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“Murphy reist ins Jenseits” Murphy – Der Kämpfer des Lichtes – Band 21 als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen von W. A. Hary (Teil 3)

„Murphy reist ins Jenseits“

Murphy 21
als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen bei sfbasar.de

von W. A. Hary

Teil 3

Ganz langsam, fast zögernd, tauchte ihr Bewusstsein aus der Tiefe der Ohnmacht auf. Sie erwachte.

Als erstes hatte sie das alarmierende Gefühl, dass irgend etwas nicht stimmte.

Sie riss die Augen weit auf und starrte um sich.

Da wusste sie, was geschehen war. Die nächtliche Fahrt nach der Hochzeit, das furchtbare Gewitter, das sie überrascht hatte, die plötzliche Kurve, die Gestalt…

Etwas krampfte sich in ihr zusammen. Was war das nur für ein Wesen gewesen?

Sie barg ihr Gesicht in den Händen. Ihre Schultern zuckten, als sie lautlos schluchzte.

Schließlich gewann ein Gedanke die Oberhand: Wo war David?

Jane Murphy sah zur Seite. Der Fahrersitz war leer.

Erst jetzt kam ihr zu Bewusstsein, dass der Wagen auf einer Waldlichtung stand.

Der Motor war abgewürgt, aber die Lichtkegel der Scheinwerfer leuchteten mit inzwischen merklich verminderter Kraft in die Dunkelheit. Rings um die Lichtung stand eine dichte Wand aus Bäumen.

Langsam wandte sich Jane um, gleichzeitig nach dem Türgriff tastend. Sie bemerkte eine seltsame Szene da hinten auf der Lichtung. Drei Gestalten. Eine hatte ein langes Gewand an. Ihr Kopf wurde von einer Kapuze verborgen. Die Gestalt schien leicht durchsichtig zu sein.

Jane Murphy stieg aus. Die Gestalt mit der Kapuze stand mit dem Rücken zu ihr. War eine der anderen beiden David, ihr Mann?

Jane zögerte, dann rief sie laut den Namen ihres Mannes. Sie lief auf die drei Gestalten zu.
Die Gestalt mit der Kapuze wandte sich ihr zu.

Jane blickte direkt hinein in die leeren Augenhöhlen.

Der Schrei blieb ihr im Halse stecken. Das Grauen hatte ihr die Kehle zugeschnürt.

Sie spürte ihr pochendes Herz, ihren zitternden Körper und wusste plötzlich, dass während ihrer Bewusstlosigkeit etwas Unbegreifliches passiert sein musste.

Das Schlimmste aber an allem war: Sie war allein! David war nicht mehr bei ihr.

Sie wollte ihren Blick von der Kapuzengestalt lösen, aber es gelang ihr nicht. Im Gegenteil.

Ihre starren Augen begannen zu tränen. Das verschwimmende Bild des Geistes schien größer zu werden, immer größer.

Ein Gedanke erfüllte sie mit tiefer Panik, ließ alles andere zurücktreten: Warum hatte David sie allein gelassen?

Dann war plötzlich alle Angst wie verflogen. Sie spürte Zorn in sich aufsteigen. All dies erschien ihr auf einmal nicht mehr wie ein Alptraum, eher wie ein schlechter Scherz. Ein Scherz, ja, das musste es sein. Mit aller Kraft klammerte sie sich an diese Erkenntnis, denn sie wusste, dass es keine Geister gab. Sie hatte doch nur so getan, als würde sie David glauben. Weil sie ihn liebte und weil sie intelligent genug war, um zu wissen, dass alles dies real war, was die Menschen fest glaubten. Zumindest wurde es real für diese. Im Laufe der Zeit würde sie und ihre Liebe es schaffen, David von diesen wahnwitzigen Vorstellungen zu lösen…

Und das hier, ja: Es konnte nur ein makabrer Scherz sein, den sich jemand ausgedacht hatte, sie zu erschrecken. David, warum hast du das zugelassen? Ihr Zorn wuchs. Ihre Augen sprühten förmlich Blitze, als sie auf den Geist zuging. Das Totengesicht hatte jetzt keine Wirkung mehr auf sie.

Etwas Unglaubliches geschah: Die Gestalt wich vor ihr zurück, grollende Laute ausstoßend. Jane Murphy schritt schneller aus. Triumph erfüllte sie. Nein, sie war nicht darauf hereingefallen. Denen würde sie es zeigen!

Unvermittelt kam Bewegung in den Mann mit dem dicken Bauch. Er trat nach der gespenstischen Gestalt. Es klapperte. Jane Murphy blieb abrupt stehen, tastete nach ihrer Kehle. Plötzlich war die Angst wieder da.

»David!«, schrie sie verzweifelt.

Die dritte Gestalt krümmte sich zusammen, als habe sie mit einem Male Leibschmerzen.
»David!«, wiederholte Jane Murphy. Der Mann fiel zu Boden.

»Genug!«, rief der Fremde mit dem dicken Bauch herüber.

