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SABIHA UND DAS ERBE DER VERGANGENHEIT (Teil 3) – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann

SABIHA UND DAS ERBE DER VERGANGENHEIT

Eine Kurzgeschichte (Teil 3)

von

Irene Salzmann

Kranzberg, Oktober 1991/Februar 2014

(Zum vorherigen Teil)
„Nein, halte dich fern. Wir dürfen nicht hinein.“

„Weshalb?“, fragte Bi mit klopfendem Herzen und versuchte vergeblich, etwas in der samtenen Finsternis zu erkennen. „Was ist das? Was ist da drin?“

Ihr Gegenüber zog erstaunt die Brauen in die Stirn.

„Woher kommst du, dass du die Legende nicht kennst? Dein Dorf liegt wohl wirklich am anderen Ende Maurinias! Dies ist das Grab derer, deren Namen vergessen wurde. Keiner darf es betreten, damit ihre Ruhe ewig währt.“ Plötzlich stutzte er. „Oder gehörst du zu den Sektierern?“

Um den Mann nicht noch mehr zu beunruhigen, beherrschte Bi ihr Verlangen, den Torbogen augenblicklich zu durchschreiten, schaute in eine andere Richtung und zog die Beine an ihren Körper. Mit der Lanze konnte er sie leicht aufhalten; sie musste sich etwas einfallen lassen und ihn übertölpeln.

Ja, lockte der Rufer, komm herein.

„Ich verstehe nicht, wovon du sprichst. Meine Heimat ist – das hast du richtig erkannt – ein winziges Fischerdorf im Süden von Maurinia. Nur wenig Fremde kommen zu uns und erzählen, was im Land und in den Nachbarreichen geschieht. Weder kenne ich deine Legenden noch weiß ich etwas von Sektierern. Was machst du allein hier? Und wer ist die … die da?“ Bi wies auf das Gemäuer.

Der junge Mann holte einen Krug hervor und füllte einige Fingerbreit mit Wasser verdünnten Wein in zwei Becher, von denen Bi einen dankend entgegennahm.

„Nun, ich darf nicht einschlafen, also reden wir. Wenn du mir nachher etwas über deine Heimat erzählst, will ich dir deine Fragen beantworten. Also höre!

Die Priester berichten, dass es vor unzähligen Generationen furchtbare Kriege gegeben hat. Dämonen, Magier und Menschen kämpften gegeneinander in blutigen Schlachten. Irgendwann gelang es einem mutigen Fürsten, die finstere Göttin, die Anführerin der dämonischen Scharen, zu töten und dem langen Krieg ein Ende zu bereiten.

Um zu verhindern, dass sie jemals wieder aufersteht und erneut Unheil über Maurinia, Karkaras und andere Länder bringt, tilgte man ihren Namen von allen Schriften und Gegenständen, verbot jedem, ihn auch nur auszusprechen. Ihre Gebeine, die sich nicht zerstören ließen, brachte man an einen geheimen Ort, an dem sie die ewige Ruhe finden sollte. Tatsächlich geriet ihr Name, ja, die Erinnerung an sie weitgehend in Vergessenheit, und auch die Hüter des Grabes sprechen von ihr bloß, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Ihre Ruhestätte jedoch wurde von zauberkundigen Frauen und Männern entdeckt, die behaupten, ihren Namen zu kennen. Sie wünschen, dass ihnen die Vergessene noch größere Macht verleiht, Areoch vereint und über die Reiche der anderen Kontinente erhebt. Das sind die Sektierer, die sich Brüder und Schwestern der Laitath nennen.

Ich gehöre zu einer Gruppe Krieger, die das Grab bewacht, damit sich weder die Sektierer, noch andere machthungrige Fanatiker Zutritt verschaffen können. Niemand darf die Gruft betreten und die Vergessene wiedererwecken. Daher wachen wir schon seit undenklichen Zeiten an diesem unheilvollen Ort. Zuerst im Geheimen, inzwischen aber weiß jedes Kind um unsere wichtige Aufgabe. Jeder Mann in Karkaras und Yakeesh ist einmal in seinem Leben Wächter.

