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FINSTERNIS – Düstere Fantasy-Kurzgeschichte von Miguel de Torres

FINSTERNIS

Düstere Fantasy-Kurzgeschichte

von

Miguel de Torres

Die Sonne war vor Kurzem versunken und die Nacht hatte ihren unaufhaltsamen Siegeszug begonnen. Der tote Wald in dem Einschnitt zwischen den beiden Höhenrücken, auf und hinter denen die feindlichen Armeen Stellung bezogen hatten, wurde zuerst von den Schatten verschlungen. Dann krochen sie langsam die felsigen Hänge empor, umhüllten diese wie tiefschwarzer Nebel, der in die Lungen fließt und den Atem zu ersticken droht.

»Todesschatten«, murmelte der General des Lichts. Er war ein alter, gebeugter Mann, der sich nur mit der Hilfe eines Stocks halbwegs aufrecht halten konnte. Sein Gesicht war vom langen Krieg zerfurcht wie die Erde des verlorenen Landes, doch das eine Auge, das ihm das gnadenlose Ringen gelassen hatte, strahlte hell wie das eines jungen Soldaten, der sein erstes Gefecht noch vor sich hatte.

Ein Geräusch dröhnte auf von den gegenüberliegenden Höhen; ein Laut, den niemand, der ihn je gehört hatte, vergessen konnte. Ein dumpfer Schall von tausend Schlägen zusammengefasst zu einem einzigen Ton, der jedem, der ihn vernahm, die Kälte des nordischen Winters in das Herz jagte. Nach einigen Sekunden beklemmender, beinahe greifbarer Stille, ertönte das Geräusch erneut.

»Was … was ist das?«, fragte der Ordonnanzoffizier, der neben dem General stand. Sein knabenhaftes Gesicht war ernst und bleich, doch er bemühte sich, seiner Stimme die Festigkeit des Alters zu verleihen.

»Sie schlagen mit ihren Schwertern auf die Schilde, um ihre Feinde in Angst zu versetzen«, sagte der General.

»Da ist es wieder!«

Der General nickte. »Es wird die ganze Nacht so weitergehen. Der Fürst der Dunkelheit kennt seine Gegner gut, sehr gut …« Er straffte sich und befahl der Ordonnanz: »Bring mir Bruyn, den Künder; ich muss eine Entscheidung treffen!«

Der Offizier salutierte und trat ab, während der alte General den gegenüberliegenden Höhenzug musterte. Von der Armee der Dunkelheit war nichts zu sehen; sie hielt sich hinter dem felsigen Riff versteckt, um ihre wahre Stärke nicht zu verraten.

Nur hören konnte man sie …

»Es wird wohl nicht mehr lange dauern.«

Der General fuhr herum; in Gedanken versunken, hatte er die Ankunft des Augurs nicht bemerkt.

»Zumindest wollen sie uns das glauben machen«, antwortete er.

»Was kann ich für dich tun?«

Bruyn war ein etwa fünfzigjähriger Mann mit einem strengen, beinahe asketischen Gesichtsausdruck. Trotz seines Alters war sein mittellanges, eng an den Schädel anliegendes Haar pechschwarz, ohne ein einziges graues Fädchen.

Der General blickte wieder hinüber auf die andere Seite des Tals. »Ich muss wissen, ob ich heute Nacht angreifen soll«, sagte er. »Ich glaube, sie sammeln sich noch. Eine überraschende Attacke im Dunkeln …«

Der Künder neigte den Kopf. »Die Nacht ist ihre Verbündete«, gab er zu bedenken, »ihre Mutter und ihre Geliebte. Möglicherweise warten sie nur auf einen Angriff von unserer Seite.«

»Möglicherweise.« Der General nickte.

»Und sie haben Gefangene. Bei einer Offensive …«

Der General presste die Lippen zusammen. »Es steht mehr auf dem Spiel als das Leben einiger Menschen – viel mehr!«

Bruyn nickte. Er wusste, dass der General recht hatte.

Der alte Soldat fuhr fort: »Deshalb musst du das Schicksal befragen. Ich erwarte dich spätestens um Mitternacht wieder hier – mit einer Antwort!«

Der Künder verneigte sich stumm und wandte sich ab.

* * *

Als Bruyn sein Zelt erreichte, das sich etwas abseits der anderen befand, wartete dort eine Wache auf ihn, neben der eine verhüllte Gestalt stand.

