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“Murphy reist ins Jenseits” Murphy – Der Kämpfer des Lichtes – Band 21 als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen von W. A. Hary (Teil 7)

„Murphy reist ins Jenseits“

Murphy 21
als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen bei sfbasar.de

von W. A. Hary

Teil 7

Der Kampf war nur kurz gewesen und David konnte ihn eindeutig für sich entscheiden. Allerdings war er alles andere als glücklich darüber, als sich seine Verwandlung sofort nach dem Kampf rückgängig machte: Jane hatte tatkräftig nachgeholfen und er konnte sich an alles erinnern diesmal: »Es ist furchtbar«, klagte er und barg sein Gesicht in den Händen. »Ich bin ein solches Untier geworden, wie ich es stets bekämpft habe: Wer soll mich ständig kontrollieren? Ich kann mich in jeder Minute erneut in diese Schreckgestalt verwandeln.« David sah wieder auf. »Meines Wissens bin ich sogar unverwundbar in jenem Zustand.«

Dietrich Borodin nickte ernst. Er konnte David nicht in die Augen sehen.

»Sie haben recht, mein Freund. Es ist ein ernstes Problem.«

»Es ist vielleicht weniger schlimm, als wir es sehen«, warf Jane ein.

Borodin antwortete nicht darauf. »Wissen Sie«, sagte er vorsichtig, »ich habe mir über alles inzwischen wieder und wieder Gedanken gemacht.« Er erzählte von dem Zwischenfall mit dem Wirt. »Ich hatte kein Spiegelbild. Kehren wir also zu unserer Theorie zurück. Wir sind sozusagen die Geister von uns selbst – man verzeihe mir diesen Ausdruck. Menschen können uns wahrnehmen. Sie bilden mit ihrem Astralkörper eine fast untrennbare Einheit.

In Wirklichkeit aber sind es ihre Geister, auf deren Sensorium wir ansprechen. Auf reale Gegenstände trifft das nicht zu. Unsere Bilder spiegeln sich nicht, da tote Dinge kein Double besitzen.«

David schüttelte den Kopf.

»Es überzeugt mich nicht. Ich habe mein Leben dem Kampf gegen das Böse gewidmet.« er hatte beschlossen, vor Borodin keine Geheimnisse haben zu müssen. »Noch niemals habe ich von solchen Phänomen gehört. Ich weiß von jenseitigen Welten, von Parallelwelten, aber das hier…?«

»Na und?« entgegnete Borodin beinahe lässig. »Es ist real, ob wir es nun akzeptieren wollen oder nicht. Und wenn es jetzt real ist, dann war es das schon immer. Wenn Sie so ein Kämpfer gegen das Böse aus dem Jenseits und dem Diesseits waren, wie Sie andeuten:

Vielleicht hat es halt nie zuvor in Ihrer Laufbahn eine solche Verzerrung gegeben? Sie ist halt selten, aber nicht auszuschließen, wie wir unmissverständlich von unserem eigenen Schicksal vor Augen geführt bekommen.«

David Murphy schüttelte den Kopf und schaute nach seiner jungen Frau.

Wieso bin ich hier, in diesem Zustand, ein Werwolf und sie eine Hexe?, fragte er sich erneut, ohne die geringste Chance auf eine Antwort zu sehen.

»Egal, wie auch immer: Wenden wir uns den Dingen zu, die wir zu begreifen hoffen: Wieso können wir alles sehen, auch wenn wir keine direkte Verbindung mehr mit der Wirklichkeit haben – um es einmal so auszudrücken?«

»Vergessen Sie nicht unsere neuen Fähigkeiten. Ich habe heute Nacht bereits die Erfahrung machen können, auch bei Dunkelheit recht gut zu sehen. Konzentrieren Sie sich. Sie werden feststellen, dass sich Ihre Sinne verfeinert haben, vielleicht sind auch noch neue Sinne hinzugekommen?«

