sfbasar.de

Literatur-Blog

VIELE KÖCHE VERDERBEN DEN BREI – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Viele Köche vergiften den Brei

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Polizeioberkommissar Armin Dübel machte es ich im mittleren Sessel gemütlich. Von hier aus hatte er einen guten Überblick und konnte sich ein Bild von den Dingen machen, die eigentlich hinter der Kamera geschahen. Links von ihm saß Alexandro Kapuzek, Lebensmittelchemiker und selbsternannter Papst der Zusatzstoffe und Aromen. Daneben, mit einer sauertöpfischen Miene und durchgedrücktem Rücken, Martina Roya. Autorin mehrerer Kochbücher, Gast vieler Kochsendungen und Expertin im Bereich der Bio-Lebensmittel.

Rechts von Polizeioberkommissar Dübel hatte sich der stark übergewichtige Olaf Schulz in den Sessel gequetscht und knabberte an einem großen Keks. Seine kleinen Schweinsäuglein huschten aufgeregt im Studio umher und beobachteten die adrette Tontechnikerin, die versuchte den entstandenen Kabelsalat zu entwirren. Ein Beamter stand dabei und achtete auf jede Kleinigkeit. Schulz war übrigens kein Experte, sondern vertrat den Verbraucher und die These, er würde von der Industrie, mittels  Geschmacksverstärker, zum Essen gezwungen.

Noch einen Sessel weiter hockte, mit professionellem Gesichtsausdruck und sehr gelassen, Erika Krainer, die amtierende Bundesverbraucherministerin. Ihr wurde nachgesagt, sie stände der Lebensmittelindustrie nahe und würde Lobbypolitik betreiben. Mit ihr war derzeit gut Quote zu machen, denn sie vertrat ihre Position meist lautstark.

Die Zuschauerränge waren bereits geleert. Vor der ersten Reihe sprach der Notarzt mit einem weiteren Beamten und erklärte die medizinische Situation. Ein Rettungssanitäter räumten die mitgebrachten Kisten wieder ein. Das zweite Rettungsteam war bereits unterwegs, um die Patientin ins nächste Krankenhaus zu bringen.

Armin Dübel atmete tief durch. Er hatte selten mit prominenten Menschen Umgang und ein Fernsehstudio war für ihn absolutes Neuland. Zudem saß ihm der Chef im Nacken. Der wollte schnelle Ergebnisse, um sie der Presse zu präsentieren. Immerhin hatte es vor laufender Kamera einen Mordversuch gegeben. Die Nation hatte zugesehen und war schockiert.

„Entweder fangen Sie jetzt endlich mit ihrer Arbeit an oder ich gehe“, giftete die Ministerin. In Natura war sie eine schreckliche Person. „Ich genieße besondere Rechte. Meine Anwesenheit ist vollkommen freiwillig.“ Immerhin war Wahlkampf und Erika Krainer würde die Situation sicherlich für ein paar Prozent ausschlachten.

„Wir alle wollen endlich fertig werden.“ Kapuzek räusperte sich. „Meine Termine sind ebenso wichtig wie die Ihren. Vielleicht sogar wichtiger. Immerhin hängt von meiner Expertise ab, ob Sie den Gesetzesentwurf der radikalen Linken abwatschen können.“

„Als ob Ihre Stimme Gewicht hätte, Herr Kapuzek.“ Nun mischte sich Martina Roya ebenfalls ins Gespräch ein. Kapuzek war für sie ein rotes Tuch. „Ihre Meinung steht doch schon fest. Dass Sie dabei die Menschen in den Tod stürzen, das ist Ihnen doch vollkommen egal. Sie pumpen alles mit Ihren Chemikalien voll und sehen gemütlich zu, wie die Leute immer dicker werden und dann tot umfallen.“

Schulz schnaufte zustimmend. „Ohne Geschmacksverstärker würde ich gar nicht so viel essen.“ Dafür bekam er von Roya ein anerkennendes Nicken.

