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“Murphy reist ins Jenseits” Murphy – Der Kämpfer des Lichtes – Band 21 als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen von W. A. Hary (Teil 8)

„Murphy reist ins Jenseits“

Murphy 21
als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen bei sfbasar.de

von W. A. Hary

Teil 8

Sie arbeiteten wie die Besessenen.

»Wenn einer uns entdeckt hat, werden es auch noch andere tun«, hatte David gesagt. Die anderen hatten ihm recht geben müssen: Sie durften keine Spuren hinterlassen. Mit viel Mühe war es ihnen gelungen, den Wagen von der Lichtung herunterzubekommen. Jetzt stand er zwischen den Bäumen, mitten im Gestrüpp. Während ihn Jane mit Reisig bedeckte, verwischten die anderen beiden die restlichen Spuren ihrer Anwesenheit.

Endlich war alles so, wie es sein sollte. Den Wagen konnte nur der entdecken, der genau wusste, wo er ihn zu suchen hatte. Jane hatte ganze Arbeit geleistet. Mit den Reifenspuren hatten sie wohl Schwierigkeiten gehabt, aber im großen Ganzen konnten sie mit sich zufrieden sein.

Erschöpft ließ sich David auf einen Stein sinken. Borodin tat es ihm gleich.

»Ich muss sagen, dass ich schon lange nicht mehr körperlich gearbeitet habe«, gab er zu.

»Außerdem müssen wir wohl noch lernen, mit unseren neuen Kräften besser umzugehen, um solche körperlichen Schwächen zu vermeiden. Ich jedenfalls habe noch nie von einem erschöpften Werwolf gehört.« Er grinste.

David erwiderte das Grinsen.

»Seit heute weiß ich auch, dass es sogar richtige Hexenmeister gibt, die schlappmachen«, konterte er gutmütig.

Jane trat näher.

»Vielleicht ist es besser, wenn wir diesen Ort so schnell wie möglich verlassen?«, sagte sie besorgt.

»Erst einmal eine kleine Rast«, widersprach David müde. »Am liebsten würde ich mich hinlegen und schlafen. Werwölfe vertragen das Tageslicht nicht besonders.«

»Sei doch vernünftig.« Jane rüttelte an seinen breiten Schultern. »Wir haben wahrscheinlich einen weiten Weg vor uns, da wir nur in einer größeren Stadt sicher sind.«
Dietrich Borodin erhob sich.

»Sie hat recht«, sagte er. »Die brauchen nur auf die Idee zu kommen, organisiert und systematisch nach dem verschwundenen Mario Cruchillo zu suchen. Ich habe das Dorf gesehen: Die Menschen werden zusammenhalten wie die Kletten.«

Als wäre dies ein geheimes Zeichen gewesen, hörten sie plötzlich lautes Knacken im Wald.

Es klang, als würden mehrere Menschen rücksichtslos durch das Unterholz brechen. Jane stand wie versteinert.

»Ich glaube, es ist schon zu spät«, flüsterte sie.

»Kommt!« Dietrich Borodin lief am Waldrand entlang in die entgegen gesetzte Richtung der Geräusche. David und Jane folgten ihm auf dem Fuße.

Kaum hatten sie die Lichtung überquert, brachen die ersten Männer aus dem Wald. Sie trugen Mistgabeln und Sicheln bei sich.

»Ich habe jemanden gesehen!« rief einer. Offenbar waren sie doch nicht schnell genug gewesen. »Verdammte Hexenbrut, wir werden euch erwischen!«

»Ich habe es geahnt!« rief ein anderer. »Nur ein Dämon konnte den armen Mario so zugerichtet haben. Der alte Hexenmeister ist wiedererwacht und treibt sein Unwesen, wie schon seit Hunderten von Jahren. Er hat Verbündete. Los, Freunde, wir werden sie erwischen!«

Die drei liefen, als säße ihnen der Teufel im Nacken. Gegen die aufgebrachte Menge hatten sie vielleicht auch mit ihren Hexenkräften keine Chance. Noch wussten sie nicht, wie verwundbar sie waren. Außerdem wollten sie nicht, dass Unschuldige zu Schaden kamen und ein Risiko konnten und wollten sie nicht eingehen.

Die Männer waren hinter ihnen her wie Treiber auf der Jagd. Lärmend schwärmten sie aus, damit ihr Wild nicht zur Seite ausbrechen konnte.

Abrupt blieb David Murphy stehen und hielt mit den Armen die beiden anderen auf.

»Wie Treiber!« sagte er.

»Was ist los?« In Borodins Stimme schwang Angst mit. »Wir müssen weiter.«

»Verdammt, sehen Sie denn nicht, dass wir in eine Falle laufen?« fuhr David ihn an. »Die wollen das Tier jagen, das den Bauern getötet hat. Dabei trafen sie auf uns. Die da hinten durchkämmen lärmend den Wald und irgendwo da vorn ist der wirkliche Gegner. Wir werden…«

»Du hast recht!« keuchte Jane. »Aber, was sollen wir tun?«
David deutete nach oben.

»Borodin müssen wir helfen. Allein wird er es nicht schaffen.«

»Schnell, die kommen immer näher«, drängte Jane.

Mit vereinten Kräften hievten sie den korpulenten Borodin hinauf und folgten nach. Auch Murphy hatte einiges an Übergewicht, aber darunter waren stahlharte Muskeln.

Keine Sekunde zu früh schafften sie die Klettertour. Kaum hatten sie sich in dem dichten Blätterwerk versteckt, brachen unter ihnen auch schon die Bauern durchs Gestrüpp. Sie waren alles andere als leise. Davids Vergleich mit Treibern auf der Jagd schien tatsächlich zuzutreffen.

»Endlich sind sie vorbei«, stöhnte Dietrich Borodin. Er schickte sich an, sich nach unten rutschen zu lassen. Seine momentane Haltung schien ihm wenig Freude zu machen.

»Nein, zurück!« zischte David, der immer noch nicht zufrieden war. Er wollte konsequent sein. »Wollen Sie alles gefährden?«

»Aber ich…« David hielt Dietrich den Mund zu.

Und er hatte sich auch diesmal nicht geirrt. Hinter den »Treibern« kamen noch andere, die den Wald absuchten. Inzwischen hatte Dietrich Borodins Gesicht eine leicht grünliche Färbung erhalten.

»Ich kann nicht mehr!« keuchte er verzweifelt, als unten alles ruhig war. David ging nicht darauf ein. Sorgfältig peilte er durch das Blätterwerk. Das Geschrei der Bauern hatte sich entfernt. Es schien im Moment keine Gefahr mehr zu drohen. Gewandt kletterte er nach unten. Jane, die gottlob lange Jeans angezogen hatte, folgte ihm. Dietrich Borodin hätte es wohl allein geschafft, aber das wäre seinem Anzug schlecht bekommen. So halfen sie ihm auch beim Abstieg.

Sie bahnten sich einen Weg durch den Wald. Nicht einmal eine Rast legten sie ein. Immer wieder mussten sie an die Bauern denken. Es war für sie nicht schwer, sich auszumalen, was passierte, wenn sie denen in die Hände fielen. Die Bauern hätten sie schnell entlarvt, denn sie waren abergläubisch und würden keine Sekunde zweifeln.

Plötzlich hörten sie drei Schüsse. Wie angewurzelt blieben sie stehen. Dass diese Schüsse und auch alle folgenden ihnen galten, merkten sie erst, als rechts und links von ihnen Kugeln in die Bäume klatschten. Erschrocken ließen sie sich zu Boden fallen. Jemand brach weit hinter ihnen durch das Gehölz.

»Dem Geräusch nach zu urteilen, ist es diesmal eine Einzelperson«, flüsterte Dietrich Borodin. »Leider nützen mir meine Hexenkräfte wenig, denn ich kann mich nicht richtig konzentrieren.«

David neben ihm ging nicht darauf ein. Er robbte vorwärts.

»Wohin?« hörte er hinter sich die gedämpfte Frage seiner Frau.

»Ich versuche, den Burschen von hinten anzugehen.«

Wie eine Schlange verschwand er im Gestrüpp. Wenig später hörte man nichts mehr von ihm.

»Er ist auch am Tag ein Wolf!« Jane wusste nicht, wie Dietrich das gemeint hatte. Wie ein Scherz hatte es nicht geklungen, eher wie eine Feststellung. Sie antwortete nicht.

»He, wo seid ihr?« rief in diesem Augenblick jemand. »Es tut mir leid, wenn ihr mit der ganzen Sache nichts zu tun habt und friedliche Bürger seid. Aber ich muss sichergehen und behalte deshalb lieber mein Gewehr im Anschlag.«

»Er ist näher, als ich dachte«, raunte Borodin.

»Na los, zeigt euch, oder soll ich mit dem Gewehr das Gestrüpp in Fetzen schießen. Auch Zufallstreffer sind tödlich.«

Dietrich Borodin zögerte. Dann erhob er sich langsam. Jane folgte seinem Beispiel. Ein älterer Mann geriet in ihr Blickfeld. Sein Gewehr zeigte unmissverständlich auf Dietrich Borodins Bauchnabel. Es war schussbereit. Der feiste Mann hatte den Finger am Abzug.

Borodin spürte ein eigenartiges Gefühl in der Magengegend. Es war nicht angenehm. Er hob seine Hände noch höher.

»Mit wem haben wir die Ehre?« erkundigte er sich, obwohl er den Wirt aus dem Dorf sofort erkannt hatte.

»Donnerwetter, Sie kenne ich doch!« entfuhr es Sten Öberg.

Dietrich Borodin hielt unwillkürlich den Atem an. Ob sich der Mann an das nächtliche Intermezzo erinnerte? Nicht auszudenken wäre das.

»Kamen Sie nicht heute morgen ins Dorf? Oh, ich glaube, es war noch dunkel. Aber, ich dachte, Sie wären…« Die Augen Öbergs verengten sich misstrauisch. Er hob das Gewehr etwas höher. Sein Zeigefinger spielte mit dem Abzug. »Wart ihr nicht eben auch zu dritt gewesen?«

»Ganz recht!« erwiderte David trocken und richtete sich hinter ihm auf. Sten Öberg wirbelte herum, war aber viel zu langsam. David entriss ihm das Gewehr und drehte es herum.

*

»Wie ich schon sagte: Losgelöst von seinem Körper wird der Astralleib das, was das Individuum schon immer verkörperte. David Murphy ist und war ein Wolf – obwohl er mir eigentlich sympathisch ist. Vielleicht ist der eine oder andere Handelsreisende in seinem Innern ein hervorragender Hexenmeister?« Lächelnd sah Borodin Jane an, die an seiner Seite schritt, zu David Murphy und seinem Gefangenen.

Sie vermied absichtlich seinen Blick. Starr blickte sie zu Sten Öberg. Wenig später hatte dieser alles vergessen und trottete gemächlich davon – das Gewehr am langen Arm.

»Moment«, rief Dietrich Borodin. »Ich habe noch eine Frage an Sie.« Gehorsam kehrte der feiste Wirt zurück. »Was meinten Sie damit, als Sie behaupteten, ich sei heute morgen im Dorf gewesen?«

Der vergewaltigte Geist des Mannes bäumte sich sichtlich auf, hatte aber keine Chance.
»Sie kamen an und klopften am ersten Haus. Man öffnete Ihnen. Wenig später wusste es das ganze Dorf: Sie hatten einen Verkehrsunfall. Jemand blendete Sie mit seinem Wagen.

Sie folgten den Spuren, die seltsamerweise plötzlich aufhörten. Vergeblich versuchten Sie, den beiden Menschen zu helfen, die in dem Morast, den die Bäume am Straßenrand verdecken, untergingen. Es war bereits zu spät. Beide sind tot. Ein Pärchen. Den Papieren nach, die sie am Körper trugen, David Murphy und Jane Marvin. Die beiden haben am selben Tag, Stunden vor ihrem Tod, geheiratet. Sie waren völlig aufgelöst. Ein paar Männer gingen hin. Von dem fremden Wagen fehlt jede Spur.« Sten Öberg ging nach seiner Erklärung ungerührt fort und ließ das Grauen zurück.

