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TRÄNEN HINTER GLAS – Gedanken im Banne der Hilf- & Ratlosigkeit von Daniel Sand

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TRÄNEN HINTER GLAS

Gedanken im Banne der Hilf- & Ratlosigkeit

von

Daniel Sand

Deine Tränen rinnen die dicke Glasscheibe hinab, dein Gesicht zwischen die durchsichtige Wand zwischen uns gepresst. So gerne würde ich die Mauer aus gebackenem Quarzsand durchbrechen, auf die andere Seite gelangen und dir den Kummer nehmen.

In kleinen Bächlein läuft dir die Tränenflüssigkeit aus den Augen, tropft auf das Glas und rinnt das harte Material hinab wie Regentropfen an einem Fenster. Immer mehr Tränen speisen den kleinen Fluss und das Glas beschlägt von deinen schweren Atemzügen.

Der warme Hauch lässt das kalte Material beschlagen und verdeckt teilweise dein trauriges Antlitz. Allein die Leer in deinem Blick verrät mir, dass du in einem Strudel verzweifelter Trauer gefangen bist. Der Sog zerrt an deinem erkalteten, versteinerten Gesichtsausdruck in dem Versuch, dich in ein tiefes Loch zu ziehen.

Dein liebliches Lächeln ist einer eisigen Grimasse gewichen, einer leichenstarren Fratze, deine Seele sucht nach Halt, doch nichts scheint dich davor zu bewahren zu einer leeren Hülle ohne Leben zu werden. Könnte ich doch nur diese verdammte Scheibe zum bersten bringen. Aber der amorphe Feststoff scheint überall zu sein, erstreckt sich endlos in alle vier Himmelsrichtungen als unüberwindbares Hindernis ohne Durchgang oder Spalt.

Woher kommt dieses omnipräsente Etwas überhaupt? Seine Existenz macht überhaupt keinen Sinn. Es hält dich in deiner großen Trauer gefangen und hindert dich daran, den Schmerz zu lindern.

Hilflos sehe ich dir zu wie du unsägliche Qualen erleidest. Ich fühle mich wie gefesselt und geknebelt, unfähig zu dir zu gelangen oder auch nur das Glas zu zerbrechen. Diese merkwürdige Scheibe; du lehnst an ihr, erschöpft, von Herzschmerz gegeißelt. Trotzdem erweckt sie mir eher den Eindruck, als bilde der gläserne Wall wie ein Schutz für dich. Du wirkst isoliert, umklammert von einer freiwilligen Isolation abgekoppelt von der Außenwelt. Ähnlich einem Vogel, welcher sich freiwillig in seinen Käfig zurückzieht, damit ihn niemand berühren kann.

Du kapselst dich ab; von mir! Ich darf deinen Schmerz nicht mit dir teilen oder ihn dir nehmen. Offenbar vergräbst du dich bewusst mit deinem Leid hinter Glas. Im Leben bist du eine starke Persönlichkeit, Schwächen werden weg gelacht oder in Arbeit ertränkt.

Weinen oder Niedergeschlagenheit erachtest du als Schwächen, weil man dir immer gebot, stets Stärke zu zeigen. Dieser beinahe neurotische drang hat das kalte Glas erschaffen, mit welchem du mich fern hältst von dir, paralysiert von den Qualen in deinem Innersten. Durch deinen starren Blick vermag ich nicht einmal im Ansatz einzuschätzen, ob du meine Anwesenheit und meinen verzweifelten Versuch zu dir zu gelangen überhaupt wahrnimmst.

Mein Mitgefühl weicht allmählich einer leichten Fassungslosigkeit. Warum sperrst du mich aus? Ist es wieder einmal dein unbezwingbarer Stolz? Meinst du deine Würde zu verlieren, wenn du dich trösten ließest? Einst waren wir uns so nah, erlebten berauschende und sinnliche Momente miteinander. Wollten wir nicht zusammen durch Dick und Dünn gehen, in guten, wie in schlechten Tagen?

Nun, wo ich endlich etwas von der Liebe zurückgeben könnte, die du mir immer schenktest, weist du mich ab. Dafür setzt du mir nacktes Glas vor die Augen. An Stelle über mein warmes Gesicht, laufen deine süßen Tränen über gehärtetes Quarz. Dadurch nimmst du mir die Chance, dir Halt zu geben, Wärme und Geborgenheit zu spenden.

Plötzlich sehe ich unsere gemeinsame Zeit mit anderen Augen. War das alles nur eine Farce, eine billige Illusion oder ein oberflächliches Spiel, das Geplänkel zweier einsamer Seelen, für einen atemlosen Moment in dem Traum gefangen, etwas besonderes zu leben? Uns trennen nur 7 Zentimeter Glas, du scheinst jedoch mit jedem Schlag des lärmenden Sekundenzeigers weiter von mir weg zu driften, dich ohne einen Schritt zu tun von uns zu entfernen.