»Er sagt, er habe eine wichtige Botschaft für dich«, berichtete der Posten. »Wir haben ihn durchsucht; er trägt keine Waffe.«

Der Künder nickte und winkte dem Vermummten, hinter ihm einzutreten. Nachdem sich der Türvorhang wieder geschlossen hatte, drehte er den Docht der kleinen Lampe, die auf dem zusammenklappbaren Tisch in der Mitte des Zelts stand, etwas höher.

»Was willst du?«, fragte er. Seine Stimme verriet Ungeduld. »Ich habe nicht viel Zeit für dich.«

»Ich habe Euch nur etwas zu geben«, antwortete der andere mit dumpfer Stimme.

»Was ist es?«

»Dies!«

Aus dem dunklen, härenen Umhang glitt eine knochige, von bleicher Haut überspannte Hand, die einen kleinen, länglichen Gegenstand hielt: Das Spielzeug eines Kindes – eine Puppe, alt, zerrissen und verschmutzt.

Sekundenlang starrte der Augur auf die Puppe, dann entrang sich seiner Kehle ein Laut des Unglaubens und der Bestürzung – ein Laut, der all das Verhängnis, das einen Menschen in diesen Zeiten des Krieges ereilen konnte, in einem einzigen Ton zusammenfasste. Flammen der Erinnerung loderten auf in Bruyns Bewusstsein …

… Flammen, die das Heim seiner Kindheit fraßen, das Haus, vor dem sein Vater in seinem eigenen Blut lag, das Haus, aus dem sein jüngerer Bruder und seine Mutter nicht mehr hatten entkommen können. Der Angriff der Schwarzen Horde, im Schutz der Nacht, war völlig überraschend gekommen; aus dem Nichts waren die Männer auf ihren riesigen Rappen aufgetaucht, und das Nichts hatte sie wieder verschlungen, Minuten später nur. Zurückgeblieben war ein zerstörtes Heim, ein im Schlafrock ermordeter Mann und ein vermeintlich toter Junge – er, Bruyn. Die Flammen, die ihm seine Familie genommen hatten, hatten ihm auch das Privileg der Kindheit geraubt: die Unschuld des Denkens. In jener Nacht war er zum Mann geworden, nicht äußerlich, aber in seinem tiefsten Inneren. Und seine Mutter und sein Bruder …

»Mein Bruder!«, krächzte Bruyn und streckte die Hand nach der Puppe aus – jener Puppe, die er einst selbst für Dork gefertigt hatte.

Der Bote übergab dem Künder das Spielzeug, der es hastig entgegennahm und mit beiden Händen an seinen Leib presste.

»Euer Bruder«, antwortete der Bote dunkel, »erwartet Euch – unten, im toten Wald. Wenn Ihr mir folgen wollt …«

Willenlos stolperte Bruyn hinter dem unheimlichen Boten aus dem Zelt. Dork am Leben! Das war doch gar nicht möglich! Er selbst hatte die qualmenden Überreste des Hauses durchsucht, nachdem er aus seiner tiefen Bewusstlosigkeit erwacht war, hatte sich mit seinen eigenen Händen einen Weg durch verkohlte Balken und immer noch glühende Steine gebahnt.

Aber du hast nichts gefunden!, wisperte eine Stimme in seinem Bewusstsein.

Nein, überlegte Bruyn, während er dem Boten durch die äußere Reihe der Posten folgte. Als Künder des Generals würde ihn niemand anhalten, würde keine Wache es wagen, ihn und seinen Begleiter zu belästigen. Nein, er hatte nichts gefunden – und war froh darüber gewesen, denn der Anblick zweier verkohlter und durch die Glut des Feuers zusammengeschrumpfter Leichen wäre vermutlich mehr gewesen, als sein Verstand ertragen hätte. Die Schrecken des Krieges hatten viele Menschen zerbrochen, hatten ihre Gehirne ausgesaugt wie Schwämme und nur leere, tote Hüllen zurückgelassen. Wesen, die wie Menschen aussahen, deren Geist sie jedoch längst verlassen hatte, in eine andere Welt geflüchtet war – in eine bessere.