Die Kapuzengestalt begann zu rennen. Der Mann folgte ihr, hob unterwegs einen Knüppel vom Boden auf. Er konnte trotz seiner Figur erstaunlich schnell laufen und kam dem Verfolgten immer näher.

»Stehen bleiben!«, befahl er keuchend. »Wenn du nicht stehen bleibst, zerschlage ich dich mit dem Knüppel!«

Das wirkte. Die Kapuzengestalt verhielt im Schritt.

»Gnade!«, kam es aus der hohlen Brust. »Ich brauche frische Lebensenergie, sonst muss ich noch in dieser Nacht für immer in mein Grab zurück. Seit über einem Jahr bin ich nun wieder tot. Ihr wart meine letzte Chance.«

Der Geist fiel vor Dietrich Borodin auf die Knie.

»Was redest du für einen Unsinn?«, sagte Dietrich. »Nimm endlich diese abscheuliche Maske ab.«

Der Tote stutzte.

»Du verstehst es nicht, denn du stammst nicht von dieser Welt«, grollte er.

In Borodins Magen entstanden Krämpfe. Seine Sinne drohten zu schwinden. War dies alles vielleicht Wirklichkeit und nicht nur der Fiebertraum eines Kranken?

»Was sagst du da von einer anderen Welt?«, zwang er sich zu einer Frage. Die gespenstische Gestalt kroch langsam rückwärts. Borodin schwang drohend den Knüppel in seiner Faust.

»Nicht!«, grollte es. »Die Knochen sind mein letztes. Einst war ich ein stolzer Jüngling.

Aber das ist schon…« Weiter kam er nicht. Dietrich Borodin unterbrach ihn mit schallendem Gelächter. Er hieb sich klatschend auf die Schenkel und wollte sich gar nicht mehr beruhigen.

»Ich habe noch nie etwas Komischeres gehört«, gluckste er zwischendurch.

Die Grabesstimme ernüchterte ihn jäh: »Spotte nicht, Dietrich Borodin, sonst wird es dir schlecht bekommen!«

Stirn runzelnd starrte Borodin auf das wimmernde Bündel vor sich im Staub.

»Vergeblich griffen die titanischen Mächte der Unterwelt nach der Erde«, sagte der Tote.

Es klang wie ein schauriges Orakel. »Da schufen sie ein Spiegelbild von ihr, eine Schattenwelt. Doch die Kräfte, die sie damit weckten, beraubten sie ihrer Macht. Ein Plan soll sie diese Macht wieder zurückgewinnen lassen und sie warten über ewige Zeiten hinweg auf die Erfüllung ihres Planes.«

»Was soll der Quatsch?«, fuhr Borodin den Geist ärgerlich an. Sein Intellekt hatte sich auf die neue Situation eingestellt. Es kam ihm keine Sekunde zu Bewusstsein, dass er hier mit einem Verstorbenen verhandelte. Sein Verstand schützte sich durch Ignorierung dieser Tatsache vor dem Wahnsinn.

»In Wahrheit ist jedes Wesen ein Doppelgeschöpf. Der sichtbare Körper weilt in der realen Welt, der unsichtbare Astralleib aber hier«, erklärte das Wesen. »Immer wieder kommt es zu Verschiebungen. Unvermittelt sind Negativ und Positiv, Körper und Astralkörper nicht mehr an derselben Stelle, sind voneinander versetzt. Bei euch ist das geschehen – bei euch und bei mir vor langer, langer Zeit. Eine seltsame Verwandlung ging mit mir vor. Die Schatten der Geschöpfe wurden von Mächten des Jenseits, von Mächten des Bösen, wie ihr sagt, erschaffen. So wurde ich zu einem großen Geist, zu einer Art Hexenmeister, der sogar den Tod bezwang. Aber ich brauche zur Erneuerung immer wieder reales Leben. Die Astralleiber der Menschen, die ich erreichen kann, nähren mich nicht. Ich muss immer wieder warten, bis es eine Verzerrung gibt. Zurückkehren kann ich nicht. Ich würde zu einem normalen Menschen und zu Nichts zerfallen, da ich seit Jahrhunderten in mein Grab gehöre.«

Dietrich Borodin konnte nicht mehr. In sinnloser Wut ließ er den Knüppel niedersausen, zerfetzte das modrige Gewand, ließ alte Knochen zersplittern und… Ja, jetzt sah Dietrich den unbedeckten Knochenkörper des Hexenmeisters, der schon seit Jahrhunderten immer wieder starb und sich nur durch menschliche Lebensenergie erneuern konnte.

Mit bleichem Gesicht wandte sich Dietrich Borodin ab. Der Knüppel entglitt seiner Hand.

Der Mann taumelte davon.

»Du kannst mich nicht töten!«, grollte es hinter ihm, »denn ich bin schon tot. Erst wenn diese Nacht vergangen ist, werde ich mich nicht mehr erneuern können.«

Borodin wirbelte herum. Zersplitterte, phosphoreszierende Knochen hatten sich lose zusammengefügt. Der Geist konnte sich schon wieder bewegen, obwohl kaum mehr etwas von ihm am Stück übrig geblieben war. Mühsam kroch er durch das Gras, auf Borodin zu.

