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HABEN SIE ETWAS GEGEN ANTIAUTORITÄT? – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann

HABEN SIE ETWAS GEGEN ANTIAUTORITÄT?

Eine Kurzgeschichte
von
Irene Salzmann
(1987/93)

Ich hielt das breite Schmuckband an meinem rechten Handgelenk dicht vor die Augen, um die winzigen Buchstaben auf dem Minimonitor des Personalcomputers erkennen zu können. Zu dumm, daß ich meine Kontaktlinsen auf der Ablage im Bad hatte liegen lassen. Da mein Mann als erster aufgestanden war, für gewöhnlich weder etwas sah noch hörte, waren sie natürlich weg gewesen, futsch, um genau zu sein. Die neuen würden erst morgen fertig werden, und bis dahin mußte ich mich ohne sie zurechtfinden.

Sorgfältig ging ich die Einkaufsliste durch, um nichts Wichtiges zu vergessen, denn am Wochenende hatte nur der Galactoshop offen, und der war fast doppelt so teuer wie die anderen Einkaufscenter. Tatsächlich fehlten die Charachips, die mein Mann so gerne aß. Bah, dieses neumodische Zeug aus gepreßten Armleuchteralgen – einfach widerlich! Aber ihm und Millionen anderen Naschern, wenn man den Statistiken Glauben schenken durfte, schmeckten sie unverständlicherweise.

Mit der Nase suchte ich die Regale entlang, bis ich die Tüten gefunden hatte. Während ich zwei in meine Schwebetasche packte, hörte ich ein lautes „Ssssssssss – bang, bang!“ Unwillkürlich drehte ich mich in die Richtung, aus der das Geräusch kam und konnte gerade noch zur Seite springen, als ein sechs- oder siebenjähriger Junge wie ein Laserstrahl durch den Gang geschossen kam, meine Tasche umstieß, so daß die Hälfte ihres Inhalts auf den Boden polterte, und fast noch eine alte Frau aus dem Gleichgewicht brachte. Schon war er um die Ecke, und das „Ssssssssss – batsch, boing, bumm!“ entfernte sich so schnell, wie es gekommen war. Schimpfend rieb sich die Frau das linke Schienbein.

Kopfschüttelnd fragte ich mich, wo die Mutter des Bengels stecken mochte. Statt sich um ihn zu kümmern, tratschte sie gewiß mit einer Bekannten; so war das immer. Na ja, was ging es mich an. Ich sammelte die verstreuten Sachen ein und wandte mich wieder meiner Liste zu. Da war doch noch etwas gewesen …? Richtig, Gänseblümchensalat und Tang für die Fischaugensuppe mußte ich noch besorgen.

Unterwegs entdeckte ich das Früchtchen in der Spielwarenabteilung. Er riß gerade den Karton eines Plastikstrahlers auf und war gleich darauf mit der Beute verschwunden. Schade, daß gerade niemand vom Aufsichtspersonal in der Nähe war. Manche Eltern haben wirklich Nerven …

An den Automatkassen war nicht viel los. Um die Mittagszeit besuchten wenig Kunden das Center, und diejenigen, die vor mir standen, hatten keine vollen Schwebetaschen. Ich schloß mich einer Schlange an und bewegte mich genauso träge vorwärts wie die anderen.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, meine Haare würden sich steil aufrichten. „Bang, bang – psch!“ machte das ungezogene Kind unmittelbar hinter meinem Rücken. Mehr Worte schien sein Vokabular nicht zu umfassen.

Ich wollte mich nicht umdrehen, da man mich sonst für neugierig gehalten hätte und ich, kurzsichtig, wie ich ohne Kontaktlinsen nun mal bin, auch nicht viel hätte erkennen können. Aber zu gern wollte ich wissen, wie die Eltern des Kindes ausschauten. So drehte ich mich ein wenig zur Seite, als würde ich prüfen, ob es an der Nachbarschlange schneller ging, und blickte dabei kurz über die Schulter.

