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Literatur-Blog

“I DON`T NEED NO DOCTOR“ – Eine Kurzgeschichte von Rüdiger Heins

“I DON`T NEED NO DOCTOR“

Eine Kurzgeschichte

von

Rüdiger Heins

Um das gleich am Anfang klarzustellen: Ich bin ein Chauvinist aus der Arbeiterklasse. Vielleicht sollte ich diesen ersten Satz lieber streichen, weil er so viel über mich aussagt, dass der Inhalt schon gegen mich verwendet werden könnte. Was soll`s, ich lasse ihn stehen, das erklärt vielleicht besser, warum ich zu dem werden musste, von dem ich annehme, der ich bin. Eben ein Chauvinist aus der Arbeiterklasse. Die Arbeiterklasse hatte schon immer ihre eigene subkulturelle Musikbewegung, die von Anfang an eine Massenbewegung war. Von dieser Bewegung, nein von meiner musikalischen Bewegung möchte ich erzählen.

Dass ich in meiner Kindheit musikalische Anregungen bekam, verdanke ich meiner Mutter. Sie hörte im Radio irgendeinen Populärsender, in denen deutsche Schlagermusik über den Äther gesendet wurde. Meistens konnte sie den Text der Schlager nicht auswendig singen, dafür intonierte sie ihre textlichen Schwachstellen mit einem „didididi“. Das brachte meiner Mutter den Namen „Didi“ ein, den sie bis zu ihrem Tode behielt.

Meine ersten ernstzunehmenden Klangerlebnisse waren Geräusche der Natur: Das Rauschen eines Bachlaufes oder das Rascheln der Blätter, durch die der Wind strich, das entfernte Krähen eines Hahnes, das Trommeln der Regentropfen, ja manchmal auch das zarte Summen der Nebel, die im Herbst über den Feldern standen.

Der Klang der alten Rathausglocke, wenn sie die Stunden anschlug, war jedes Mal ein besonderes Ereignis. Sie schlug einmal für die Viertelstunde, zweimal für die halbe und so weiter. Besondere Freude machten mir die vollen Stunden um zwölf Uhr am Mittag, und wenn ich noch wach war, um Mitternacht. Da schlug die Glocke besonders lang, für mich waren das kleine Konzerte, die meinen Kinderalltag in klingende Kulissen verwandelten. Heute, wenn ich diese Glocke höre, klingt ihr Ton schräg. Aber ein schöner, ein schräger Ton, den ich mir in einem Konzert von John Cage sehr gut vorstellen könnte. Diese Vorstellung hat sich vor einiger Zeit erfüllt. Ich war zu Gast im War Requiem von Benjamin Britten, das vom Rheingau Musik Festival veranstaltet wurde. Dort hatte der Dirigent in seinem Arrangement genau diesen schrägen Klang der Glocke eingebaut. Die Glocke begann bereits am Anfang des War Requiems mit ihren schrillen Klängen, in der Mitte und am Ende des Konzerts. Die Glocke meiner Kindheit ist also in den Konzertsälen der Welt angekommen.

Zum ersten Mal mit einer etwas anderen Musik wurde ich auf dem Schulhof konfrontiert. Dort standen die älteren Jungs in einem Kreis zusammen. Sie trugen Schiffermützen und sangen „Bulle Bulle“ solange bis ein Lehrer mit Lackschuhen, kurz geschorenen Haaren und einem beigen Anzug auf sie zukam und laut brüllte: „Hört auf, diese Negermusik zu singen, ihr Gammler!“

Irgendwann kamen dann die Beatles in mein Leben. Aber sie waren mir nicht so wichtig. Klar, ich wusste, dass die „Pilzköpfe aus Liverpool“ im Hamburger Star Club ihre ersten Erfolge feierten und von da aus um die Welt zogen und eine Massenhysterie bei jungen Mädchen auslösten. Die Beatles lösten sich auf, aber ich bemerkte das gar nicht, weil ich zu sehr mit der deutschen Fußballnationalmannschaft beschäftigt war. Fleißig sammelte ich die Abziehbildchen der einzelnen Nationalspieler, um sie fein säuberlich in ein Album einzukleben.

Eines Tages stand ich vor dem einzigen Elektrogeschäft in unserem Dorf. Sie verkauften Bügeleisen, Waschmaschinen, Wäscheschleudern, Föhnhauben und all dieses Elektrozeugs, das mich überhaupt nicht interessierte. In diesem kleinen Laden verkauften sie auch Schallplatten. Gelegentlich blieb ich aus reiner Neugierde vor dem Schaufenster stehen. Eines Tages fiel mir eine Single besonders auf: Da saß ein Mann mit einer runden Nickelbrille an einem weißen Flügel in einem weißen Studio und hatte Kopfhörer auf.

Imagine war der Titel dieser Single. Für fünf Deutsche Mark, die ich aus meiner Sparbüchse herausnahm, erwarb ich Imagine. Diese Single war das erste Soloprojekt des Ex Beatles John Lennon, das erfuhr ich aber erst später aus einer Zeitschrift. Zuhause angekommen, legte ich im heimischen Wohnzimmer die kleine Schellackplatte mit ihrem wunderschönen grünen Apfel auf den Plattenteller. Bereits die ersten Akkorde, die Lennon auf dem Flügel anschlug, ja ich finde keine anderen Worte dafür, die ersten Akkorde verzauberten mich in eine andere, vorher nie gekannte Welt. Ob nun John Lennons Imagine, Alexander Sutherlands „Antiautoritäre Erziehung“ oder Ché Guevaras Aufsätze in einem rororo Taschenbuch meine Initiation als (r)evolutionär denkender Mensch einleiteten, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht war es die Mischung aus den Komponenten, die aus musikalischer Imagination, die Gesellschaft verändernder Erziehungsmodelle und revolutionären Erkenntnissen bestanden. Jedenfalls ist Musik für mich Philosophie, und Literatur bringt Worte zum Klingen. Musik und Literatur, das sind Bausteine, die menschliches Zusammenleben positiv gestalten können, meine ich.

John Lennons Imagine wurde abgelöst von ganz anderen musikalischen Klängen. Damals war ich vielleicht dreizehn, wir waren mit den katholischen Messdienern im Zeltlager! (ja mit denen) und um gleich Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin ein ehemaliger katholischer Messdiener. Sozusagen ein Ex Messdiener. Die Gesänge und die Klänge, die ich während der Messe hörte, haben dennoch meinen musikalischen Geschmack nicht sonderlich beeinflusst. Unser „Zeltführer“, ja so wurden die damals genannt, hatte gelegentlich so ein, sagen wir wohliges Grinsen im Gesicht, wenn er im Zelt seine selbstgedrehten Zigaretten rauchte. Ich mochte diesen süßlichen Geruch, den sein Tabak verbreitete. Unser Zeltführer, nennen wir ihn an dieser Stelle einmal Mike, hatte einen Kassettenrekorder mitgebracht, den er nur gelegentlich einschaltete, weil die Musik, die er hörte, nicht unbedingt zum musikalischen Repertoire der katholischen Kirche passte. Wir waren an jenem Nachmittag, als er mich in eine mir völlig neue Musikwelt einführte, alleine im Zelt. Mike und ich. Die anderen waren draußen im Wald, um kräftige Äste zu sammeln, die sie für den Bau eines Staudammes am nahegelegenen Bach brauchten.

Mike rauchte wieder einer seiner selbstgedrehten Zigaretten mit diesem süßlichen Duft. Er grinste, wenig später grinste auch ich, weil ich mich plötzlich im Zelt so wohl fühlte. Der Eingang war zugeschnürt und der Zigarettenrauch stand wie eine weiße Wolke im Zelt. Ich fühlte mich plötzlich sauwohl, fing grundlos an zu lachen, grinste die ganze Zeit in Mikes Gesicht und er hatte nichts anderes zu tun, als zurück zu grinsen.

Soll ich dir einmal gute Musik vorspielen?“ unterbrach er irgendwann die grinsende Stille. „Ja, warum nicht“, antwortete ich etwas verhalten, weil allein seine Frage so konspirativ klang, dass ich wusste, gleich kommt irgendetwas Verbotenes. Er grinste wieder, suchte in seiner Reisetasche nach einer Kassette, legte sie in den Rekorder und sagte: „Ich mache die Musik etwas leiser, die anderen sollen die nicht hören!“

Dann drückte er auf den Play Knopf seines Kassettenrekorders, die Kassette quietschte ganz leise und dann mit einem Mal brach aus den Lautsprechern ein Sound hervor, der für mich völlig ungewohnt war.

Das ist Humble Pie“, sagte er wieder vor sich hin grinsend, „die habe ich auf einem Live Konzert gesehen.“ An den Stellen, bei denen der Sänger Steve Marriott das Wort „Fuck“ sang, war ein Pieps -Ton eingefügt worden, weil das ein unanständiges Wort war.

I Don`t Need No Doctor“, war der Song, der mich an diesem Sommernachmittag im Zeltlager in der Eifel am meisten beeindruckte.

Das Zeltlager war zu Ende und mein erster Weg war in den Plattenladen einer nahegelegenen Stadt. Die mussten mir das Life in Fillmore East Album von Humble Pie extra bestellen, vorrätig war das nicht. Eine Woche später konnte ich die Platte auf unserem heimischen Wohnzimmerplattenspieler abspielen. Das waren für mich der Beginn einer vollkommen neuen Musikära und das Ende meines Messdienerdaseins in der katholischen Kirche. Und wie war das noch mit dem Chauvinist aus der …? Na ja, Sie wissen schon…

ENDE

Copyright Text und Eingangsgrafik © 2013 by Rüdiger Heins

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Heins, Rüdiger – Autorenporträt

Rüdiger Heins ist Herausgeber der eXperimenta.

Weitere Informationen über ihn auf seiner Website: www.ruedigerheins.de

Mehr von Rüdiger Heins? Hier sein neuer Roman:



Heins, Rüdiger
In Schweigen gehüllt

RomanVorwort von Andreotti
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Verlag :      Debras Verlag
ISBN :      978-3-937150-12-3
Einband :      gebunden
Preisinfo :      18,90 Eur[D] / 19,50 Eur[A] / 27,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.07.2013
Seiten/Umfang :      176 S. – 13,5 x 21,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 24.07.2013
Gewicht :      346 g
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Die Geschichte der Honorine Steimer und des Anton Detrois beruht auf einer wahren Begebenheit. Honorinne Steimer, die Ordensgründerin der Erlöserschwestern in Würzburg, muss ihr Kloster unter nicht geklärten Umständen verlassen. Obwohl sie aus dem Orden ausgetreten ist, erhält sie von diesem eine jährliche “Leibrente” von 800 Reichsmark. Mit diesem Geld versucht sie einen neuen Orden zu gründen. In ihrem Haus hat sie bereits zwei junge Mädchen einquartiert, aus denen sie Nonnen machen will. Doch Anton Detrois durchkreuzt ihre Pläne. Er weiß, dass sie viel Geld hat, deshalb will Detrois sie dazu überreden, ihm etwas davon zu leihen. Honorinne Steimer verweigert ihm diese Bitte. Außer Kontrolle geraten, tötet der junge Detrois die alte Steimer, um sie anschließend auszurauben.

Rüdiger Heins ist Gründer und Studienleiter des INKAS Institut für kreatives Schreiben www.inkas-id.de.

Mit seinem Roman “Verbannt auf den Asphalt” und den Sachbüchern “Obdachlosenreport” und “Zuhause auf der Straße” machte er die Öffentlichkeit auf Menschen am Rande der Gesllschaft aufmerksam, www.ruedigerheins.de.

Buchbesprechung (Auszug) von Prof. Dr. Mario Andreotti:SPANNUNG IN MODERNEM GEWAND

Die Handlung in Rüdiger Heins’ Roman »In Schweigen gehüllt« ist auf den ersten Blick relativ einfach: Da ermordet der junge, erst achtzehn­jährige Anton Detrois seine alte Tante Honorine Steimer, eine ehe­malige Klosterfrau aus einem Orden in Würzburg, um an ihre Geld­scha­tulle zu gelangen. Man wird bei der Lektüre der ersten Seiten an Frank Wedekinds berühmtes Gedicht »Der Tantenmörder» aus dem Jahre 1897 erinnert.

Anton Detrois kann mit den vielen Geldscheinen, die er im Schlaf­zimmer der ermordeten Tante erbeutet hat, zunächst fliehen, schlägt sich in verschiedenen Wirtshäusern, bei Dirnen und Obdachlosen herum, kauft sich ein Motorrad und wird schliesslich von der Polizei gefasst und am 4.September 1903 in Mainz öffentlich hingerichtet. Ein Raubmord, der nach dem klassischen Muster des Detektivromans erzählt wird.

So haben wir denn in Rüdiger Heins‘ Werk einen modernen Montageroman vor uns, der dem Leser nicht nur einen Einblick in die komplexe, in sich widersprüchliche Psyche eines Menschen ermöglicht, der auf seine Weise Liebender und Mörder zugleich ist, sondern auch in eine bürgerliche Gesellschaft, die für Menschen an ihrem Rand keinen Platz hat. Das macht das Werk weit über eine reine Detektivgeschichte in der Tradition von Georges Simenon hinaus zu einem spannungsgela­denen, äusserst lesenswerten Zeitroman.

Prof. Dr. Mario Andreotti ist Dozent für neuere deutsche Literatur in St. Gallen und Zürich und Autor des UTB Bandes »Die Struktur der modernen Literatur»

[Abdruck der Buchbesprechung (Auszug) von Prof. Dr. Mario Andreotti mit freundlicher Genehmigung des Rezensenten]
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4 Comments

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  1. Sehr interessante Geschichte, sehr ungewöhnlich. Mir gefällt die Story. Was sagt Ihr?

  2. Danke, lieber Detlef!

    Gruß Rüdiger

  3. 10 euro wären mir lieber! 😉

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