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“Murphy reist ins Jenseits” Murphy – Der Kämpfer des Lichtes – Band 21 als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen von W. A. Hary (Teil 5)

„Murphy reist ins Jenseits“

Murphy 21
als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen bei sfbasar.de

von W. A. Hary

Teil 5

Borodin irrte fast eine halbe Stunde durch den finsteren Wald. Erstaunt bemerkte er, dass er eine gewisse Nachtsicht besaß. Er nahm Dinge wahr, die er nie für möglich gehalten hätte. Euphorie stieg in ihm empor. Hatte er noch vor Minuten mit dem Schicksal gehadert, so war er ihm jetzt fast dankbar für die Bereicherung seiner Sinne.

Die Ernüchterung kam schnell. War er nicht zu einer Art Gespenst geworden?

Unwillkürlich dachte er an den Geist, den er hatte beseitigen müssen, ehe jener sie vernichtet hätte. Würde auch er einmal so sein? Plötzlich fürchtete er sich.

Das war der Zeitpunkt, an dem er das Dorf entdeckte. Der Wald endete unvermittelt an einem weiten Parkplatz. Auf der anderen Seite stand ein Gasthof. Hundert Meter dahinter begann das Dorf, malerische Häuschen, deren Fassaden mit Holzschindeln verkleidet waren. Borodin zwang sich dazu, den Wald zu verlassen. Vorsichtig nach allen Seiten sichernd, überquerte er den Parkplatz und ging auf das Dorf zu. Unter einem erleuchteten Fenster des Pubs blieb er stehen und lauschte.

Undeutliche Worte drangen an sein Ohr. Borodin runzelte verärgert die Stirn und konzentrierte sich. Normalerweise war er alles andere als neugierig, aber er wusste noch immer nicht, was wirklich vorgefallen war und wollte kein Risiko eingehen.

Noch immer verstand er nichts von dem Gesprochenen. Langsam schob er seinen Kopf über die Fensterbank und starrte in den hell erleuchteten Raum. Einen Moment war er geblendet. Seine Augen brauchten Sekunden, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatten.

Dann übersah Borodin den Gastraum mit einem Blick. Nur wenige Menschen befanden sich darin. Hinter dem Tresen stand der feiste Wirt, eine speckige Schürze vor den Schmerbauch gebunden. Dietrich Borodin widmete ihm seine Aufmerksamkeit.

Im nächsten Augenblick zuckte er zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Deutlich hatte er die Worte gehört: »Verdammtes Pack! Seit sie diese Umgehungsstraße gebaut haben, verirrt sich keine Menschenseele mehr in das Kaff. Mit diesen Idioten muss ich vorlieb nehmen. Aber denen werde ich Beine machen!« Borodin hatte es gehört, doch der Wirt hatte nicht die Lippen bewegt. Verstohlen sah sich Borodin um. Er war allein und versuchte vergeblich, das Geschehene zu begreifen.

Dann kam ihm die Erkenntnis: Nichts hatte er gehört! Was er vernommen hatte, waren die ärgerlichen Gedanken des Mannes gewesen!

Borodin kauerte sich auf den Boden. Er brauchte eine Weile, bis er sich mit dieser Tatsache abgefunden hatte. Dann versuchte er es bei den Gästen. Es funktionierte nur, wenn Gedanken sozusagen schon fast auf der Zunge lagen, also sehr deutlich waren.

Außerdem musste sich Borodin direkt auf einen einzelnen Menschen konzentrieren.

Unvermittelt kam Bewegung in die Szene. Der Wirt trat an den Stammtisch und fauchte:

»Feierabend, meine Herren!« Er deutete auf die große Uhr hinter der Theke.

»Red keinen Unsinn, Sten!« lallte einer. Borodin wusste im gleichen Moment, dass er Mario Cruchillo hieß und einer der Gäste war, die den größten Teil ihrer Freizeit in dieser Kneipe verbrachten. »Wir feiern doch Renzos Geburtstag!«

Italienischer Abstammung, durchfuhr es Borodin. Jetzt, da er sich auch auf die Gedanken der Leute konzentrierte, begriff er alles.

Sten Öberg winkte ab. Das kannte er. Marios Bruder hatte mindestens zwanzigmal im Jahr Geburtstag – nur feierte er ihn nie selbst. Doch das Feiern besorgte schon Mario zur Genüge.

»Du solltest dich schämen, Mario«, sagte der Wirt ernst. »Während dein Bruder von morgens bis abends schwer schuftet, lungerst du hier herum und säufst dir die Hucke voll.«

»Jetzt mach aber mal einen Punkt, Sten«, lallte ein weiterer Gast. »Schließlich hast du an Marios Durst schon eine Menge verdient.«

Die Augen des Wirtes blitzten zornig.

»Schluss!« rief er. »Ich muss meinen Laden schließen, bevor mir die Polizei auf den Pelz rückt. Ihr wisst, dass Constabler Fletcher recht unnachgiebig ist.«

»Quatsch, der ist doch gar nicht da!« Der Sprecher machte eine wegwerfende Handbewegung.

Der Freundeskreis der Saufkumpane wich dennoch der Gewalt. Sie erhoben sich schwankend und peilten die Garderobe an. Wenig später polterten sie aus der Gaststube.

Dietrich Borodin gab schleunigst seinen Beobachtungsposten auf und ging in Deckung.

Mario Cruchillo verabschiedete sich vor dem Pub von seinen Kumpanen, die grölend ins Dorf zogen. Der Mann italienischer Abstammung schwang sich auf ein altes Fahrrad und fuhr zum Waldrand. Borodin wartete, bis er weg war, dann beschloss er, sich das Gasthaus einmal von innen anzusehen.

*

Der Dynamo des Fahrrades summte gleichmäßig und spendete genügend Strom, um der winzigen Lampe flackerndes Licht zu entlocken. Die schwarze Wand aus Bäumen rückte auf den einsamen Radler zu, wich etwas auseinander und nahm ihn auf. Das Licht reichte nicht, um viel vom Weg erkennen zu lassen, aber da war der pralle Vollmond mit seinem milchigen Schein. Marios vom Alkohol verschleierte Augen starrten nach vorn. Minuten später machte der Pfad eine leichte Biegung nach links, dann wieder nach rechts.

Ausgerechnet an der zweiten Kurve gabelte sich der Weg. Der Betrunkene nahm das gar nicht richtig wahr. Er verpasste die richtige Abzweigung und radelte weiter.

Unbeholfen trat er in die Pedale. Er hatte große Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Der unruhige Lichtstrahl tastete sich mal hierhin, mal dorthin. Mario Cruchillo brabbelte sinnloses Zeug vor sich hin, wenn er durch ein Schlagloch fuhr oder über einen Stein holperte. Bis die zweite Weggabelung kam und er abermals in die falsche Richtung lenkte.

Er atmete schwer. Das Radfahren strengte ihn an. Ein paar mal blies er missmutig die Wangen auf, dann versuchte er es mit einem Lied. Spröde und lallend kam es über seine Lippen.

Da, rechts von ihm, huschte etwas durch die Dunkelheit. Mario Cruchillo sah nicht die bösartig glitzernden Augen, die jeder seiner Bewegungen folgten, aber er ahnte etwas. Er verstummte. Gleichzeitig rückten die Bäume immer dichter zusammen und der Weg wurde holpriger. Hier kam nicht oft jemand vorbei. Der Pfad war kaum ausgetreten.

Außerdem schien es noch dunkler zu werden.

Die Fahrradkette schepperte durch das ständige Auf und Ab gegen das Schutzblech. Das Geräusch mahnte Mario zur Vorsicht. Er hatte wieder begonnen, ein Liedchen zu lallen, doch der nächste Ton blieb ihm im Halse stecken. Er stierte in die Finsternis vor sich, dennoch sah er nicht die Bodenwelle, die quer über den Pfad lief. Mit unverminderter Geschwindigkeit fuhr er darüber. Der Lenker wurde ihm aus der Hand gerissen, das Vorderrad stellte sich quer. Abrupt wurde das Fahrrad zum Stoppen gezwungen und Mario flog in hohem Bogen vom Sattel. Schwer und unbeholfen schlug der Mann auf dem Boden auf. Ein heißer Schmerz durchzuckte seinen rechten Arm, ein lautes Stöhnen drängte sich über seine Lippen.

Eine Minute blieb Mario regungslos liegen. Dann kam wieder Leben in ihn. Obwohl er total betrunken war, spürte er den heftigen Schmerz in seinem Arm. Es gelang ihm nicht, sich zu erheben. Fluchend rollte er sich auf die linke Seite und blickte den Weg entlang. Das Mondlicht drang nur mühsam durch das Dach aus Baumwipfeln. Dennoch erkannte Mario Cruchillo im gleichen Augenblick, dass er sich verfahren hatte. Angst stieg in ihm auf, schnürte ihm die Kehle zu.

»Ach was!« rief er, um sich selbst Mut zu machen. »Was soll mir schon passieren?«

Aber da waren die Geschichten, die die Alten immer erzählten. In dieser Gegend war schon viel geschehen. Angeblich sollte es hier auch einen mächtigen Geist geben.

»Albernes Gewäsch!« sagte Mario Cruchillo verächtlich. »Habe bisher noch keinen Geist gesehen.« Er winkte ab und stöhnte im nächsten Moment laut auf. Für einen Augenblick hatte er die Schmerzen in seinem Arm vergessen. Ob er gebrochen war?

