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Literatur-Blog

TELEFONRECHNUNG – Eine Kurzgeschichte von Günther Kurt Lietz

Telefonrechnung

Eine Kurzgeschichte von
Günther Kurt Lietz
Überarbeitete Fassung 2012

Eine Rechnung flattert ins Haus. Man liest sie und bemerkt nebenbei, dass sie falsch ist. Doch der umsichtige Absender vermerkte seine Anschrift, die Kundennummer und die Durchwahl. Also greift man zum Telefonhörer und macht sich daran, das Problem zu lösen.

Es klingelt durch. Einmal, zweimal – und es meldet sich eine nette Computerstimme. Sie erklärt, dass jede angefangene Minute nur ein wenig Heidengeld kostet, dass über ein Menü sofort der richtige Ansprechpartner zur Verfügung steht, dass es ein neues Produkt im Shop gibt, dass ich einfach nur die Eins drücken muss, um … Eins!

Es klingelt durch. Einmal, zweimal, mehrmals, vielmals und keiner geht ran. Also ein zweiter Versuch wenige Minuten später. Es meldet sich eine nette Computerstimme. Sie erklärt … EINS! Und man hat Erfolg. Es meldet sich ein Mensch. Eine nette Dame. Sie flötet mir mit freundlicher Stimme ins Ohr: „Der Herr Sachbearbeiter ist nicht da. Er ruft sie gleich zurück. Danke für ihr Verständnis. Wiederhören.“

Man wartet, den Blick aufs Telefon geheftet und das Schreiben vor sich auf dem Tisch liegend. Langsam drückt die Blase und fordert ihr Recht. Aber wenn der Mann ausgerechnet jetzt anruft? Schweiß bricht aus. Soll ich gehen? Bin ich schnell genug? Vielleicht klingelt es gerade wenn ich die Hose runterlasse. Man wartet, hält ein, wird vom eigenen Körper gepeinigt und geht schließlich doch auf Klo, immer ein Ohr zum Telefon hin. Und … es klingelt nicht!

Nach dem Toilettengang wartet man also weiter. Und wartet, kocht das Mittagessen, wartet, kümmert sich um die Hausaufgaben der lieben Kleinen, wartet, liest einige Seiten eines guten Buches, wartet und – es klingelt. Also geht man ran, leicht erbost über das Warten. Doch es ist nur die Oma und sie will hören was es Neues gibt. „Ich warte!“ kommt es schon laut über die Lippen und der Hörer liegt auf der Gabel. Und man wartet weiter.

Bis es dann am nächsten Tag klingelt und der Sachbearbeiter sich bequemt doch noch anzurufen. Ich gebe ihm Namen, Adresse und Kundennummer. Er sucht im Computer und fragt dann: „Sind sie es wirklich?“

„Was? Genervt?“ will man unwirsch fragen, doch ist man lieber höflich und lächelt, obwohl der gute Mann das Lächeln nicht sieht. „Natürlich“, erkläre ich und frage mich, wer sonst wegen meiner Rechnung anrufen sollte.

„Hm, nun, dann sehen wir mal nach“, murmelt der Mann vor sich hin und ich höre Tasten anschlagen. Warum sagt der „wir“? Ich sehe doch gar nichts. Egal. Er macht seine Arbeit und gleich wird sich alles auflösen. „Sie haben die letzten zwei Anträge zu spät abgegeben. Da mussten wir also höhere Beiträge anrechnen.“

Klingt vernünftig. Ist aber falsch. „Hier im Schrieb steht sechzig Euro für zwei Monate. Wegen zu spät abgegeben? Ich war pünktlich.“

„Moment“, kommt es vom anderen Ende und ich muss warten. Aber darin habe ich langsam Übung. Ich glaube allerdings, der Mann glaubt mir nicht, dass ich glaubwürdig bin. Und dann ist er schon wieder da. „Hallo? Sind sie noch dran? Ich habe mir die Unterlagen gezogen. Sie haben zu spät abgegeben.“

„Das kann nicht sein“, erwidere ich nun etwas unwirsch und bereue meinen Ton sofort. Es ist vielleicht unklug, so mit ihm zu reden. Immerhin will ich etwas von ihm. Papier raschelt und siehe da – ich habe Erfolg.

„Tatsächlich. Ich habe eine drei für eine acht gehalten. Sie waren pünktlich.“ Na Gott sei Dank. „Mit einem Antrag.“ Und schon nehme ich meinen Dank wieder zurück.

Es kommt zu einem kurzen Wortwechsel und ich sehe ein, der Mann kann nicht gut gucken. Also lass ich mich breitschlagen und akzeptiere für einen Monat Verspätung. Ich will ja nicht kleinlich sein, wegen dreißig Euro für einen Monat. Ich bin doch kein Erbsenzähler.

„Hören sie, ich habe die Beiträge gerade neu berechnet.“ Gut, wenigstens kann er Kopfrechnen. „Das macht dann dreihundert Euro.“ Oder auch nicht. Oder er hat eine Null zu viel hinten angehangen.

