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ZURÜCK AUF GAMORRHA – Leseprobe (Teil 4) aus dem gleichnamigen Roman: “Rettungskreuzer Ikarus 52 (Gamorrha-Trilogie 2)” von Irene Salzmann

ZURÜCK AUF GAMORRHA

Leseprobe (Teil 4) aus dem gleichnamigen Roman:
“Rettungskreuzer Ikarus 52 (Gamorrha-Trilogie 2)”
von Irene Salzmann

(Zurück zu Teil 3)
Wie jede Nacht ging Junius Cornelius durch einen schier endlosen Korridor. Vor der elften Tür blieb er diesmal stehen und öffnete sie.

Der Raum dahinter war nicht zu dunkel, nicht zu hell. Er ähnelte ein wenig seinem Schlafzimmer auf Vortex Outpost.

Pakcheon saß am Fußende des Bettes und hatte auf ihn gewartet. „Hallo, Cornelius“, sagte er.

Pakcheon, ich grüße Sie.“ Cornelius verneigte sich leicht. Sein Herz klopfte heftig. „Es freut mich, Sie zu sehen. Sie ahnen gar nicht, wie sehr ich Sie vermisst habe. Warum ließen Sie mich so lange warten?“

Ich bin doch hier.“ Pakcheon erhob sich und breitete die Arme aus.

Ohne zu zögern trat Cornelius näher und erwiderte die Umarmung.

Und den leidenschaftlichen Kuss.

Ein Kleidungsstück nach dem anderen fiel zu Boden.

Heiße Haut auf heißer Haut.

Cornelius hatte keine Frau jemals so begehrt.

Es war ein Gefühl von …

*

… Einsamkeit und Enttäuschung. Es war, als fiele er in ein tiefes, eisiges Loch. Allein. Verlassen.

Aber …

Junius Cornelius blinzelte. Er lag in seinem Bett, in seinem Zimmer, aber ein Gefühl sagte ihm, dass er nicht allein war.

„Pakcheon?“, murmelte er noch im Halbschlaf, da er bloß einen Schemen über sich wahrnahm.

„Leider nicht“, wisperte eine Stimme in seinem Kopf. „Ich bin es nur.“

„Shilla?“

„Es tut mir sehr leid, Ihre süßen Träume stören zu müssen, aber die herbe Realität verlangt nach Ihnen.“

Nein! Er schloss die Augen. Die Eindrücke des Traums waren noch so frisch und intensiv, dass er ihn festhalten wollte. Doch es funktionierte nicht. Die Bilder verflüchtigten sich im gleichen Maße, wie seine körperliche Reaktion nachließ. Seine Finger öffneten sich, fassten die Decke und zogen sie höher. Einen Moment später hatten sich sein Herzschlag und sein Atem wieder beruhigt. Wie viel mochte Shilla mitbekommen haben? Hoffentlich hatte er nicht wie ein Idiot gegrinst oder – schlimmer noch: lustvoll gestöhnt.

„Was ist denn los?“ Es kostete Cornelius einige Mühe, Frust und Verlegenheit nicht in der Frage mitschwingen zu lassen.

Früher hätte er das Hineinschleichen einer Frau in sein Zimmer nur auf eine bestimmte Weise interpretiert und ihr sämtliche diesbezüglichen Wünsche erfüllt. Shilla war anders. Sie wäre gewiss nicht hier, gäbe es keinen wichtigen Grund.

leider …

Wie es wohl gewesen wäre, wenn Cornelius Shilla vor Pakcheon kennengelernt hätte?

Was denke ich nur für einen Schwachsinn! Es ist, wie es ist – und vermutlich wäre es auch unter anderen Voraussetzungen so gekommen. Zum Glück will ich mich nicht auf Sternenteufel komm raus mit ihr … paaren.

Die Vizianerin zog die Hand zurück. Es war das erste Mal, dass sie ihn berührt hatte, wenn auch nur, um ihn aus dem Schlaf zu rütteln. Er glaubte, noch immer die Wärme ihrer Finger an seiner Schulter zu spüren.

