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ZUM TEUFEL MIT DER BRUT – Kurzgeschichte von Miriam Kleve

Zum Teufel mit der Brut

Kurzgeschichte

von

Miriam Kleve

Die Karten tanzten vor ihren Augen, bewegten sich sanft im Takt der Musik, die leise aus den Lautsprechern in den Ecken klang. Die Würfel sprangen immer wieder einander, um sich gegenseitig zu beweisen, wer der Stärkere auf dem Tisch sei. Ihre Bemühungen endeten in lautem Geklackere, was die Karten aber keineswegs störte. Im Gegenteil. Die Pikdame übte sich in huldvoller Duldung, wie es ihrem Stande angemessen war. Nur der rote Joker zeigte ein grimmiges Gesicht und war jederzeit bereit, einen der Würfel vom Tisch und somit ins endlose Nichts zu treten. Unter die Couch, wo ihn niemand suchen und deswegen nie finden würde. Außer vielleicht die Katze. Der rote Joker war, zumindest in Gedanken, schon ein fieser Kerl.

Die Türe ging auf und die Pflegerin kam herein. Sie hielt ein weißes Plastiktablett in ihren Händen, auf dem das Mittagessen und ein Döschen mit Pillen standen. Sie hatte keinen Blick für die tanzenden Karten und hüpfenden Würfel, die sich gerade noch rechtzeitig fallen ließen und regungslos verharrten.

„Hallo, Lilli“, sagte Frau Kasper mit einem falschen Lächeln, während sie mit der dicken Hüfte die Türe zurück ins Schloss drückte. Sie stellte das Tablett auf dem kleinen Beistelltisch ab, ging zum Fenster und öffnete es auf kipp. „Ein schöner Tag, nicht wahr?“ Draußen regnete es in Strömen.

Lilli starrte auf die Spielesammlung, die auf dem Couchtisch stand. Nichts rührte sich. Der Blick des Mädchens war vorwurfsvoll und verbittert. Und dann fiel Lilli auch noch eine ihrer goldblonden Locken ins Gesicht, deren spitzes Ende sie an der Wange kitzelte, so dass es unangenehm kratzte. Lilli versuchte die Locke wegzupusten, aber es gelang ihr nicht.

„Dein Vater war gestern zu Besuch. Habt ihr schön gespielt?“ Frau Kasper kam ans Bett, zog hinter Lilli das Kissen hervor und schüttelte es auf. „Heute wieder so schweigsam? Na, dann rede einfach ich für uns beide.“ Die Pflegerin drückte auf der Fernbedienung des Betts einen Knopf und dessen Rückseite fuhr noch ein Stück höher, bis Lilli unangenehm aufrecht saß. Dann klappte Frau Kasper den kleinen Esstisch, der am Bett angebracht war, über Lillis Schoss. „Wie ist es heute? Möchtest du selber essen oder soll ich dich füttern?“

Lilli presste fest ihre beiden Lippen zusammen. Ihr war die Situation zuwider. Die ganzen letzten drei Jahre waren es und hatten einen Zorn in ihr anschwellen lassen, den sie kaum noch bekämpfen konnte.

Frau Kasper seufzte. „In Ordnung, dann bleibst du weiterhin fixiert und es wird ein sehr langes Mittagessen. Glaub mir, ich bekomme den Brei schon in dich hinein. Notfalls mit Gewalt. Ich habe Zeit. Dein Vater bezahlt mich immerhin gut dafür.“ Die Worte waren süß wie Zucker, aber absolut falsch. Sie waren Süßstoff für die Ohren.

Lilli schnaubte, dann öffnete sie den Mund und wartete.

„Na, geht doch“, meinte die Pflegerin und schob den ersten Löffel mit Babybrei in den Mund ihrer jungen Schutzbefohlenen. „Heute gibt es Banane. Ist sogar noch leicht warm. Aber ich lasse dich mal lieber fixiert. Man weiß ja nie.“

Frau Kasper fütterte also Lilli, die, nur mit einem blauen Nachthemd bekleidet, schmerzhaft aufrecht in ihrem Bett saß, widerwillig den faden Griesbrei zu sich nahm und dabei mit gepolsterten Lederriemen ans Bett gefesselt war.

