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VERLOREN OHNE DICH – Leseprobe (Teil 3) des gleichnamigen Romans von Jana Martens

VERLOREN OHNE DICH

Leseprobe (Teil 3)
des gleichnamigen Romans
von
Jana Martens

(Zum vorherigen Teil)
Froh, dem dunklen Zimmer und dem Haus entfliehen zu können, schaltete er das Licht aus und schloss die Tür. Sein Schlafraum – als Zimmer konnte er diese kleine Abstellkammer von zehn Quadratmetern nicht bezeichnen – besaß nicht einmal ein Fenster; nur einen schmalen Lüftungsschacht, der im hinteren Teil des Gartens endete. Nach einem Abstecher in die Vorratskammer, in der eine Packung Schokoladencookies in den Rucksack wanderte, ging er zurück in die Garage. Von dort führte eine Tür neben der eigentlichen Garageneinfahrt auf den großen Hof im vorderen Bereich der Villa. Sie war wie alle Türen und Fenster im Haus mit der Alarmanlage verbunden. Lucas kannte den Code und im Nu hatte er die richtige Kombination auf dem kleinen Zahlenfeld eingetippt und bestätigt. Ein grünes Lämpchen leuchtete auf und gab ihm den Weg frei. Vorsichtshalber aktivierte er die Alarmanlage wieder, als er draußen stand.

Mit einem letzten Blick zur geschlossenen Garage rannte er nach hinten in den Garten. Dort befanden sich der Swimmingpool und ein Gästehaus. Neben dem Haus grenzte nur wenige Meter entfernt der zweieinhalb Meter hohe Eisenzaun an, der an dieser Stelle von Büschen und einer großen Esche verdeckt war. Mit Schwung sprang er in die Luft, griff nach einem tief hängenden Ast und zog sich hoch. Problemlos konnte er auf der anderen Seite der Eisenstäbe nach unten klettern.

Es hatte schon gewaltige Vorteile, wenn man täglich das Grundstück pflegte: Man kannte es mit der Zeit so gut wie die eigene Westentasche und fand versteckte Lücken und Wege, die andere nicht einmal wahrgenommen hätten, selbst wenn sie genau hinsehen würden.

Lucas verlor keine wertvolle Zeit. Statt am Rand der Landstraße entlang zu laufen, nahm er eine Abkürzung über einen alten Wanderweg. Damit sparte er fünf Minuten Fußweg.

Schließlich erreichte er den West Drayton Friedhof. Der eiserne Rundbogen mit dem Namenszug begrüßte ihn, und sofort fühlte er sich zu Hause. Hierher verirrten sich nicht viele Menschen. Hier war er allein. Allein mit seinen Gedanken, seinen Wünschen und seinen Bildern. Andere hätten es wohl makaber gefunden und ihn ausgelacht, doch für Lucas war es das Paradies. Für ihn gab es keinen schöneren Ort als diesen Flecken Erde mit den halb verwitterten Grabsteinen. Die Vögel zwitscherten, Wildblumen wuchsen überall und das wuchernde Gras lud geradezu zum Verweilen ein. Sich ins Gras fallen zu lassen, die Augen zu schließen und die Welt draußen auszusperren.

Lucas passierte das Eingangstor, wandte sich nach links dem älteren Teil des Friedhofes zu. Er wusste genau, welchen Engel er zeichnen wollte, doch die Suche dauerte länger, weil er einigen Besuchern auswich. Endlich stand er vor der erhabenen Steinstatue. Der kniende Engel reckte einen Arm mit einem Schwert gen Himmel.

Die Figur aus weißem Kalkstein saß auf einer grauen Steinplatte und ragte fast zwei Meter in die Höhe. Sie gehörte zu einem alten Familiengrab, dessen Namen er jedoch nicht lesen konnte. Das lag nicht an der verwitterten Schrift, er konnte tatsächlich nicht lesen. Lucas erkannte, dass jemand erst kürzlich darin beigesetzt worden sein musste. Zu den Füßen des Engels ruhten ein verwelkter Rosenkranz und ein paar Blumensträuße. Für einige Momente rang er mit dem Gedanken, sich ein neues Motiv zu suchen, aber wann würde er schon wieder die Zeit und Möglichkeit bekommen, hierher zu flüchten. Daher beschloss er, zu bleiben.

