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STONEHENGE – Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Band von Barbara Wegener

STONEHENGE

Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Band

von

Barbara Wegener

(Zum vorherigen Teil)

„Verdammter Mist. Wir müssen hier verschwinden. Es muss noch einen Hinterausgang geben. Lass uns nachsehen.“ Daniel drehte sich um und ging zurück zur Theke, hinter der er vorhin eine Tür bemerkt hatte. Doch Thomas rührte sich nicht. Wie eine Statue stand er an der verschlossenen Glastür, die Hände immer noch gehoben.

„Was ist los? Komm! Wir müssen hier verschwinden!“, rief Daniel ihm zu, lief zur Schiebetür zurück und versuchte seinen Freund an der Schulter herumzureißen. Vor Entsetzen starrte er Thomas an. Der helle Vollmond beleuchtete das Gesicht seines Freundes. Doch es war nicht mehr dasselbe Gesicht. Ihm starrte eine Fratze entgegen, die einem Albtraum entstiegen sein könnte. Die glatte, bartlose Haut hatte sich mit grünen, glänzenden Schuppen überzogen. Die Nase war fast gänzlich verschwunden und an ihre Stelle waren zwei Schlitze gerückt. Genau in diesem Augenblick verschwand Thomas Haar unter einem dichten Schuppenpanzer.

Der Körper wurde breiter. Daniel hörte den Stoff der Jeans reißen. Die Fetzen der Hose fielen zu Boden. Thomas hatte zwar immer schon einen athletischen Körper gehabt, nun aber waren die Beinmuskeln auf unnatürliche Weise angewachsen. Die Haut verfärbte sich giftgrün und auch hier bildeten sich langsam aber stetig glänzende Schuppen.

Daniel wich einen Schritt zurück.

Nun zerriss auch Thomas graues Sweatshirt.

Nackt stand diese Kreatur des Grauens vor Daniel.

Die Arme verkürzten sich, aus den Händen formten sich Klauen und um das Grauen noch zu steigern, bildete sich ein langer, dicker, schuppenüberzogener Schwanz.

Daniel konnte vor Entsetzen keinen Ton herausbringen. Er wich ein Stück zurück, den Blick starr auf das Monster gerichtet.

Dann gelang es ihm endlich, sich von dem grausigen Anblick loszureißen.

Die Kreatur hob ihre, mit messerscharfen Klauen versehenen Hände. Daniel drehte sich um und rannte durch die Regalreihen auf den Hinterausgang zu. Er rannte um sein Leben. Aber er hatte nicht den Hauch einer Chance. Eine Klaue bohrte sich in seine rechte Schulter und riss sie, mitsamt dem Arm, heraus. Daniel schrie vor Entsetzen und Schmerz.

Dann war es plötzlich still.

Lediglich ein Schmatzen war zu hören, als die Kreatur Daniels Kehle durchbiss und sich hungrig über die Leiche hermachte.

Nach wenigen Minuten erhob sich das Monster von den Resten seiner grausigen Mahlzeit und stapfte in Richtung des Hinterausgangs, um die Tankstelle zu verlassen. Es bemerkte den vor Angst erstarrten Mann nicht, der sich hinter einer Säule versteckt hielt und die entsetzliche Szene beobachtet hatte. Dieser vergaß, dass er eigentlich um Hilfe für sein liegen gebliebenes Fahrzeug bitten wollte und rannte, nachdem das Monster aus dem Blickfeld verschwunden war, eilig davon.

*

„Dendrak!“, rief einer der Zuhörer. „Das war eines der ersten Dendraks!“

Wulf nickte ihm müde zu. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken, wenn er an die blutrünstigen Bestien dachte, die kurz nach der Sperrstunde die Straßen und Wege für die Grauen patrouillierten. Noch eine Geschichte hatte er aus dem alten Buch vorzulesen, dann war sein Vertrag mit dem Wirt erfüllt und die Rechnung für seine Unterkunft und Verpflegung beglichen. Er musste sich beeilen, damit die Gäste rechtzeitig ihre Unterkünfte erreichten.