„Bitte, setzen Sie Ihre Brille auf.“

Er nahm die Sehhilfe entgegen und blickte die Telepathin fragend an.

„So fühlt sich das also an“, flüsterte sie mit abgewandtem Gesicht.

„Wovon reden Sie?“ Dann begriff er. „Sie haben … Ich habe doch gar nicht …“

„Ich war neugierig“, gab sie unumwunden zu. „Da ich darauf vorbereitet war, hatte ich kein Problem, mich gegen diesen … Sog … zu wehren.“

Cornelius wartete, dass sie weitersprach.

„Plötzlich wollte ich Sie … berühren.“

So wie Shilla das Wort berühren betonte, vermutete Cornelius, dass sie erheblich mehr gewollt hatte und daher ihre Unsicherheit rührte. War sein erotischer Traum daran schuld gewesen? Hatten sich seine Wünsche, die Pakcheon gegolten hatten, auf sie übertragen?

„Es ist nicht Ihre Schuld“, fuhr die Vizianerin fort. „Sie haben nichts Falsches getan. Tatsächlich haben Sie gar nichts getan. Es passierte einfach. Sie sollten immer Ihre Brille tragen und das Medikament nehmen.“

„Natürlich“, sagte Cornelius sanft. Um die merkwürdige Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, zu mildern, versuchte er, die Unterhaltung in eine andere Richtung zu lenken. „Da sie zweifellos nicht gekommen sind, um über mich herzufallen oder …ah … Experimente mit mir anzustellen, was führt Sie dann zu so früher Stunde her?“

Shilla drehte sich erst um, als sie die Tür erreicht hatte. „Es ist bereits sieben Uhr und gar nicht so früh. Commodore Färber bat mich, die beiden Patienten anzusehen, die auf Gamorrha gewesen sind. Ich dachte mir, dass Sie gern dabei wären.“

„Danke. Aber ist das in Ordnung?“

„Sie sind Pakcheons Berater – und ich leihe Sie mir einfach aus. Ich warte draußen mit dem Frühstück auf Sie.“

*

Junius Cornelius fand, dass Heinrich Färber ganz wie ein netter, älterer Herr aussah. Er war dieser Typ, zu dem kleine Kinder gern Onkel oder Opa sagten, weil er Vertrauenswürdigkeit ausstrahlte und einfach liebenswert wirkte. Damit war er das totale Gegenstück zu seiner Vorgesetzten Sally McLennane, die hart und unnachgiebig erschien und Cornelius an eine Kneifzange denken ließ. Er gab sich jedoch keineswegs dem Irrglauben hin, Färber wäre nicht fähig, drastische Maßnahmen durchzusetzen, falls dies erforderlich war.

„Miss Shilla, Mr. Cornelius“, sagte Färber, „und Kosang, ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie gekommen sind.“ Es war ihm anzusehen, dass er rätselte, warum Shilla auf einen Begleiter und ausgerechnet Cornelius bestanden hatte. „Ah, da kommen auch schon Dr. Ekkri und Dr. Wyne.“

Cornelius kannte Dr. Saldor Ekkri bereits. Dem jüngeren Mann war er noch nie begegnet. Dieser sah mehr wie ein Schuljunge aus als wie ein approbierter Mediziner. Ob er die Zwanzig überhaupt schon überschritten hatte?

„Dr. Wyne ist der behandelnde Arzt von Anitore Napata und Yese Bokha“, erklärte Dr. Ekkri. „Er wird Sie kurz über die beiden Fälle informieren.“

„Aber, bitte, für Laien verständlich“, rief Färber schnell, als Dr. Wyne bereits den Mund öffnete, um mit seinen Ausführungen zu beginnen.

Den Einwurf hätte sich Färber sparen können, denn der Mediziner war schon nach wenigen Worten ganz in seinem Element und beschrieb den Krankheitsverlauf seiner Patienten und die Resultate der Untersuchungen weder kurz noch verständlich.

Was für ein arroganter Schnösel, dachte Cornelius. Der hört sich wohl selbst gern reden?

