeugt.

„Wir lassen einige der hartnäckigen Konsumverweigerer beschatten, um zunächst alles über sie zu erfahren. Dann werden sie vom Sender CNI eingeladen und quasi an den Pranger gestellt. Wir nehmen ihnen das Bargeld weg, sie bekommen nur eine einzige Karte mit eingeschränkter Funktion und müssen sich damit mindestens einen Monat selbst am Leben erhalten. Das wird sie die Vorteile der Bonusprogramme lehren, denn damit lässt sich auf der ganzen Welt alles kaufen, was ihnen jetzt natürlich verwehrt ist. Bei alledem sind selbstverständlich unsere mobilen Kameras im Einsatz, und die Werbung kann in diesem Fall konzentriert einsetzen. Man könnte den Probanden zum Beispiel untersagen, diese oder jene Waren zu kaufen – wie auch immer, Sir, die genaue Ausarbeitung können unsere Strategen übernehmen.“

„Was ist, wenn die Leute sich weigern?“, stellte Clarke eine wichtige Frage in den Raum. „Wenn ich richtig informiert bin, nehmen diese Leute auch nicht an Preisausschreiben oder Wettbewerben teil. Sie werden also auch kein Interesse daran haben, weltweit über unsere Sender zu gehen.“

Smith lächelte sardonisch. „Ich denke doch, dass sie mitmachen werden. Denn sehen Sie, Sir, es liegt tatsächlich in unserer Macht, diesen Menschen sonst alles zu nehmen, was ihnen lieb und teuer ist – ihre Arbeit, ihr Haus, ihre Existenz. Doch, Sir, ich bin überzeugt, sie alle werden hocherfreut sein, sich an unserer Aktion beteiligen zu dürfen.“

Clarke blickte noch ein wenig skeptisch drein, nickte dann aber. „Bereiten Sie alles vor, Sie haben drei Tage, dann werden wir die Aktion starten.“

Das war sehr knapp, wie Smith bei sich selbst feststellte, aber sie lebten nun einmal in einer schnelllebigen Zeit, er war sicher, dass er es schaffen würde. Zufrieden verließ er das Büro.

Desmond Clarke starrte seinem Assistenten nachdenklich hinterher. Der Mann war gut, sehr gut sogar. Aber immer noch nicht gut genug. Solange er selbst vom System noch nicht erfasst worden war, gab es noch immer Hoffnung, dass sich außer ihm selbst einige Menschen der allgemeinen Erfassung entziehen konnten. Er saß hier in der Schaltzentrale der Macht, trieb das System immer weiter voran, und entzog sich ihm trotzdem selbst. Er lächelte zufrieden, auch mit dieser Aktion bestand, seiner Meinung nach, noch keine Gefahr, dass er sich integrieren lassen musste. Mit einem guten Gefühl betastete er das Geld in seiner Tasche.

Zwei Tage später erhielt Desmond Clarke die Aufforderung, an der neuen sensationellen Unterhaltungsshow von CNI teilzunehmen. Selbstverständlich war die Teilnahme freiwillig, doch eine Weigerung würde unter Umständen schwer wiegende Folgen nach sich ziehen, da diese Sendung im Sinne der Allgemeinheit stattfand. Clarke kapitulierte, sein Stellvertreter hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Am nächsten Tag übernahm William Smith den Posten des Generaldirektors der Buycom Unlimited.

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Anna Breitzke

Bildrechte: Coverillustration “Überraschungsgeschichten-der-besonderen-Art1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “ÜBERRASCHUNGSGESCHICHTEN-60-minus-90-0-20110114100400-0d964f2a.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Redaktion:

Boyle, Mark
Der Mann ohne Geld

Meine Erfahrungen aus einem Jahr Konsumverweigerung

Übersetzt von Jacobs, Christina
Verlag :      Goldmann Verlag
ISBN :      978-3-442-17244-3
Einband :      Paperback
Preisinfo :      9,99 Eur[D] / 10,30 Eur[A] / 14,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 14.02.2012
Seiten/Umfang :      336 S. – 18,3 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      20.02.2012

Medien :
Leseprobe(PDF)

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

Die faszinierende Geschichte eines sozialen Experiments.

Auf der Suche nach dem Wesentlichen: Ein Jahr lang hat Wirtschaftswissenschaftler Mark Boyle der Konsumgesellschaft den Rücken gekehrt und keinen einzigen Cent ausgegeben. Ideenreich und unermüdlich suchte er kostenfreie Alternativen für die Herausforderungen des Alltags ohne Geld – Reisen, Essen, Wohnen – und machte dabei ganz erstaunliche Entdeckungen. Sein aufregender Bericht zeigt, wohin uns unsere Geldbesessenheit geführt hat und erinnert uns daran, was im Leben wirklich wertvoll ist.

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Updated: 1. September 2012 — 15:24

10 Comments

Add a Comment
  1. Wahrlich eine echte Überraschung, dass ausgerechnet der Generaldirektor von Buycom Unlimited zu den Konsumverweigerern gehört. Sehr schön geschrieben, Anna. 🙂

  2. Mehr davon! 😀

  3. ich hatte es ja fast schon vermutet 😉 Aber irgendwie wüsste ich gerne, wie sie auf ihn gekommen sind? Er ist ja laut eigner Aussage noch nicht im System. Wie haben sie ihn erwischt?

  4. Christa Kuczinski

    Eine tolle Story!;-)
    Ich schließe mich Little_wonni an, wie haben sie ihn erwischt?

  5. Möchte ich auch gerne wissen! Anna?

  6. Hallo, meine Lieben, tut mir leid, dass es mit der Antwort so lange gedauert hat, ich war im Krankenhaus.
    Also, die Lösung der Frage ist doch einfach. Wer mit Bargeld zahlt, wird sofort an das System gemeldet. Daraufhin wird der Betreffende weiter beobachtet, und anhand der überall vorhandenen Videoaufzeichnungen ist es auch nicht schwer, jemanden zu identifizieren.
    Ist alles gar nicht so weit hergeholt, oder? Die augenblickliche Realität ist nah dran, finde ich.

  7. Martina Möchel

    Also ist das „bar bezahlen“ sozusagen besonders verdächtig wenn fast alle mit Karte zahlen?

  8. Martina Möchel

    Hoffe, dir geht es wieder gut, Anna? 🙂

  9. Himmel, wie die Zeit vergeht. Ich sehe gerade, dass ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr hier gewesen bin. Das kommt davon, wenn man sich von der Arbeit auffressen lässt. Wünsche euch allen einen schönen Herbst, sowas wie hier im Westerwald, ein wahres Feuerwerk an Farben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme