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“Murphy reist ins Jenseits” Murphy – Der Kämpfer des Lichtes – Band 21 als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen von W. A. Hary (Teil 6)

„Murphy reist ins Jenseits“

Murphy 21
als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen bei sfbasar.de

von W. A. Hary

Teil 6

»Ich sagte doch bereits, dass Feierabend ist!« sagte der Wirt ärgerlich, als Borodin das Lokal betrat. Jetzt erst bemerkte Sten Öberg, dass ein Fremder eingetreten war. »Oh, entschuldigen Sie!« rief er verwirrt. »Ich dachte, es wäre…«

Borodin lächelte nur und trat näher.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten?« wurde er gefragt. Sten Öberg deutete auf die Wanduhr.

»Es ist zwar schon längst Feierabend, aber wenn Sie wollen… Falls der Constabler tatsächlich unerwartet kommen sollte, wird er das wohl verstehen.«

»Einen Whisky, bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

Geschäftig wandte sich der Wirt an das Spiegelregal, um eine Flasche vom Bord zu holen.

»Das Beste vom Besten für meinen späten Gast«, sagte er, deutlich erfreut, einmal etwas Abwechslung zu haben. Plötzlich erstarrte er. Mit geweiteten Augen blickte er in den Spiegel hinter den Flaschen. Langsam wandte er sich zu Borodin um. Sein Blick wanderte zwischen Borodin und dem Spiegel hin und her.

Endlich verstand Borodin, was passiert war. Er trat ein paar Schritte vor und stellte sich direkt in Front des Regals. Da sah er es selbst: Sein Bild spiegelte sich nicht!

Ein erstickter Laut entrang sich der Kehle des Wirtes. Er ließ die volle Flasche fallen, die klirrend am Boden zersprang. Würgend griff er sich an die Kehle. Borodin sah ihn erbarmungslos an. Ein seltsames Feuer glomm in seinen Augen auf, loderte stärker und stärker, sprang auf den feisten Wirt über. Gurgelnd griff der Mann in die Luft, fand keinen Halt, rutschte am Regal langsam abwärts, Flaschen und Gläser mit sich reißend.

Der kalte Schweiß stand auf Borodins Stirn. Er verfluchte seine Unaufmerksamkeit und wollte dem Wirt seinen Willen aufzwingen.

Doch der Mann erwies sich als ungeheuer zäh. Verzweifelt wehrte sich sein Geist. Borodin, der seine neuen Kräfte noch immer nicht ganz beherrschte, steigerte seine Konzentration.

Der Körper des Wirtes erschlaffte. Borodin atmete erleichtert auf.

Im nächsten Augenblick schrak er zusammen und rannte hinter die Theke.

»Hoffentlich lebt der Mann noch«, keuchte er bestürzt und tastete nach dem Puls des Wirtes. Ganz schwach war er fühlbar.

Auf dem Flur näherten sich Schritte. Borodin fuhr hoch und lauschte. Sein veränderter Geist ließ ihn erkennen, wer sich näherte. Es war eine junge Frau: Betty Field, die Kellnerin. Der Wirt hatte sie früher zu Bett geschickt, weil er gehofft hatte, dadurch endlich die Zechrunde auflösen zu können. Am Ende hatte er aber doch zu härteren Maßnahmen greifen müssen. Durch den Lärm der zerbrechenden Flaschen und Gläser war sie aufgeschreckt worden und wollte nun nach dem Rechten sehen.

Dietrich Borodin suchte das Weite. So schnell er konnte, hetzte er zur Tür, riss sie auf, schloss sie hinter sich wieder, jagte über den Parkplatz zum Wald.

Unvermittelt traf ihn ein Schock. Der Boden unter ihm begann zu wanken. Kopfüber stürzte er zu Boden, riss sich Gesicht und Hände auf. In seinem Innern breitete sich Todesangst aus, Panik, Schmerzen, unglaubliche Schmerzen. Die Vision eines dämonischen Tieres war da, dann nur noch undurchdringliche Schwärze, die allerdings nur für Sekunden anhielt.

Benommen blieb Dietrich Borodin danach liegen. Sein Verstand bemühte sich verzweifelt, zu verstehen. Was war nun schon wieder mit ihm passiert? Er versuchte, die chaotischen Eindrücke, die in seiner Erinnerung haften geblieben waren, zu ordnen. Plötzlich wusste er es. Einer der Männer, die das Lokal verlassen hatten, war eines unnatürlichen Todes gestorben. Es hatte ihn übermannt. Nicht er selber hatte dieses Erlebnis gehabt.

Fast körperlich spürte Dietrich Borodin jetzt diese tödliche Gefahr. Er taumelte hoch.

Mario Cruchillo war umgekommen. Auf ihn hatte sich Dietrich besonders konzentriert.

