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Literatur-Blog

IHR SPORTLADEN FÜR SPEZIELLE BEDÜRFNISSE – Eine unheimliche Shortstory von Thomas Vaucher

IHR SPORTLADEN FÜR SPEZIELLE BEDÜRFNISSE

Eine unheimliche Shortstory
von
Thomas Vaucher

Kevin runzelte etwas verärgert die Stirn. Er hatte nach einem preiswerten Sportgeschäft gesucht und nicht nach einer Pennerhütte!

Doch genau danach sah dieses Gebäude aus. Die Fassade des alten Hauses war wohl ehemals weiss gewesen, doch nun präsentierte sie sich dort, wo sie nicht bereits zu bröckeln begann oder von Unmengen Graffitis bedeckt war, in einem gräulichen Schimmelton.

„Ihr Sportladen für spezielle Bedürfnisse“, verkündete ein schief hängendes Schild über der Eingangstüre, das aussah, als würde es beim nächsten Windzug herunterfallen.

Markus würde etwas zu hören bekommen für diesen Tipp, wenn er ihn das nächste Mal sah, dachte Kevin düster. Dennoch erklomm er die drei Stufen, die zum Laden führten, öffnete die Türe, die ein ärgerliches Quietschen von sich gab, und trat ein.

Doch im Inneren sah es nicht besser aus. Der kleine Raum von der Grösse eines Schlafzimmers war voll gestopft mit allerlei Sportartikeln, die aussahen, als stammten sie noch aus dem letzten Jahrhundert.

Und genau das war vermutlich der Fall, dachte Kevin säuerlich. Eine schmuddelige Theke trennte den ohnehin kleinen Laden in zwei Hälften und ein einziger Blick genügte, um Kevin wissen zu lassen, dass er hier nicht fündig werden würde. Glücklicherweise war kein Verkäufer zu sehen, so dass er um eine verlegene Ausrede herumkommen würde, warum er hier ganz bestimmt nichts kaufen würde.

Er drehte sich um, um den heruntergekommenen Laden wieder zu verlassen, und erstarrte.

Vor ihm stand jemand.

Kevin war sich ganz sicher, dass die Türe nicht ein zweites Mal aufgegangen war, seit er in diesen Schmuddelladen eingetreten war. Das Quietschen wäre nicht zu überhören gewesen. Doch ebenso sicher war er sich auch, dass zuvor niemand hinter ihm gestanden hatte, den er beim Eintreten hätte übersehen können.

Er schob diesen Gedanken beiseite und betrachtete den Neuankömmling genauer. Der Mann war klein, ging leicht gebückt und die wenigen grauen Haare standen nach allen Richtungen von seinem ansonsten kahlen Schädel ab. Eine grosse Brille, deren Aussehen zum restlichen Kram des Ladens passte, sass ihm etwas schief auf der Nase und die kleinen, grauen Äuglein schauten ihn amüsiert an.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte der Mann lächelnd. Dabei entblösste er eine Reihe gelblicher Zähne.

„Nein, danke, … ich wollte gerade gehen“, brachte Kevin verwirrt hervor.

„Aber Sie sind doch gerade erst gekommen“, erwiderte der Alte immer noch lächelnd, ergriff Kevin am Arm und zog ihn hinter sich her zu den vollgestopften Regalen an der Stirnseite des Ladens. „Sie sind ein Sportler, der ein neues Arbeitsgerät mit dem gewissen Etwas braucht. Und das zu einem möglichst günstigen Preis, nicht wahr?“ Der Alte blinzelte wissend und Kevin konnte nicht anders, als zustimmend zu nicken.

„Ja, aber woher …?“

Doch der Alte liess ihn nicht ausreden.

„Was sollten Sie sonst sein, als ein Sportler? Mit ihrer Figur? Und noch dazu in einem Sportladen? Und wer sonst würde solch einen Laden betreten, wenn er sich nicht zumindest einen günstigen Preis erhoffen würde?“ Ein gutmütiges Lachen entrang sich seiner Kehle.

„Nun, ich war eigentlich auf der Suche nach einem neuen Unihockey-Stock“, sagte Kevin, „da mein alter Stock letzte Woche gebrochen ist. Und da ich nicht allzu viel Geld habe, dachte ich, dass ich hier vielleicht fündig werde, doch …“ Kevin blickte sich noch einmal um, und da er nirgendwo einen Unihockey-Stock entdecken konnte, liess er den Satz unvollendet und zuckte nur mit den Schultern.

„Stürmer oder Verteidiger?“, fragte der Alte und in seine Augen war plötzlich ein Funkeln getreten.

„Stürmer, aber wieso …?“ Doch wieder liess ihn der Verkäufer nicht ausreden, sondern winkte nur ungeduldig ab und verschwand durch eine Türe am anderen Ende des Raumes, die Kevin bisher unter all dem Gerümpel nicht einmal wahrgenommen hatte. Eine Weile lang hörte Kevin den Alten dahinter hantieren und er fragte sich schon, ob es nicht besser wäre, die Gelegenheit auszunützen und den Laden wieder zu verlassen, als der Verkäufer mit einem weissen und einem schwarzen Stock in der Hand zurückkehrte. Es waren tatsächlich Unihockey-Stöcke, doch solche wie Kevin sie noch nie zuvor gesehen hatte. Griffband, Schaft und Schaufel waren bei dem einen Schläger komplett schwarz und bei dem anderen komplett weiss und nirgendwo war ein Markenname oder eine sonstige Aufschrift zu entdecken. Der Alte hielt Kevin den schwarzen Stock auffordernd hin und dieser ergriff ihn zögernd.

Der Schläger fühlte sich seltsam an. Er war warm und Kevin schien es beinahe, als fühle er ein leichtes Pulsieren unter seinen Fingern, doch natürlich war das Unsinn. Er konnte nicht sagen warum, doch der schwarze, namenlose Stock gefiel ihm.

„Und was soll er kosten?“, fragte er schliesslich.

Der Alte winkte ab.

„Ich schenke Ihnen die beiden Stöcke unter zwei Bedingungen“, sagte er nur und ein seltsames Glitzern trat in seine Augen. „Erstens: Nach jedem Tor mit dem schwarzen Stock, müssen Sie ihn für den Rest des Spiels beiseite legen und mit dem weissen Stock weiterspielen. Und zweitens: Jedes Tor, das Sie mit dem schwarzen Stock erzielen, müssen Sie in Gedanken mir widmen.“

„Wie bitte?“ Kevin kam sich vor wie in einem schlechten Film. „Aber was soll denn der Unsinn?“

„Vielen Dank für Ihren Einkauf, ich wünsche Ihnen viel Spass!“, erwiderte der alte Mann nur, drückte ihm auch noch den weissen Stock in die Hand, trippelte zur Türe, hinter welcher er die Schläger hervorgeholt hatte, durchschritt sie und verschwand in dem Raum dahinter.

Die Türe fiel hinter ihm ins Schloss.

Und Kevin verliess verwirrt den Laden und fuhr nach Hause.

***

Kevin rieb sich irritiert die Augen. Das konnte doch unmöglich derselbe Laden sein, in dem er vor einem knappen halben Jahr die beiden Unihockey-Schläger erstanden hatte!

Die Fassade des Hauses war blütenweiss und die unzähligen Graffitis verschwunden. Nur das Schild mit der Aufschrift „Ihr Sportladen für spezielle Bedürfnisse“ wies ihn darauf hin, dass er hier tatsächlich am richtigen Ort war.

Kevin öffnete die Türe, die ohne jegliches Quietschen aufschwang, und trat ein. Der Sportladen war geräumig, viel grösser als er ihn in Erinnerung gehabt hatte und in den Regalen lagen brandneue Markensportartikel. Hinter der Theke stand der Verkäufer, den er sofort wiedererkannte, obwohl er sich gewaltig verändert hatte: Wo einst einzelne graue Strähnen seinen kahlen Schädel bedeckt hatten, wuchsen nun blonde, volle Haare. Die Brille war verschwunden und er stand nicht mehr gebeugt, sondern aufrecht hinter der Theke. Der Mann sah zwanzig Jahre jünger aus, als noch vor einem halben Jahr! Doch wie war das möglich?

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte der Mann mit einem leicht spöttischen Unterton in der Stimme.

„Ich …“, es fiel Kevin schwer, seine Verwirrung angesichts des Zustandes des Ladens und des Verkäufers abzulegen, „ich möchte einen schwarzen Unihockey-Stock kaufen“, brachte er schliesslich mühsam hervor. Der Verkäufer und sein Laden waren ihm mit einem Mal unheimlich.

„Aber Sie haben doch schon einen gekauft“, erwiderte der Verkäufer lächelnd.

„Ja, doch ist er leider zerbrochen.“

Der Verkäufer zog die Augenbrauchen verwundert hoch.

„Er ist zerbrochen? Wie konnte das geschehen?“

„Nun ich …“, Kevin druckste einen Moment lang herum, ehe er weiterfuhr: „Der Stock war wirklich fantastisch! In jedem Spiel mit dem schwarzen Stock gelang mir ein Tor und zu Beginn tat ich, wie mir von Ihnen aufgetragen worden war: Ich wechselte den Schläger nach jedem Tor aus und spielte mit dem weissen weiter. Doch irgendwann … wollte ich mehr. Also spielte ich im Meisterschaftsspiel letzte Woche auch nach meinem obligaten Tor mit dem schwarzen Stock weiter und da zerbrach er.“

„Ein Jammer!“ Der Verkäufer nickte wissend.

