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SCHATTENKLANG – ROSEEND 2 – Leseprobe (Teil 2) des gleichnamigen Romans von Christa Kuczinski

Frühling 2016

SCHATTENKLANG – ROSEEND

Leseprobe (Teil 2) des gleichnamigen Romans

von

Christa Kuczinski

 

Frühling 2016

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Kapitel 2

Wie so oft war er schon vor Sonnenaufgang wach und bereitete das gemeinsame Frühstück vor.

Saras Blicke schweiften träge durch den Raum. Dem Bett gegenüber stand eine alte, etwas abgenutzte, aber umso schönere Holzkommode, auf der sich Bilder von ihr und Jack befanden. Jedes Foto strahlte die tiefen Gefühle aus, die sie füreinander empfanden. Über allem prangte ein großes Aquarell. Es war Saras Lieblingsbild und zeigte das Haus ihrer Kindheit mit ihr als Wolf im Vordergrund. Dass es gerade hier aufgehangen wurde, war Jacks Idee gewesen und hatte sich als angemessener Platz für die Erinnerung erwiesen, die sie mit diesem Bild verband.

Sara wurde von einer unerwarteten Welle der Übelkeit überrollt. Noch rechtzeitig schaffte sie es ins Bad. Vielleicht hätte sie gestern nicht so viel von dem köstlichen Krabbensalat essen sollen, dachte sie, während sie sich ihr Gesicht wusch. Ein Blick in den Spiegel, soweit das mit den vielen unterhaltsamen Nachrichten, die sie und Jack dort hinterlassen hatten, möglich war, zeigte ihr, dass sie etwas blass um die Nase und mit noch schläfrigen Augen nicht gerade das Bild einer agilen Frau abgab.

»Sara, wenn du pünktlich zur Arbeit kommen willst, solltest du langsam in die Gänge kommen«, drang Jacks Stimme zu ihr.

»Einen Moment, ich bin gleich so weit.« Sara schlüpfte in ihr Kostüm, das sie schon am Vorabend bereitgelegt hatte, fuhr sich mit der Bürste durch ihr Haar und griff sich ein Haarband, bevor sie das Bad verließ.

Jack goss gerade den Tee ein, als sie die Küche betrat.

Er wandte sich ihr mit einem liebevollen Lächeln zu, bevor er sich auf einen Hocker sinken ließ und Saras Tasse auf ihren Platz schob. »Ohne mich würdest du chronisch zu spät zur Arbeit kommen«, feixte er gutgelaunt.

Sara hob die Brauen und zeigte ihm damit, was sie von seiner Aussage hielt. Während sie ihren heißen Tee trank, beobachtete sie Jack aus den Augenwinkeln. Zwar trug er saubere Jeans und ein gebügeltes Hemd, aber er hatte augenscheinlich etwas vergessen. Sein dichtes schwarzes Haar stand ihm wirr zu Berge und brauchte dringend einen frischen Schnitt.

So wie er vor ihr saß und in ein knuspriges Brötchen biss, sah er mehr denn je wie ein kleiner Junge aus und so gar nicht wie ein Rudelführer.

Bei diesem Gedanken musste Sara kichern. Erstaunt musterte Jack sie neugierig. Nur mit Mühe brachte sie ihren Lachanfall unter Kontrolle und zeigte ihm mit einer Geste, was sie so erheiterte. Kopfschüttelnd, doch mit einem breiten Grinsen fuhr sich Jack durchs wirre Haar, wohl wissend, dass es nichts nützen würde.

»So besser?«, fragte er verschmitzt.

Noch immer lachend stand Sara auf, stellte ihre Tasse in die Spüle und drückte Jack einen Kuss auf die silberne Strähne, die ihm eigenwillig in die Stirn fiel. »Keine Chance, ich mache dir noch heute einen Termin beim Friseur«, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Als Sara eine halbe Stunde später das Dessousgeschäft betrat, grinste sie noch immer. Miranda schloss die Kasse auf. Sie war Marcs Frau und somit Jacks Schwägerin. Für Sara war sie nicht nur Chefin, sondern längst eine gute Freundin geworden.