„Weißt du, Kleines. Ich hatte es in meiner Kindheit nicht so gut wie du. Ich musste mir alles erarbeiten. Du bist ja förmlich mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden“, erklärte Frau Kasper und schob mit dem kleinen Plastiklöffel eine weitere Portion Bananenbrei in Lillis Mund. „Du solltest deinem Vater sehr dankbar sein, dass er diese ganze Mühe auf sich nimmt. Wäre meine Tochter verhaltensgestört und litt unter Wahnvorstellungen, ich würde sie einfach in eine Anstalt einweisen lassen und mein Leben weiterleben.“ Frau Kasper konnte plappern ohne innezuhalten. Und das tat sie auch. „Und diese Sachen die du immer erzählst, das macht Leuten Angst. Ich bin da zum Glück ganze anders. Dein Vater sollte dankbar sein, dass er mich hat. Ich lasse mich nicht so leicht erschrecken. Nein, ich bin aus ganz anderem Holz geschnitzt. Ich denke, ich wäre eine gute Partie für deinen Vater. Jedenfalls mit einer Tochter wie dir.“

Frau Kasper plapperte. Und in ihrem Rücken begannen sich die Karten zu bewegen. Sie lugten nach vorne und schlichen dann an den Rand des Tisches. Von dort aus fielen sie vorsichtig nach unten, sammelten sich zu einem Stapel und huschten dann in Formation unters Bett. Einzig der rote Joker blieb auf dem Tisch stehen, um die ganze Aktion zu beobachten. Er lachte still. Ein grausames Lachen mit einem Blick voller Hass. Die Würfel rutschten vorsichtig an ihm vorbei bis zur Tischkante, drehten sich auf die Eins und warteten. Vielleicht gab es für die rauen Gesellen aus hartem Plastik heute eine Gelegenheit, sich zu beweisen.

„Fertig“, sagte Frau Kasper und legte den Löffel wieder aufs Tablett. Sie schob Lilli noch drei bunten Pillen in den Mund. „Ich muss noch ein paar Sachen wegräumen, die gestern liegen geblieben sind. Aber ich hatte einfach keine Zeit. Samstagabend ist halt meine Fernsehstunde. Da kann ich nicht anders.“ Frau Kasper lachte. „Das kannst du ja nicht verstehen. Du weißt ja nicht was ein Fernseher ist.“ Sie stand auf. „Soll ich das Bett wieder ein wenig runterstellen?“

Darauf hatten die Karten gelauert. Sie schoben sich flach hinter die Füße der Pflegerin und bildeten einen kleinen Teppich.

„Dreckige Schlampe!“ zischte Lilli und starrte Frau Kasper hasserfüllt an.

Diese machte erschrocken einen Schritt zurück und trat auf die Karten. Die wiederum setzten sich jetzt in Bewegung und zogen, auf ein Kommando der Pikdame hin, Frau Kasper regelrecht die Beine unter dem Körper weg. Mit einem schrillen Schrei fiel die Pflegerin rücklings zu Boden und kam schmerzhaft auf.

Nun sahen die Würfel ihre Zeit gekommen und sprangen in hohem Bogen vom Tisch ab. Mit den Ecken voran trafen sie hart ins Gesicht von Frau Kasper, die zu schreien begann – oder es wollte. Aber genau darauf hatten es die Würfel abgesehen.

Geschickt sprangen sie in den sich öffneten Rachen der Frau, schoben und quetschten sich tief hinab, sperrten sich mit einer Drehung dagegen ausgehustet zu werden und sperrten ihrem Opfer die Luft ab. Kein Schrei, nur ein verzweifeltes Röcheln kam von Frau Kasper, die mit großen, dann hervorquellenden Augen ihre letzten Blicke in die Welt warf. Sie griff sich an den Hals, versuchte auf die Beine zu kommen, die allerdings nur noch vor Verzweiflung mit den Hacken auf den Boden schlugen, dann zuckten und schlussendlich regelrecht in ihrer Bewegung erstarben. So wie das Röcheln. Die Hände von Frau Kasper sanken langsam zu Boden, ihre Augen blickten starr und leblos zur Decke hinauf, die Zunge war weit hinausgestreckt, gleich einem obszönen Versuch ungehorsam am Leben zu bleiben.