Mario verlagerte sein Gewicht ganz auf die linke Seite und zog die Beine an. Mühsam wuchtete er seinen schweren Körper hoch, bis er kniete. Langsam sah er auf. Da lag das Fahrrad. Das Hinterrad drehte sich noch immer fast geräuschlos. Mario ließ seinen Blick weiter gleiten, richtete ihn gegen die Wand aus Bäumen, die ihn umgab – und erstarrte.

Etwas hatte sich in dem Gestrüpp bewegt!

Ein heiserer Laut drang über seine Lippen. Ein Raubtier? Nein. Er verwarf den Gedanken wieder. Hier gab es seit einem Jahrhundert keine Raubtiere mehr, die einem Menschen gefährlich werden konnten. Dafür hatten die Dorfbewohner schon gesorgt.

Etwas leuchtete in der Dunkelheit.

Mario blickte genauer hin. Es krampfte sich alles in ihm zusammen.

Das Leuchten kam näher.

»Wahrhaftig«, flüsterte Mario, mit einem Male stocknüchtern, »glühende Augen!«

Er wollte aufspringen, aber er war wie benommen und kam nicht auf die Beine. Er plumpste rücklings wieder zu Boden. Und die glühenden Augen schoben sich immer näher – lautlos wie der Tod? Mario streckte seinen gesunden Arm aus.

»Nein!« schrie er entsetzt. »Weiche von mir!«

Doch das Wesen ließ sich nicht beirren. Es kam immer näher.

»Hilfe!« brüllte Mario mit sich überschlagender Stimme, das Grauen in seiner Brust. Doch es konnte ihn niemand hören. Er war allein – allein mit dem Tod.

Jetzt sah er das Wesen genauer. Es war eine Katze, die zum Sprung ansetzte. Er konnte sich nicht wehren. Die Katze war nicht groß, aber die glühenden Augen lähmten Mario.

Er spürte schon Sekunden später die tödlichen Zähne, die sich in seinen Körper schlugen.
(Wird fortgesetzt!)

Copyright © 2010 by W. A. Harry


Der gesamte Roman ist auch käuflich zu erwerben:

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Lesen Sie auch die Besprechung von Petra Weddehage:

W. A. Hary
Murphys Reise ins Jenseits…
MURPHY – Der Kämpfer des Lichtes 21

HARY-PRODUCTION, Neunkirchen, 08/2005
Roman-Heft, Horror
ISSN 16143345
Titelillustration von Christel Scheja
Comic von Hary/Bone

Als eBook bei www.sofortlesen.de
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David und Jane Murphy befinden sich auf ihrer Hochzeitsreise. Sie fahren mit dem Wagen nach Schottland, um dort ihre Flitterwochen zu verbringen. Während eines heftigen Gewitters verliert Murphy die Kontrolle über sein Auto und kommt von der Straße ab. Das Paar verliert das Bewusstsein. Doch kurz bevor David die Sinne schwinden, sieht er eine merkwürdige Gestalt mit rot glühenden Augen.

Dietrich Borowin, ein Handelsreisender, ist ebenfalls in dieser Nacht unterwegs. Er entdeckt das Auto der Bewusstlosen, das mitten auf der Landstraße quer steht, zu spät. Um nicht mit dem anderen Auto zu kollidieren, vollführt er hektisch ein Ausweichmanöver und rast in dichtes Gestrüpp. Auch er verliert das Bewusstsein. Kurze Zeit später trifft er auf David und Jane Murphy. Entsetzt bemerken die drei Pechvögel, dass sie nur noch als Astralwesen auf der Erde wandeln. David Murphy und seine Begleiter setzen nun alles daran, ihre Körper zu finden und den unheimlichen Situationen, in die sie geraten, zu entkommen.

Dem Autor gelingt es mit dem Einstieg in ein neues Abenteuer, die Leselust seiner Fans zu wecken. Die einzelnen Figuren werden gut in die Serie eingeführt und erhöhen die Spannung. Das Ende des Heftes steigert die Erwartung auf den nächsten Band. Christel Schejas Bild einer mondbeschienenen Landschaft ziert den 21. Band über den „Kämpfer des Lichtes“. Damit beweist sie wieder einmal ihre Stärke für phantasievolle Bilder. Die kalten Farben lassen eine mystische Atmosphäre entstehen.

Wer als Einsteiger diesen Band in die Finger bekommt, wird eine Weile brauchen, um sich in Murphys Welt zurechtzufinden. Es empfiehlt sich also, auch die anderen Bände zu besorgen. Wer Romane wie „Professor Zamorra“ oder „John Sinclair“ liebt, wird hier ebenfalls voll auf seine Kosten kommen. Für alle anderen Leser, die Horror-Geschichten mit einer dicken Portion phantastischer Elemente lieben, stellt diese Serie auf jeden Fall eine Bereicherung dar.

Copyright © 2010 by Petra Weddehage (PW)

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Updated: 24. April 2010 — 20:48

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