Sie blickte auf und bemerkte Saras amüsierten Gesichtsausdruck. »Was ist denn am frühen Morgen schon so lustig? Normalerweise muss ich dich um diese Uhrzeit immer ermahnen, unsere Kunden mit deinem griesgrämigen Morgengesicht nicht zu vergraulen«, fragte sie neugierig.

Sara ging erst gar nicht auf Mirandas Geplänkel ein.

»Ich habe für Jack einen Friseurtermin gemacht und stelle mir gerade vor, wie begeistert er darüber ist«, erklärte sie mit einem verschwörerischen Zwinkern.

Die bedeutungsschwangere Stille, die daraufhin eintrat, hielt sich nur einen Moment, denn nun lachte auch Miranda lauthals los.

Vergnügt stellte sich Sara Jacks mürrisches Gesicht vor, wie er auf dem Stuhl sitzen und mit dem Friseur um jede einzelne Strähne feilschen würde. Wie nur die engsten Freunde wussten, hasste Jack es, seine Haare geschnitten zu bekommen, und dieser Umstand erregte immer wieder großes Vergnügen. Vor allem bei Sara und Miranda, wenn es ihnen darum ging, Witze über ihre Männer zu reißen.

Jack bot mit seiner Friseurphobie eine besonders gute Zielscheibe für ihre Späße.

*

An diesem Morgen war es still in den Straßen von Bellwick. Die Menschen gingen ihrer Arbeit nach oder lagen noch in den Federn. Erst gegen Mittag füllten sich langsam die Läden. Sara hatte alle Hände voll zu tun, ihre Kunden zu bedienen. Die meisten Frauen, die das Geschäft aufsuchten, hatten eine genaue Vorstellung davon, was sie wollten. Die wenigen Männer jedoch, die sich in Mirandas Geschäft verirrten, hatten oftmals keine Idee, was genau sie suchten und größtenteils auch keine Ahnung von den Größen, die ihre Frauen trugen. Bei diesen dauerte eine Beratung schon mal etwas länger und konnte sich zuweilen nervenaufreibend gestalten.

Sara hatte einen Kunden der zweiten Kategorie bedient, als sie von einer Bewegung vor dem Fenster abgelenkt wurde. Sie erkannte Laurence, der in seiner markanten Lederjacke und der Gitarre, die er in einer Hülle verpackt quer über dem Rücken trug, die Straße entlangging. Er wollte sich scheinbar auf dem großen Marktplatz niederlassen, der das Zentrum von Bellwick bildete.

Kopfschüttelnd wandte sich Sara ab. Was machte ihm bloß so viel Spaß, seine Zeit in Bellwick zu verbringen, nur um den Menschen seine Musik vorzuspielen, dachte sie, bevor sie ihren Nachbarn endgültig aus ihren Gedanken verbannte.

In ihrer Pause traf sich Sara mit Jack, der, wie seine kurzen Haare zeigten, seinen Friseurbesuch bereits hinter sich gebracht hatte.

Sie schlenderten über den Marktplatz, während sich Saras Blick auf den Boden vor ihr richtete. Die naturbelassenen Pflastersteine, die sich in immer größer werdenden Spiralen über die ganze Fläche zogen, waren immer wieder eine Gefahr für ihre Absätze, so wie zurzeit. Sie atmete auf, als sie das gegenüberliegende Bistro erreichten, das ein beliebtes Ziel für ein Treffen in der Mittagspause war, wenn sie sich gelegentlich in Bellwick verabredeten.

Das romantische Flair des Platzes, der noch aus der viktorianischen Zeit stammte, stand, wie alle Häuser im Stadtkern, im krassen Gegensatz zum modernen Medion.

Doch das Bewusstsein der Einwohner, sich die Schönheit der Stadt durch aufwendige Restaurierungsarbeiten zu erhalten, war allgegenwärtig.

Jack dirigierte Sara an einen freien Tisch am Panoramafenster, sodass sie das Kommen und Gehen auf dem Marktplatz beobachten konnten. Entspannt saßen sie vor ihrem Essen, als auf der anderen Seite ein Tumult ausbrach. Drei junge Männer stritten sich lautstark miteinander, wobei der Streit immer heftiger wurde und die Blicke der Leute auf sich zog.