Offenbar hatte das zu einer unsichtbaren Verbindung geführt. Im Augenblick des Todes war diese Verbindung plötzlich erstarkt und Borodin war unvermittelt Zeuge des entsetzlichen Ereignisses geworden, gerade so, als wäre er selber der Sterbende…

Fieberhaft überlegte Dietrich Borodin, was das für ein schreckliches Wesen gewesen sein mochte, das Marios Leben auf dem Gewissen hatte. Und dann hatte er die Lösung. Er, Jane Murphy und dieser Werwolf waren nicht die einzigen, die Opfer des seltsamen Verzerrungsphänomens geworden waren! Irgendein normalerweise harmloses Tier musste durch Zufall denselben Weg gegangen sein und hatte eine dämonische Veränderung erfahren.

»Sollte es wirklich so sein?« murmelte Borodin vor sich hin. Sein Erlebnis mit dem Wirt verdrängte er im Moment erst einmal. »Ja, es kann sein«, beantwortete er sich die Frage selbst. »Wir waren alle so beschäftigt gewesen, dass wir es nicht bemerkt haben. Das Tier braucht nur ein wenig scheu gewesen zu sein. Sobald es uns entdeckte, floh es in den Wald.«

Die Konsequenz, die diese Schlussfolgerung nach sich zog, ließ Borodin erschauern: Eine tödliche Gefahr streifte durch den Wald. Die friedlichen Menschen im Dorf ahnten nichts davon.

*

David schlief tief und fest. Er war ein Kämpfertyp, der einfach abschalten konnte, wenn es sein Körper verlangte. Jane hingegen konnte kein Auge zutun.

Das ist also meine Hochzeitsnacht, dachte sie in einem Anflug von Verbitterung. Ein Mädchen stellte sie sich wohl immer ganz anders vor. Sie blickte zu der runden Scheibe des Vollmonds empor. Die Nacht mit ihrem sternenübersäten Himmel, der vergeblich versuchte, das Licht des Mondes zu übertreffen, hätte romantisch sein können, hätte Jane nicht immer wieder an das Schreckliche denken müssen, das sie erlebt hatten.

Ein kratzendes Geräusch. Fast gleichzeitig schlug David die Augen auf. Obwohl er tief und fest geschlafen hatte, war er plötzlich hellwach. Jane runzelte die Stirn. Sie war die ganze Zeit über wach gewesen und hatte das Geräusch kaum wahrgenommen. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, was für einen Mann sie geheiratet hatte. David Murphy war ein liebevoller Partner, zärtlich zu seiner Frau und voller Romantik – aber wehe dem, der ihn zum Feind hatte.

Fast geräuschlos erhob er sich und lauschte. Das kratzende Geräusch wiederholte sich.

»Was ist das?« raunte er.

Sie wollte etwas sagen, aber seine breitflächige Hand legte sich auf ihren Mund. Er bedeutete ihr, zu schweigen. Sanft schob er seine Frau beiseite und starrte durch die Fensterscheibe. Draußen war es nicht sehr hell. Dennoch konnte David den Schatten erkennen, der sich neben dem Wagen bewegte. Er tastete nach dem Türgriff. Blitzschnell stieß er den Wagenschlag auf. Das Tier, das sich draußen zu schaffen gemacht hatte, wurde mehrere Meter weit weggeschleudert. Fauchend wirbelte es herum.

»Eine Katze!« entfuhr es David. Jane beugte sich vor, um besser sehen zu können. Da setzte die Katze zum Sprung an. Erst jetzt bemerkte David, dass es sich unmöglich um ein normales Tier handeln konnte. Ihre Augen glühten, sie strahlten Grauen aus. Dann sprang sie. Geistesgegenwärtig zog David die Tür zu. Die Katze prallte gegen die Scheibe, ohne diese zerstören zu können. Für den Bruchteil einer Sekunde sahen sich die beiden Wageninsassen Auge in Auge mit dem Tier. Jane stieß einen Entsetzensschrei aus.

»Mein Gott«, flüsterte David, »was ist das für ein Untier?«

»Das Blut«, stammelte Jane fassungslos und starrte hinaus.

Die Katze war ein paar Schritte zurückgewichen und beobachtete sie unverwandt.

»Sie ist über und über voll Blut.« Janes Stimme zitterte. Blitzschnell öffnete sie den Wagenschlag und sprang nach draußen. David schrie auf und wollte nach ihr greifen, sie aufhalten, doch sie war schneller. Mit drei, vier Schritten stand sie vor dem Wagen, außerhalb seiner Reichweite.

Das Fell der Katze sträubte sich. Sie setzte abermals zum Sprung an. Schreckliche Laute kamen aus ihrem Maul. Diesmal würde es keine schützende Scheibe zwischen ihr und Jane geben!

»Jane!« brüllte David, Verzweiflung in der Stimme. »Jane, komm sofort zurück! Sie wird dich in Stücke reißen. Das ist keine normale Katze, sondern ein Ungeheuer!«

Seine junge Frau schien ihn nicht zu hören. Jedenfalls reagierte sie nicht. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sie ging einen Schritt auf die Katze zu. Diese quittierte das mit einem lang gezogenen Klagelaut und wich zurück. David wollte aus dem Wagen springen, um Jane zu helfen – so aussichtslos das auch erschien. Da wurde ihm plötzlich schwindlig. Er griff sich an die Brust. Jemand schien ihm das Herz herausreißen zu wollen. Es würgte ihn. Verzweifelt rang er nach Atem. Er hatte das Gefühl, als verenge sich der Wagen, als rückten die Wände zusammen, um ihn zwischen sich zu zerquetschen.