Bestürzt sahen sich David und Jane an. »Aber ich wollte im Grunde etwas anderes sagen«, fuhr Borodin fort. »Ich zögerte, weil es nicht gut über meine Zunge geht. Wir sind nicht nur Astralmenschen. Durch die Loslösung von unserer realen Hülle sind wir selbst geworden. Das heißt, wir haben uns in Wirklichkeit gar nicht verändert, sondern stellen unser wirkliches Ich dar. Ich war also schon immer so eine Art Hexenmeister, wenn mir auch gewisse Fähigkeiten fehlten. Sie, meine liebe Jane, waren eine Hexe und brauchten das nicht erst zu werden. Was Sie betrifft, Mr. Murphy, so muss ich sagen…«

Weiter kam er nicht.

»Was erlauben Sie sich?« funkelte ihn Jane an und baute sich vor ihm auf.

David schob sie sanft beiseite. »Lass ihn nur, Jane. Mr. Borodin hat recht!«

Verständnislos schaute sie ihn an.

»Wie meinst du das?«

Borodin antwortete an seiner Stelle: »Sie wissen, was Ihr Mann von Beruf ist. Ich glaube, das ist nichts Alltägliches, oder? Wenn ich Ihren Mann richtig einschätze, ist er alles andere als ein sanfter Exorzist, sondern er sucht in seiner Tätigkeit auch eine gewisse Dosis Abenteuer. Er ist ein Mann, der keine Sehnsucht nach einem ruhigen, erfüllten Leben hat. In seinem Innersten war er immer schon ein wahrer Wolf. Beides lebte in ihm:

Wildheit und Sanftheit. Letzteres kam wohl in Ihrer Gegenwart mehr zum Tragen, Mrs. Murphy. Seine barbarischen Instinkte erwachten stets dann, wenn Gefahr drohte. Jetzt ist er befreit. Das heißt, dass in ihm das wahre Ungeheuer erwacht, wenn die Situation brenzlig wird. Denken Sie nach, Jane und dann werden Sie mir recht geben.«

Jane Murphy starrte ihn Zorn bebend an, sagte aber nichts. In ihrem Innersten musste sie dem Handelsreisenden beipflichten.

David gab sich einen Ruck. Er wollte die Peinlichkeit der Situation kompensieren und sagte daher leichthin: »Es hat wohl keinen Zweck mehr, wenn wir uns für den Rest der Nacht zur Ruhe legen.« Er deutete zum Horizont. »Es wird Tag, Freunde.« Er zupfte an den Kleidungsresten, die an ihm hingen. »Erst einmal will ich für eine Erneuerung dieser Fetzen sorgen. Gottlob haben wir unser gesamtes Gepäck bei uns.« Er schritt zum Wagen.

Jane folgte ihm widerstrebend. Borodin blieb Stirn runzelnd zurück.

»Vergeblich griffen die titanischen Mächte der Unterwelt nach der Erde«, murmelte er.

»Da schufen sie ein Spiegelbild von ihr, eine Schattenwelt. Doch die Kräfte, die sie damit weckten, beraubten sie ihrer Macht. Ein Plan soll sie diese Macht wieder zurückgewinnen lassen und sie warten seit Urzeiten auf die Erfüllung ihres Planes…«

David blieb stehen und wandte den Kopf.

»Was sagten Sie?«

Borodin ließ sich die Worte des Geistes, die Worte, die wie ein Orakel geklungen hatten, noch einmal durch den Kopf gehen. Dann winkte er ab.

»Ach, nichts. Mir ist eben nur der Gedanke gekommen, dass dies alles hier vielleicht kein Zufall ist, sondern von irgendeiner teuflischen Macht gesteuert wird!«

»Es beobachtet uns jemand«, flüsterte Jane plötzlich. »Tut beide so, als würden wir nichts merken.«

David gönnte ihr einen erstaunten Blick.

»Was ist los? Wo hast du ihn denn gesehen?«

»Das ist es ja eben. Gesehen hab ich gar nichts! Ich fühle es. Es ist ein Mann, der sehr misstrauisch ist.«

»Ich spüre es auch«, bestätigte Dietrich Borodin.