„Er erzählt uns nichts Neues“, sagte Shilla nur für ihn hörbar. „Es ist die Langversion dessen, was Färber mich wissen ließ und ich Ihnen mitteilte – also nichts, was Sie nicht vorher selbst gewusst haben. Pakcheon wird sich köstlich amüsieren, wenn Kosang ihm diese Aufzeichnung vorspielt.“

Es war Dr. Ekkri, der endlich den hilfesuchenden Blick Färbers bemerkte und seinen Kollegen mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte. „Vielen Dank, Dr. Wyne. Ich denke, wir sollten uns jetzt die Patienten ansehen.“

„Aber ich bin noch gar nicht -“

„Kommen Sie“, wies Dr. Ekkri der kleinen Gruppe den Weg. „Die Männer befinden sich nach wie vor in der Isolierstation.“

Dr. Wyne gab nicht so schnell auf. „Ich sollte doch zuerst -“ Allerdings schenkte ihm keiner mehr Beachtung, und er musste sich beeilen, um mit den anderen Schritt halten zu können.

„Wo haben Sie denn diesen Schnösel her?“, raunte Färber Dr. Ekkri zu.

Cornelius grinste verstohlen. Der Commodore wurde ihm immer sympathischer.

„Frisch von der Universität“, flüsterte der Klinikleiter. „Zuvor besuchte er eine Schule für Hochbegabte und bestand die Prüfung summa cum laude als der bislang jüngste Absolvent. Er ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet, das muss man ihm zugestehen. Was seine Sozialkompetenz betrifft, nun, die ist gewiss noch ausbaufähig.“

Dr. Ekkri führte sie einen langen Flur entlang und durch drei Sicherheitsschleusen, in denen sie vor dem Betreten des gesicherten Bereichs auf etwaige Keime überprüft wurden. Beim Verlassen der Station war dieselbe Prozedere vorgesehen.

„Erfreulicherweise haben wir gegenwärtig keine weiteren Patienten hier“, erwähnte der Arzt beiläufig. „Es ist so ruhig wie selten.“

„Wollen wir hoffen, dass es so bleibt“, erwiderte Färber.

Während die beiden älteren Herren sich über vergangene Zeiten und Vorkommnisse auf der Station unterhielten und Dr. Wyne Kosang voller Neugierde musterte, wandte sich Shilla an Cornelius.

„Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich nur ungern Färbers Anliegen nachkommen. Das Lesen von Gedanken, die ein krankes oder sterbendes Gehirn sendet, ist sehr … unangenehm. Es besteht immer die Gefahr, dass sich der Telepath in dieser Verwirrung verliert oder mit in den Tod gerissen wird.“

Cornelius nickte kaum merklich. Pakcheon hatte einmal versucht, einem Söldner der Schwarzen Flamme seine Geheimnisse zu entreißen und wäre fast gestorben, als dieser ein Gift schluckte7. Das Entsetzen und die Angst um den Freund, die Cornelius empfunden hatte, war nicht vergessen. Er begann zu ahnen, dass ihn Shilla nicht nur mitgenommen hatte, damit er sich die Patienten anschauen konnte und erfuhr, was ihnen auf Gamorrha zugestoßen war.

„Normalerweise wäre Jason oder Taisho hier. Werden Sie mir beistehen, falls etwas schief geht?“

„Sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung.“

„Ich bin mir sicher, dass Sie wissen, was zu tun ist, wenn ich Ihre Hilfe brauchen sollte.“

„Ihr Vertrauen ehrt mich.“

Shilla schenkte ihm ein Lächeln. Bevor sie noch etwas sagen konnte, drängte sich Dr. Wyne zwischen sie und Cornelius.