Er musste heraus aus dem engen Gefängnis.

Er sprang nach draußen. Ein Zucken ging durch seinen Körper. Er hörte nicht den erschreckten Ausruf Dietrich Borodins, der gleichzeitig auf die Lichtung trat und auch nicht das Fauchen der Katze, die plötzlich jegliches Interesse an Jane verloren hatte und sich David zuwandte. Er blickte an sich herab. Mit geweiteten Augen sah er, dass es sich unter der Kleidung, die er trug, zu bewegen begann. Die Hose spannte sich an den Oberschenkeln, knisterte verdächtig in den Nähten und platzte schließlich. Dasselbe geschah auch an seinen Armen und an seiner Brust. Seltsame Gefühle durchfluteten ihn.

Er wusste plötzlich, dass diese Gefühle für ihn nicht neu waren. Da waren Instinkte, die noch von seinen Urvätern stammten und die in jedem Menschen schlummerten. Sie wurden auf einmal stärker als alles andere.

Die Katze wich fauchend zurück. Aber noch war die Verwandlung nicht ganz vollzogen.

Das Tier spürte, dass es noch eine winzige Chance hatte. Es sprang. Einer richtigen Katze wäre es unmöglich gewesen, eine solche Entfernung mit einem einzigen Sprung zu überwinden, aber dieses Tier war nicht mehr mit normalen Maßstäben zu messen.

David, der kein Mensch mehr war, sah aus den Augenwinkeln den Schatten, der wie von einer gewaltigen Sehne geschnellt auf ihn zuflog.

Er wich schneller als ein Gedanke beiseite und… biss zu. Das Genick der Katze zerbarst mit einem überlauten Krachen.

Das Untier versuchte dennoch, sich zu wehren, aber der Werwolf schüttelte nur unwillig sein Opfer und warf es dann in den Dreck, wo es verendete.

Der Biss eines ausgewachsenen Werwolfs war auch für ein solches Untier zuviel!
(Wird fortgesetzt!)

Copyright © 2010 by W. A. Harry


Der gesamte Roman ist auch käuflich zu erwerben:

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Lesen Sie auch die Besprechung von Petra Weddehage:

W. A. Hary
Murphys Reise ins Jenseits…
MURPHY – Der Kämpfer des Lichtes 21

HARY-PRODUCTION, Neunkirchen, 08/2005
Roman-Heft, Horror
ISSN 16143345
Titelillustration von Christel Scheja
Comic von Hary/Bone

Als eBook bei www.sofortlesen.de
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David und Jane Murphy befinden sich auf ihrer Hochzeitsreise. Sie fahren mit dem Wagen nach Schottland, um dort ihre Flitterwochen zu verbringen. Während eines heftigen Gewitters verliert Murphy die Kontrolle über sein Auto und kommt von der Straße ab. Das Paar verliert das Bewusstsein. Doch kurz bevor David die Sinne schwinden, sieht er eine merkwürdige Gestalt mit rot glühenden Augen.

Dietrich Borowin, ein Handelsreisender, ist ebenfalls in dieser Nacht unterwegs. Er entdeckt das Auto der Bewusstlosen, das mitten auf der Landstraße quer steht, zu spät. Um nicht mit dem anderen Auto zu kollidieren, vollführt er hektisch ein Ausweichmanöver und rast in dichtes Gestrüpp. Auch er verliert das Bewusstsein. Kurze Zeit später trifft er auf David und Jane Murphy. Entsetzt bemerken die drei Pechvögel, dass sie nur noch als Astralwesen auf der Erde wandeln. David Murphy und seine Begleiter setzen nun alles daran, ihre Körper zu finden und den unheimlichen Situationen, in die sie geraten, zu entkommen.

Dem Autor gelingt es mit dem Einstieg in ein neues Abenteuer, die Leselust seiner Fans zu wecken. Die einzelnen Figuren werden gut in die Serie eingeführt und erhöhen die Spannung. Das Ende des Heftes steigert die Erwartung auf den nächsten Band. Christel Schejas Bild einer mondbeschienenen Landschaft ziert den 21. Band über den „Kämpfer des Lichtes“. Damit beweist sie wieder einmal ihre Stärke für phantasievolle Bilder. Die kalten Farben lassen eine mystische Atmosphäre entstehen.

Wer als Einsteiger diesen Band in die Finger bekommt, wird eine Weile brauchen, um sich in Murphys Welt zurechtzufinden. Es empfiehlt sich also, auch die anderen Bände zu besorgen. Wer Romane wie „Professor Zamorra“ oder „John Sinclair“ liebt, wird hier ebenfalls voll auf seine Kosten kommen. Für alle anderen Leser, die Horror-Geschichten mit einer dicken Portion phantastischer Elemente lieben, stellt diese Serie auf jeden Fall eine Bereicherung dar.

Copyright © 2010 by Petra Weddehage (PW)

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Updated: 25. April 2010 — 10:46

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