Auf diesen Augenblick hatte der rote Joker gehofft. Er stieß sich vom Tisch ab, segelte elegant zu Boden und nutzte im letzten Augenblick den Fallwind, um Richtung Frau Kasper zu fliegen. Mit einer eleganten Drehung ging der rote Joker längs und seine scharfe Papierkante schlitzte durch das Muskelgewebe der Zunge, um deren Spitze vorne sauber abzutrennen. Blut spritzte kurz zur Seite weg und floss dann über die Mundwinkel auf die Karten hinab, während der Joker flach auf dem Boden zu liegen kam. Neben sich ein Stück blutiges Menschenfleisch.

Lilli lächelte zufrieden, dann spuckte sie die drei bunten Pillen aus.

* * *

Gabriel schob sich mit dem Zeigefinger die Brille wieder ein Stück den Nasenrücken hinauf. Er sah sich um. Frau Kasper tot auf dem Boden. Das Bett zerwühlt und leer. Überall Spielkarten. Scheiße!

Herr Teufel trat ein und besah sich den Schlamassel. Wie immer trug er einen eleganten Anzug. Und er wirkte überaus souverän. Trotz der kritischen Situation. Teufels Blick fiel auf die Spielesammlung. Er machte ein angesäuertes Gesicht. „Ich habe Frau Kasper gestern die Anweisung gegeben, die Spielesammlung sofort wegzuräumen.“

„Tja, dann wird sie sich nicht beschweren können“, meinte Gabriel lapidar. „So wie es aussieht waren die Medikamente wohl zu niedrig dosiert.“

Herr Teufel zog vorwurfsvoll die linke Augenbraue hoch. „Du behauptest also meine Frau würde ihre Arbeit nicht richtig machen?“ Er schnaubte angesäuert. „Quatsch! Lilli hat die Pillen wahrscheinlich immer ausgespuckt und Frau Kasper hat nichts bemerkt. Sie ist in letzter Zeit wohl schluderig geworden. Ich werde mit ihr ein ernstes Wörtchen reden müssen.“

„Sicherlich“, stimmte Gabriel zu und betrachtete die Spielkarten. „Es ist also erneut Hass und nicht die Liebe.“

„Gegenstände zu beseelen ist jetzt nicht unbedingt so schwer“, erklärte Herr Teufel und trat ans Bett. „Die Fesseln allerdings zu lösen, dazu braucht es einiges an Geschick. Sie ist stärker geworden, ohne jeden Zweifel.“

Gabriel seufzte. „Sie wissen, dass ich das melden muss?“

„Ja, so war die Vereinbarung. Ich weiß. Ich werde mich natürlich daran halten, Gabriel. Könntest du versuchen ein wenig Zeit für mich herauszuschlagen? Ich würde ja selber fragen, aber mit mir spricht er kein Wort mehr.“

„Das ist doch verständlich, oder?“

Herr Teufel nickte. „Aus seiner Sicht mag das sein. Aber ich denke anders darüber. Also, bittest du ihn um etwas Aufschub, damit meine Leute nach Lilli suchen können?“

„Ihre Leute?“ fragte Gabriel skeptisch. „Ich hoffe doch, ihre Auswahl hält sich in Grenzen.“

„Ich werde schon darauf achten, dass keiner der schlimmen Jungs loszieht. Aber ich muss auch etwas auffahren, um Lilli wieder einzufangen.“

Gabriel nickte. „Natürlich. Das Aussehen eines Engels und die Macht eines Teufels. Keine leichte Sache. Ich werde ihn fragen. Oder lieber seinen Sohn fragen. Der ist etwas zugänglicher und hat ein Faible für Kinder.“

Herr Teufel lachte. „Heutzutage muss man mit solchen Formulierungen vorsichtig sein, mein Lieber. Auf jeden Fall Danke. Ich werde noch meine Frau anrufen, bevor ich in die Kanzlei zurückfahre und alles in die Wege leite.“

Gabriel nickte und trat einen Schritt zurück. Noch bevor dieser beendet war, hatte sich Gabriel in einem goldenen Schimmer aufgelöst und war verschwunden. Der Duft von Lebkuchen lag in der Luft.