„Das ist doch ein vizianischer Roboter, oder?“, sprudelte er hervor. Seine Worte waren an Cornelius gerichtet, als wäre Shilla gar nicht anwesend. „Wie funktioniert er? Es heißt, die Dinger wären künstliche Intelligenzen und können sprechen und sogar lernen. Dann ist das hier wohl ein älteres Modell oder die Sparausführung, oder? Ich habe versucht, mit ihm zu reden, aber es kann offenbar nicht antworten.“

„Arme Kosang“, vernahm Cornelius Shillas Stimme. „Diese Beleidigung wird sie nicht so schnell verzeihen.“

„Der Doktor ist tatsächlich noch ein Kind“, entgegnete Cornelius gedanklich. „Kosang soll nachsichtig und still sein, sonst kommt der Junge noch auf die Idee, sie auseinanderzunehmen.“ Laut sagte er: „Kosang ist eine Sie.“

Das brachte Dr. Wyne erst einmal zum Schweigen. Daraufhin warf er der KI immer wieder einen misstrauischen Blick zu und hielt zwei Schritte zusätzlichen Abstand.

„Wir sind da“, rief Dr. Ekkri.

Sie drängten sich in einen Beobachtungsraum, in dem eine Krankenschwester gesessen und über die zwei Patienten gewacht hatte, die in den getrennten Kammern jenseits des in eine Richtung durchsichtigen Fensters an ihre Betten geschnallt waren.

„Hallo, Liz“, grüßte Cornelius die junge Wenxi, die sich zu den Neuankömmlingen umgedreht hatte. Als er vor einiger Zeit unter dem Verdacht, sich an der Wanderlustseuche infiziert zu haben, in die Klinik eingeliefert worden war, hatte sich Liz um ihn gekümmert8.

„Hallo, Mr. Cornelius und Miss Shilla“, erwiderte sie die Begrüßung. Auch die Vizianerin war für sie keine Unbekannte, war diese doch damals maßgeblich an der Rettungsaktion beteiligt, der es Liz verdankte, dass sie die Raumstation Elysium lebend hatte verlassen und sich eine neue Existenz auf Vortex Outpost aufbauen können9. „Und das ist sicher die berühmte Kosang?“

„Noch ein Kind“, dachte Cornelius in Shillas Richtung, doch klang es diesmal wohlwollend.

„Ja, sie hat sich in den letzten Jahren gut herausgemacht“, hörte nur er. An ihn und Liz waren die nächsten Worte gerichtet: „Ja, das ist ein Ableger von Kosang. Wenn du möchtest, kannst du sie besuchen. Du weißt, wo sich die Suite von Pakcheon und Cornelius befindet? Melde dich einfach an – sie wird sich gern mit dir unterhalten.“

„Darf ich das? Wirklich?“ Liz strahlte.

„Natürlich“, stimmte Cornelius zu und verkniff sich ein Grinsen über so viel Begeisterung.

Dr. Ekkri, der, wie die übrigen, nur einen Teil der Unterhaltung vernommen hatte, räusperte sich. „Sie dürfen eine halbe Stunde Pause machen, Liz.“

„Danke, Dr. Ekkri.“ Sie winkte kurz zum Abschied.

Der Leiter der Krankenstation räusperte sich ein zweites Mal. „Habe ich nun Ihre Aufmerksamkeit? Schön, sehr freundlich von Ihnen. Sie können ruhig näher treten. Die Patienten beißen nicht. Nicht mehr jedenfalls. Sie können uns weder sehen noch hören. Links, das ist Yese Bokha, rechts liegt Anitore Napata.“

Cornelius musterte die Männer. Sie hatten die milchkaffeebraune Haut, das schwarze Haar und die dunklen Augen, die charakteristisch für die Bewohner der xavanthischen Welten waren. Beide waren mittelgroß und schlank.

„Sie wurden fixiert, damit sie nicht aus ihren Betten fallen oder sich die Versorgungsschläuche herausreißen“, sagte Dr. Ekkri.

„Obwohl die Patienten nach den neuesten Erkenntnissen therapiert werden“, ergänzte Dr. Wyne, „schreitet die Degeneration fort. Sie reagieren auf äußerliche Reize kaum anders als gekochtes Gemüse, nämlich überhaupt nicht. Die Gehirnströme verflachen zusehends. So sehr ich es hasse, dies zuzugeben: Ich … wir verfügen nicht über die notwendigen Mittel, um diesen Männern zu helfen.“ Böse sah er Cornelius an. „Und die Konföderation Anitalle verweigert jeglichen Informationsaustausch.“

Dafür kann ich nichts.