*

Inzwischen war die Dunkelheit längst dem neuen Tag gewichen. Die drei Menschen hatten den Katzenkadaver begraben und, so gut es die Umstände eben zuließen, Toilette gemacht und dann gefrühstückt.

Unvermittelt trat ein Mann aus dem Wald. Er war einfach gekleidet, der Erscheinung nach ein Landwirt. David tat erschrocken. Er räusperte sich.

»Oh, guten Morgen. Wir haben Sie gar nicht kommen hören.«

Der Mann erwachte aus seiner anfänglichen Erstarrung. Immer noch misstrauisch, kam er näher.

»Ich sehe, Sie machen Picknick.« Er deutete auf die Stelle, an der sie eben noch gegessen hatten.

»Keine Angst«, lachte David, »wir verlassen die Lichtung so, wie wir sie vorgefunden haben.«

»Wie – hm…?« Der Fremde kratzte sich an seinem stoppeligen Kinn. »Wie sind Sie eigentlich hergekommen?«

David deutete auf den Wagen.

»Damit natürlich.«

»Durch den dichten Wald und den Morast neben der Straße?« wunderte sich der Bauer.

»Zu Fuß ist es wohl zu weit und zu umständlich.« Davids Lächeln schien verzerrt. Die drei Menschen warfen sich bestürzte Blicke zu.

Das Misstrauen des Bauern wuchs. Nervös knetete er seine Hände. Plötzlich drehte er sich herum und rannte davon.

»Halt, bleiben Sie stehen!« schrie Jane erschrocken. Es war gar nicht auszudenken, was geschah, wenn der Mann die Schlüsse, die er zog, bei anderen ausplauderte.

Es war Mario Cruchillos Bruder Renzo. Er suchte seinen Bruder Mario und war – sehr abergläubisch. Wenn er ins Dorf ging, würde er vielleicht die sterblichen Überreste seines Bruders finden. Man würde Jane Murphy, ihren Mann und Dietrich Borodin als Mörder verdächtigen und jagen, wenn nicht noch Schlimmeres eintrat.

Das alles ging in Sekundenschnelle durch Janes Kopf. Ihre Augen blitzten. Und das Unglaubliche geschah: Der Bauer gehorchte. Seine Schritte verlangsamten sich. Er schien unter einem unsichtbaren Zwang zu stehen, gegen den er vergeblich anzukämpfen versuchte. Die drei gingen auf ihn zu, umringten ihn. Wimmernd fiel der Mann zu Boden.

»Bitte, lasst mich laufen. Ich habe euch doch nichts getan. Ich werde nichts sagen, obwohl ihr meinen Bruder…« Schluchzend brach er ab.

»Wofür hältst du uns?« fragte Borodin.

Die Augen des Mannes weiteten sich.

»Heilige Mutter Gottes, schütze mich. Die Pforten der Hölle haben sich geöffnet«, murmelte der Bauer. Für die drei gab es nun keinen Zweifel mehr. Der Mann ahnte mehr, als gut war.

Jane hatte in ihrer Bestürzung ihre Kraft gelockert. Renzo Cruchillo schien es zu spüren.

Er sprang unvermittelt wieder auf. David war schneller und erwischte Renzo am Arm.

»Seien Sie doch vernünftig, Mann!« fuhr er den Bauern an.

»Tun Sie ihm nichts«, sagte Borodin besorgt. Der Bauer tat ihm leid.

»Verlasse die Lichtung«, murmelte Jane beschwörend. »Vergiss, dass du uns gesehen hast. Suche weiter nach deinem Bruder. Hier auf der Lichtung gibt es nichts.«

Der Mann wandte sich, steif wie eine Marionette, dem Waldrand zu. Langsam trottete er davon. Wenig später war er ihren Blicken entschwunden.

David hatte dem fassungslos zugeschaut. Schließlich blickte er seine Frau an, Entsetzen in seinen Augen.

»Jane«, sagte er mit bebender Stimme. »Ich habe fast Angst vor dir.«

Dann dachte er daran, dass er sich schon zweimal selber in ein grausiges Ungeheuer verwandelt hatte. Wie hatte er da auf Jane gewirkt?