Normalerweise sind wir drei, aber einer meiner Kameraden ist von dem vereisten Felsen in eine tiefe Spalte gestürzt. Mein anderer Begleiter ist daraufhin nach Yakeesh aufgebrochen, um unsere Ablösung zu beschleunigen. Ich erwarte die neuen Wachen für den nächsten Abend, und bis dahin muss ich allein das Tor hüten.

Nur, ich darf nicht einschlafen. Bleibt das Tor auch nur für einen Augenblick unbewacht, kann großes Unglück geschehen, ja, könnte es vielleicht sogar ihre Rückkehr bedeuten. Und das ist der Untergang von Areoch.“

„Eine schaurige Geschichte“, stimmte Bi ihm zu und nahm einen Schluck Schorle. „Wollen das die Sektierer? Was nützt ihnen die Macht, wenn alles zerstört ist?“

„Sie glauben“, erklärte der Posten geduldig, „die Vergessene benutzen zu können. Aber das wird ihnen nicht gelingen, sagen die Priester. Sie wird über ihre Anhänger lachen und sie genauso vernichten wie jedes andere Lebewesen in Areoch.“

Sie begannen, sich über Belanglosigkeiten zu unterhalten, und der Wächter wurde immer schläfriger.

„Wie soll ich nur den langen Tag überstehen“, knurrte er übellaunig, „schon seit gestern habe ich kein Auge mehr zugetan. Erzähle mir noch etwas, irgendwas, ein Märchen, oder sing ein Lied. Wenn du willst, kannst du dich auch hinlegen. Du brauchst keine Furcht zu haben, ich werde dich nicht anrühren.“

„An diesem unheimlichen Ort kann ich nicht schlafen“, erwiderte Bi. „Aber wenn dir die Augen zufallen, kannst du dich eine Weile ausruhen. Ich werde für dich aufpassen. Sollte ich etwas Verdächtiges bemerken, wecke ich dich sofort.“

„Nein.“ Der Mann schüttelte den Kopf, obwohl er ihr Angebot nur zu gern angenommen hätte. „Es ist meine Aufgabe. Solange ich am Leben bin, darf ich sie bis zu meiner Ablösung keinem anderen übertragen.“

Er hockte sich ihr gegenüber auf den Boden, und wenngleich er tapfer gegen den Schlaf ankämpfte, fielen ihm die Augen schließlich doch zu. Bi wartete noch einen Moment, und als sie sein leises Schnarchen vernahm, erhob sie sich geschmeidig.

„Ich komme“, flüsterte sie der Vergessenen zu.

Sie nahm eine der Fackeln, die zur Ausrüstung der Wächter gehörten, und entzündete sie am Feuerkessel. Dann leuchtete sie in die Dunkelheit, die hinter dem Torbogen herrschte. Ihre Furcht war gänzlich verflogen, und so betrat sie das verbotene Grab.

*

Am nächsten Abend traf der Trupp frischer Wachtposten ein, doch sie fanden weder den zurückgebliebenen Wächter noch den Torbogen. Ein Erdrutsch hatte den Eingang zur Gruft der Vergessenen verschüttet und offensichtlich auch den jungen Mann begraben. Niemand würde die Höhle jemals freilegen können, die Tote würde für immer schlafen. Die Wächter wurden nicht länger benötigt.

*

Kaum hatte Bi das Innere des Berges betreten, schien sie sich in einer anderen Welt zu befinden. Maurinia, Karkaras, Yakeesh und ihr Lager schienen so fern und so unbedeutend, nur das Hier und Jetzt zählte. Nein, Angst hatte sie nicht, aufgeregt war sie und voller Erwartung. Hinter ihr ertönte ein dumpfes Grollen, der Boden zitterte kaum merklich, aber es interessierte sie nicht.

Wie eine Motte, die ins Licht strebt, folgte sie dem Ruf durch labyrinthartige Gänge, bis sie schließlich die domähnliche Grabkammer erreichte, von der ihr der Wächter erzählt hatte.

Vor ihr stand ein schwerer, schwarzer Steinsarkophag, der einst mit Schriftzeichen, Intarsien und Malereien verziert gewesen sein musste. Davon war nicht mehr viel übrig; entweder waren die Priester und Wächter selber Grabräuber oder andere hatten sich schon viel früher die Reichtümer angeeignet. Ansonsten gab es nichts, keine altertümlichen Grabbeigaben, keine Hinweise auf die Person, die hier ruhte.

Bi betrachtete den schweren Deckel, den sie nicht anheben konnte. Darunter mochten sich die Gebeine befinden, sofern sie nicht über die Jahrhunderte vermodert waren. Ihre Finger fuhren die Linien nach, und überraschend konnte sie die alte Schrift entziffern, die zu tilgen man sich bemüht hatte. Es war, als entstand sie unter ihren tastenden Fingern neu.

„Die Brüder und Schwestern der Laitath haben recht“, stellte sie fest. „Sie wissen, wer hier liegt, und ich weiß es auch. Bin ich darum hier? Hat man … hast du mich gerufen, damit ich dich wecke?“

Bi schnaubte verächtlich. Schon einmal hatte sie die Priesterinnenwürde abgelehnt; sie hasste die ungerechten Götter. Warum sollte sie jetzt einer von ihnen dienen? Und gab es nicht schon mehr als genug Götter, die ihre Anhänger quälten? Sollte sie doch weiterschlafen!

Andererseits, warum sollte Bi nicht dienen? Memnos hatte sie vor seinem Tod geweiht, sie war Priesterin, auch wenn sie sich weigerte, ihre Pflicht zu erfüllen. Alle Götter waren ungerecht – warum dann nicht Dienerin der Schlimmsten sein? Sie passten doch gut zu einander, die böse Göttin und ihre zornige Priesterin!

War die Vergessene wirklich böse, wie behauptet wurde? Was war eigentlich böse? Wenn das, was die übrigen Götter taten, gut war, was sollte dann böse sein?

Es war nicht schön, dass alle Anhänger hatten und verehrt wurden, hingegen diese eine nicht. Möglicherweise waren nicht die Sektierer die Fehlgeleiteten, sondern die Priester, die Wächter und alle übrigen.

Würde die Vergessene wirklich Areoch zerstören? Ohne Gläubige würde sie nicht existieren können – was hätte sie dann davon? Nein, es konnte nicht alles stimmen!

Schwarz ist Schwarz. Weiß ist Weiß. Gut ist Gut. Böse ist Böse. Das ist alles nicht wahr! Weiß wird zu Schwarz, Böse zu Gut, und umgekehrt. Es gibt Grau, alles ist nur Grau und weder Gut, noch Böse, es ist so, wie man es sieht, wie man es sehen will.

„Man glaubt an dich“, flüsterte Bi beeindruckt von den Erkenntnissen, die auf sie einströmten, „also bist du. Man glaubt an deine Macht, folglich kann sie wirken. Ist dies das ganze Geheimnis der Götter? Das Geheimnis der Magie? Will ich dich wecken, wirst du so sein, wie man sich dich vorstellt. Schlimmer als die anderen aber kannst selbst du nicht sein! Also, komm, ich rufe dich. Erwache, Laithat oder Talaith, Zauberkaiserin von Myrrhh, finstere Göttin, Gegnerin Xanithes, wie du dich auch immer nennen magst, wach auf!“

Und bei ihrem Namen gerufen, begann die Kraft zu wirken …

*

Bi erwachte aus einem tiefen, unwirklichen Traum. Benommen schüttelte sie den Kopf und versuchte, sich an das zu erinnern, was sie in der Welt des Schlafs erlebt hatte.