Wulf blätterte erneut vorsichtig eine Seite weiter.

*

Katrin Meyer nahm das letzte Blatt aus dem Kopierer, kontrollierte noch einmal, ob der Schriftsatz richtig sortiert war und ging zurück zu ihrem Schreibtisch. Ihr Blick fiel auf ihre Armbanduhr. Halb Zwei in der Frühe. Und der Arbeitstag war noch nicht zu Ende. Seufzend legte sie den Schriftsatz, nebst der soeben gefertigten Kopien in die Unterschriftenmappe und hakte die Arbeit auf ihrer To-do-Liste ab. Sie hoffte, dass ihr Chef, der große Staranwalt Florian Kogge, nicht noch weitere Veränderungen vornehmen würde. Aber ihr war klar, dass es reines Wunschdenken war. Bisher war ihm immer noch das Eine oder Andere eingefallen, was ergänzt oder verändert werden musste.

Sie stand auf, nahm die Unterschriftenmappe, richtete ihr schwarzes Kostüm und verließ das Büro. Ein dichter Teppichflor verschluckte die Geräusche ihrer Schritte vollständig.

Vor der Bürotür ihres Arbeitgebers atmete sie noch einmal tief durch, bevor sie anklopfte. Kogge hasste es, gestört zu werden. In Gedanken machte sie sich bereits auf einen seiner Wutanfälle gefasst.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“ Kogge war wie immer gereizt.

Katrin öffnete die Tür und betrat das gewaltige Büro.

„Der Schriftsatz in der Strafsache Meingau. Sie wollten ihn sofort sehen, wenn er fertig geschrieben ist“, antwortete sie eingeschüchtert. Sie arbeitete jetzt schon seit zwölf Jahren für Kogge, hatte sich aber an seine rücksichtslose und manchmal auch brutale Art nicht gewöhnen können.

„Geben Sie her.“ Kogge legte das Diktiergerät, in das er bis vor wenigen Augenblicken gesprochen hatte, vor sich auf den Schreibtisch und winkte sie ungeduldig zu sich.

Langsam blätterte er die zwanzig Seiten durch. Katrin wartete geduldig. Das hatte sie in all den Jahren gelernt – Geduld zu haben.

Kogge setzte gerade dazu an, ihr die erwartete Änderung zu diktieren, als es unvermittelt stockdunkel wurde.

Sowohl die Deckenstrahler, die in die weiße Vertäfelung eingelassen waren, als auch die elegante, chromfarbene Schreibtischlampe, versagten ihren Dienst.

„Das darf doch nicht wahr sein“, polterte Kogge und versuchte mehrmals die Schreibtischlampe wieder in Gang zu bekommen. „Meyer, sehen Sie mal nach, was da los ist.“

Katrins Augen hatten sich schnell an das Dämmerlicht im Zimmer gewöhnt. Das Licht des Vollmondes sorgte dafür, dass sie genug sehen konnte, um, ohne gegen Büromöbel oder die von Kogge so heiß geliebte und von ihm mitten im Raum platzierte Skulptur zu stoßen, relativ rasch den Lichtschalter neben der Tür zu erreichen. Nichts.

„Ich werde es von meinem Büro aus versuchen“, schlug Katrin vor. „Vielleicht kann ich von dort aus den Hausmeister erreichen.“

„Na Los! Machen Sie schon. Worauf warten Sie noch? Glauben Sie, ich habe Lust die ganze Nacht im Dunkeln zu sitzen? Ich habe zu arbeiten!“

Auch im Flur brannte kein Licht. Katrin tastete sich zu ihrer Bürotür. Weder Licht noch Telefon funktionierten. Selbst ihr Handy verweigerte den Dienst. Verwirrt schaute sie aus dem Fenster. In der ganzen Stadt war kein einziger Lichtschimmer zu sehen. Selbst die Straßen, auf denen um diese Zeit immer dichter Verkehr herrschte, lagen in völliger Dunkelheit.

Ein Geräusch ließ sie herumfahren.

