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GARY – Eine unheimliche Shortstory von Thomas Vaucher

GARY

Eine unheimliche Shortstory
von
Thomas Vaucher

Ich will euch eine wahre Geschichte erzählen. Sie handelt von einem Jungen namens Gary. Natürlich werden mir viele von euch nicht glauben, was ich hier niederschreibe, auch wenn die einen oder anderen vielleicht innerlich hin- und hergerissen sind, zwischen Unglauben, Zweifel und wissenschaftlichem Erklärungsnotstand. Nun, wie dem auch sei, Gary jedenfalls würde euch sofort bestätigen, dass sich alles, was ich hier berichte, genau so zugetragen hat.

* * *

Gary ist eigentlich ein ganz normaler Junge. Er geht zur Schule wie andere Jungen auch, spielt ein Instrument, wie viele andere Kinder auch (und wie bei den meisten anderen, so übt auch Gary jeweils nur am Abend vor der nächsten Instrumentenstunde, was seine Eltern jeweils sehr ärgert, da sie das Gefühl haben, das Geld für die teuren Stunden verschwendet zu sehen) und geht mit viel mehr Begeisterung und Hingabe Woche für Woche zum Unihockey-Training. Seine Begeisterung für diesen Sport schlug sich allerdings lange Zeit nicht in seinen Leistungen nieder und so sass er denn auch bei den Meisterschaftsspielen meist nur auf der Ersatzbank (wenngleich er zuweilen zu Kurzeinsätzen kam, wenn seine Farben entweder entscheidend in Führung oder hoffnungslos im Rückstand lagen). Seinem Trainer war dies egal, er setzte stets auf dieselben Kinder, von denen er wusste, dass sie ihre Leistung bringen würden (auch wenn dies keineswegs immer der Fall war). Gary deprimierte dieser Zustand natürlich je länger je mehr und dementsprechend nahmen auch seine Leistungen – angesichts der hoffnungslosen und verfahrenen Situation – auch noch weiter ab. Sein Selbstvertrauen verkümmerte, genauso wie die Liebe zu diesem Sport. Bis er eines Tages auf dem Heimweg vom Training auf einer Lichtung im Wald, den er dafür stets durchqueren musste, den Ball sah.

Es handelte sich um einen goldenen Unihockey-Ball, wie Gary ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Er funkelte und glänzte im Licht der Sonne und Gary näherte sich ihm neugierig. Als er sich dem Ball bis auf zwei Schritte genähert hatte, hörte er über sich Flügelschlagen und ein merkwürdiges Schackern und als er den Kopf hob, sah er eine Elster, die über ihm in den Ästen eines Baumes gesessen haben musste, davonfliegen. Einige Zeit noch war ihr Schackern zu hören und als Gary den Blick wieder von ihr abwandte, hatte er beinahe Angst, der Ball könnte verschwunden sein oder er hätte sich alles nur eingebildet. Doch der Ball lag noch immer zwei Schritte von ihm entfernt auf dem Boden.

Gary hob ihn vom Boden auf und war erstaunt, wie leicht er war. Trotz seinem goldenen Äusseren – und Gary zweifelte keinen Augenblick daran, dass der Ball wirklich aus Gold war – schien er kein Gramm mehr zu wiegen als ein herkömmlicher Unihockey-Ball. Gary sah sich um, ob jemand in der Nähe war, dem der Ball vielleicht gehören mochte und der ihn verloren hatte, doch es war niemand zu sehen und so packte er ihn kurzentschlossen ein und ging nach Hause. In seinem Wohnblock zuhause angekommen, schloss er sich sogleich in sein Zimmer ein, nahm den Ball und seinen Stock zur Hand und spielte auf engstem Raum mit dem goldenen Ball herum. Schon nach wenigen Sekunden hielt Gary erstaunt inne. Der Ball schien sich beinahe wie von selbst an seinen Stock zu schmiegen, rollte wie von Zauberhand geführt stets dorthin, wo Gary ihn haben wollte. Mit diesem Ball schien ihm alles zu gelingen und so begann Gary bald, schwierige Kunststückchen zu versuchen, jonglierte den Ball auf der Schaufel seines Stocks und versuchte waghalsige Zielschüsse quer durch sein kleines Zimmer. Selbst dies schaffte er, ohne dass irgendetwas dabei zu Bruch ging. Gary spielte sich in einen regelrechten Rausch hinein.