Es war unangenehm gewesen, schrecklich und furchterregend. Irgendetwas hatte sie in eine Felsenhöhle gelockt. Ein junger Mann hatte ihr die Geschichte einer gefürchteten Göttin erzählt. Daraufhin war sie in deren Grab eingedrungen, hatte sie beim Namen genannt und geweckt. Eine unheimliche Kraft, die sie erschreckte, war über Bi gekommen und hatte sie erwählt. Nein, hatte Bi entsetzt in ihrem Traum gerufen, ich will keine Priesterin sein, ich diene niemandem. Schlaf weiter, lass mich gehen, ich will dich nicht. Du bist mein, hatte eine unerbittliche Stimme in ihrem Geist gesagt, du bist schon immer mein gewesen. Ich habe dich am Leben erhalten und schließlich hierher geführt. Lange war ich gefangen, nun bin ich wieder frei, mächtig, und ich lebe – in dir, durch deinen Glauben. Der Berg hatte sie danach entlassen, und Bi lag wieder am Fuße des Felsmassivs unter ihrer Zeltplane.

Ein scheußlicher Traum!

Zeltplane? Es war nichts da, nur ein paar Fetzen Stoff. Sie lag unter freiem Himmel im feuchten Gras; nichts war um sie herum, was ihr Schutz vor der Witterung gewährt hätte. Einzig ihre Kleider waren unversehrt. Doch es war wärmer, als sie es in Erinnerung hatte, als wäre es über Nacht Frühling geworden.

Bi richtete sich niedergeschlagen auf. Kein Traum, erkannte sie bitter, es war wirklich, und sie war lange Zeit im Berg gewesen. Wie lange? Ihre Haut war glatt, ihr Haar blond; selbst hatte sie sich nicht verändert; die Zeit war für sie stehen geblieben. Dennoch wusste sie vieles, was ihr vorher unbekannt gewesen war. Sie hatte mehr gelernt als während der harten Jahre in Lyoned.

Der Gipfel Myrrhh, wo die Magier hausten, das war nun ihr Ziel. Und sie brauchte sich nicht länger zu verstecken, musste keine Angst mehr vor den Menschen haben, denn sie hatte Macht, Macht durch Glauben, das Erbe ihrer Ahnen.

„Nein, Talaith, du Vergessene“, schrie sie trotzig den Berg an. „Mich bekommst du dennoch nicht! Ich lasse mich nicht benutzen und diene keinem, auch dir nicht. Schlafe weiter, ich glaube gern, dass es dich nicht gibt. Ich glaube nur an mich selber!“

Mit weit ausgreifenden Schritten entfernte sie sich gen Osten …

-ENDE-

Copyright (C) 1991/2014 by Irene Salzmann

Bildrechte: Eingangsbild (Winterlandschaft – Zeichnung von Lothar Bauer.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      08.09.2014


Zwischen Göttern und Sterblichen gibt es die Eine, die kämpfen wird!

Alex’ Mutter wurde von Dämonen verwandelt und macht nun Jagd auf Menschen. Einzig Alex kann sie aufhalten. Doch sie ist noch keine voll ausgebildete Dämonenjägerin. Als Alex’ Mutter einen Freund ihrer Tochter entführt, bleibt Alex keine Wahl. Sie zieht in einen Kampf auf Leben und Tod, und stellt sich allein ihrer größten Angst …

Alex weiß nicht, ob sie den Tag ihres Erwachens als Apollyon erleben wird. Sie wird von einem alten, längst vergessenen Orden gejagt und versucht gleichzeitig, ein tödliches Verbrechen zu verbergen, das sie und Aiden den Kopf kosten kann. Als Alex hinter ein weiteres Geheimnis um ihre Herkunft kommt, gerät ihr Leben völlig aus den Fugen – und das ist schon kompliziert genug, denn ihre Bestimmung bindet sie an den göttlichen Seth … ihr Herz aber an Aiden.

Jennifer L. Armentrout (Autorin)

Jennifer L. Armentrout hat es mit ihren Büchern bereits auf die Bestsellerliste von USA Today geschafft. Ihre Zeit verbringt sie mit Schreiben, Sport und Zombie-Filmen. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in West Virginia.

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