„Was ist denn nun? Ich bezahle Sie doch nicht fürs Nichtstun.“

„Herr Kogge. Es tut mir Leid, aber weder das Telefon noch mein Handy funktionieren. Sehen Sie selbst. In der gesamten Stadt scheint der Strom ausgefallen zu sein.“

„Erzählen Sie keinen Unsinn. Der Akku des Handys hat nichts mit der Stromversorgung zu tun. Geben Sie mal her. Sie sind wohl einfach nur zu blöd, um zu telefonieren.“

Katrin reichte ihm ihr Handy und verfolgte mit gemischten Gefühlen die Versuche ihres Chefs dieses in Gang zu bringen.

Trotz des dürftigen Lichts konnte sie erkennen, dass sich sein Gesicht immer dunkler färbte, als auch er keinen Erfolg hatte.

Mit einem wütenden Aufschrei warf er das Handy gegen die Fensterscheibe, die zwar nicht zerbarst, aber doch bedenklich bebte.

„Ich will, dass die verdammte Lampe angeht. Ich will Licht“, schrie er aufgebracht. Katrin wünschte sich unsichtbar zu sein. Wenn Kogge einen seiner cholerischen Anfälle bekam, sollte man sich tunlichst nicht in seiner Nähe aufhalten.

Ihr Entsetzen wurde noch größer, als sie feststellte, dass Kogge plötzlich von Innen zu leuchten begann. Seine gesamte Gestalt hob sich erst leicht vom dunklen Hintergrund ab, leuchtete immer stärker und einzelne Flammen züngelten an seinem Körper empor.

„Diese Kraft! Das ist unglaublich! Es fühlt sich an, als ob ich alles tun könnte.“ Er blickte auf seine immer stärker glühende Gestalt herab. Augenblicke später bestand er nur noch aus Flammen.

Katrin schwanden die Sinne.

Als sie wieder erwachte, fand sie sich alleine im immer noch dunklen Büro vor. Von Kogge fehlte jede Spur. Im Büro war es eiskalt. Als sie sich umblickte, bemerkte sie ein mannshohes Loch in der verrußten Fensterscheibe. Katrin blickte nach draußen. Der Chef wird doch nicht… Aber das war doch unmöglich. Das Büro befand sich in der zweiunddreißigsten Etage. Ein greller Lichtschein in der Ferne ließ sie dann aber erschauern. Eine hell leuchtende, brennende Gestalt flog auf die Randbezirke der Stadt zu und warf Flammenblitze auf Häuser und Autos, die augenblicklich explodierten.

*

„Diese Ereignisse, welche sich in jener schicksalhaften und die Welt für alle Zeiten verändernden Nacht zugetragen haben, habe ich notiert, damit die Nachwelt erfährt, was damals wirklich geschah und dass die Welt früher anders ausgesehen hat! – Wolfgang Ullmann.“ So beendete Wulf seine Vorlesung und schloss behutsam das Buch, damit die brüchigen, vergilbten Seiten keinen Schaden nahmen. (…)

Copyright © 2012 by Barbara Wegener

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: Cover-Apokalypsen.jpg © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Wer wissen will, wie es weitergeht, kann den folgenden Titel als ebook bestellen:

Eine mysteriöse Wolke ummantelt die Erde, um deren Zukunft für immer zu verändern. Das Leben, wie man es kennt, existiert fortan nicht mehr. Jegliche Technik ist unbrauchbar, stattdessen verfügen einige Menschen über Magie, andere werden zu blutrünstigen Monstern. Nach Jahrhunderten des Chaos wird endlich „Lysan“ die Auserwählte geboren, die den finsteren Machenschaften ein Ende setzen kann. Eine Mission, die Lysan und ihre Gefährten zum sagenumwobenen Stonehenge führt.

Barbara Wegener: Stonehenge (ebook)

Format: Kindle Edition
Dateigröße:
258 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe:
178 Seiten
Verlag:
Satzweiss; Auflage: 1 (30. Januar 2013)
Verkauf durch:
Amazon Media EU S.à r.l.

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Auch erhältlich bei thalia.at

4 Comments

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  1. Hallo Günther, könntest du hier noch das Video von Barbara einbauen?

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