Aber obwohl er damals keine Leichen gefunden hatte, hatte er niemals am Tod Dorks und ihrer beider Mutter gezweifelt. Es hatte eine Stelle im Haus gegeben, die immer noch zu heiß gewesen war, zu gluterfüllt, als dass er sich dort hätte hinwagen dürfen. Und letztendlich war er wohl auch vor der endgültigen Gewissheit zurückgeschreckt, hatte nur allzu bereitwillig darauf verzichtet, die in seinem Herzen eingeschlossene Furcht Gestalt werden zu lassen.

Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag ins Genick. Er glaubte, sein Herz würde aussetzen.

Wenn Dork das Feuer überlebt hat – dann könnte unsere Mutter ebenfalls noch am Leben sein!

»Herr?«

Es dauerte einige Zeit, bis der Ruf des Boten in Bruyns Bewusstsein drang. Erst dann erkannte er, dass er unwillkürlich stehen geblieben war.

»Ich komme.« Zumindest versuchte er, diese Worte auszusprechen, doch mehr als ein unverständliches Ächzen kam nicht zwischen seinen Lippen hervor.

Dennoch wandte sich der Bote wieder um und wurde beinahe unmittelbar von der alles umfassenden Finsternis verschlungen. Hastig setzte sich Bruyn wieder in Bewegung.

Der unheimliche Klang der Schwerter und Schilde begleitete die beiden Männer bei ihrem Abstieg in das Tal des toten Waldes. Bruyn wunderte sich nicht, dass er niemals stolperte oder gar hinschlug – dazu war er viel zu sehr mit seinen brennenden Erinnerungen beschäftigt. Kein Weg war jemals durch den felsenübersäten Hang gebahnt worden, so dass ein Passieren desselben bereits im hellen Tageslicht schwer sein musste. In der Dunkelheit war es, nach menschlichem Ermessen, vollständig unmöglich – und doch geleitete der Verhüllte den Künder sicher durch alle Fährnisse.

Endlich blieb der Bote stehen. »Wartet hier!«

Im nächsten Augenblick war er verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben – als wäre er nur eine Schimäre gewesen, geboren aus den jahrzehntelangen Albträumen Bruyns.

Der Künder sah sich um. Er konnte lediglich einige tote Äste in seiner unmittelbaren Nähe wahrnehmen. Wenn er den Blick zurückwandte, erkannte er auf der Anhöhe den Widerschein der Fackeln. Auf der anderen Seite war nichts zu sehen – der Fürst der Dunkelheit und seine Armee benötigten keine Lichtquellen; die Finsternis war in der Tat, wie Bruyn zu seinem General gesagt hatte, ihre Mutter und ihre Geliebte.

Plötzlich schrak er zusammen und fuhr herum. Er hatte nichts gehört, noch weniger gesehen; lediglich die ihn umfließende Luft schien mit einem Mal eine andere Konsistenz erhalten zu haben, schien dichter, kälter, bedrohlicher geworden zu sein.

Er war nicht mehr allein.

Weniger als zwei Meter von ihm entfernt befand sich ein Schatten, der Form nach menschlich oder zumindest menschenähnlich.

Der Schatten hob einen Arm, wie zu einer Geste der Begrüßung.

»Guten Abend, Bruyn!«

Die Stimme des Schemens ähnelte dem tiefen, hallenden Rasseln einer Brunnenkette.

Der Künder wollte antworten, doch es war, als habe ihn die Erscheinung gelähmt, als übe sie einen dunklen Zauber auf ihn aus, der ihn zur Reglosigkeit verdammte. Endlich überwand er den Bann so weit, dass er ein einziges Wort hervorstoßen konnte.

»D-Dork?«

»Dein leiblicher Bruder«, bestätigte der Schatten. Seine Stimme jagte Schauer durch Bruyns Körper.

Endlich wich die Lähmung des Künders ein wenig. »Ich dachte, du seist tot!«, brach es aus ihm heraus. Seine Arme zuckten vor, doch dann hielten sie wieder inne. Es drängte ihn, sich dem so lange verloren geglaubten Bruder an die Brust zu werfen, ihn zu umarmen und zu küssen, doch etwas hielt ihn zurück – etwas Dunkles. Eine unsichtbare Schranke stand zwischen den beiden.

»Der Fürst der Dunkelheit hat mich gerettet«, sagte Dork.