Sara beobachtete, wie einer dem anderen die Faust in den Magen rammte, sodass dieser hart gegen einen der wuchtigen Blumenkübel stürzte, die hier und da den Platz auflockerten, während der Dritte nun seinerseits mit dem Fuß zutrat.

Erschrocken hielt sie die Luft an. Gerade wollte sie sich an Jack wenden, als der auch schon aufsprang und durch die Tür nach draußen lief. Wie erstarrt blieb sie sitzen und beobachtete aus sicherer Entfernung wie Jack versuchte, den Streit zu schlichten. Mit Schreck verfolgte sie, wie einer der Männer seine Hand hob, um auf Jack einzuschlagen.

Doch nicht umsonst verfügte er über eine schnelle Reaktionsgabe. Der Angriff wurde schon im Ansatz von ihm abgefangen. Mit wütendem Gesicht, die Hand des Angreifers noch immer umklammert, redete er auf ihn ein, während sich um sie herum eine neugierige Menschentraube bildete. Sara sprang ebenfalls auf und hastete auf den Platz. Während sie sich zwischen den Schaulustigen hindurchschlängelte, erhaschte sie immer wieder einen Blick auf die vier Männer. Einige Hinzukommende halfen dem auf dem Boden liegenden Verletzten auf, während sich andere in den Streit einmischten und ebenfalls versuchten, die Streithähne auseinanderzuhalten. Als zwei Polizisten auftauchten, schlängelte sich Jack unauffällig zwischen den Leuten hindurch und zog Sara hinter sich her, die fast schon bis zu ihm durchgedrungen war.

An ihrem Tisch zurück sank Sara auf ihren Stuhl. »Was ist denn da draußen passiert?«, fragte sie, noch immer verstört über den heftigen Vorfall.

Jack ließ sich ebenfalls auf seinen Stuhl sinken und schüttelte noch immer verständnislos den Kopf. »Zwei der Männer sind scheinbar Nachbarn. Ausgerechnet mitten auf dem Marktplatz kam einer auf die blöde Idee, dem anderen vorzuwerfen, er hätte an seiner Grundstücksgrenze seine Hecke zu hoch wachsen lassen. Bis jetzt war das wohl nie ein Problem zwischen ihnen gewesen. Der Dritte ist ein Freund der beiden. Schon merkwürdig, dass dieser sich in Form eines Fußtrittes für seine Freundschaft bedankt. Es gibt selbst in Bellwick Verrückte …«

Sara schwieg. Sie starrte durch das Fenster auf den sich leerenden Platz. Mittlerweile ging jeder der Passanten wieder seiner Wege und nichts ließ auf die hier kürzlich stattgefundene Auseinandersetzung schließen.

Ihr fiel noch etwas auf: Laurence, den sie noch zu Beginn der Auseinandersetzung auf dem Marktplatz gesehen hatte, war verschwunden. »Sag mal, warum hat Laurence eigentlich nicht eingegriffen? Der war den Dreien doch am nächsten?«, fragte sie, ohne den Blick von draußen abzuwenden.

»Ehrlich gesagt hab ich nicht auf ihn geachtet. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er überhaupt da war«, murmelte Jack und blickte nun ebenfalls irritiert aus dem Fenster, auf der Suche nach dem Werwolf.

»Klar war er da, ich habe ihn ja gesehen«, erwiderte Sara. Oder hatte sie ihn mit jemand verwechselt? Sie erinnerte sich zwar daran, dass er in Richtung Zentrum unterwegs gewesen war, aber an mehr auch nicht. Verunsichert beschloss sie, das Thema Laurence fallen zu lassen.

Als sie sich nach ihrer Mittagspause liebevoll von Jack verabschiedete, war sie mit ihren Gedanken bereits wieder bei der Arbeit. Den kurzen Weg ins Geschäft hatte sie mittlerweile schon unzählige Male zurückgelegt. Sie wusste sehr genau, wem sie zu dieser Zeit begegnen könnte. Doch sie war noch zu aufgewühlt von dem Streit und in Gedanken vertieft, sodass sie kaum darauf achtete, als eine ältere aufgetakelte Frau in einem schreiend roten Kostüm eines der an die Straße angrenzenden Häuser verließ, und einen übergewichtigen, mit einer lächerlichen rosafarbenen Schleife verunstalteten weißen Pudel hinter sich herzog.