„Meine Damen und Herren, bitte beruhigen Sie sich alle“, ging Polizeioberkommissar Dübel verbal dazwischen. „Ich versichere Ihnen, dass ich mich beeilen werden und trotzdem Sorgfalt walten lasse. Ihre persönlichen Querelen sind mir vollkommen egal. Entweder sie kooperieren mit mir oder ich lade sie allesamt aufs Revier ein, um dort die Vernehmungen zu führen.“

Sofort waren alle ruhig und Armin Dübel nickte zufrieden. „Das hier ist eine erste Zeugenvernehmung. Ich möchte mir einen Überblick verschaffen, um den Fall gezielt aufzuklären. Für ihre Mithilfe wäre ich sehr dankbar.“ Der Polizeioberkommissar winkte die Moderationsassistentin zu sich, eine junge Praktikantin. Sie war verunsichert und klammerte sich an ihre Produktionsnotizen.

„Nur keine Aufregung“, versuchte Dübel die Frau zu beruhigen. „Ich brauche Sie hier, falls ich Fragen zum Ablauf der Sendung habe. Wie ist Ihr Name?“

„Gitte Hansen, Herr Polizeioberkommissar“, antwortete die Assistentin.

Dübel lachte freundlich. „Gut, dann sind die Formalitäten ja geklärt. Könnten wir eine Aufnahme der Sendung sehen? Ab Minute zehn vor der Lasagne?“

„Natürlich, kein Problem, Herr Polizeioberkommissar.“ Mit flottem Schritt ging sie zu einem der Regieassistenten hinüber und wechselte ein paar Worte ihm. Kurz darauf flimmerte ein Bild über einen der Monitore, zu Füßen der Gesprächsrunde.

Annette Wilmsen, die bekannte Talkshowmoderatorin, hatte zum Thema Ernährung eingeladen und die Runde war in einem hitzigen Streitgespräch gefangen. Alexandro Kapuzek ergriff nun das Wort und präsentierte eine Mikrowellenlasagne, die er am Morgen in einem Supermarkt eingekauft hatte. Er erklärte die Zusatzstoffe und wies darauf hin, dass alle ganz harmlos seien. Martina Roya widersprach erwartungsgemäß und erklärte, jeder der davon äße fiele tot um. Daraufhin nahm sich Kapuzek die Lasagne vom Beistelltisch und steckte einen Löffel hinein. Er würde den Beweis antreten, dass die Lasagne harmlos sei.

An dieser Stelle griff Wilmsen ein und nahm die Lasagne kurzerhand an sich. Die Moderatorin meinte, sie habe noch nichts gegessen und Hunger. Deswegen würde sie von dem Fertiggericht probieren und bot Olaf Schulz ebenfalls einen Happen an. Der lehnte panisch ab und winkte unbeholfen mit seinen fiel zu kurz wirkenden Armen. Also nahm Wilmsen einen großen Happen, merkte an, dass die Lasagne lecker sei, wurde blau und schnappte nach Luft. Hier ging die Sendung Off Air und griff der Sanitäter ein, bis der Notarzt eintraf. Schnell stand fest, dass es sich um eine Vergiftung handelte. Glücklicherweise ohne tödlichen Folgen für die Moderatorin, die nun einige Tage im Krankenhaus verbringen würde.

Polizeioberkommissar Dübel dachte kurz nach und entschied sich dann für die direkte Konfrontation. „Herr Kapuzek, haben Sie Feinde?“

Der Lebensmittelchemiker sah den Beamten überrascht an. „Ich? Warum denn ich? Ich wurde doch gar nicht vergiftet?“

Martina Roya kicherte. „Verdient hätten Sie es schon, Kapuzek.“

„Also haben Sie ein Motiv?“ hakte Dübel nach und die Köchin wurde blass.

„Nein, ich meine, ich habe das nicht so gemeint wie es gerade geklungen hat.“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe. „Wir haben unsere Differenzen. Aber ganz ehrlich, kein Zusatzstoff ist so schlimm, dass er einen Mord rechtfertigen würde. Ich benutze selbst gekörnte Brühe in meiner Küche. Warum sollte ich da ein Motiv haben?“

Kapuzek schnaubte. „Aha, wusste ich es doch. Sie und Ihre Scheinheiligkeit. Gekörnte Brühe, wissen Sie überhaupt, wie schlimm das Zeug ist? Das wird Ihre Fans aber freuen zu hören.“

Polizeioberkommissar Dübel hob die Hand. „Bitte Ruhe. Das ist vollkommen unwichtig. Sie müssten sich mal reden hören.“