Eine Weile sprach keiner der drei ein Wort, bis David schließlich die Stille unterbrach.

»Warum habt ihr ihn nicht gleich beeinflusst?«, sagte er tonlos. »Ich hätte mir eine Menge Schweiß ersparen können.«

»Es wäre zu gefährlich gewesen«, antwortete Jane brüchig. »Wenn ich gleich versucht hätte, diesen Öberg zu beeinflussen, hätte sich vielleicht ein Schuss gelöst.«

»Aufhören!« rief Borodin aus. »Wie könnt ihr jetzt so belanglose Dinge erörtern, während…« Er brach ab.

Jane schlug weinend die Hände vor das Gesicht. David nahm sie liebevoll und tröstend in die Arme.

»Bitte, beruhige dich, Jane, wir können es nicht ändern.« Borodin warf er einen hilflosen Blick zu. »Wir leben und sind gleichzeitig tot!«

»Ich kann nicht mehr«, schluchzte Jane. »Ich kann einfach nicht mehr.«
(Wird fortgesetzt!)

Copyright © 2010 by W. A. Harry


Der gesamte Roman ist auch käuflich zu erwerben:

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Lesen Sie auch die Besprechung von Petra Weddehage:

W. A. Hary
Murphys Reise ins Jenseits…
MURPHY – Der Kämpfer des Lichtes 21

HARY-PRODUCTION, Neunkirchen, 08/2005
Roman-Heft, Horror
ISSN 16143345
Titelillustration von Christel Scheja
Comic von Hary/Bone

Als eBook bei www.sofortlesen.de
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David und Jane Murphy befinden sich auf ihrer Hochzeitsreise. Sie fahren mit dem Wagen nach Schottland, um dort ihre Flitterwochen zu verbringen. Während eines heftigen Gewitters verliert Murphy die Kontrolle über sein Auto und kommt von der Straße ab. Das Paar verliert das Bewusstsein. Doch kurz bevor David die Sinne schwinden, sieht er eine merkwürdige Gestalt mit rot glühenden Augen.

Dietrich Borowin, ein Handelsreisender, ist ebenfalls in dieser Nacht unterwegs. Er entdeckt das Auto der Bewusstlosen, das mitten auf der Landstraße quer steht, zu spät. Um nicht mit dem anderen Auto zu kollidieren, vollführt er hektisch ein Ausweichmanöver und rast in dichtes Gestrüpp. Auch er verliert das Bewusstsein. Kurze Zeit später trifft er auf David und Jane Murphy. Entsetzt bemerken die drei Pechvögel, dass sie nur noch als Astralwesen auf der Erde wandeln. David Murphy und seine Begleiter setzen nun alles daran, ihre Körper zu finden und den unheimlichen Situationen, in die sie geraten, zu entkommen.

Dem Autor gelingt es mit dem Einstieg in ein neues Abenteuer, die Leselust seiner Fans zu wecken. Die einzelnen Figuren werden gut in die Serie eingeführt und erhöhen die Spannung. Das Ende des Heftes steigert die Erwartung auf den nächsten Band. Christel Schejas Bild einer mondbeschienenen Landschaft ziert den 21. Band über den „Kämpfer des Lichtes“. Damit beweist sie wieder einmal ihre Stärke für phantasievolle Bilder. Die kalten Farben lassen eine mystische Atmosphäre entstehen.

Wer als Einsteiger diesen Band in die Finger bekommt, wird eine Weile brauchen, um sich in Murphys Welt zurechtzufinden. Es empfiehlt sich also, auch die anderen Bände zu besorgen. Wer Romane wie „Professor Zamorra“ oder „John Sinclair“ liebt, wird hier ebenfalls voll auf seine Kosten kommen. Für alle anderen Leser, die Horror-Geschichten mit einer dicken Portion phantastischer Elemente lieben, stellt diese Serie auf jeden Fall eine Bereicherung dar.

Copyright © 2010 by Petra Weddehage (PW)

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Updated: 29. April 2010 — 23:24

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