Zwischen dem zischenden Kind und einer überladenen Schwebetasche stand eine junge Frau, groß, knabenhaft schlank, topmodern gekleidet und grell geschminkt; zweifellos die Mutter. Spontan kam mir ein tropischer Vogel in den Sinn, vielleicht ihrer bunten, aufwendig gestylten Frisur oder des gelangweilten, hochnäsigen Gesichtsausdrucks wegen.

Da es an der Kasse weiterging, beachtete ich die beiden nicht länger und schob meine Tasche vor, damit der Scanner ihren Inhalt erfassen konnte. Die Summe würde von meinem Guthaben abgebucht werden, sobald ich die Kreditkarte in den Schlitz der Maschine steckte.

„Psch – rrrrr!“ machte es hinter mir: Das typische Geräusch eines Spielzeuglasers. Diesmal sträubten sich meine Haare wirklich, denn diese Dinger haben einen Akku und verschießen kleine, harmlose Elektroblitze, und von einem solchen war ich soeben getroffen worden. Vor Schreck fiel mir die Kreditkarte fast aus der Hand, und die Maschine forderte mich streng auf, endlich zu zahlen oder aus der Schlange zu treten. Etwas hilflos erwiderte ich den Blick des Mannes vor mir, der wie ich das zweibeinigen Ärgernis beobachtet hatte, während er auf seine Karte warten mußte.

Es kann ja ein Versehen gewesen sein, versuchte ich, mich zu beruhigen, schließlich will ich nicht durch eine unfreundliche Bemerkung zu einer Kinderfeindin abgestempelt werden. Wenn man selbst keine hat, geht das sehr schnell. Als wäre nichts geschehen, schob ich die Karte in den Automaten und wartete darauf, daß sich die Schranken öffneten und ich mit meinen Einkäufen passieren durfte.

Da traf mich ein zweiter Stromstoß, und der kleine Unhold lachte meckernd. Nun wurde ich allmählich wütend, denn alles muß man sich wirklich nicht bieten lassen.

Ich drehte mich um und sagte mit dem letzten Rest Gelassenheit, den ich noch aufbringen konnte, zu der Mutter: „Bitte geben Sie auf Ihr Kind acht. Das ist bereits das zweite Mal, daß ich mit dem Laser beschossen wurde.“

Die Frau sah mich an wie eine Amöbe, wenn ihre Pfütze austrocknet. „Mein Sohn darf tun, was er will“, entgegnete sie spitz, „wir erziehen ihn antiautoritär.“ Demonstrativ schaute sie zur Seite, als ich „psch – rrrrr!“ die nächste Salve verpaßt bekam.

Was macht man nur mit einem so schrecklichen Kind? Während ich noch überlegte, ob ich nach Rückerhalt meiner Kreditkarte so schnell wie möglich den Center verlassen sollte, dem kleinen Ungeheuer den Laser abnahm und ihm, seiner Mutter oder am besten beiden eine klebte, oder mir auch so ein Ding besorgte, um zurückzuschießen, betrat der Mann nochmals den Einkaufsbereich. Scheinbar hatte er etwas vergessen, denn er kam mit einer Familienpackung Entengrütze aus dem Sonderangebot zurück. Seelenruhig stellte er sich hinter der jungen Frau in die Schlange, schraubte den Deckel der Drei-Liter-Dose ab und leerte den klebrigen Inhalt über der Überraschten aus.

Mit schriller Stimme schrie sie: „Was fällt Ihnen ein, Sie … Sie … unverschämter Kerl, Sie! Sind Sie verrückt?“

„Nein“, der Mann grinste breit, „antiautoritär erzogen.“

Er zahlte an der Kasse die Entengrütze und hatte den Center bereits verlassen, als meine Nase endlich auf den Ausgang gestoßen war. Gern hätte ich mich bei ihm bedankt.