„Ich bin keine Ärztin“, erinnerte Shilla die Anwesenden. „Was erhoffen Sie sich von mir?“

Färber suchte ihren Blick. „Wahrscheinlich können wir Bokha und Napata nicht mehr helfen, aber vielleicht gibt es früher oder später weitere Fälle dieser Art, denn das Verbotene und die Aussicht auf Profit übt auf manche Menschen einen unwiderstehlichen Reiz aus.“ Seine Augen schienen sich in die der Vizianerin zu bohren. „Je mehr wir über Gamorrha erfahren, umso besser.“

„Färber lässt mich wissen“, teilte Shilla Cornelius mit, „dass er sich außerdem wie in einer Zwickmühle fühlt. Er muss die Botschafter der Konföderation Anitalle und der Xavanthischen Liga informieren und hofft, irgendetwas zu erfahren, was ihm diese Aufgabe erleichtert und hilft, die Situation zwischen den Gesandten zu deeskalieren.“

„Das dürfte ihm kaum gelingen, egal was Sie herausfinden“, mutmaßte Cornelius. „Entweder sind Kayn Detria und Wawa Guarani gewillt, die Angelegenheit nicht unnötig aufzubauschen und im Stillen zu regeln – oder … Keine Ahnung.“

„Ich werde es versuchen“, sagte Shilla zu allen. „Kosang, eine Liege, bitte.“

Die KI kam dem Wunsch nach, und die Vizianerin streckte sich auf der schmalen Ruhestatt aus. Nachdem Cornelius Shilla beruhigend zugenickt hatte, schloss sie die Augen und entspannte sich, um leichter Kontakt herstellen zu können.

*

Paluto Bernstein blickte auf, als sich das Schott öffnete.

Yeni Alaya blieb zögernd im Rahmen stehen. „Hallo, Paluto. Störe ich?“

Ja. Eigentlich hätte Bernstein eine Versuchsreihe zum Abschluss bringen sollen, auf deren Ergebnisse bereits gewartet wurde – der ungeduldige Dr. Wyne hatte sie bereits angemahnt -, aber weil er Alaya gesagt hatte, der Freund könne ihn jederzeit aufsuchen, wenn irgendetwas nicht in Ordnung war, schluckte er die ehrliche Antwort hinunter. Außerdem war er neugierig, was Alaya zu erzählen hatte. Hoffentlich sind es gute Nachrichten. Und diesem Schnösel Wyne schadet es nicht, sich ein paar Minuten zu gedulden.

„Komm rein. Wie geht es dir? Hast du dich untersuchen lassen?“

„Danke.“ Alaya zog mit dem Fuß einen Stuhl herbei und setzte sich. Er begann mit einer Gegenfrage: „Was macht Katie? Geht es ihr besser?“

Bedauernd schüttelte Bernstein den Kopf. „Ich behandle sie inzwischen genauso wie Dr. Kirsh seinen Patienten. Das heißt, ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gegeben, damit sie sich nicht unnötig quält, und ernähre sie durch Infusionen. Und nein, ich habe noch immer nichts Auffälliges entdecken können.

Rede ruhig weiter. Ich höre zu. Muss mich, während du erzählst, um das hier kümmern, damit der Zeitfaktor die Ergebnisse nicht verfälscht.“

„Soll ich wirklich nicht später kommen? Na, gut.“ Alaya legte die dünne Mappe, die er unter dem Arm getragen hatte, auf den Tisch und antwortete zuerst auf die zweite Frage. „Ich habe schon befürchtet, dass du nichts findest. Carlyle hat mich gecheckt und ebenfalls nichts Auffälliges aus den Werten lesen können – außer einer etwas erhöhten Zahl weißer Blutkörperchen. Diese bewegt sich allerdings immer noch innerhalb des Toleranzlevels. Ist alles hier gelistet.“

„Und sonst?“

„Ich habe keinen Galaxy Way-Riegel gegessen. Aber ich möchte. Unbedingt.“ Nervös rieb er seine Finger. „Du hattest Recht. Ich bin süchtig nach den Dingern. Weißt du, ich esse unheimlich gern Grulichfilet und würde für eine Portion davon alles andere stehen lassen. Mir läuft schon bei dem Gedanke an den delikaten Geschmack des Fleisches das Wasser im Munde zusammen. Aber ein solches überwältigendes Gefühl, diese … Gier empfinde ich dabei nicht.“