„Sie liegen falsch, Herr Dübel“ mischte sich nun die Bundesverbraucherministerin ein und ließ absichtlich den Dienstrang unter den Tisch fallen. Als Ministerin hatte Erika Krainer keine Lust, einem, in ihren Augen, niederem Beamten Respekt zu zollen. „Es war abgesprochen, dass ich einen Löffel Lasagne essen sollte. Der Anschlag galt also mir. Als Ministerin bin ich stets im Fadenkreuz. Vor allem als Bundesverbraucherministerin. Da verstehen die Leute vieles falsch. Dabei handle ich nur zu ihrem besten. Vor allem die Kinder liegen mir am Herzen. Deswegen mein Motto: Für jedes gute Kind eine gute Mahlzeit.“

„Sie spinnen!“ rief Martina Roya wütend. „Das klingt vielleicht gut, aber tatsächlich arbeiten Sie hier mit der Lebensmittelindustrie zusammen und bieten Tiefkühlkost an. Das ist einfach schrecklich.“

Erika Krainer blieb gelassen. „Das sagt die Richtige. Wollen Sie mich vielleicht auch vergiften? So wie Herrn Kapuzek?“

„Lassen Sie mich da raus“, sagte dieser nur. „Und mit Ihrem Schulessenprogramm seien Sie mal ganz ruhig. Als ich Ihrem Ministerium medienwirksam Hilfe angeboten habe, hat man mich abblitzen lassen. Wer nicht zahlt, der bekommt auch nichts von mir.“

„Bestechliches Schwein!“ rief nun Roya aus.

„Für Sie Bio-Schwein, bitteschön“, entgegnete Kapuzek.

„Ruhe!“ rief Polizeioberkommissar Dübel. Langsam verlor er die Geduld. „Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir Herrn Schulz befragen.“

„Mich?“ Olaf Schulz sah überrascht aus. „Warum denn mich? Mich hat sicherlich niemand vergiften wollen.“

„Stimmt“, erklärte Armin Dübel. „Ich weiß noch nicht warum, aber Sie haben die Lasagne vergiftet.“

Es wurde mit einem Male still im Studio und alle blickten den dicken Mann an, der kurz vor einem Weinkrampf stand. „Was? Aber warum denn ich? Ich weiß doch gar nicht wie vergiften geht.“

„Wie alle sehen konnte, haben Sie sich mit Händen und Füßen gewehrt von der Lasagne zu probieren, Herr Schulz. Sie wussten, dass die Lasagne vergiftet war.“

„Ja“, wimmerte Olaf Schulz. „Ich habe es gewusst. Ich gebe es zu.“

Dübel war von sich selbst überrascht. Ein Schuss ins Blaue und dann solch ein Treffer. Der Polizeioberkommissar fragte sich allerdings, warum, wann und wie der dicke Mann die Tat begannen hatte.

Schulz fing an zu weinen. „In der Lasagne waren Pilze. Ich bin doch allergisch auf Pilze. Das habe ich vor der Sendung extra angegeben. Pilze sind für mich reines Gift. Da konnte ich doch nichts von essen, obwohl die Lasagne so lecker aussah. Ohne die Allergie hätte ich davon gegessen. Ich schwöre es. Ich stopfe doch alles in mich rein. Es schmeckt einfach so gut. Auch das Biozeug.“

„Sehen Sie!“ rief nun Kapuzek aus. „Der ist fett vom Fressen.“

„Ha!“ schrie nun auch Martina Roya. „Aber er frisst auch Biozeug.“

„Sie machen mich krank!“ schrie Erna Krainer los. „Das ist doch nur ein dummer Verbraucher. Der schlingt alles runter. Deswegen müssen wir bereits bei den Kindern anfangen.“

„Ruhe!“ Polizeioberkommissar Dübel war sauer. „Mir reicht es langsam. Das ist ja wie im Kindergarten.“ Er seufzte. „In Ordnung, Pilzallergie. Oh, mein Telefon.“

Dübel zog sein Smartphone aus der Tasche und nahm den Anruf entgegen. Das Präsidium. Er war froh über die Pause. Diese Promis waren der reinste Horror. Am anderen Ende war ein Kollege und informierte Dübel, über die aktuelle Entwicklung. Der Polizeioberkommissar beendete das Gespräch und sah betroffen in die Runde. „Ich habe gerade eine traurige Nachricht erhalten. Frau Wilmsen ist auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben. Die Dosis Gift war wohl doch zu stark.“