Nach einer Weile hielt er erschöpft inne und dachte nach. Entweder hatte er auf dem Nachhauseweg ein lange verstecktes Talent zum Unihockey-Akrobaten entdeckt oder der gefundene Ball war auf irgendeine mysteriöse Art und Weise verzaubert. Er führte den Gedanken weiter und erkannte, dass er den Ball zwar nicht ans Training oder gar an Matches mitnehmen, jedoch damit zuhause üben und so seine Fertigkeiten verbessern konnte.

Von da an übte Gary jeden Tag zuhause mit dem goldenen Ball. In den Trainings fiel er erst nicht weiter auf, doch mit der Zeit verbesserte sich einerseits sein Selbstvertrauen gehörig und andererseits durch das viele Üben zuhause auch seine Technik. Seine Mitspieler belächelten Gary, denn sie führten seine verbesserten Ballkontakte auf Zufälle und Glück zurück. Sein Trainer bemerkte jedoch nichts von alldem, da er sein Augenmerk bloss auf die Stammspieler richtete und Gary verbrachte die Meisterschaftsspiele weiterhin auf der Bank. Doch sein Spass am Unihockey stieg wieder in demselben Masse wie sein Selbstvertrauen und seine Technik. Und Gary wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sein Trainer dies ebenfalls erkennen würde.

Eines Tages, als Gary gerade zuhause mit dem goldenen Ball übte, klingelte es an der Haustür. Gary war alleine zuhause, also hob er den Ball vom Boden auf, lief zur Türe und öffnete. Bevor die Türe ganz aufschwang, besann er sich und versteckte den Ball hinter seinem Rücken.

Vor der Türe stand ein hagerer Mann, dessen Alter Gary nicht einschätzen konnte. Der Fremde trug ein weisses Hemd, eine weisse Hose und darüber einen langen, schwarzen Mantel, der beinahe bis an den Boden hinab reichte. Seine Nase war lang und stark gebogen, seine Augen glitzerten in einem dunklen Blau und auch seine schwarzen Haare hatten einen leichten dunkelblauen Schimmer. Der Fremde stützte sich auf einen kunstvollen Gehstock und als Gary die Türe öffnete, neigte er leicht den Kopf und Gary erblickte ein warmes Lächeln auf den Lippen des Fremden.

„Wer sind Sie?“, fragte Gary überrascht. Er hatte noch nie zuvor einen so seltsamen Herrn gesehen. Doch erstaunlicherweise hatte er keine Angst vor dem Fremden, denn dieser strahlte etwas Warmes und beinahe Liebevolles aus.

„Ich komme, um etwas zurückzuholen, was dir geliehen wurde, Gary“, antwortete der Fremde.

Gary wusste im selben Moment, wovon der Fremde sprach, doch er brachte es nicht über sich, dem Mann den goldenen Ball auszuhändigen, also sagte er nur: „Ich weiss nicht, wovon Sie sprechen. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.“ Und damit knallte er dem Fremden die Türe vor der Nase zu und drehte den Schlüssel im Schloss. Dann spähte er durch den Spion, um zu beobachten, ob der Fremde abzog. Doch draussen auf dem Gang war niemand zu sehen. Gary zuckte die Schultern, ging in sein Zimmer zurück und erstarrte. Der fremde Mann stand in seinem Zimmer und lächelte ihn gutmütig an.

„Ich weiss, es ist nicht leicht, Gary, doch du brauchst den Ball nicht mehr“, sagte er. „Alles was er dich gelehrt hat, kannst du nun auch mit anderen Bällen und das weißt du.“

„Aber, was geschieht dann mit ihm?“, fragte Gary traurig.

„Das weiss ich noch nicht“, antwortete der Fremde ruhig. „Ich werde ihn jemand anderem geben, der ihn brauchen kann.“

„Jemandem aus meiner Mannschaft?“, wollte Gary wissen.

Da lachte der Fremde auf.

„Nein, Gary. Weißt du, es muss nicht immer ein Unihockey-Ball sein. Vielleicht ist es das nächste Mal ein Füller für einen bedürftigen, armen Schriftsteller?“

Gary fühlte wie der Ball in seiner Hand zu vibrieren begann und als er erschrocken hinsah, lag statt eines Balles ein goldener Füller in seiner Hand.

„Oder ein Mikrophon für eine erfolglose Sängerin?“

Wieder vibrierte der goldene Gegenstand in Garys Hand und veränderte sich. Staunend betrachtete Gary das goldene Mikrophon, welches er nun in seiner Hand hielt.