Aber jetzt weiß ich wenigstens, wieso sie eine Hexe wurde und ich ein Werwolf…, dachte er zerknirscht. Allerdings beruhigte ihn dieses Wissen keineswegs. Wieso sollte es ihm auch gefallen, im Grunde seines Herzens schon immer ein… Werwolf gewesen zu sein?

Er lauschte in sich hinein: Aber er war ansonsten noch der Alte! Er wollte noch immer auf der Seite des Guten stehen und gegen die Horden des Bösen kämpfen. Er wollte noch immer verwunschene Seelen befreien und die Dämonen der Dämmerung dorthin jagen, wohin sie gehörten, nämlich in die Hölle!

Dämonen der Dämmerung? Schattenwelt? Gehörte das etwa irgendwie zusammen?

Steckten etwa sie hinter alledem?

Es wäre ja mal ganz was Neues!, dachte er zerknirscht und verdrängte alle weiteren Gedanken daran, denn im Moment erschienen sie ihm zu fruchtlos.
(Wird fortgesetzt!)

Copyright © 2010 by W. A. Harry


Der gesamte Roman ist auch käuflich zu erwerben:

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Lesen Sie auch die Besprechung von Petra Weddehage:

W. A. Hary
Murphys Reise ins Jenseits…
MURPHY – Der Kämpfer des Lichtes 21

HARY-PRODUCTION, Neunkirchen, 08/2005
Roman-Heft, Horror
ISSN 16143345
Titelillustration von Christel Scheja
Comic von Hary/Bone

Als eBook bei www.sofortlesen.de
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David und Jane Murphy befinden sich auf ihrer Hochzeitsreise. Sie fahren mit dem Wagen nach Schottland, um dort ihre Flitterwochen zu verbringen. Während eines heftigen Gewitters verliert Murphy die Kontrolle über sein Auto und kommt von der Straße ab. Das Paar verliert das Bewusstsein. Doch kurz bevor David die Sinne schwinden, sieht er eine merkwürdige Gestalt mit rot glühenden Augen.

Dietrich Borowin, ein Handelsreisender, ist ebenfalls in dieser Nacht unterwegs. Er entdeckt das Auto der Bewusstlosen, das mitten auf der Landstraße quer steht, zu spät. Um nicht mit dem anderen Auto zu kollidieren, vollführt er hektisch ein Ausweichmanöver und rast in dichtes Gestrüpp. Auch er verliert das Bewusstsein. Kurze Zeit später trifft er auf David und Jane Murphy. Entsetzt bemerken die drei Pechvögel, dass sie nur noch als Astralwesen auf der Erde wandeln. David Murphy und seine Begleiter setzen nun alles daran, ihre Körper zu finden und den unheimlichen Situationen, in die sie geraten, zu entkommen.

Dem Autor gelingt es mit dem Einstieg in ein neues Abenteuer, die Leselust seiner Fans zu wecken. Die einzelnen Figuren werden gut in die Serie eingeführt und erhöhen die Spannung. Das Ende des Heftes steigert die Erwartung auf den nächsten Band. Christel Schejas Bild einer mondbeschienenen Landschaft ziert den 21. Band über den „Kämpfer des Lichtes“. Damit beweist sie wieder einmal ihre Stärke für phantasievolle Bilder. Die kalten Farben lassen eine mystische Atmosphäre entstehen.

Wer als Einsteiger diesen Band in die Finger bekommt, wird eine Weile brauchen, um sich in Murphys Welt zurechtzufinden. Es empfiehlt sich also, auch die anderen Bände zu besorgen. Wer Romane wie „Professor Zamorra“ oder „John Sinclair“ liebt, wird hier ebenfalls voll auf seine Kosten kommen. Für alle anderen Leser, die Horror-Geschichten mit einer dicken Portion phantastischer Elemente lieben, stellt diese Serie auf jeden Fall eine Bereicherung dar.

Copyright © 2010 by Petra Weddehage (PW)

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Updated: 28. April 2010 — 02:08

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