Kaum war das letzte Wort verklungen, da hallte ein Schrei durchs Studio. Die Regieassistentin Gitte Hansen brach auf einem der vorderen Gästesitze zusammen. Dübel stand auf und ging zu ihr, um sie zu trösten. „Meine Liebe, es tut mir leid. Sie haben Ihre Chefin wohl sehr gemocht?“

„O Gott, ich werde lebenslang ins Gefängnis müssen“, schluchzte sie zitternd. „O Gott, o Gott.“

„Wie kommen Sie denn darauf?“ hakte der Polizeioberkommissar nach. Ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus. „Hm?“

„Die Quoten, die verdammten Quoten. Die waren im Keller. Annette meinte, das würde für Aufregung sorgen. Ich sollte das Zeug in die Lasagne schütten. Aber ich wusste ja nicht, wie viel da reinkommt. Sie wollte es sich schnappen, bevor es jemand anderes nimmt. Der Dicke ist doch allergisch, das stand in den Unterlagen. Deswegen hat sie es ihm ja angeboten. Damit keiner auf die Idee kommt, dass Annette von dem Gift wusste. O Gott, o Gott. Ich muss ins Gefängnis. Ich bin doch noch so jung. Ich hätte mich nie darauf einlassen sollen. Und jetzt ist sie tot. Und ich verbringe meine Jugend im Knast. Ich hatte doch noch so viel vor.“

Dübel winkte einen Beamten herbei und ließ die Regieassistentin abführen. Dann ging er zu den Talkshowgästen zurück. „Leider hat sich der Fall auf tragische Art und Weise gelöst. Sie können nach Hause. Hier ist alles erledigt.“

Alexandro Kapuzek grunzte. „Wie ich es immer sage, es kommt auf die richtige Dosis an.“

„Idiot“, fauchte Martina Roya. „Schlussendlich hat sie die Chemie umgebracht.“

„Unsinn.“ Bundesverbraucherministerin Erna Krainer erhob sich aus dem Sessel und warf einen mitleidigen Blick auf den heulenden Olaf Schulz. „Das war reine Gier. Quote und Geld. Und niemand denkt an die Kinder. Das ist ein Fall für die Presse.“

Dübel seufzte sauertöpfisch.

ENDE

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz

Buchtipp:


Tom Hillenbrand
Rotes Gold
Ein kulinarischer Krimi
Xavier Kieffers zweiter Fall

Kiepenheuer & Witsch Paperback
ISBN: 978-3-462-04412-6
Seiten/Umfang: ca. 350 S.
Erscheinungsdatum: 1. Auflage 19.04.2012
Aus der Reihe: KiWi 1262

Titel bei Amazon.de
Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

»Tom Hillenbrand regt genussvoll den Appetit der Krimileser an.« Die Welt. Seit der Luxemburger Koch Xavier Kieffer mit Frankreichs berühmtester Gastrokritikerin liiert ist, wird er zu den exklusivsten Events eingeladen. Doch das edle Dinner beim Pariser Bürgermeister endet bereits nach der Vorspeise: Ry’nosuke Mifune, Europas berühmtester Sushi-Koch, kippt plötzlich tot um. Die Diagnose lautet: Fischvergiftung. Doch Kieffer ist skeptisch und deckt schnell Widersprüche auf. Er taucht ein in die Welt der Sushiküche und muss erkennen, dass es Fische gibt, die teurer sind als Gold – und wertvoller als ein Menschenleben.

Tom Hillenbrand, geboren 1972, studierte Europapolitik, volontierte an der Holtzbrinck-Journalistenschule und war Ressortleiter bei Spiegel Online. Der begeisterte Hobbykoch und Foodie verliebte sich während eines mehrmonatigen Luxemburger EU-Praktikums in das Großherzogtum. Sein erster Roman (»Teufelsfrucht«) stand monatelang auf Platz eins der Bestsellerliste in Luxemburg. Tom Hillenbrand lebt in München. Das Hörbuch erscheint im Frühjahr 2012 bei Audio Media.

Titel bei Amazon.de
Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

3 Comments

Add a Comment
  1. Da stimmt was nicht mit dem Klappentext des Buchtipps, lieber Autor! 🙁

  2. Typischer „copy & past-Fehler“. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme