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Literatur-Blog

KJELL DANIELSON – Kurzgeschichte von Thomas Vaucher

KJELL DANIELSON

Eine Kurzgeschichte

von

Thomas Vaucher

Der Junge hatte seltsame Augen. Hell und blau doch tief wie ein Ozean.

Eines Tages stand er einfach da, in der kleinen Turnhalle, in der ich einmal die Woche die Junioren-Mannschaft trainierte, eine Goalie-Maske unter dem einen Arm, eine Sporttasche unter dem anderen. Er sagte kein Wort, und vermutlich verstand er kein Deutsch, denn auf meine Frage, wer er sei und was er hier wolle, deutete er bloss auf das bereits aufgestellte Unihockey-Tor und sah mich fragend an.

In beinahe jeder Mannschaft sind Torhüter Mangelware, also überlegte ich nicht lange und nickte.

Der Junge war ein sensationeller Torhüter. Um ehrlich zu sein, er war besser als der Stammtorwart unserer ersten Herren-Mannschaft. Ich hoffte, dass sein Trainingsbesuch keine einmalige Sache bleiben würde. Einen wie ihn würde ich gut gebrauchen können.

Nach dem Training nahm ich ihn zur Seite und stellte ihm erneut einige Fragen. Wie er hiess, woher er komme, wo ich seine Eltern erreichen könne. Doch wieder konnte ich dem Jungen kein Wort entlocken. Also holte ich ein Blatt Papier und ein Stift und versuchte, aufzuzeichnen, was ich wissen wollte.

Nach einigen wirren Zeichnungsversuchen meinerseits nahm der Junge den Stift und schrieb Kjell Danielson auf das Blatt. Darunter notierte er eine Telefonnummer.

Ich war erleichtert.

Der Junge reichte mir die Hand und ging. Kaum war er weg, ergriff ich mein Handy und wählte die angegebene Nummer. Doch sofort ertönte die nervige Frauenstimme, die verkündete, dass die gewählte Rufnummer ungültig sei. Ich seufzte und hoffte, dass Kjell auch in der kommenden Woche ins Training kam. Vielleicht hatte ich ja Glück und seine Eltern kamen dann auch mit.

Aber in der folgenden Woche erschien Kjell nicht zum Training und auch in der darauffolgenden Woche nicht.

So begann ich, Nachforschungen anzustellen. Ich wollte wissen, was es mit diesem seltsamen Jungen auf sich hatte. Ich suchte im Telefonbuch nach einer Familie namens Danielson in der Umgebung, fragte auf der Gemeinde nach, ob ein Kjell Danielson gemeldet sei, doch beides führte zu keinem Erfolg. Also gab ich den Namen Kjell Danielson wahllos in eine Internet-Suchmaschine ein und sah die Resultate durch. Da die Suche zu viele Resultate lieferte, grenzte ich sie mit dem Stichwort „Unihockey“ und „Seiten aus der Schweiz“ ein. Schon das erste Ergebnis verschlug mir die Sprache:

Schwedischer Mannschaftsbus verunglückt.

„Oh nein“, seufzte ich. Das durfte doch nicht wahr sein! Ich öffnete den Link und gelangte auf eine Nachrichtenseite.

Der Mannschaftsbus einer schwedischen Nachwuchsmannschaft aus Stockholm verunglückte am Samstag Nachmittag auf der A12 zwischen Bern und Freiburg. Der Bus kam aus noch ungeklärten Gründen von der Fahrbahn ab, durchbrach die Leitplanke und stürzte eine Böschung hinunter. Ein Junge verstarb noch am Unglücksort, fünf weitere Insassen mussten mit zum Teil schweren Verletzungen ins Spital gebracht werden. Bei dem tödlich verunglückten Jungen handelt es sich um den 12-jährigen Kjell Danielson aus Stockholm.

Die Mannschaft befand sich in einem Trainingslager in der Schweiz und war auf dem Weg zu einem Freundschaftsspiel in Freiburg. Das Spiel wurde abgesagt.

Tödlich verunglückt?

Ich war erstmal geschockt. Doch dann redete ich mir ein, dass das doch unmöglich derselbe Kjell sein konnte, der bei mir im Training gewesen war. Das musste ein Zufall sein.

Als ich jedoch das Bild des tödlich verunglückten Jungen sah, das der Artikel enthielt, sah ich meine schlimmste Befürchtung bestätigt. Ich schlug die Hand vor den Mund und schüttelte ungläubig den Kopf.

Aber dann fiel mir etwas auf. Etwas war seltsam an der ganzen Sache. Warum war Kjell alleine in meinem Training erschienen, wenn er doch in der Schweiz in einem Trainingslager mit seiner Mannschaft geweilt hatte?

Instinktiv scrollte ich auf der Internet-Seite ganz nach unten und sah mir das Datum des Artikels an. Ein kalter Schauer fuhr mir über den Rücken.

Der Artikel war mehrere Jahre alt.

Ich habe Kjell nie wieder gesehen und meinen Junioren habe ich nie von meiner Entdeckung erzählt. Doch sie schwören noch heute, der schwedische Junge sei besessen oder nicht von dieser Welt gewesen, so gut wie er gespielt habe.

Wenn sie wüssten, wie recht sie damit haben …

-ENDE-

Copyright © 2013/2014 by Thomas Vaucher. Ursprünglich erschien diese Geschichte im Vereinsmagazin Unihockey Fribourg im September 2013.

LESETIPP DER REDAKTION:

Menschig, Diana
So finster, so kalt

Roman

Verlag :      Droemer Knaur
ISBN :      978-3-426-51493-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      8,99 Eur[D] / 9,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 02.07.2014
Seiten/Umfang :      384 S. – 19,0 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      01.04.2014

Als Merle Hänssler nach dem Tod ihrer Großmutter in deren einsam gelegenes Haus im Schwarzwald zurückkehrt, findet sie im Nachlass ein altes Dokument. Darin berichtet ein gewisser Johannes, der Ende des 16. Jahrhunderts im Haus lebte, über merkwürdige Geschehnisse rund um seine Schwester Greta. Merle tut diese Geschichte zunächst als Aberglaube ab. Doch dann passieren im Dorf immer mehr unerklärliche Dinge: Kinder verschwinden, und auch das alte Haus selbst scheint ein seltsames Eigenleben zu entwickeln. Langsam, aber sicher beginnt Merle sich zu fragen, ob an Johannes’ Erzählung mehr dran ist, als sie wahrhaben wollte.

Diana Menschig, geboren 1973, arbeitet als selbständige Dozentin und Autorin. Wenn sie nicht gerade in fantastischen Parallelwelten unterwegs ist, teilt sie sich mit ihrem Mann, zwei Hunden und einer Katze ein Haus am Niederrhein.

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2 Comments

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  1. Wie findet Ihr dieses Story und wie unseren Lesetipp? Her mit Euren Meinungen! 🙂

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