„Angeber“, schnaubte Herr Teufel leise und zog sein Telefon hervor. Es war ein altes, klobiges Gerät. Mit neuen Dingen freundete er sich nur schwer an. Alles war so schnelllebig geworden.

Herr Teufel wählte eine Nummer aus dem Kurznummernspeicher aus und wartete. Es wäre nur eine Sache von Sekunden gewesen persönlich in Rio zu erscheinen. Aber er wusste, dass sie solche Auftritte nicht mochte. Und im Grunde hatte er keine Lust in Persona von dem Schlamassel zu berichten.

„Hier Teufel, verbinden Sie mich bitte mit Frau Engel. Es ist dringend. Ja, genau. Ich bin ihr Mann.“ Es dauerte etwas. „Hallo Liebling, freut mich dich zu hören. Ja, genau, ja, etwas mit Lilli. Reg dich nicht…“ Herr Teufel seufzte. Manchmal war es echt schwer mit ihr zu reden.

Hinter ihm wurde es kurz hell und dann lag der Duft von Marzipan und Rosenblüten in der Luft, darin das Aroma von purem Zorn. Er brauchte sich nicht umzudrehen um zu wissen, wer gerade eingetroffen war. „Schatz, du bist zu Hause? Schön.“

ENDE

Copyright (c) 2015 by Miriam Kleve, all rights reserved

Coverillustration basierend auf:
„Jester- Joker Card001“ von GoShow – Eigenes Werk. Added on to Flickr.. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jester-_Joker_Card001.jpg#/media/File:Jester-_Joker_Card001.jpg
„6sided dice“ by Diacritica – Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:6sided_dice.jpg#/media/File:6sided_dice.jpg

Bildrechte: “Das Böse” (Das Böse.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Buchtipp der Redaktion:

Soll ihn der Teufel holen (Kartoniert)
Geschichten zum Gruseln, Schmunzeln, Nachdenken
von Häfliger, Eduard

.

Verlag:  tredition
Medium:  Buch
Seiten:  88
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Januar 2015
Maße:  193 x 122 mm
Gewicht:  120 g
ISBN-10:  3732319075
ISBN-13:  9783732319077

Beschreibung
Fiktive, aus dem Leben gegriffene Kurzgeschichten, die zum Gruseln, Schmunzeln und Nachdenken bewegen.

Autor
Eduard Häfliger, 1941 in der Schweiz geboren, hat an der ETH Zürich als Elektroingenieur diplomiert und in nationalen und internationalen Konzernen gearbeitet. 1990 wurde er freier Unternehmensberater. 2000 packte ihn der Spaß am Schreiben.

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Updated: 2. September 2015 — 00:35

6 Comments

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  1. Rundum gelungene Geschichte, von der Idee bis zu Ausführung.
    Deshalb gibt es ohne Zögern 5 of 5 von mir.

  2. Huhu!

    Vielen Dank!!! ***rot werd***

  3. Folgende Anmerkungen:

    wer der Stärke(re) auf dem Tisch sei

    auch noch eine ihrer goldblonden Locken-s- ins Gesicht

    Sonst habe ich nichts gefunden.

    Wenn du einverstanden bist, poste ich diese Story in unsere Anthologie mit Teufelsgeschichten, einverstanden? gib bitte kurz bescheid.

  4. Buchtipp steht. Ist der genehm, Miriam?

  5. Huhu!

    Ja, okidoki, beides in Ordnung. Vielen dank für den Tipp!!!

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