„Ich weiss, dass ich einen Fehler gemacht habe und es tut mir leid! Doch wenn Sie mir einen neuen Schläger geben, werde ich den Fehler gewiss kein zweites Mal machen!“

„Tut mir leid, aber meine Waren sind alles Einzelstücke. Mit einem Basketball könnte ich Ihnen dienen.“ Er griff hinter sich in ein Regal und zog einen rötlich schimmernden Basketball daraus hervor, den er Kevin hinhielt. Doch dieser schüttelte nur enttäuscht den Kopf und wandte sich zum Gehen. Doch ehe er den Laden verliess, drehte er sich noch einmal um und fragte: „Wie kommt es eigentlich, dass Sie so unverschämt jung aussehen und wieso sieht hier alles plötzlich so neu aus?“

Der Mann hinter der Theke lächelte, als er antwortete: „Sie haben Ihre Tore in Gedanken mir gewidmet, erinnern Sie sich? Ihre Gedanken haben mich und meinen Laden jung gemacht.“

„Meine Gedanken?“ Kevin lief ein kalter Schauer über den Rücken und seine Kehle fühlte sich plötzlich trocken an. „Aber … wer sind Sie?“

„Ich?“ Der Mann schaute Kevin spöttisch an. „Ich bin nur der Verkäufer“, antwortete er schliesslich lächelnd und entblösste dabei eine Reihe strahlend weisser Zähne.

Als Kevin den Laden verliess und die Türe hinter sich schloss, meinte er, ein leises Quietschen in den Angeln gehört zu haben.

„Unsinn“, murmelte er, schüttelte ärgerlich den Kopf und lief weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

-ENDE-

Copyright © 2010/2014 by Thomas Vaucher. Ursprünglich erschien diese Geschichte im Vereinsmagazin Unihockey Fribourg im September 2010.

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LESETIPP DER REDAKTION:

Floorball spielen (Kartoniert)
Unihockey – Innebandy – Unihoc – Stockey
von Erdtel, Mandy / Brückner, Grit


Verlag:  Hofmann GmbH & Co. KG
Medium:  Buch
Seiten:  96
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  144 x 208 mm
Gewicht:  190 g
ISBN-10:  3778026100
ISBN-13:  9783778026106
Verlagsbestell-Nr.:  2610

Beschreibung
Innebandy, Unihoc, Stockey, Unihockey, Floorball, all diese Begriffe bezeichnen eine faszinierende junge Sportart, die sich mittlerweile auch an deutschen Schulen etablieren konnte. Floorball hält seit dem Ende der 90iger Jahre nach und nach Einzug in die Sportlehrpläne der einzelnen Bundesländer und ist heute aus der Landschaft der Ballsportarten nicht mehr wegzudenken. Was is n Unihoc? ist wohl die bekannteste Frage in der Anfangsphase der rasanten und mitreißenden Sportart gewesen. In diesem Band soll Einblick in die Geschichte, das Profil und das Regelwerk des Floorballsports gegeben werden. Aber vor allem werden praktische Anleitungen für das Einführen der Sportart in den Unterricht gegeben. Der Inhalt ist vorrangig auf den Schulsport ausgerichtet und kann bereits im Grundschulbereich eingesetzt werden. Die Grundkomponenten von Technik und Taktik des Sportspiels werden in Anlehnung an die Kleinen Spiele in einer Vielzahl von Praxisbeispielen dargestellt. Darüber hinaus gibt ein Einstufungssystem Auskunft über den Schwierigkeitsgrad der Übung und erleichtert somit die Auswahl der Übungen für den Unterricht. Wer einmal einen Schläger angefasst hat, bleibt mit großer Wahrscheinlichkeit daran kleben. (R. Blanke)

Autor
Dr. Christian Kröger ist am Institut für Sportwissenschaft der Universität Kiel tätig. Er arbeitete als Trainer diverser Mannschaften von der Kreisliga bis zur Zweiten Bundesliga, gewann als Trainer eine Deutsche Jugendmeisterschaft und acht Deutsche (Vize-)Meistertitel bei Deutschen Hochschulmeisterschaften. Seit 1985 arbeitete er als Instructor in mehr als 20 Staaten für den Weltverband Volleyball (FIVB).

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8 Comments

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  1. Handwerklich sauber und eine nette Geschichte. Leider nach wenigen Zeilen vorhersehbar; „Gremlins“ lässt grüßen. Trotz allem eine anständige Arbeit.

    mgg
    Werner 😉

  2. In der Schweiz gehen die Uhren eben anders! (Langsamer?) 😉

  3. Erinnert mich an Warehouse 13, da geht es um Artefakte die eigentlich für den Besitzer gutes bewirken sollen, doch wehe sie werden falsch verwendet. Das liest sich als würde der Autor selber Hockey spielen, habe ich recht? 😉

  4. Danke für Eure Kommentare. Warehouse 13 kenne ich leider nicht (und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich auch Gremlins nie gesehen habe ;-( …)
    Ja, ich spiele selbst seit vielen Jahren Unihockey/Floorball und wurde von meinem Klub angefragt eine Geschichte fürs Vereinsmagazin zu schreiben, die obige ist das Resultat davon …

  5. Nette kleine Gruselgeschichte. Es ist schwer, in diesem Genre noch wirklich originell und überraschend zu sein, da es schon so viele Kurzgeschichten gibt, die Gespenster, Flüche und alles Unheimliche bereits intensiv in allen möglichen Variationen behandelt haben. Trotzdem nett.

  6. Danke Lena!
    Ja, Detlef, immer noch dabei 😉
    Beste Grüsse

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