„Bitte?“ frage ich langgezogen. „Dreihundert? Das muss ein Fehler sein.“

Und er rechnet und ich warte wieder. „Sie haben recht. Entschuldigung.“ Nun, lieber ein spätes Einsehen als gar kein Einsehen. „Es sind nur hundert Euro.“

Da hätte er auch einen Hundertwasser verlangen können. „Bitte? In ihrem Schreiben steht zwei Monate zusammen für sechzig Euro.“ Langsam meldet sich die Blase wieder zu Wort. Sehr ungünstig für mich. Der Druck wächst, auf beiden Seiten, am Ohr und in der Blase. „Wie kommen sie denn auf hundert Euro? Wenn ich sechzig durch zwei teile, erhalte ich dreißig Euro.“

„Das ist nun einmal so. Außerdem habe ich ihnen gar kein Schreiben geschickt, worin steht, zwei Monate und sechzig Euro“, merkt er unhöflich an. Jetzt ist er auch noch eingeschnappt. Ausgerechnet er. Ich reche nach. Wenn zwei Männer ihm sechzig mal mit einer Zeitung auf den Hinterkopf hauen, dann haut ein Mann also einhundert Mal … Fokus! Ich muss mich konzentrieren!

„Aber ich habe das Schreiben vor mir liegen. Schwarz auf Weiß.“

„Ich habe kein Schreiben geschickt.“, sagt er und bleibt hart. Der Mann ist strohdumm und stur. Eine gefährliche Kombination. Mir wird Angst und Bange, dass er nochmals nachrechnet und ich mein Haus verpfänden muss.

Ich beschließe erst einmal klein beizugeben, zu tun als wäre ich einverstanden und nach dem Gespräch meine Blase zu leeren. Der Tee verlangt sein Recht. „Gut, dann schicken sie mir aber bitte eine neue Rechnung.“ Mit zwei Schreiben werde ich in einigen Tagen persönlich vorbeigehen und ihm alle Briefe unter seine arrogante Nase reiben. Da wird er ja mal sehen, was ich nicht bekommen habe. Jawoll! Ein schöner Plan, den ich da gerade fasse.

„Schön, dass sie das endlich einsehen, mein Herr. Ich schicke ihnen dann eine neue Rechnung zu. Die alte werfen sie ruhig weg.“

„Die Rechnung?“ frage ich. Meine Frau wird er wohl kaum meinen.

„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe ihnen keine Rechnung geschickt“, erklärt er, müde vom Gespräch. Wahrscheinlich meint er doch die Frau.

„Na gut. Auf Wiederhören“, verabschiede ich mich und renne zur Toilette.

Und das Ende vom Lied, die Moral der Geschichte, die Pointe des Witzes? Ich habe meine alte Rechnung noch immer, eine neue kam nie bei mir an und alles löste sich in Wohlgefallen auf. Was mir von dem Gespräch blieb war die Erkenntnis: Sechzig geteilt durch Zwei sind Einhundert.

Ende

Copyright (c) 2009 by Günther K. Lietz

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus60-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Rodari, Gianni
Gutenachtgeschichten am Telefon

Illustriert von Kuhl, Anke. Übersetzt von Schimming, Ulrike
Verlag :      Fischer Taschenbuch
ISBN :      978-3-596-85481-3
Einband :      gebunden
Preisinfo :      14,99 Eur[D] / 15,50 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 17.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 208 S. – 24,0 x 15,8 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 08.03.2012
Aus der Reihe :      Die Bücher mit dem blauen Band 85481

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Es gibt sie noch, die guten alten Gutenachtgeschichten!

»Denk dran«, sagt die Tochter von Signor Bianchi, bevor ihr Papa mal wieder auf Reisen geht. »Jeden Abend erzählst du mir eine Geschichte!« Kein Problem für Signor Bianchi – Gutenachtgeschichten, die so kurz sind, dass man sie am Telefon erzählen kann, sind seine Spezialität. Eine gute Gutenachtgeschichte mischt ein wenig Phantasie in die Wirklichkeit und baut somit eine Brücke ins Reich der Träume. Sie handelt von Schokoladenstraßen, einem Haus aus Eiscreme oder dem Sternschnuppenmagier – traumhaft und federleicht.

Andersen-Preisträger Gianni Rodaris Klassiker interpretiert von Anke Kuhl: ein Klassiker in neuem Gewand.

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7 Comments

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  1. Eine Kurzgeschichte, die mir gut gefallen hat.
    Die passt doch perfekt in die Alltagsgeschichten. 😉

  2. Also letzten Dienstag ruft mich einer von der Telekom an und fragt ob man mich mal sprechen könnte. Ich erwidere, dass ich damals, als ich von der Telekom zu einem anderen Anbieter gewechselt hatte, kreuzte ich damals auf dem Formular an, dass ich bitte keine Anrufe mehr von der Tleekom wünschen würde. Das meinte der Telekommitarbeiter, dass mich deshalb der Computer raus gesucht hätte, damit man mal überprüfen sollte, ob ich auch weiterhin nicht von der Telekom angerufen werden wollte.

    Ihr werdet es Euch denken können: ich sagte ihm, dass ich also auch weiterhin nicht angerufen werden wollte. Der Mitarbeiter bedankte sich herzlich und bat nochmal um Entschuldigung, auch dafür, dass man mich wohl irgendwann wieder nachprüfen würde, ob ich auch weiterhin nicht von der Telkom angerufen werden möchte? Ist das nicht irre?

  3. Christa Kuczinski

    Bei deinem ersten Satz dachte ich, dass er dich vielleicht sprechen wollte, weil die Telefonleitung defekt ist… ich sollte vieleicht aufhören, in allem eine Story zu wittern 😉

    Ein netter Mitarbeiter… er könnte einem fast leid tun…

  4. Der Witz daran war doch, dass ich seit über 10 Jahren nicht mehr bei der Telekom bin.

  5. Christa Kuczinski

    Schon klar, ich habe nur auf eine weitere mögliche „Pointe“ hingewiesen… 😉

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