Nachdem er sich einmal umgesehen hatte und niemanden bemerkte, setzte er sich in ein paar Metern Entfernung ins kniehohe Gras. Es dauerte nicht lange, bis er völlig ins Zeichnen vertieft war. Die Stärke und Grazie, die der Engel ausstrahlte, nahmen ihn gefangen.

»Das hatte ich mir auch immer gewünscht.«

Lucas fuhr zusammen und sah von seiner Zeichnung auf. Neben ihm entdeckte er ein Paar schwarze Sneakers und Beine, die in einer schwarzen ausgefransten Jeans steckten. Neugierig geworden wanderte sein Blick nach oben. Es folgte ein enges blaues T-Shirt mit weißen Druckbuchstaben. Ein durchtrainierter Oberkörper zeichnete sich darunter ab, die Arme leicht gebräunt. Als er in das Gesicht des Fremden sah, staunte er nicht schlecht. Ebenmäßige sanfte Gesichtszüge wurden von kurzen blonden Haaren eingerahmt. Schmale Lippen formten sich zu einem freundlichen Lächeln. Aus rehbraunen Augen sah ihn der fremde junge Mann an. In der einen Hand hielt er eine einzelne rote Rose.

So einem attraktiven Mann war Lucas noch nie begegnet, und er starrte ihn für einen Moment mit unverhohlener Neugier an. Der Schreck von eben war vergessen.

Doch schnell kehrte seine Unsicherheit zurück. Er begann, sich wieder auf seine Zeichnung zu konzentrieren und versuchte, den jungen Mann nicht weiter zu beachten.

Dieser blieb stehen und schien sich offensichtlich für sein Bild zu interessieren. Lucas konnte nicht weiterzeichnen und beschloss, eine Pause zu machen.

»Was hast du dir denn immer gewünscht?«, fragte Lucas leise und war erstaunt, weil er die Initiative ergriff. Nebenbei spielte er mit dem Stift in der Hand, seinen Blick auf den Block gerichtet. Er gab vor, seine Zeichnung genauer zu studieren und machte halbherzige Verbesserungen.

»Dass ich zeichnen könnte. Bis jetzt langt es gerade mal zu unerkennbaren Strichmännchen.« Der Mann lachte über seinen Witz, und Lucas lachte in sich hinein.

»So schwer ist das nicht. Man muss nur wissen, wo man die Arme und Beine richtig ansetzt. Und zu lang und zu kurz dürfen sie auch nicht sein«, sagte Lucas und hob zögerlich den Kopf. In den Augen seines Gegenübers spiegelte sich echtes Interesse wider. Verlegen schlug sein Herz schneller. So viel Aufmerksamkeit war er nicht gewohnt. Seine Zeichnungen kannte bisher niemand, abgesehen von Rosalin und Maximilian.

»Siehst du, da fängt es schon an. Proportionen sind für mich ein Fremdwort.« Der junge Mann zwinkerte verschmitzt. »Im schlimmsten Fall käme bei mir ein dreiarmiges Monster mit acht Beinen, sechs Augen und dreißig Fingern heraus, das jedes kleine Kind zu Tode erschreckt. Mal im Ernst: Das sieht richtig professionell aus, was du da machst. Studierst du Kunst?«

Lucas schluckte. »Das … das ist nur ein … ein Hobby.«

»Quatsch keinen Scheiß! Das ist megahammergeil.« Ohne zu fragen, ließ er sich neben Lucas ins Gras fallen und schnappte sich den Block. Er hielt ihn in die Höhe und blickte abwechselnd von der Zeichnung auf die Engelsfigur und wieder zurück. »Für einen Hobbyzeichner hast du eine Menge Talent. Das weißt du hoffentlich.« Er reichte den Skizzenblock dem sprachlos gewordenen Lucas zurück.