Normalerweise machte Sara immer einen weiten Bogen um das Gespann, doch dafür war es heute eindeutig zu spät.

Ihre Schritte beschleunigten sich in der Hoffnung, unbemerkt an ihnen vorbeizukommen. Fast wäre es ihr gelungen, als ihr der stechende Geruch eines billigen Parfüms in die Nase stieg, der sie zum Niesen brachte. Der malträtierte Kopf des Hundes, der bisher interessiert am Rinnstein schnupperte, schoss nach oben und fixierte sie aus dunklen Knopfaugen. Die kleine rosafarbene Zunge, die gerade noch von seinem Besitzer vergessen aus seinem Mäulchen hing, zog sich zurück und machte einer Reihe kleiner, spitzer Zähne Platz.

Sara stöhnte leise auf, sie wusste nur zu gut, was kommen würde und bemühte sich um einen nichtssagenden Gesichtsausdruck. Als sie weiter auf Frauchen und Hund zu ging, wurde aus dem anfänglichen Knurren ein lautes Bellen. Dem Tier stellten sich die Nackenhaare auf und es versuchte, sich aus dem Halsband zu winden.

Die alte Matrone schaute verdutzt auf ihren Liebling und sprach beruhigend auf ihn ein, doch der gebärdete sich wie ein wütender Derwisch und ließ Sara nicht aus den Augen.

Als sich jedoch immer mehr Menschen zu ihnen umblickten, machte Sara dem Schauspiel ein Ende. Darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen, beugte sie unauffällig den Kopf und zog dabei unmerklich die Oberlippe nach oben. Ein warnender Laut von ihr bewirkte ein wahres Wunder. Anstatt sie weiterhin angreifen zu wollen, warf sich der Pudel auf den Rücken und winselte zum Erbarmen. Sein Frauchen zerrte daraufhin entschlossen an der gespannten Leine und riss ihn bestürzt in die Arme.

An diesem Punkt angekommen, war Sara auch schon an ihnen vorbei. »Gerade die Kleinen sollten es eigentlich besser wissen«, brummelte sie mit einem missbilligenden Kopfschütteln.

*

Am Abend verhielt sich Jack ungewöhnlich gereizt.

»Nichts, ich bin einfach nicht so gut drauf«, beantwortete er ihre Frage, was denn los sei, mit einem Brummen.

Diese Antwort erstaunte Sara. Auf der Fahrt nach Roseend war Jack noch bestens gelaunt gewesen. Erst, als sie zu Hause ankamen, wurde er mehr und mehr ungehalten, obwohl sie keinen Grund für sein merkwürdiges Verhalten feststellen konnte. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob er selbst einen wusste. Um ihn abzulenken, überredete sie ihn zu einem Spaziergang an den See. Noch war das Wetter angenehm mild, und das wollte sie so lange es ging genießen. Sobald sie aus dem Cottage traten, fiel Saras Blick auf Laurence, der wieder einmal auf der Stufe seines Cottages saß und eine Reihe von schnellen Akkorden spielte. Sein Anblick machte sie, wie so oft in der letzten Zeit, nervös. Doch schon waren sie an ihm vorbei, in Richtung des Sees, der inzwischen ihr Lieblingsplatz geworden war.

*

Laurence’ Blicke folgten ihnen. Für einen Moment setzte er mit seiner Musik aus, seine Finger verharrten über den Gitarrensaiten. Sara war wirklich eine außergewöhnliche Frau und wunderschön obendrein. Sie besaß eine seltsame Ausstrahlung, die ihm noch immer Rätsel aufgab.

Als er ihr vor wenigen Wochen zum ersten Mal begegnet war, hatte er diese unterschwellige Kraft sofort gespürt, es jedoch auf den Umstand zurückgeführt, dass es sich bei Sara um die Partnerin des hiesigen Rudelführers handelte.