Der Fremde streckte nun seine Hand langsam, aber fordernd aus und Gary überreichte ihm schweren Herzens das goldene Mikrophon. Kaum berührte es die Hand des Mannes, wurde es wieder zum goldenen Unihockey-Ball. Zufrieden steckte der Mann den Ball in die Innentasche seines Mantels, schritt an Gary vorbei und verliess das Zimmer.

„Moment“, rief Gary und eilte ihm hinterher. Doch als Gary vor seine Zimmertüre trat, war der Fremde nirgends zu sehen. Eilig durchlief Gary die ganze Wohnung, konnte ihn jedoch nirgendwo finden. Und seltsamerweise war die Wohnungstür immer noch fest verschlossen. Traurig ging Gary in sein Zimmer zurück. Da hörte er von draussen ein lautes Schackern und als er aus dem Fenster schaute, sah er in den Zweigen auf dem Baum vor seinem Wohnblock eine Elster sitzen. In ihrem Schnabel hing etwas Glitzerndes, doch Gary konnte nicht erkennen, was es war. Als er das Fenster öffnete, breitete sie die Flügel aus und flog laut schackernd davon.

„Danke“, rief ihr Gary hinterher und sah ihr nach, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwand.

* * *

Gary gibt es tatsächlich. Vielleicht spielt er sogar in deiner Mannschaft und sitzt Woche für Woche auf der Bank, obwohl er nicht schlechter spielt als seine Teamkollegen und vielleicht kriegt er irgendwann die Chance, sich zu beweisen und das Loser-Image loszuwerden (vielleicht gibst du ihm irgendwann die Chance?). Doch selbst wenn nicht, Gary weiss nun, was er kann und was nicht und er weiss, dass er es irgendwann packen wird.

Alles was ich Euch erzählt habe, ist tatsächlich wahr und genau so passiert, bis auf eine Kleinigkeit, die ich selbst erfunden habe: Der Name des Jungen lautet nicht Gary.

-ENDE-

Copyright © 2011/2015 by Thomas Vaucher. Ursprünglich erschien diese Geschichte im Vereinsmagazin Unihockey Fribourg im September 2011.

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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LESETIPP DER REDAKTION:

Floorball spielen (Kartoniert)
Unihockey – Innebandy – Unihoc – Stockey
von Erdtel, Mandy / Brückner, Grit


Verlag:  Hofmann GmbH & Co. KG
Medium:  Buch
Seiten:  96
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  144 x 208 mm
Gewicht:  190 g
ISBN-10:  3778026100
ISBN-13:  9783778026106
Verlagsbestell-Nr.:  2610

Beschreibung
Innebandy, Unihoc, Stockey, Unihockey, Floorball, all diese Begriffe bezeichnen eine faszinierende junge Sportart, die sich mittlerweile auch an deutschen Schulen etablieren konnte. Floorball hält seit dem Ende der 90iger Jahre nach und nach Einzug in die Sportlehrpläne der einzelnen Bundesländer und ist heute aus der Landschaft der Ballsportarten nicht mehr wegzudenken. Was is n Unihoc? ist wohl die bekannteste Frage in der Anfangsphase der rasanten und mitreißenden Sportart gewesen. In diesem Band soll Einblick in die Geschichte, das Profil und das Regelwerk des Floorballsports gegeben werden. Aber vor allem werden praktische Anleitungen für das Einführen der Sportart in den Unterricht gegeben. Der Inhalt ist vorrangig auf den Schulsport ausgerichtet und kann bereits im Grundschulbereich eingesetzt werden. Die Grundkomponenten von Technik und Taktik des Sportspiels werden in Anlehnung an die Kleinen Spiele in einer Vielzahl von Praxisbeispielen dargestellt. Darüber hinaus gibt ein Einstufungssystem Auskunft über den Schwierigkeitsgrad der Übung und erleichtert somit die Auswahl der Übungen für den Unterricht. Wer einmal einen Schläger angefasst hat, bleibt mit großer Wahrscheinlichkeit daran kleben. (R. Blanke)

Autor
Dr. Christian Kröger ist am Institut für Sportwissenschaft der Universität Kiel tätig. Er arbeitete als Trainer diverser Mannschaften von der Kreisliga bis zur Zweiten Bundesliga, gewann als Trainer eine Deutsche Jugendmeisterschaft und acht Deutsche (Vize-)Meistertitel bei Deutschen Hochschulmeisterschaften. Seit 1985 arbeitete er als Instructor in mehr als 20 Staaten für den Weltverband Volleyball (FIVB).

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