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“Murphy reist ins Jenseits” Murphy – Der Kämpfer des Lichtes – Band 21 als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen von W. A. Hary (Teil 12)

„Murphy reist ins Jenseits“

Murphy 21
als Fortsetzunggeschichte in 12 Teilen bei sfbasar.de

von W. A. Hary

Teil 12

Jane Murphy beobachtete ihren Mann. Es war kurz vor Mitternacht. Sie saßen da, als warteten sie auf etwas. David war so wie immer – oder etwa nicht? Er sprang auf und begann unruhig auf und ab zu laufen.

»Es macht mich ganz krank«, sagte er. »Borodin verschwindet plötzlich, reichlich eigenartige Erklärungen dafür gebend und wir sitzen hier herum und hoffen, dass ich nicht zum Werwolf werde.«

Am Fenster blieb er stehen, riss die Übergardine beiseite.

Der Vollmond. Es sah aus, als habe er ein Gesicht.

David öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus. Genießerisch atmete er die kühle, würzige Bergluft. Oh, sie hätten hier schöne Flitterwochen verbringen können. Sanft wellte sich das Land zu seinen Füßen. Dahinter die aufragenden Berge. In etwa zehn Meilen Luftlinie funkelnde Lichter. Bei jedem Licht ein Menschenschicksal.

David schloss die Augen. Ja, hier oben war es recht einsam, doch für sie konnte das nur richtig sein.

Er wollte sich vom Fenster abwenden, da erstarrte er. Täuschte er sich, oder stand eine schwarze Gestalt im Schatten der verkrüppelten Tannen?
Sein Herz schlug unwillkürlich ein paar Takte schneller. Er blickte genauer hin. Möglich, dass er sich irrte, aber er hätte schwören können, dass da tatsächlich jemand war. In diesem Augenblick kam in den schwarzen Schatten Bewegung. Er kam näher. Für Sekunden stand Davids Herz still. Seine Hände umklammerten so fest den Fenstersims, dass die Knöchel weiß hervortraten – so weiß wie das Gesicht des Fremden.

Jetzt sah ihn David genauer. Hatte er einen Moment gehofft, es sei Borodin, der zurückgekommen war, so sah er sich jetzt getäuscht. Es war eine hohe Gestalt, in einen schwarzen, fast bodenlangen Umhang gehüllt.
Das Gesicht war ein weißer Fleck in der Dunkelheit. Nur die Augen in dem wächsernen Antlitz schienen zu leben. Eine unglaubliche Kälte ging von ihnen aus.

Unvermittelt wandte sich die Gestalt ab, trat in den Schatten der Tannen und… verschwand. David konnte sie nirgendwo mehr entdecken. Er rieb sich die Augen und zog sich zurück.

»Was ist los?« erkundigte sich Jane besorgt.

»Nichts.« David schüttelte benommen den Kopf und schloss das Fenster.
Durch die Scheibe spähte er hinaus. Die Tannen bewegten sich im sanften Wind. Mit einem Ruck zog David den Vorhang vor. Einen Moment blieb er reglos stehen. Jane näherte sich ihm langsam.

»Du kannst mir nichts vormachen«, sagte sie leise. »Warum sagst du nichts? Spürst du den Zwang zur Verwandlung?«

Er kam zu keiner Antwort, denn in diesem Augenblick pochte es von draußen gegen die Tür. Sie zuckten zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Gehetzt blickte sich Jane um. Wer konnte das sein, um diese Zeit? Dietrich Borodin? Sie ging hinüber, fasste nach dem Türgriff.

»Nein«, keuchte David hinter ihr. Er spürte etwas in sich, was er nicht erklären konnte. Es machte ihm Angst. Erstaunt wandte Jane den Kopf.

»Es ist nicht Dietrich Borodin«, sagte David heiser. »Ich – ich ahne es.« Er wollte auf seine Frau zugehen, aber seine Beine versagten ihm den Dienst. Irgend etwas ging mit ihm vor sich. Verdammt, spürte Jane denn nichts?

Eine steile Falte war auf ihrer Stirn erschienen. Sie lauschte in sich hinein. Abermals klopfte es. Diesmal eindringlicher, wenn auch nicht direkt aufdringlich. Entschlossen öffnete Jane, trotz der Warnung ihres Mannes.

Man konnte nichts erkennen – doch, eine dunkle Gestalt. Eiskalte Schauer liefen David über den Rücken. Die Gestalt trat näher, kam ins Licht. Der weite, schwarze Umhang wehte in dem Wind, der durch die Tür hereinkam und eiskalt in jeden Winkel drang. David fühlte sich auf einmal wie ein Eisklotz, erfroren, zu keiner Bewegung fähig. Langsam glitt sein Blick an dem wehenden Umhang empor, blieb an dem fremden Gesicht hängen. Es kostete ihn unendlich viel Mühe.