Das bloße Wissen, Macht über andere ausüben zu können, veränderte nicht nur die Einstellung desjenigen, der sie besaß. Sie äußerte sich auch im Auftreten, Verhalten und in der Entscheidungsfindung. Doch nichts von alldem schien auf Sara zuzutreffen. Wenn er nicht nach seinem Einzug von Jafa darauf hingewiesen worden wäre, dass Sara aufgrund ihrer Partnerwahl eine hohe Stellung in Roseend innehatte, wäre er niemals auf die Idee gekommen, in ihr mehr als eine normale Werwölfin zu sehen. Er revidierte diesen Gedanken. In der Vergangenheit war er vielen weiblichen Wolfswesen begegnet, doch keine von ihnen hatte ihn wirklich interessiert, oder seine Aufmerksamkeit auf längere Zeit fesseln können. Sara wiederum ging ihm nicht aus dem Kopf. Wann immer er sie zu Gesicht bekam, spürte er eine unterschwellige, prickelnde Gefahr, die von ihr auszugehen schien, die er jedoch nicht zu benennen wusste. Trotz dem oder gerade deshalb hätte er sie gern aus der Sache herausgehalten, aber das würde wohl nicht gehen, dachte er, bevor seine Finger wieder über die Saiten strichen und er die begonnene Melodie beendete.

*

Sie schlenderten an Michaels Cottage vorbei, überlegten, ob sie ihm einen kurzen Besuch abstatten sollten, und entschieden sich dagegen. Seit der Enthüllung über die mehr als niederträchtigen Charakterzüge seiner Exfrau Sophie, die Sara vor Kurzem durch ihr beispielloses Verhalten in eine äußerst gefährliche Lage gebracht hatte, sah man Michael nur noch zu Anlässen wie einem Geburtstag oder einer Versammlung der Werwölfe.

Soweit sie wussten, war er mal wieder mit einem neuen Buchprojekt beschäftigt. Über eine Störung würde er in diesem Fall nicht gerade begeistert reagieren.

Sich an den Händen haltend schlenderten sie über die Wiesen und genossen die Stille, die nur hier und da vom Rascheln eines umherschleichenden Tieres unterbrochen wurde. Bald näherten sie sich ihrem Ziel. Der See, auf dessen Oberfläche sich das Abendlicht spiegelte, glitzerte überaus einladend.

Auf dem Steg, der bis in die Mitte des Sees reichte, blieb Sara stehen. Jack blickte sie fragend an und wartete auf eine Erklärung ihres Verhaltens, doch Sara ignorierte ihn. Mit einem Lächeln legte sie Stück für Stück ihrer Kleidung ab.

Jacks Augen verrieten ihr, was ihm gerade durch den Kopf ging; auch wenn es noch angenehm warm ist, wird sie doch nicht …

Sara lief an ihm vorbei und sprang schwungvoll ins kalte Wasser. Prustend tauchte sie wieder auf, umrundete den See, um, wieder am Steg angekommen, nach Jacks dargebotener Hand zu greifen und sich von ihm hochziehen zu lassen.

Er ließ ihre Hand nicht los, als sein Blick begehrlich an ihrem Körper hinabglitt und den vorwitzigen Wassertropfen folgte, die sich ungehindert ihren Weg zwischen ihren Brüsten entlangbahnten. Sara genoss seine Blicke und seine Reaktion, grinste verwegen und malte sich aus, wie er sie in der Kühle des Abends effektiv wärmen könnte.

Jacks Augen funkelten verdächtig, als er plötzlich seinen Griff löste, sich von ihr abwandte und mit seinem Körper abschirmte.

Verwundert folgte Sara seinem Blick und erkannte Michael, der ihnen anscheinend gefolgt war. Gerade betrat er schwer atmend den Steg und blieb vor ihnen stehen.

Als er Sara, die hinter Jacks Rücken hervorlugte, sah, versuchte er den Umstand zu ignorieren, dass sie nichts am Leib trug.

»Jack, in Bellwick gab es eine Schlägerei, genauer gesagt im Center deines Bruders«, stieß er hastig hervor.

Erst jetzt wurde sie sich ihres Aufzugs bewusst und griff verlegen nach ihrem T-Shirt. Sie beeilte sich, es überzuziehen, doch mit feuchter Haut hatte sie mit ihrer Jeans schon mehr Mühe. Sie hätte sich nicht mit ihrer Kleidung abmühen müssen; weder Michael noch Jack würdigten sie eines Blickes, beide waren in ein Gespräch vertieft.

Michael erzählte Jack, was er über den Vorfall wusste.

Noch immer mit ihrer widerspenstigen Jeans beschäftigt, hörte Sara nur Gesprächsfetzen.

»Ja, Marc war mittendrin. Soweit ich weiß, ist er noch im Bodybuildingcenter.«

»Wann ist es passiert? Ich fahre gleich los und schaue nach ihm«, sagte Jack.

Als Sara es endlich geschafft hatte, sich in ihre Jeans zu zwängen und zu den Männern trat, machten sie sich gemeinsam auf den Rückweg.

Wirklich erfreulich, dass sie sie wenigstens nicht vergessen und allein zurückgelassen hatten, dachte sie mit einem Anflug von Zynismus.

»Miranda rief mich an, sie war völlig außer sich. Als sie Marc abholen wollte, hörte sie schon im Eingang den Krawall. Mehrere Leute waren darin verwickelt, darunter auch Marc, der gerade einen Hocker anhob, um ihn einem anderen über den Schädel zu ziehen. Miranda konnte verhindern, dass er seine Absicht in die Tat umsetzte, allerdings zeugte ein schon am Boden liegender zertrümmerter Hocker und diverses beschädigtes Mobiliar davon, dass sie zu spät gekommen war. Erst, als sie mit der Polizei drohte, beruhigten sich die Männer. Sie ist erstaunt, dass Marc anstatt den Streit zu schlichten, mit daran beteiligt war. So kennt Miranda ihren Mann nicht. Und wir auch nicht«, fügte Michael nachdenklich hinzu.

Jack schüttelte verwundert den Kopf und auch Sara machte sich Gedanken. Sie kannte Marc als einen umsichtigen Mann, der sich normalerweise niemals auf eine Provokation einlassen würde. Doch heute hatte er scheinbar seine Intuition mehr als ignoriert. Obwohl Sara eigentlich vorhatte, Jack und Michael zu begleiten, entschied sie sich am Ende dagegen. An ihrem Cottage hatte sich mittlerweile auch Jafa eingefunden. Aus welchen Kanälen er so schnell die Nachricht überbracht bekommen hatte, war ihr schleierhaft. Drei aufgeregte Männer zu Marcs Unterstützung sollten wahrlich genügen.

 *

Jack betrat das Center, gefolgt von Michael und Jafa. Ihnen bot sich ein Bild der Verwüstung. Zwischen gesplitterten Hockern, die, wie die Überreste bewiesen, einen Wurf durch die Scheibe der Trennwand nicht standgehalten hatten, saßen drei Männer und prosteten sich mit einem Bier zu. Marc stand hinter der Bar und schien mit einer klaffenden Wunde oberhalb der Augenbraue noch glimpflich davongekommen zu sein. Allerdings wirkte er nicht ganz so zufrieden wie die anderen Männer, die zwar allesamt lädiert, jedoch friedlich zusammensaßen. Jack erkannte den Grund sehr schnell. Hinter Marc stand Miranda mit einer Kehrschaufel in der Hand und schimpfte leise vor sich hin.

»Kann mir einmal einer sagen, was hier los war?« Jacks Frage ließ die Anwesenden zusammenfahren und verfehlte nicht ihre Wirkung.

Beschämt blickten sich die Männer an.

»Schon auf der Straße habe ich den Lärm durch die geöffneten Fenster hören können! Die Jungs haben das Center mit einem Spielplatz verwechselt, das ist passiert«, ertönte Mirandas schneidende Stimme aus dem Hintergrund, noch bevor einer von ihnen etwas sagen konnte.

Mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck stach sie mit dem Zeigefinger in Marcs Richtung. »Und dieser hier hat munter mitgemischt …«

Jack musste schmunzeln. Niemand war ernsthaft verletzt, die Einrichtung würde die Versicherung bezahlen und sein Bruder schaute so zerknirscht wie schon lange nicht mehr.

Was auch kein Wunder war, seine Frau würde ihn das so schnell nicht vergessen lassen. Jack konnte sich denken, dass für Marc schwere Zeiten anbrechen würden.

*

Wer genau den Streit begonnen hatte, wusste niemand mehr zu sagen. Im Grunde genommen ging es um eine Kleinigkeit. Einer wollte ein Trainingsgerät benutzen, das der andere seiner Meinung nach zu lange in Beschlag genommen hatte. Ein Wort gab das andere und schon waren sie mitten in einem schönen Streit, der in Handgreiflichkeiten übergegangen war. Marc wollte zu Anfang schlichten, wie er mit einem Seitenblick auf seine noch immer wütende Frau besonders betonte. Doch als auch er verbal angegriffen wurde, musste er sich natürlich wehren.

Alle Männer nickten zustimmend, doch das hätten sie besser bleiben lassen. »Na, dann könnt ihr ja auch alles sauber machen«, tobte Miranda und verteilte die Aufräumarbeiten.

Niemand wagte, sich zu widersetzen. Alle, selbst Michael, Jafa und Jack packten mit an, obwohl sie nichts mit der Sache zu tun gehabt hatten.

»Da will man nur helfen und das wird auch noch wortwörtlich genommen, typisch Frau«, murmelte Jack.

 *

Sara blickte zum wiederholten Mal beunruhigt auf die Uhr. Vor mehr als zwei Stunden waren die Männer aufgebrochen. So lange konnte es doch nicht dauern. Wenn es schlimm gewesen wäre, hätte Jack sie doch sicherlich angerufen.

Als er Stunden später endlich zu Hause eintraf, empfing sie ihn zuerst sauer. Nachdem sie jedoch hörte, dass Miranda mit Erfolg alle Männer wie ein Feldwebel dirigiert hatte, musste sie lachen und revidierte ihren Gedanken von vorher – nein, wenn Miranda einmal wütend war, reichten selbst drei Männer nicht aus, um sie zu beruhigen!

Am nächsten Morgen drehte sich Sara noch einmal genüsslich auf die andere Seite. Für heute hatte sie sich Urlaub genommen, da ihr Bruder Marcel noch zur Verabschiedung vorbeikommen wollte. Seit einer Woche wohnte er bei Jennifer in Mitchen und sie hatte ihn während dieser Zeit nur einmal, auf Minas Party, zu Gesicht bekommen.

Das bedeutete in ihren Augen nur eines: Es schien ihm mit Jennifer ernst zu sein. Was, außer der Liebe zu einer anderen Frau, hätte ihn davon abgehalten, Sara zu besuchen, wenn er schon so selten in ihrer Nähe war.

Als sie ihm später die Tür öffnete, erkannte sie an seinem reuigen Gesichtsausdruck, dass auch ihm bewusst war, dass er seine Schwester sträflich vernachlässigt hatte. Amüsiert lächelnd umarmte sie ihn liebevoll, um ihn gleich darauf in Richtung Küche zu lenken, wo sie schon den Frühstückstisch vorbereitet hatte.

Marcel sah ihr sehr ähnlich und war genauso dunkelhaarig wie sie. Er ließ seinen Blick über die frischen Brötchen gleiten und erkannte, mit wie viel Liebe sie alles angerichtet hatte. Nun kam das charakteristische Grübchen zum Vorschein, das sie ebenfalls gemeinsam hatten und das Jack an ihr so liebte. Bei einer heißen Tasse Tee zwischen Marmelade und Aufschnitt begannen sie ein angeregtes Gespräch.

»Ja, ich weiß, ich sollte mich viel öfter melden. Aber immer, wenn ich es mir vornehme, kommt irgendwas dazwischen«, entschuldigte sich Marcel, während er genüsslich ein Brötchen verschlang.

Sara lehnte sich gegen die Stuhllehne. »Kann es sein, dass »dazwischen« auch einen Namen hat?«, erwiderte sie mit einem breiten Grinsen.

Marcel lachte verlegen auf und kaute ausgiebig an seinem Brötchen herum, bevor er seine Schwester verschmitzt ansah. »Was hast du dir denn da schon wieder zurechtgelegt? Ich weiß, dass du gern eine Frau an meiner Seite wüsstest. Du hast Jack auch nicht von heute auf morgen gefunden. Wenn du auf Jennifer anspielst: Klar, wir mögen uns, doch mehr ist es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Wir haben festgestellt, dass wir uns angeregt über Themen, die uns beide interessieren, unterhalten können, und das ist schon etwas Besonderes.«

Sara erkannte den schwärmerischen Ausdruck in seinen Augen, deshalb lächelte sie und biss ihrerseits genüsslich in ihr Brötchen. Ihr fiel etwas ein, dass sie Marcel schon längst fragen wollte. Der Umstand, dass er kein Werwolf war, machte die Antwort von ihm umso interessanter.

»Sag mal, auf Minas Geburtstagparty, ist dir da irgendwas Ungewöhnliches aufgefallen? Ich meine, an den Leuten die da waren?«

Marcel hatte offenbar nicht mit einer solchen Frage gerechnet und schien sich nicht sicher, was Sara meinte. Er runzelte die Stirn. »Hm, eigentlich nicht. Es waren sehr nette Leute anwesend. Ich vermute, dass es sich größtenteils um Werwölfe handelte?«, gab er seinen Eindruck von der Party, nach einem Moment des Überlegens wieder. Er zog fragend die Augenbrauen hoch. »Allerdings gab es da einen Moment, der mir richtig unheimlich vorkam. Das war, als du dich zwischen Michael und Jafa gestellt und auf sie eingeredet hast. Ich hab nicht allzu viel hören können, aber die zwei waren ganz schön hitzig bei der Sache. Was mich jedoch am meisten irritierte, war die seltsame Stimmung, die auf einmal über allem lag. Selbst Jennifer, die wirklich eine ganz Sanfte ist, verhielt sich für einen Moment merkwürdig. Die ganze Zeit starrte sie auf die beiden, ohne zu merken, dass sie meinen Arm umklammerte, als wäre sie auf irgendeine Weise in die Auseinandersetzung involviert. Und die anderen sahen auch nicht unbeteiligt aus«, fügte er leise hinzu.

Sara nickte und spielte weiter mit einem Faden, der aus ihrem Pullover lugte. Als sich das Schweigen in die Länge zog, blickte sie auf. »Ja, so was Ähnliches habe ich vermutet. Mir kam es auch so vor, als ob alle Werwölfe mit einem Mal ihre ganze Konzentration auf Michael und Jafa gerichtet hatten. Leider sah es nicht so aus, als ob sie zum Schlichten bereit gewesen wären«, ging sie auf Marcels fragenden Blick ein.

Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich etwas in diese Richtung gedacht hatte. »Mensch, wenn du es auch bemerkt hast, warum hast du nicht mit Jack darüber gesprochen?«, fragte er neugierig.

»Wie du gerade sagtest, ich habe es bemerkt. Jack und den anderen war nicht bewusst, wie sie reagierten. Das wiederum wirft die Frage auf, warum ich nicht dasselbe empfunden habe. Immerhin konnte ich die gleichen Reaktionen bei allen Werwölfen erkennen, nur nicht bei mir.«

Marcel, der offensichtlich erst jetzt erkannte, worum es ihr wirklich ging, legte ihr seine Hand auf die Schulter.

»Sara, jetzt miss der ganzen Sache doch nicht so viel Bedeutung bei. Vermutlich war es reiner Zufall und hat absolut nichts mit dem Umstand zu tun, dass du etwas anders bist, als die übrigen Werwölfe. Vergiss die Angelegenheit und gut ist es.«

Da sie nicht wollte, dass sich Marcel um sie sorgte, denn das hatte er in der Vergangenheit oft genug tun müssen, rang sie sich ein Lächeln ab. »Du hast bestimmt recht, lassen wir das«, stimmt sie ihm zu.

Im Nachhinein war sie froh, dass sie sich Zeit für ihren Bruder genommen hatte. Es waren ein paar schöne Stunden, die sie an diesem Tag mit ihm verbrachte. Bevor er zurück nach Surrey fuhr, einigten sie sich auf einen wöchentlichen Anruf, um in Kontakt zu bleiben.

(Fortsetzung folgt)

Copyright © der Leseprobe 2013/2015 by Christa Kuczinski (mit freundlicher Genehmigung des Verlages und im Auftrag der Autorin)

Bildrechte: LYKANTHROPIE – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar” (werwolfgeschichten.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Schattenklang – Roseend 2 (Kartoniert)
von Kuczinski, Christa
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Verlag:  at Bookshouse Ltd.
Medium:  Buch
Seiten:  204
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Oktober 2015
Maße:  190 x 120 mm
Gewicht:  227 g
ISBN-10:  9963530087
ISBN-13:  9789963530083

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