Resignierend blicke ich durch den klarsichtigen Wall, an dem unentwegt deine Tränen hinab laufen. Dabei frage ich mich, was diese Trauer auslöst. Noch mehr würde mich interessieren, warum du sie nicht mir teilst. Bin ich selbst der Grund? Bin ich bei dir in Ungnade gefallen und deines Vertrauens nicht mehr würdig?

Wie in Zeitlupe bewegen sich deine Augen. Die saphirblauen Fenster zu deiner Seele glitzern wie Kristalle, bedeckt von einem dicken Film klarer Flüssigkeit aus deinen Tränenkanälen. In einem traumartigen Zustand sucht dein betrübter Blick nach mir. Du blinzelst mehrfach. Deine langen Wimpern sind schon ganz durchnässt. Ebenso deine ebenmäßigen Wangen. Überhaupt wirkt dein perfekt geschnittenes Gesicht mit seinen beinahe symmetrischen Proportionen gequält, verzerrt, starr aufgrund unsäglicher Pein.

Unsere Blicke treffen sich für einen langen Moment, wobei ich in die schwarzen Löcher deiner geweiteten Pupillen schaue und Gefahr laufe, mich darin zu verlieren. Doch ansonsten erkenne ich nichts. Keinerlei Botschaft in deinem leeren Blick, keine Frage, keinen Hilferuf.

In deiner Jugend hatte man dir eingebläut, dass du in jedem Fall alleine mit deinem Kummer fertig werden musst, dich nicht in die Umarmung anderer Menschen begeben sollst. Denn sie könnten sich deine Schwäche ja zu Nutze machen. Konditioniert darauf riskierst du es daher lieber, eine Liebe zu opfern, als dich in all deiner Verletzlichkeit in die weit geöffneten Arme eines liebenden Partners fallen zu lassen.

Hilflos, jenseits der harten Glaswand, sehe ich mit an, wie sich deine Erscheinung langsam vor mir in Luft auflöst. Befandest du dich gerade noch eine Armeslänge von mir entfernt, plastisch und voller Pracht, verblasst dein Antlitz nunmehr zu einer gerade noch geisterhaften Erscheinung. Nach und nach löst du dich völlig auf. Als letztes verschwindet dein leerer Blick, deine ausdruckslosen Augen. Dieser letzte Anblick brennt sich mir ins Herz und bedrückt meine Seele.

Nun bin ich alleine, rastlos und mit der Frage zurückgelassen, ob ich es dir nicht wert gewesen wäre, aus deinen anerzogenen Barrikaden auszubrechen, dich mir zu öffnen, das Glas zu brechen und in meine Arme zu fallen. Doch nun bist du weg, für immer aus meinem Leben verschwunden, ausgeblendet wie eine holografische Projektion. Übrig geblieben ist nur diese verdammte Scheibe vor mir und deine Tränen hinter Glas.

Hilflos, ratlos

Copyright © 20165 by Daniel Sand (um auf die Homepage des Autoren zu gelangen, einfach auf das Foto unten klicken!)

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

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Tränen auf deinen Wangen (Kartoniert)
von Greine, Kerry / Bertram, Ben
Verlag: Latos Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  248
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  September 2016
Maße:  205 x 136 mm
Gewicht:  289 g
ISBN-10:  3945766346
ISBN-13:  9783945766347
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Beschreibung
Zwei Jahre sind vergangen, seit Malin und Noah sich auf einer Kreuzfahrt kennen und lieben lernten. Ihr Leben scheint perfekt. Als sie erfahren, dass sie ein Baby erwarten, geht für beide ein Traum in Erfüllung – sie werden eine Familie sein. Dann jedoch geschieht ein Unglück, das Malin und Noah an die Grenzen ihrer Kraft treibt. Jeder kämpft für sich allein gegen den Schmerz und fast zu spät bemerken sie, dass sie dabei sind, einander und ihre Liebe zu verlieren. Doch so einfach wollen sie nicht aufgeben. Werden die beiden es schaffen, einen Weg zurück ins Leben und zu einer gemeinsamen Zukunft zu finden?Können die Sternschnuppen noch immer zu Seesternen werden oder zerrinnen sie wie Tränen auf den Wangen?
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Updated: 30. Dezember 2016 — 17:04

1 Comment

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  1. Viel Spaß mit der Geschichte.
    Wie immer Martina, Detlef, super Arbeit.
    Speziell die Grafik ganz oben ist genial.
    Super Buchtipp.
    Danke für eure Arbeit 😉

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