Nein, dieses Gesicht war alles andere als bleich. Es war tiefbraun gebrannt. Der Mund lächelte fast spöttisch. Die Oberlippe zierte ein verwegenes Bärtchen. David Murphy wollte schon aufatmen, die Beklemmung wollte ihn verlassen, aber dann wanderte sein Blick über die gerade Nase weiter nach oben, zu den Augen und er hatte im nächsten Augenblick das Gefühl, ein Blitz habe ihn getroffen. In diesen Augen loderte ein unheimliches, grausames Feuer.

»Sie sollten die Tür wieder schließen, Frau Mattes«, riet der Mund, den David plötzlich schmal und brutal fand.

David runzelte die Stirn. Wie kam der Fremde auf den Namen Mattes? Dann wusste er es. Borodin hatte so die Besitzer der Hütte bezeichnet.

Jane Murphy lachte. Es war ein helles Lachen – wie tausend feine Glöckchen. David erschrak. Wann hatte er es zum letzten Mal gehört?
Jane war auf einmal wie ein junges Mädchen, das erstmals der großen Liebe begegnete.

Mein Gott!, dachte David Murphy. Es gelang ihm, den Arm zu heben und mit der Hand über seine Stirn zu reiben, um so endlich den Alpdruck loszuwerden.

Die Tür schloss sich. Der Fremde kam mit wehendem Umhang näher.

»Mich dünkt, Verehrtester, eine Krankheit mag Euch heimgesucht haben. Ich sehe Euch an, dass Euer Körper Kraft verloren hat.«

Es hatte schrecklich ölig und unecht geklungen – so, als wäre er gar nicht von dieser Welt.

Von dieser Welt? David blickte dem Fremden in die Augen. Ihm schwindelte. Alles war so unwirklich. Seine Gedanken verwirrten sich mehr und mehr. Da war wieder dieses Feuer. Es loderte und brannte. Und da waren Funken, die übersprangen auf David, die auch in ihm ein Feuer zu entfachen begannen – ein Feuer, das schmerzte, das ihn von innen heraus auszuhöhlen drohte.

Der Fremde verbeugte sich galant vor Jane, deren Gesicht ein seltsam entrücktes Lächeln zeigte.

»Verzeiht, Madam, dass ich vergaß, mich vorzustellen. Es ist schier unverzeihlich, aber ich…«

»Wer sind Sie?« brachte David hervor. Es klang wie das Knurren eines gereizten Hundes. Der Fremde unterbrach sich einen Moment.

»Schon wieder muss eine Entschuldigung über meine Lippen. Oh, Madam, ich bin in der Tat untröstlich. Mir scheint, so ich mich nicht irre, dass es meine Art zu sprechen ist, die Ihrem Gatten missfällt. Nicht wahr, Mr. Mattes?«

»Mein Name ist David Murphy«, keuchte David.

Der Fremde tat erstaunt.

Jane gönnte ihrem Mann einen flammenden Blick.

»David, ich bitte dich. Kannst du nicht etwas höflicher sein, unserem Gast gegenüber?« Sie wandte sich wieder dem Fremden zu. Zum zweiten Mal ertönte dieses engelhafte Lachen, das geeignet gewesen wäre, David in den siebenten Himmel zu heben, das jedoch ganz und gar… nicht ihm galt. Nicht ihm!

Der Fremde lächelte entwaffnend.

»Ich habe gefragt, wer Sie sind!« knurrte David. Er spürte etwas in sich. Es war nicht die Verwandlung zum Werwolf, die sich anbahnte, aber etwas durchaus Ähnliches. Der Fremde hingegen schien nicht sonderlich berührt zu sein. Er nahm Janes Rechte und küsste sie flüchtig. Die Berührung schien die junge Frau zu elektrisieren. Ein überirdischer Glanz erhellte ihr Gesicht.

»Mein Name ist Guy Green.« Der Fremde machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich weiß, fürwahr ein hässlicher Name. Ich bin fast geneigt, mich seinetwegen zu entschuldigen.«

»Wieso?« säuselte Jane, »ich finde den Namen wunderschön. Ich könnte ihn immer wieder hören – von Ihren Lippen, Mister…«

In gespieltem Erschrecken hob der Fremde beide Arme.

»Nicht, meine Liebe, sprecht ihn nicht aus. Nie sollte ein hässliches Wort über Eure Lippen kommen – nicht in meiner Gegenwart.« Er gönnte David einen Blick, der normalerweise eine Bombe zum Zünden gebracht hätte – allein, David Murphy fühlte sich nur schrecklich elend und unglaublich unterlegen.