»Ich bin ein großer Hexenmeister – ein größerer jedenfalls als du. Dir fehlt noch sehr viel Erfahrung. Ich bin dir im Moment unterlegen, weil dir ein Hexengeist zur Seite steht und die Verkörperung eines Werwolfs, der innerlich mit dieser Hexe verbunden ist.«

Dietrich Borodin sah zu dem zierlichen Mädchen hinüber. Eine Hexe? Ein Werwolf? Welch ein Unsinn! Das Mädchen stand da und war offenbar nicht fähig, sich zu bewegen. Und Borodin erinnerte sich, dass der angebliche Werwolf zusammengebrochen war, als dieses Mädchen den Namen David gerufen hatte. Noch immer lag der Mann in seltsam verkrümmter Haltung am Boden.

Jane Murphy erwiderte Borodins Blick. Dietrich sah das Entsetzen in ihren Augen.

Plötzlich warf sie sich herum und rannte davon.

»Bleiben Sie!«, rief Borodin erschrocken. Er wusste, dass er allein gegen den Geist nichts ausrichten konnte. Er wusste aber darüber hinaus, dass auch das Mädchen allein keine Chance hatte. Der Hexenmeister würde sie für sich opfern. Er würde durch ihre Lebensenergie wieder jahrzehntelang aufblühen können. Und das Mädchen rannte kopflos davon – direkt in das Verderben, ohne es zu ahnen.

»Um des Himmels willen, kommen Sie zurück!«, brüllte Borodin. Sie hatte den Wagen erreicht, lief daran vorbei. Er wollte ihr folgen, um sie aufzuhalten, aber da war plötzlich eine seltsame Macht, die nach seinem Gehirn griff und alle seine Bewegungen lähmte.

Langsam, unendlich langsam wandte er sich wieder dem Geist zu, der nur zwei Schritte hinter ihm am Boden lag. Und auf einmal konnte er sich nichts Schöneres mehr vorstellen, als mit diesem Skelett vereint zu sein.
(Wird fortgesetzt!)

Copyright © 2010 by W. A. Harry


Der gesamte Roman ist auch käuflich zu erwerben:

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Lesen Sie auch die Besprechung von Petra Weddehage:

W. A. Hary
Murphys Reise ins Jenseits…
MURPHY – Der Kämpfer des Lichtes 21

HARY-PRODUCTION, Neunkirchen, 08/2005
Roman-Heft, Horror
ISSN 16143345
Titelillustration von Christel Scheja
Comic von Hary/Bone

Als eBook bei www.sofortlesen.de
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David und Jane Murphy befinden sich auf ihrer Hochzeitsreise. Sie fahren mit dem Wagen nach Schottland, um dort ihre Flitterwochen zu verbringen. Während eines heftigen Gewitters verliert Murphy die Kontrolle über sein Auto und kommt von der Straße ab. Das Paar verliert das Bewusstsein. Doch kurz bevor David die Sinne schwinden, sieht er eine merkwürdige Gestalt mit rot glühenden Augen.

Dietrich Borowin, ein Handelsreisender, ist ebenfalls in dieser Nacht unterwegs. Er entdeckt das Auto der Bewusstlosen, das mitten auf der Landstraße quer steht, zu spät. Um nicht mit dem anderen Auto zu kollidieren, vollführt er hektisch ein Ausweichmanöver und rast in dichtes Gestrüpp. Auch er verliert das Bewusstsein. Kurze Zeit später trifft er auf David und Jane Murphy. Entsetzt bemerken die drei Pechvögel, dass sie nur noch als Astralwesen auf der Erde wandeln. David Murphy und seine Begleiter setzen nun alles daran, ihre Körper zu finden und den unheimlichen Situationen, in die sie geraten, zu entkommen.

Dem Autor gelingt es mit dem Einstieg in ein neues Abenteuer, die Leselust seiner Fans zu wecken. Die einzelnen Figuren werden gut in die Serie eingeführt und erhöhen die Spannung. Das Ende des Heftes steigert die Erwartung auf den nächsten Band. Christel Schejas Bild einer mondbeschienenen Landschaft ziert den 21. Band über den „Kämpfer des Lichtes“. Damit beweist sie wieder einmal ihre Stärke für phantasievolle Bilder. Die kalten Farben lassen eine mystische Atmosphäre entstehen.

Wer als Einsteiger diesen Band in die Finger bekommt, wird eine Weile brauchen, um sich in Murphys Welt zurechtzufinden. Es empfiehlt sich also, auch die anderen Bände zu besorgen. Wer Romane wie „Professor Zamorra“ oder „John Sinclair“ liebt, wird hier ebenfalls voll auf seine Kosten kommen. Für alle anderen Leser, die Horror-Geschichten mit einer dicken Portion phantastischer Elemente lieben, stellt diese Serie auf jeden Fall eine Bereicherung dar.

Copyright © 2010 by Petra Weddehage (PW)

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Updated: 17. April 2010 — 09:03

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