ENDE

Copyright (C) Kranzberg, 1987/93 by Irene Salzmann

Bildrechte: “Tabu-Brecher” (tes-tabu2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Lustige Geschichten aus dem sfbasar – subcover-65-minus-80-0.jpg” (Originaltitel: Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Buchtipp der Redaktion:



Immler, Veronika / Steinhäuser, Antje
Die Monster anderer Eltern

Von Sandkastenterroristen, Schulhofgangstern und anderen Nervensägen aus der erziehungsfreien Zone

Verlag :      mvg
ISBN :      978-3-86882-279-3
Einband :      Paperback
Preisinfo :      9,99 Eur[D] / 10,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 14.09.2012
Seiten/Umfang :      ca. 208 S. – 18,7 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      07.09.2012

Von Schulhofterroristen und Störenfriedas…

Renitente Gören, die im Sandkasten tränenreich Machtkämpfe anzetteln, übellaunige Teenies, die rudelweise die Innenstädte belagern, oder zahnspangige Bälger, die alles besser wissen – die kleinen und großen Monster sind überall. Es fühlt sich an, als würde die »erziehungsfreie Zone« immer größer und die nächste Generation noch sonderbarer als alle jemals zuvor. Dabei ist es egal, ob man kinderlos ist oder als Elternteil der Meinung ist, dass vor allem die Kinder der anderen Eltern unerträglich sind. Veronika Immler und Antje Steinhäuser – beide hingebungsvolle Mütter – schildern brüllend komisch die Auswüchse der pädagogischen Wüste für uns alle.

VERONIKA IMMLER , geboren 1968, studierte an der FH München und arbeitete bis zur Geburt ihrer ersten Tochter als Architektin. Seither widmet sie sich schwerpunktmäßig der Familie und ihrer Leidenschaft für Fotografie. ANTJE STEINHÄUSER, Jahrgang 1964, studierte Germanistik und Anglistik in Freiburg. Sie lebt und arbeitet als freie Lektorin und Autorin in München und ist selbst Mutter.

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7 Comments

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  1. Ich bitte um Meinungen zu dieser Story aus den frühen Achtzigern und zum Buchtipp der Redaktion!

  2. Die Geschichte spricht mir aus der Seele. Das Problem ist leider nur, dass man als Erwachsener immer der A…. ist. Sagt man was zum Kind, zieht man sich den Unwillen der Eltern zu. Nutzt man die Option „Entengrütze“ hat man Ruck Zuck eine Owi.
    Regeln gelten immer weniger in unserer Gesellschaft. Dieses System wird aber auch von unserer „Elite“ vorgelebt.
    Das 2. Problem ist, dass viele Eltern Ihre Kinder ja nur noch 30 Minuten am Tag ertragen müssen, weil diese ja sonst in irgendwelchen Betreuungseinrichtungen sind. Und da ist den Betreuern so etwas egal. Die sehen das als Job.
    Mich wunderts eigentlich, dass nicht mehr Familien auf die Idee kommen, dass die Frau bezüglich Nachwuchs zur Gebärmaschine wird.
    OK, jetzt bin ich der Böse.

  3. Die Story von Irene finde ich wieder einmal sehr gelungen. Allerdings muss ich Anmerken, das diese Story, natürlich nicht so ausführlich unter: „Er schraubte eine Ketchupflasche auf und goß sie über der Mutter aus“ unter den sogenannten „Einer Bekannten passierte kürzlich folgendes..“ Geschichten in ähnlicher Form verkürzt zu finden ist. Irene gelingt es wieder einmal meisterhaft diese kleine Geschichte gekonnt in die Zukunft zu exportieren und in gewohnt gefälliger Form zu repräsentieren.

  4. Haha, ich schmeiß mich weg :-). Herrliche Geschichte.

  5. Und was sagt Ihr zu meinem Buchtipp, habe lange nach einem adäquaten Buchtipp gesucht, passt der Eurer Meinung nach?

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