»Oh, noch ein Wort zu meiner Art zu sprechen, Madam Mattes.« Der Fremde verbeugte sich abermals gekonnt. »Es ist weniger die Herkunft, die es notwendig macht, denn eher eine Art – nun, lasst es mich einfach formulieren und doch treffend: eine schlechte Gewohnheit.«

»Was könnte größer sein als Eure Bescheidenheit?« Jane sang es fast. »Wie könnte ich beschreiben, wie wunderbar es klingt, wenn Sie etwas sagen?«

»Was führt Sie hierher?« stammelte David Murphy. Niemand achtete auf ihn.

»Ich muss gestehen«, flötete seine junge Frau, »auch ich heiße nicht Mattes, sondern Marvin. Ja, Jane Marvin ist mein Name. Paul Mattes ist wohl der Besitzer dieser Hütte, jedoch…«

»Kein Wort mehr, Madam.« Der Fremde schien immer größer zu werden, bis er in einer plötzlichen Verbeugung aus der Mitte seines schlanken Körpers nach vorn klappte. »Kein Geheimnis soll Eure herrlichen Lippen verlassen. Und dennoch will ich mich erdreisten, Euch eine Einladung zu überbringen. Kommt in mein Haus, das ganz in der Nähe steht. Seid mir willkommen.« Er warf einen Blick auf David. »Beide!« fügte er kühl hinzu.

Er schwebte fast, als er zur Tür ging. David spürte die Aura, die diesen Mann umwehte, fast körperlich. Wie gern hätte er sich auf ihn gestürzt, den Unverschämten windelweich geprügelt, doch es war ihm unmöglich, auch nur einen Finger zu rühren. Wie aus weiter Ferne hörte er die Stimme, die sagte: »Auch meine Schwester wird zugegen sein. Sie wird Euch gern empfangen, Mr. Murphy.«

Die Tür schloss sich hinter dem Mann, der das Grauen in David Murphy zurückließ.

ENDE

Copyright © 2010 by W. A. Harry


Der gesamte Roman ist auch käuflich zu erwerben:

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Lesen Sie auch die Besprechung von Petra Weddehage:

W. A. Hary
Murphys Reise ins Jenseits…
MURPHY – Der Kämpfer des Lichtes 21

HARY-PRODUCTION, Neunkirchen, 08/2005
Roman-Heft, Horror
ISSN 16143345
Titelillustration von Christel Scheja
Comic von Hary/Bone

Als eBook bei www.sofortlesen.de
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David und Jane Murphy befinden sich auf ihrer Hochzeitsreise. Sie fahren mit dem Wagen nach Schottland, um dort ihre Flitterwochen zu verbringen. Während eines heftigen Gewitters verliert Murphy die Kontrolle über sein Auto und kommt von der Straße ab. Das Paar verliert das Bewusstsein. Doch kurz bevor David die Sinne schwinden, sieht er eine merkwürdige Gestalt mit rot glühenden Augen.

Dietrich Borowin, ein Handelsreisender, ist ebenfalls in dieser Nacht unterwegs. Er entdeckt das Auto der Bewusstlosen, das mitten auf der Landstraße quer steht, zu spät. Um nicht mit dem anderen Auto zu kollidieren, vollführt er hektisch ein Ausweichmanöver und rast in dichtes Gestrüpp. Auch er verliert das Bewusstsein. Kurze Zeit später trifft er auf David und Jane Murphy. Entsetzt bemerken die drei Pechvögel, dass sie nur noch als Astralwesen auf der Erde wandeln. David Murphy und seine Begleiter setzen nun alles daran, ihre Körper zu finden und den unheimlichen Situationen, in die sie geraten, zu entkommen.

Dem Autor gelingt es mit dem Einstieg in ein neues Abenteuer, die Leselust seiner Fans zu wecken. Die einzelnen Figuren werden gut in die Serie eingeführt und erhöhen die Spannung. Das Ende des Heftes steigert die Erwartung auf den nächsten Band. Christel Schejas Bild einer mondbeschienenen Landschaft ziert den 21. Band über den „Kämpfer des Lichtes“. Damit beweist sie wieder einmal ihre Stärke für phantasievolle Bilder. Die kalten Farben lassen eine mystische Atmosphäre entstehen.

Wer als Einsteiger diesen Band in die Finger bekommt, wird eine Weile brauchen, um sich in Murphys Welt zurechtzufinden. Es empfiehlt sich also, auch die anderen Bände zu besorgen. Wer Romane wie „Professor Zamorra“ oder „John Sinclair“ liebt, wird hier ebenfalls voll auf seine Kosten kommen. Für alle anderen Leser, die Horror-Geschichten mit einer dicken Portion phantastischer Elemente lieben, stellt diese Serie auf jeden Fall eine Bereicherung dar.

Copyright © 2010 by Petra Weddehage (PW)

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Updated: 13. Mai 2010 — 17:05

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