Es schien Bruyn, als presse eine eherne Kralle sein Herz zusammen. Er rang um Atem. »Du … du kommst von der anderen Seite! Du bist ein … ein Soldat der Dunkelheit!« Ohne sich dessen gewahr zu werden, wich er einen Schritt zurück.

Ein abgehacktes Geräusch ertönte, so dumpf und unheimlich, dass der Künder zusammenzuckte, als habe ihn ein körperlicher Hieb getroffen. Endlich erkannte er, was es bedeutete.

Dork lachte.

»Nicht ein einfacher Soldat, Bruder! Ich bin der General!«

Der General der Finsternis!

Bruyn stand jenem Wesen gegenüber, das in den letzten Jahren, mit wenigen Rückschlägen, von Sieg zu Sieg gezogen war, das verantwortlich war für Zehntausende, wenn nicht gar Hunderttausende von ermordeten Menschen, zu Tode gepeinigten Seelen! Jenem Wesen, das nicht nur seinen Leib dem Fürsten der Dunkelheit verschrieben hatte! Jenem Wesen, von dem man nicht einmal hinter vorgehaltener Hand sprach und das bis heute namenlos geblieben war – ein Synonym des Grauens, der Schrecknisse und der begangenen Gräuel.

Nun hatte jenes Wesen endlich seinen Namen offenbart – und es war Dork, Bruyns lange tot geglaubter Bruder!

Der Künder strauchelte. Die Last eines Gebirges schien mit einem Mal auf seinen Schultern zu liegen und er wusste, dass er letztlich unter dieser Last zusammenbrechen musste. Kein menschliches Wesen, das diese Bezeichnung verdiente, würde mit dieser Bürde weiterleben können.

Nicht nach den Ereignissen der letzten Jahre.

Doch irgendetwas gab Bruyn die Kraft, die Frage auszusprechen, die seinen Geist seit dem Abstieg zum toten Wald gemartert hatte.

Seine Stimme war nicht mehr als ein Hauch, als er flüsterte: »Unsere Mutter …?«

Wieder erklang dieses abgehackte, dumpfe Geräusch, das Bruyn durch Mark und Bein drang, bis in das tiefste Innerste seines Körpers – und seiner Seele.

»Sie lebt! Der Fürst der Dunkelheit, in Seiner Gnade, hat auch sie errettet.«

Sie lebt! Unsere Mutter lebt! Sie ist nicht gestorben in den Flammen unseres Hauses!

Doch eine schreckliche Ahnung verhinderte, dass Bruyn über diese Nachricht glücklich war.

»Ist sie auch …?« Die eherne Kralle, die seit Dorks Offenbarung um Bruyns Herz lag, presste sich weiter zusammen.

»Sie steht nicht auf der Seite des Fürsten, wenn du das meinst«, lautete die Antwort des Generals der Finsternis. »Nur die unschuldigen Seelen der Kinder kann Er nach Seinem Belieben formen; Erwachsene mögen Ihm zwar dienen, aber sie können niemals in den Inneren Kreis vorstoßen! – Unsere Mutter ist bei den Gefangenen, und das bringt mich, endlich, zu dem Zweck unseres Treffens.«

»Zweck?« Bruyn horchte verstört auf. Bislang war er nicht davon ausgegangen, dass Dork – der General der Finsternis! – mit dieser überraschenden Zusammenkunft einen bestimmten Zweck verband. »Hast du nicht erst jüngst von meinem Verbleib erfahren und wolltest mich … wiedersehen?«

Dorks erneuter Ausbruch von Heiterkeit sandte Schauer des Grauens durch Bruyns Seele. Nein, erkannte er, dieses Wesen kannte keinerlei menschliche Gefühle, keine familiären Bindungen – nur die Bindung zu seinem Fürsten, und die war unauflöslich.

»Ich habe immer gewusst, wo du bist und was du tust«, dröhnten die Worte des Generals in den Ohren des Künders. »Du hast einen langen Weg hinter dich gebracht, hast immer weiter an Einfluss gewonnen und bist nun, faktisch, wenn auch nicht nominell, der wichtigste Mann in der Armee des Lichts! Dein General hört auf deine Worte; er wird das tun, was du ihm vorschlägst!«

Der Künder nickte. »Das verdanke ich meiner Gabe.«

»Richtig, deine Gabe …« Dork tat zwei rasche Schritte auf seinen Bruder zu, so dass er ihn hätte berühren können, hätte er dies gewollt. Seine Stimme zischte, als er fortfuhr: »Wem, glaubst du wohl, schuldest du diese Gabe?«

Der Anflug einer Ahnung schlich sich in Bruyns Gehirn, die so grauenerregend war, dass sich der Künder weigerte, den Gedanken zu Ende zu verfolgen.

»W-wieso?«, stammelte er. »Wem soll man so eine Gabe schulden, außer vielleicht … der Vorsehung?«

»Pah, der Vorsehung!« Dork spie verächtlich aus. Ein Zischen ertönte dort, wo die Flüssigkeit eine tote Wurzel verbrannte. »Der Fürst war es, der sie dir gegeben hat! Du gehörst zwar nicht zu Seinem Inneren Kreis, aber du bist mein leiblicher Bruder, und du liebst mich – hast mich zumindest einst geliebt! Das genügt für Ihn!«

Von allen Schlägen des Schicksals, die Bruyn in den letzten Minuten getroffen hatten, von allen unsagbaren Verhängnissen, war dies das schlimmste. Ein Ring der Finsternis schloss sich um seinen Geist.

Ohnmächtig sank er zu Boden.

* * *

Er erwachte davon, dass ihn jemand schüttelte. Er schlug die Augen auf. Der Schemen, der einst, vor vielen Jahrzehnten, ein unschuldiger Knabe gewesen war – sein Bruder! –, befand sich unmittelbar vor ihm. Klirrende Kälte drang von jenen Stellen in Bruyns Körper, an denen ihn Dork festhielt.

»Wir haben nicht mehr viel Zeit«, zischte Dork. »Der Augenblick ist gekommen, an dem du deine Schuld, dem Fürsten gegenüber, begleichen musst. Ich brauche dich – Er braucht dich!«

»W-was …«

Der General der Finsternis schüttelte ihn erneut. »Hör mir zu: Meine Armee ist dabei, sich zu sammeln. Ich brauche noch vierundzwanzig Stunden. Alles, was du zu tun hast, ist Folgendes: Du wirst deinem General sagen, dass die Vorzeichen für einen Angriff in dieser Nacht sehr schlecht stünden. Morgen Nacht dagegen … Du verstehst mich?«

Unter Aufbietung all seiner Kräfte riss Bruyn sich von seinem unheimlichen Bruder los. Er schüttelte heftig den Kopf. »Niemals!«, stieß er hervor. »Ich schulde deinem Fürsten nichts, im Gegenteil …«

»Wenn du nicht tust, was wir von dir verlangen«, antwortete Dork, und seine Stimme rollte wie ferner Donner, »wenn eure Armee morgen oder gar noch in dieser Nacht angreift, werden wir als Erstes die Gefangenen töten – alle, ohne Ausnahme!«

»Das … das kannst du nicht tun! Deine eigene Mutter …«

Doch Dork lachte nur. »Es steht mehr auf dem Spiel als das Leben einiger Menschen – viel mehr!«

Eine Woge des Grauens brandete durch den Geist des Künders, als er erkannte, dass sein Bruder genau die gleichen Worte benutzt hatte wie kurz zuvor der General des Lichts. Nein, es konnte kein Zweifel bestehen – Dork würde seine Drohung wahr machen. Er würde alle Gefangenen und mit ihnen seine eigene Mutter töten lassen, wenn er, Bruyn, nicht das tat, was man von ihm verlangte.

»Geh jetzt!«, befahl der Schemen. »Geh zurück zu deinem General und tue, was ich dir aufgetragen habe – dann wird alles gut werden!«

Erneut lachte Dork. Von Grauen geschüttelt, wandte sich Bruyn um, doch der General der Finsternis rief ihn noch einmal zurück.

»Warte – ich vergaß, dass du zu jenen unglücklichen Kreaturen gehörst, deren Wahrnehmung auf ein gewisses Maß an Helligkeit angewiesen ist! Nun gut, du sollst mich sehen!«

Der Künder ahnte nur, dass der andere eine weit ausholende Bewegung mit dem Arm machte. Im nächsten Augenblick fuhr ein Blitz hernieder, von jener Höhe, hinter der sich die Armee der Dunkelheit sammelte. Ein in der Nähe stehender abgestorbener Baum lohte auf wie eine riesige Fackel, und in seinem Schein konnte Bruyn die Gestalt Dorks zum ersten Mal richtig erkennen. Die Statur seines Bruders ähnelte seiner eigenen, doch war sie in eine Uniform aus schwarzem Leder gehüllt, die das Licht des brennenden Baumes gierig in sich aufzusaugen schien.

Doch das war es nicht, was Bruyn den letzten Rest seiner mühsam aufrechterhaltenen Fassung raubte.

Es war das Gesicht des Wesens, das einst sein Bruder gewesen war.

Ein aufgedunsenes, von abstoßenden und niemals verheilten Brandnarben entstelltes Antlitz; eine Fratze aus rohem, blutigem Fleisch, die geradewegs der Hölle entstiegen zu sein schien.

Wie Bruyn wieder hinauf auf den Höhenrücken und in sein Zelt gelangt war, wusste er später nicht mehr. Am ganzen Körper zitternd fiel er auf die Pritsche, die ihm als Lager diente. Speichel lief aus seinen Mundwinkeln und über sein Kinn, doch er bemerkte es nicht. Alles, was er sah – vor seinem inneren Auge sah –, war die grauenerregende Gestalt seines Bruders im Licht des brennenden Baumes.

Ein Albtraum!, schoss es durch sein Gehirn. Ja, es muss ein Albtraum gewesen sein! Ich bin eingeschlafen; die Erlebnisse der letzten Zeit waren zu viel für mich …

Mühsam richtete er sich auf. Der General des Lichts hatte ihm aufgetragen, das Schicksal zu befragen; er wartete auf eine Antwort … Da bemerkte Bruyn, dass er etwas in den Händen hielt.

Voll Furcht und böser Ahnung senke er seinen Blick und betrachtete den Gegenstand, um den sich seine Hände so sehr gekrampft hatten, dass er nur unter Aufbietung all seiner Willensstärke in der Lage war, sie wieder zu lösen.

Es war ein Kinderspielzeug – eine Puppe.

Mit einem Aufstöhnen, das alle Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die jemals ein menschliches Wesen umfangen gehalten hatten, in sich vereinte, sank Bruyn zurück auf das Lager.

Irgendwann später kauerte er in jener Ecke seines Zelts, die die Feuerstelle beherbergte, streute farbloses Pulver in die Flammen und musterte die Formen, die der grüne Rauch hervorbrachte.

Er sah:

– den Angriff der Armee des Lichts, noch in dieser Nacht …

– den Kampf zweier Brüder, nach langer Trennung wieder vereint – im Tode vereint …

– den Tod ihrer Mutter und ungezählter anderer menschlicher und nichtmenschlicher Wesen …

Und schließlich:

– den Sieg der Armee des Lichts …

Als sich der Rauch verzogen hatte, lag ein zusammengesunkenes Bündel vor der Feuerstelle, das längst keine Tränen mehr hatte.

Endlich raffte sich der Künder auf. Obwohl er wusste, dass es keinen Unterschied machen konnte – machen durfte –, schüttete er abermals etwas von dem Pulver in die Flammen, die daraufhin erneut aufloderten.

Das Ergebnis war das gleiche.

Auch ein dritter und letzter Versuch brachte keine Änderung.

Der Geschmack von Blut, seinem eigenen Blut, war auf seinen Lippen, als er sich der Worte des Generals erinnerte – der Worte beider Generäle:

»Es steht mehr auf dem Spiel als das Leben einiger Menschen – viel mehr!«

Er wusste, dass sie recht hatten.

Und er wusste, was er dem General des Lichts zu sagen hatte.

Die Finsternis der Nacht umhüllte den fünfzigjährigen Greis mit dem eingefallenen Gesicht und den schlohweißen Haaren, als er sein Zelt verließ, um seine letzte Aufgabe zu erfüllen.

Doch die größte Finsternis herrschte in seinem Herzen.

-ENDE-

Copyright (c) 2012 by Miguel de Torres, mit freundlicher Genehmigung.

 

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

 

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Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

MOTIVE DER STORY FINDEN SICH AUCH IN FOLGENDEM ROMAN WIEDER:

Das Geheimnis der schwarzen Zitadelle (Kartoniert)
Fantasy-Abenteuer
von Torres, Miguel de

.
Verlag:  Du-Lac-Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  432
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Februar 2015
Maße:  211 x 139 mm
Gewicht:  588 g
FSK:  Freigegeben ab 12 Jahren
ISBN-10:  3981654307
ISBN-13:  9783981654301

Beschreibung

Eine tödliche Feindschaft …
Eine lebenslange Suche …
Ein Jahrtausende altes Rätsel …
und eine unsterbliche Liebe.

Der junge Tunnel- und Brunnenbauer Reinald wird nach Khorat gerufen, in die Residenz von König Hark, die von inneren und äußeren Feinden bedroht wird. Er soll die Wasserversorgung der schwarzen Zitadelle Mogador sicherstellen. Doch im Berg tief unter der Zitadelle wartet nicht nur die Lösung eines uralten Rätsels, sondern auch der Tod …

Dieses Fantasy-Abenteuer erleben Menschen in einer fiktiven mittelalterähnlichen Welt. Das Schwert ist unverzichtbar und geherrscht wird innerhalb dicker Mauern. Ein junger Mann gibt nicht auf, die Liebe eines Mädchen zu erringen, die einem Hofschranzen des Königs versprochen, genau genommen verkauft wurde, denn dessen Vater ist Kaufmann.

Dieser Roman vereint alles, was eine fantastische Geschichte ausmacht: furchtlose Barbaren, heftige Kämpfe, hohe Mauern, reißende Gewässer, tiefe Brunnen, finstere Höhlen, einen donnernden Abschluss sowie einen weiser gewordenen Helden.

In die Handlung wurden weder Magie noch Zauberer oder Drachen, Elfen, Zwerge und Trolle einbezogen – nicht nötig, denn die Menschen in ihrer Vielheit sind interessanter.

Autor
Miguel de Torres, geboren 1958 in Bayern, war mehr als zwanzig Jahre lang als freiberuflicher EDV-Berater tätig, bevor er 2003 mit dem Schreiben begann. In elf Jahren entstanden etwa vierzig Romane sowie ein Dutzend Kurzgeschichten, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte.

Über das Buch:
Fantasy spielt sich in der Regel in urtümlicher, atemberaubender Landschaft ab, und die darin porträtierte Gesellschaft ist archaisch und oft analphabetisch, was offensichtlich einen Großteil des Reizes für die meisten Leser ausmacht: Die Handlung spielt in einer imaginären Zeit, als das Leben noch einfach und Männer noch Männer waren (und Frauen noch Frauen, das sollte auch mal gesagt werden). Imaginär ist diese Zeit deshalb, weil das Leben niemals einfach und unkompliziert war, seit die Affen von den Bäumen heruntergeklettert sind und einer den anderen gezeigt hat, wo’s langgeht. Fantasy – oder Abenteuer im Allgemeinen, und das schließt SF mit ein – ist modernes Märchen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Im besten Fall mit einer Moral und einer »Resonanz«: im Gedächtnis bleibenden Erkenntnissen über das Leben an sich, wie sie letztlich eben nicht wahre Geschichten, sondern nur Romane vermitteln können. Romane die »größer als das Leben« sind und deshalb, aus einer weiter gefassten Perspektive, einen neuen Blick auf dieses Leben erlauben. Ich werde versuchen, auch dies zu erreichen. Ob mir das gelungen ist, müssen Sie entscheiden, wenn Sie das Endprodukt lesen.
Miguel de Torres

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN ZITADELLE – Leseprobe (Teil 1) des gleichnamigen Romans von Miguel de Torres

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Updated: 30. Dezember 2016 — 16:58

3 Comments

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  1. Eine weitere Kurzgeschichte aus meinem Band „Der Sinn von alldem“. Geschrieben im Juni 2007 als Beitrag zu einer Ausschreibung einer Autorengruppe. Eine vorgesehene Veröffentlichung scheiterte dann jedoch an Vertragsfragen. Dass man für so etwas kein Geld bekommt, ist ja üblich, aber dass sich der Verleger auch noch auf Jahre hinaus sämtliche Rechte an der Story krallen will, ist schon ein starker Tobak — zu stark für mich jedenfalls.

    Immerhin war die Arbeit nicht völlig für die Katz, denn ich habe einige Motive aus der Story in meinem Roman „Das Geheimnis der schwarzen Zitadelle“ verarbeitet.

  2. Vielleicht macht das ja doch einige Leser auf den Roman neugierig?

  3. Vielleicht würde der Verlag ja einige Exemplare für ein Gewinnspiel hergeben, was meint denn der Autor?

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