Wollte der Fremde ihn aufziehen oder nur nicht kränken? Lucas war sich völlig unsicher. Er spielte wieder mit dem Kohlestift.

»Bislang habe ich noch niemanden gesehen, der extra auf einen Friedhof geht, um dort zu zeichnen.«

Lucas zuckte mit den Schultern.

»Egal. Dafür hatte ich heute Glück dich zu treffen.« Es folgte ein freches Augenzwinkern. »Du solltest dir echt überlegen, es nicht nur hobbymäßig zu machen. Das sieht richtig professionell aus.«

Bei diesen Worten spürte Lucas die Hitze in die Wangen schießen. Es war ein seltsames, gleichzeitig aber auch ein wunderschönes Gefühl. Komplimente waren für ihn etwas Fremdes. Am liebsten hätte er gesagt, dass er nur gern zeichnete, mehr nicht. Für ihn war es lediglich ein Stück Freiheit.

»Sag mal, zeichnest du auch Menschen?«, fragte der junge Mann und schielte immer wieder auf Lucas’ Block. »Also nicht nur Engelfiguren.«

»Habe es noch nie ausprobiert.«

»Wie wäre es, wenn ich mich als Versuchsobjekt zu Verfügung stelle?«

Lucas stierte ihn an. Hatte er sich vielleicht verhört?

»Komm schon, einen Versuch ist es wert.« Der Unbekannte grinste frech.

Inzwischen glaubte Lucas, seine Wangen würden in Flammen stehen.

»Wenn du keine Fremden malen willst … ich bin Ben.« Dabei streckte er ihm die Hand entgegen. »Natürlich bezahle ich auch dafür.«

»Ich … ich bin … Lucas«,  erwiderte er verhalten und schüttelte die Hand.

»Hi, Lucas. Nun sind wir keine Fremden mehr. Also, was sagst du?« Ungeduldig musterte Ben Lucas, der leicht beschämt den Kopf abwandte und auf seine Finger sah.

Passierte so etwas täglich?, fragte er sich und biss sich auf die Unterlippe. Was sollte er antworten? Auf der einen Seite war er nervös und spürte allmählich einen Funken Angst aufsteigen. Instinktiv musste er an Franklins Drohungen denken. Kein Mensch durfte wissen, wer er war. Gespräche mit fremden Personen waren verboten. Andererseits begann er, die plötzliche Aufmerksamkeit zu genießen.

»Sorry«, sagte Ben. »Ich bin wohl mit der Tür ins Haus gefallen. Es interessiert mich eben. Weißt du, ich kenne nämlich keinen, der überhaupt das Wort Zeichnen richtig buchstabieren kann. Du sollst nur wissen: Wenn du es ausprobieren willst, stehe ich dir zur freien Verfügung. Du darfst auch gern ein Monster aus mir machen. Nur keine Spinne … ich hasse Spinnen.«

»Das ist es nicht«, gab Lucas zu und war über seine Reaktion erstaunt. Innerlich musste er jedoch wegen des Spinnenkommentars schmunzeln. Obwohl er Ben nicht einmal fünf Minuten kannte, faszinierte er ihn. Er wirkte offen und ehrlich interessiert. Außerdem war er ein lustiger Typ. Ganz anders als die Freunde von Victoria, die ihn nur an der Nase herumführten und als persönlichen Dienstboten ausnutzten. Was hatte er schon zu verlieren? Franklin würde nie etwas davon erfahren. Somit nahm er die Herausforderung liebend gern an. »Na gut, du hast mich überredet.« Er blickte auf und in Bens strahlendes Gesicht.

»Wann? Gleich? Morgen?« Nun schien auch Ben nervös zu werden.

»Wenn du Zeit hast, gleich.«

»Super.« Ben wirkte erfreut. »Aber zuerst bringe ich die Rose an den Ort, an den sie gehört.« Er stand auf und lief auf das Familiengrab mit dem Engel zu. Schweigend legte er die rote Rose auf die Steinplatte, kam zurück und blieb erwartungsvoll vor Lucas stehen.

Plötzlich fühlte er sich nicht mehr wohl in seiner Haut. Er kam sich vor wie ein Grabschänder, weil er ausgerechnet den Engel dieses Familiengrabes gezeichnet hatte.

Ben bemerkte seine Beklommenheit. »Vor zwei Wochen ist meine Großtante Leonora gestorben. Ich war leider verhindert und konnte nicht zur Beerdigung kommen. Mach dir bloß keine Gedanken darüber. Der Engel sieht klasse aus. Meine Tante hätte sich gefreut.«

»Ich wollte nicht …«, setzte Lucas an, wurde aber sofort unterbrochen.

»Du hast doch nichts getan, nur den Engel gezeichnet. Hake es ab.« Er sah sich um. »Wo soll ich mich hinsetzen?«

Mit einem mulmigen Bauchgefühl deutete Lucas auf eine Stelle im Gras, direkt vor ihm. »Am besten dort.« Er beobachtete Ben, der seinen weiteren Anweisungen nachkam und ihn immer wieder anlächelte. Bens braune Augen funkelten vor Aufregung, blickten ihn oft mit einem frechen Glitzern an und hinterließen auf Lucas’ Haut ein angenehmes, warmes Prickeln.

Er hätte nie damit gerechnet, einmal so einen hübschen Mann zu zeichnen. Sofort schämte er sich für diesen Gedanken. Er versuchte, sich zu konzentrieren, aber er hatte nicht einmal angefangen, da fing seine Hand vor purer Erregung an, zu zittern. Lucas hatte ziemlich viel Mühe, den Stift ruhig zu halten und sich gleichzeitig nichts anmerken zu lassen. Er schluckte einen wachsenden Kloß im Hals hinunter und leckte sich über die trockenen Lippen. »Bleib einfach sitzen. Ganz ruhig und natürlich. Ich gebe mein Bestes, dass du später nicht wie eine haarige Spinne aussiehst.“

»Das will ich auch hoffen.«

Sie lachten.

Wenig später flog sein Kohlestift wie selbstverständlich über das cremefarbene Papier. Die ersten Striche waren noch ein wenig unbeholfen, weil Bens Blick ihn ablenkte. Aber langsam erschienen die ersten Konturen und schließlich machte es ihm Spaß. Er wurde sicherer und ließ sich nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen. Nach und nach übertrug er Bens Konterfei auf seinen Skizzenblock.

Heute war der schönste Tag in seinem Leben. Er durfte malen und dazu noch so einen gut aussehenden Mann. Und während das Bild allmählich Formen annahm, verspürte Lucas ein sanftes und wohliges Kribbeln auf der Haut. Es wanderte von seinen Händen über die Arme, über den Rücken und zum Schluss über den ganzen Körper. Es fühlte sich unglaublich gut an, als würde jemand mit einer Feder über seine Haut streicheln. Dabei vertiefte er sich immer mehr in seine Arbeit und bekam überhaupt nicht mit, dass es dämmerte. Als er fast schon fertig war – nur noch die wunderschönen funkelnden Augen fehlten –, ertönte jäh eine schrille Melodie.

»Mist, mein Handy.« Ben holte hektisch sein Smartphone hervor. Er stöhnte, bevor er den Anruf entgegennahm.

Der Zauber, der eben unsichtbar zwischen ihnen in der Luft geschwebt hatte, verflog. Zugleich fühlte Lucas die Ernüchterung mit einem Schlag. Er hatte Angst, dass gleich alles vorbei sein würde, gerade, als es Spaß machte. Umso neugieriger lauschte er dem Telefonat.

»Muss das sofort sein?«, fragte Ben verärgert und stand auf.

Lucas blickte ihn an und wünschte sich, dass er nicht gehen musste. Inzwischen genoss er Bens Gesellschaft und das Bild war auch noch nicht fertiggestellt.

»Okay. Wenn es sein muss.« Ben seufzte laut und schüttelte den Kopf. »Ich komme schon, aber vorher muss ich mich noch umziehen.« Es folgte eine Pause. »Ja, verdammt noch mal. Bis gleich.« Er beendete das Gespräch und steckte das Smartphone zurück in die Hosentasche. »Sorry. Ich muss leider gehen. Man wartet auf mich. Ich habe völlig die Zeit vergessen. Lass uns morgen weitermachen, und zeig es mir erst, wenn es fertig ist. Vorher will ich es nicht sehen. Ist achtzehn Uhr okay?« Ohne Lucas zu Wort kommen zu lassen, drehte er sich um und rannte in die Richtung, in dem sich der Parkplatz befand. Doch bevor er hinter einer dichten Reihe von Fichten verschwand, winkte er zum Abschied und war schließlich nicht mehr zu sehen.

Mit einem Stich in der Magengegend blickte Lucas einige Minuten auf die Stelle, an der er Ben aus den Augen verloren hatte, und wünschte ihn sich wieder zurück. Er hätte gelogen, wenn er über das abrupte Verschwinden nicht enttäuscht gewesen wäre. Für ihn war es in diesem Moment jedoch mehr als das. Der einzige Mensch, der ihn absolut unvoreingenommen angesprochen und fast schon auf magische Weise fasziniert hatte, denn eine andere Erklärung, was er beim Zeichnen von Bens Gesicht gefühlt hatte, gab es nicht, war plötzlich genauso so schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war.

Hatte er womöglich etwas Falsches getan?

Nur widerwillig dachte er an das Telefongespräch zurück. Es war der Anruf gewesen, der Ben vorzeitig hatte gehen lassen, aber innerlich fühlte es sich nicht so an. Obgleich er den Grund kannte, gab er sich die Schuld dafür.

Bens freche und impulsive Art hatte ihn in seinen Bann gezogen. Bisher hatte Lucas niemals Freunde gehabt. Seine Gesellschaft hatte die Sehnsucht in ihm geweckt, Zeit mit Freunden zu verbringen. Mit ihnen ungezwungen zu reden, zu lachen und sich zu freuen. Dass er die Zeit während des Malens genossen hatte, konnte Lucas nicht leugnen. Es war, als wäre er in ein Paralleluniversum eingetaucht, in dem er nur ein junger Mann war, in dem Susanne und Franklin und die Gegenwart nicht existierten. Darin konnte er tun und lassen, was er wollte. Was alle jungen Leute tun konnten: frei sein.

Traurig senkte Lucas den Kopf und sah in Bens Gesicht. Fast schon detailgetreu hatte er ihn auf dem Papier festgehalten. Besaß er vielleicht wirklich ein natürliches Talent?

Bens Lächeln und die kleinen Fältchen um die Augen herum nahmen ihn wieder gefangen. Wie in Trance hob er den Stift erneut an und beendete das Bild aus seinem Gedächtnis heraus.

Diesen Blick aus den glänzenden Augen würde er so schnell nicht vergessen.

Als er fertig war und sich sein Werk betrachtete, fiel Lucas wieder ein, dass er in nächster Zeit keine Zeit mehr für das Zeichnen haben würde. Er konnte auch Ben nicht wiedersehen, so sehr er sich das auch wünschte. »Und ich hätte es dir gern persönlich geschenkt«, flüsterte er.

Plötzlich hatte er eine Idee, die er auch gleich in die Tat umsetzte. Ben würde sein Bild bekommen.

***

Drei Tage später schnappte sich Lucas gähnend den Teller aus dem Kühlschrank und stellte ihn nebenan auf die Arbeitsplatte. Danach folgte noch die Flasche kalter Cola, auf der ein gelbes Post-it mit seinem Namen klebte. Rosalin hatte wie immer an ihn gedacht. Sie und Maximilian hatten heute ihren freien Abend.

Beim Anblick des vollen Tellers lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Das Käsesandwich mit extra vielen Gurken zur Mittagspause lag schon Stunden zurück, inzwischen zeigte die Digitaluhr am Herd neun Uhr abends. Zeit, um etwas Richtiges zu essen, zu duschen und schlafen zu gehen.

Rosalin hatte zwei Scheiben Rinderfilet und eine große Portion Mais mit Erbsen und roter Paprika vom Abendessen für ihn aufgehoben. Lucas schob den Teller in den Mikrowellenherd und stellte die Zeituhr auf drei Minuten. Indes holte er sich Besteck aus der Schublade und lief zum Vorratsschrank, der neben der Tür zum Flur stand. Rosalin deponierte dort für ihn Süßigkeiten hinter einer Reihe von Mehl- und Zuckerdosen. Mit geübtem Griff zog er eine Plastiktüte heraus, in die sie für ihn Schokoladenriegel und Gummibärchen gepackt hatte. Sogar an seine Lieblingssorten hatte sie gedacht.

Lucas gab es sich gegenüber nur ungern zu, aber er vermisste die Großeinkäufe. Waren sie doch für ihn die einzige Möglichkeit, den Pattons wenigstens für ein paar Stunden zu entfliehen. Aber er wusste ebenso gut: Sobald sich Franklin wieder beruhigt hatte und sich Rosalin über das Fehlen eines starken Helfers beim Einpacken und Tragen beschweren würde, würde er wieder mitgehen dürfen.

Ein Ping kündigte an, dass sein Essen warm war. Als er mit dem Teller, der Flasche und den Süßigkeiten im Keller verschwinden wollte, vernahm er Stimmen, die seine Aufmerksamkeit weckten. Neugierig geworden schlich er in den Flur. Er hörte Franklin schreien und Susanne hysterisch keifen. Beide waren in Franklins Arbeitszimmer. Für einen Moment haderte er mit sich: Sollte er heimlich lauschen oder lieber in sein Zimmer gehen? Er entschied sich fürs Erste, auch auf die Gefahr hin, entdeckt zu werden und womöglich eine Tracht Prügel zu kassieren.

Er schlich vom Flur weiter in die große Eingangshalle. Schräg gegenüber lag Franklins Arbeitszimmer, dessen Tür einen Spaltbreit offen stand. Ein schmaler Lichtstrahl fiel auf die hellen Marmorfliesen.

»Das ist verrückt. Du bist verrückt! Die Tabletten haben wohl deine Gehirnzellen absterben lassen. Weißt du denn überhaupt, was du da sagst? Das ist gefährlich.« Franklin sprach in abfälligem Ton.

»Lass gefälligst die Tabletten aus dem Spiel«, sagte sie verärgert. Sie fing an, im Zimmer unruhig auf- und abzulaufen; ihre Stöckelabsätze verrieten das. »Glaub mir, ich habe es mir genau überlegt. Außerdem habe ich dich seit unserem Umzug immer wieder gewarnt. Das weißt du. Irgendwann würde jemand nachhaken und …«

»Aber das ist noch nicht passiert.« Franklins Stimme wurde sachlich. »Du malst den Teufel an die Wand, Sue. Mr Talbot ist gefeuert und der neue Hausmeister weiß nichts. Und falls sich diese neugierige Schnepfe Joanne Lancford wirklich erkundigt, fällt dir schon eine passende Ausrede ein. Du bist doch sonst um keine verlegen. Erinnere dich nur an Peter.«

»Der hat mit der Sache nichts zu tun«, rief sie.

»Ach nein? Warst du mit ihm oder ich …«

Lucas hatte genug mitbekommen. Der Hunger war ihm vergangen. Trotzdem nahm er das Essen und die Colaflasche mit in sein Zimmer. Den Beutel mit den Süßigkeiten versteckte er zuvor wieder an Ort und Stelle.

Seufzend setzte er sich auf sein Bett. Den Teller stellte er auf den Holzhocker ab, auf dem einmal sein Fernseher gestanden hatte. Es war immer dasselbe. Ein wenig wünschte er sich, er hätte seiner Neugier nicht nachgegeben und wäre sofort in den Keller gegangen. Wieder einmal hatte Franklin ihn mit einem Satz mitten ins Gesicht geschlagen, ohne ihn zu berühren, ohne überhaupt zu wissen, dass er da war. Wieder einmal wurden Lügen um ihn gesponnen, damit niemand eine Wahrheit erfuhr, die Lucas nicht einmal selbst im vollen Ausmaß kannte und verstand.

Jeden Tag hatten Franklin und Susanne nur Beleidigungen für ihn übrig. Er schuftete täglich für sie und als Belohnung erhielt er lediglich diesen kalten Raum, der nicht größer war als eine Abstellkammer. Sie verboten ihm, das Haus zu verlassen, er durfte mit niemandem sprechen, niemand sollte ihn sehen.  Vor allem hatte er keine Freunde. Wenn es wenigstens nur einen Freund gäbe. Jemanden, mit dem er reden konnte und der ihm zuhören würde. Einen Freund, mit dem er Witze machen und zusammen Spaß haben konnte. Mit ihm einfach alles tun, was Victoria und Samuel mit ihren Freunden taten.

Stattdessen war er jeden Tag allein.

Ein Bild stahl sich vor sein inneres Auge. Er musste lächeln. Für einen Moment erinnerte er sich an den Tag zurück, an dem es für kurze Zeit anders gewesen war.

-ENDE-

Copyright © 2014 by Jana Martens

Bildrechte: Coverillustration “Liebesgeschichten” (liebesgeschichten.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Wer den Roman weiterlesen möchte – Das Buch ist im Dezember 2014 bei Bookshouse erscheinen:

Jana Martens
Verloren ohne dich

Verlag: bookshouse
Umfang: 468.000 Zeichen
Format: 12 x 19 cm
Erscheint: Dez 2014
4,99 EUR (E-Book)
13,99 EUR (P-Book)
Alter der Protagonisten:junge Erwachsene und Erwachsene.

Kurzbeschreibung
Lucas wird nach dem tödlichen Autounfall seiner Eltern von der Familie Patton adoptiert, doch Liebe und Anerkennung bleiben für ihn Fremdwörter. Inzwischen ist er achtzehn Jahre alt und wird als kostenlose Arbeitskraft missbraucht. Sein Adoptivvater schlägt ihn grundlos, seine Adoptivmutter schikaniert ihn, wo sie nur kann. Eines Tages tritt der freche Nachbarssohn Ben in sein Leben und Lucas’ Welt steht plötzlich Kopf. Die beiden werden Freunde und endlich scheint sein trostloses Dasein einen Sinn zu ergeben. Ben zeigt Lucas, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht, vor allem aber, was Freundschaft wirklich bedeutet. Unerwartet spielen ihre Gefühle füreinander verrückt und sie verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Eine zarte und gleichsam leidenschaftliche Liebe entbrennt, doch sie wird durch ein Netz aus Lügen auf eine harte Probe gestellt.

Die Autorin
Jana Martens – mit bürgerlichem Name Annette Eickert – wurde im Herbst 1978 in Worms am Rhein geboren. Inspiriert von vielen Romanen aus dem Genre Fantasy, Thriller und Horror erschuf sie schließlich ihre eigenen Geschichten. Das Schreiben und Lesen ist zu ihrer größten Leidenschaft geworden. Unter ihrem Geburtsnamen sind bereits mehrere Romane im Bereich High-Fantasy und ein Mystery-Thriller erschienen. Im Jahr 2013 hat Jana Martens sich entschlossen unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Momentan schreibt sie ihren ersten Gay-Romance Roman. Das Buch wird 2014 bei Bookshouse erscheinen.


http://jana-martens.jimdo.com/

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Updated: 2. Juni 2015 — 11:04

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