„Du hast Carlyle aber nichts davon gesagt, oder?“

„Nein. Allerdings werde ich nicht daran vorbeikommen, denn die Phoenix startet morgen. Ich könnte natürlich eine Menge Riegel an Bord bringen, die mich davor bewahren sollten, wie Katie mit Entzugserscheinungen im Kreis zu rennen. Doch was ist, wenn ich zu einem Sicherheitsrisiko für die Crew werde? Vielleicht beeinträchtigt das Zeug langfristig meine Reaktionen und mein Denken. Das kann ich nicht verantworten.“

Bernstein legte die Pipette, mit der er hantiert hatte, in ein Schälchen und sah seinen Freund nachdenklich an. „Bis wann musst du dich krankmelden?“

„Spätestens in fünf Stunden. Hellerman muss einen Ersatzpiloten finden oder selbst das Steuer übernehmen.“

„Hältst du es so lange noch ohne Galaxy Way aus?“

Alaya verzog gequält das Gesicht. „Ich versuche es.“ Noch immer knetete er seine Hände.

„Ich schaue mir das Resultat von deinem Check an und spreche mit meiner Freundin in der Krankenstation. Vielleicht gibt es Neuigkeiten. Auf jeden Fall melde ich mich bei dir vor Anlauf der Frist.“

„Danke.“

*

Für Shilla war das Eindringen in andere Gehirne genauso unangenehm wie das Berührt werden durch andere Personen. Die Menschen wussten nicht, was sie von ihr verlangten, und würden es auch nicht verstehen, wenn sie sich bemühte, es ihnen zu erklären. Man verstand es nur, wenn man es selbst erlebt hatte.

Tatsächlich wurde auch immer gern vergessen, dass die Telepathie den Vizianern einzig zur Kommunikation diente, da ihre Sprechorgane verkümmert waren. Dialoge mit Nicht-Telepathen liefen größtenteils so ab, dass dieser redete und seine Worte akustisch aufgenommen wurden und die Antwort in seinem Kopf, ähnlich den eigenen Gedanken, erschien. Natürlich konnte der Nicht-Telepath seinen Teil der Unterhaltung auch denken und würde verstanden werden.

Komplizierter und anstrengender war es für jeden Vizianer, gegen den Willen eines anderen, dessen Gedanken zu lesen, insbesondere wenn er etwas Bestimmtes herausfinden wollte. Es hing dann vom Erfahrungsgrad und der Stärke des Telepathen ab, ob und unter welchem Aufwand er sein Ziel letztlich erreichte. Bekam er es mit jemandem zu tun, der bereits hinreichende Erfahrungen mit Telepathen gesammelt hatte, war es durchaus möglich, dass der Nicht-Telepath wichtige Informationen zu verschleiern wusste.

Dann gab es noch Lebewesen, deren Gedankenimpulse so fremdartig waren, dass es kaum möglich schien, ihnen etwas zu entnehmen.

Geistig Kranke und Sterbende konnten ebenfalls sehr bizarre und kaum deutbare Impulse aussenden. Gleichzeitig wirkten sie auf Telepathen wie süße Klebestreifen auf Fliegen: Ließen sich die Vizianer zu sehr auf solche Personen ein, konnte es passieren, dass sie unfähig waren, sich zu befreien, dass sie den Weg aus diesem Gehirn hinaus nicht mehr fanden und mit dem anderen starben.

Davor fürchtete sich Shilla – wie alle ihres Volkes.

Trotzdem wollte sie den Patienten helfen, ebenso Färber und vor allem Cornelius. Sie glaubte nicht, dass sie es konnte, doch sollte niemand behaupten, dass sie etwas hätte tun können und es unterlassen hatte.

Behutsam tastete sie nach den Gedanken des Mannes, den Dr. Ekkri als Yese Bokha vorgestellt hatte.

Es war nicht so, dass sie Worte hörte. Stattdessen sah sie farbige Muster, die etwas über die Persönlichkeit verrieten und denen sie entnehmen konnte, was gedacht wurde – was sie wissen wollte.

Wenn da Gedanken gewesen wären.

Und Muster.

Erschrocken wich sie zurück.

Nichts!

Der Kopf des Mannes war … leer.

War die Degeneration schon so weit fortgeschritten?

Noch einmal wagte Shilla eine Annäherung.

Sie hatte sich nicht getäuscht. Es gab kein Muster, keine Farben – nur eine dunkle, braunschwarze Masse, die ihr das Gefühl gab zu … ersticken, … erdrückt zu werden. In die Finsternis gesogen zu werden.

Plötzlich musste sie an die dunklen Flecken in Cornelius‘ Muster denken. Sie waren ähnlich, aber nicht annähernd so erschreckend. Und was sie gespürt hatte, als sie ihm in die Augen blickte, ließ sich auch mit der jetzigen, viel intensiveren Kraft vergleichen, die sie in die Dunkelheit saugen wollte.

Shilla löste sich von Bokha und wandte sich Anitore Napata zu.

Es überraschte sie nicht im Mindesten, als sie bei diesem auf genau die gleiche Düsternis stieß.

Der Selbsterhaltungstrieb verbot ihr, in das Dunkle einzutauchen, das bestimmt keinerlei Antworten bereit hielt.

Würde Cornelius‘ Geist irgendwann genauso aussehen?

Was war mit Napata und Bokha auf Gamorrha geschehen? Und mit Cornelius? Was war bei ihm anders? Weshalb war Jason, der ebenfalls diesen Planeten besucht hatte, gesund geblieben? Pakcheon hatte die Vermutung geäußert, dass er als Telepath Cornelius‘ Suggestivkraft geweckt hatte und diese wiederum für die Gebilde in seinem Gedankenmuster verantwortlich war. War Jason gesund geblieben, weil er keine latente Gabe besaß, die der Kontakt zu ihr hätte aktivieren können – oder war der Raumanzug, den er auf Gamorrha getragen hatte, der entscheidende Faktor gewesen?

Shilla wollte nicht, dass Cornelius so endete wie diese beiden. Schon Pakcheons wegen nicht.

Sie überwand ihre Abscheu vor dem schaurigen Braun und tastete sich heran. Vor ihr Finsternis, hinter ihr das Licht.

Nur ganz kurz. Ein winziges Stück. Was kann dabei schon passieren?

Sie überwand die Grenze.

Das Helle war fort, und die Dunkelheit umschloss Shilla.

Sie zog sich zurück.

Aber um sie herum war nur noch Finsternis. Zäh und widerlich.

Erstickend.

Erdrückend.

Tödlich.

Shilla schrie in Panik auf. (…)

Copyright (C) 2012/13 by Irene Salzmann, Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

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Zurück auf Gamorrha – Band 52 (Rettungskreuzer Ikarus) [Kindle Edition]

Irene Salzmann (Autor), Lothar Bauer (Illustrator)

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 449 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 140 Seiten
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  • Verlag: Atlantis Verlag Guido Latz (29. Juni 2013)
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  • Sprache: Deutsch
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u. a.

Ein Unglück kommt nie allein:

Auf Sally McLennane wurde ein Attentat verübt. Während die Ärzte um das Leben der Direktorin des Raumcorps kämpfen, geht ihr Stellvertreter Heinrich Färber den wenigen Spuren nach; diese weisen auf einen alten, tot geglaubten Feind hin.

Für die beiden schwerkranken Schmuggler, die vom Rettungskreuzer Phoenix nach Vortex Outpost gebracht worden waren, scheint es keine Heilung zu geben. Um zu erfahren, was ihnen zugestoßen ist, riskiert die vizianische Telepathin Shilla ihr Leben.

Eine mysteriöse Droge überschwemmt die Galaxis. Nicht nur trägt sie die Handschrift von Sally McLennanes Widersacher, sondern es scheint auch eine Verbindung zu den Schmugglern und damit zu einer verbotenen Welt zu geben.

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