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Literatur-Blog

Über das Wiedererschaffen, Klonen und Formen von Menschen in C. J. Cherryhs Roman-Trilogie CYTEEN (1*)

von Detlef Hedderich und Thomas F. Roth

„Verschwenden Sie keinen Gedanken ans Morgen; das ist Ihr gutes Recht. Aber beklagen sie sich nicht, wenn es plötzlich da ist und Sie haben nichts mitzureden.“
JOHN BRUNNER, Der Schockwellenreiter

Der Wunsch nach Unsterblichkeit steckt wohl in uns allen und ist die zentrale Lehre fast aller Religionen, datiert bis in die Vorzeit: ägyptische Pharaonen wurden so sorgfältig einbalsamiert, daß ihre sterbliche Hüllen Jahrtausende überdauerten, die Mayas sahen in dem Herzen ihrer Feinde ein Kraft und Unsterblichkeit verleihendes Objekt, und nicht nur in vorzivilisatorischen Gesellschaften glaubte man an Geister und Gespenster, an Männer und Frauen also, die einst aus Fleisch und Blut waren und nach ihrem Tod in einer schemenhaften Welt weiterexistieren, auch in unserer heutigen multielektronischen Welt erfreut sich dieser Glaube größter Beliebtheit. All dies sind Beispiele für den Wunsch des Menschen, die Unsterblichkeit zu erringen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Die neue Unsterblichkeitsidee der Technologiegesellschaft heißt ‚Cloning‘ (zu deutsch ‚Klonen‘), und wurde bisher bei Fröschen, Hasen und Mäusen erfolgreich praktiziert. Der Cloningprozess verläuft in etwa so: Der Zellkern einer ordinären somatischen Zelle2* wird einem Spender entnommen und in ein zur Befruchtung angeregtes Ei implantiert, welches genau dieselben Gene aufweist wie die Spenderzelle. Das nun innerhalb von neun Monaten entstehende Wesen wird ein identischer Zwilling des Spenders. Der zentrale Punkt bei diesem Kopiervorgang ist dabei die Anzahl der Chromosomen, die diese Zelle (oder das Ei) veranlassen, sich zu teilen, um den natürlichen Wachstumsprozeß in Gang zu setzen.

Alles in allem muß der Zellkern des Eies 46 Chromosomen enthalten, um das Cytoplasma3** zu veranlassen, sich so zu verhalten, als sei das Ei ganz normal befruchtet worden. Die weibliche Eizelle enthält 23 Chromosomen, die männliche Spermazelle weiter 23. Treffen diese beim Zeugungsvorgang zusammen, sind die besagten 46 Chromosome erreicht.

Gerade diesem Umstand, diesem ständigen ‚Mischen‘ von Erbanlagen, ist es zu verdanken, daß auf der Erde eine derartige Vielfalt an Lebensformen existiert. Wird nun aber der Kern einer Körperzelle oder somatischen Zelle in ein weibliches Ei, dessen Kern vorher entfernt wurde, transplantiert oder mit Hilfe von Viren fusioniert, präsentieren sich alle 46 Chromosomen der somatischen Zelle im Ei und lösen somit den sogenannten cytoplasmischen Effekt4*** aus, der dann im kreativen Prozeß der Zellteilung kulminiert. Der identische Klon wird ‚gezeugt‘.

Die ‚Anwendungen‘ für solch einen Klon sind nun mannigfaltig: Beispielsweise könnte er im künstlichen Koma gehalten werden, um als Ersatzteillager für den Zellspender Verwendung zu finden; die Frage nach neuen funktionstüchtigen Organen und Gliedmaßen, Blut und vielem mehr wäre für diesen sein Leben lang gelöst, besäße er somit doch eine private Organbank. Noch effizienter wäre es – falls die Entwicklung auf dem chirurgischen Gebiet dies irgendwann ermöglichen würde-, daß Gehirn des Zellspenders aus seinem alten, verbrauchten Körper in den jungen, geklonten zu transplantieren. Vielleicht gelingt es eines Tages auch, durch das Fortschreiten der Computertechnologie, das menschliche Bewußtsein, einer Software gleich, auf einen Datenträger zu speichern, um es anschließend in den neuen geklonten Körper zu transferieren. ‚Biologische Unsterblichkeit‘ – im wahrsten Sinne des Wortes – wäre die Folge.

Ebenso wäre das Wiedererwecken von Toten zu neuem Leben mit Hilfe der Cloning-Technik sicherlich möglich: Spekulationen über eine mögliche Neu-Züchtung der längst ausgestorbenen Mammute (indem beispielsweise im ewigen Eis Sibiriens ein gut erhaltenes Exemplar gefunden und diesem die entsprechenden Zellen entnommen würden, um sie mittels Klonen zu reaktivieren), sowie die von einigen besonders enthusiastischen Verfechtern des Klonens vorgetragene Idee, man könne eine Zelle einer Mumie in ein lebendes menschliches Ei verpflanzen, um somit aufs neue einen ägyptischen Regenten zu zeugen, sind nur zwei Beispiele aus der aktuellen Diskussion. Sie weisen auf eine beängstigende, in der Öffentlichkeit bisher kaum beachtete kommerzielle Dimension des Klonens hin, belegen eindrucksvoll, das der menschlichen Phantasie keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen, und lassen befürchten, daß wieder einmal moralische Normen von einer angeblich ‚unaufhaltsamen‘ Technik beiseite gewischt werden.4* Denn was gemeinhin durchaus noch als harmlos empfunden wird (zum Beispiel die praktischste Größe einer Orange oder der vollmundigste Geschmack eines Hühnchens), bekommt genau dann einen bitteren Beigeschmack, wenn vom Menschen die Rede ist: Denn wir alle fürchten nichts so sehr, wie Gott zu spielen – mit all den letztendlichen Konsequenzen. Noch viel zu frisch ist in unser aller Gedächtnis der Gedanken an die Nazis, welche eine Rasse großer blonder Supermenschen züchten wollten, die Mitglieder anderer Rassen, ethnischer Gruppe oder Nationalitäten für minderwertig ansahen und sie nur der Unterwerfung und Auslöschung für Wert befanden; hätte sich das Klonen in der Nazi-Zeit bereits in einem fortgeschrittenerem Stadium befunden, wir könnten sicher sein, daß Hitler nicht gezögert hätte, Millionen von Exemplaren seines nordischen Idealmenschen anzufertigen und über die Welt zu ergießen5*.

Dies klingt nun alles, trotz der aktuellen Thematik, doch sehr nach Science Fiction, und tatsächlich ist das Thema ‚Klonen‘ mittlerweile längst zum Standard eines jeden neueren SF-Autoren geworden. Besonderen Eindruck in der breiten Öffentlichkeit hinterließ bisher allerdings keines der Bücher, die das Klonen zum Thema hatten – mit einer einzigen Ausnahme: Der Mann, der mit einem Buch zum Thema ‚Cloning‘ weltweiten Wirbel verursachte, ist der Journalist David M. Rorvik. Im Jahre 1978 veröffentlichte er sein Buch In His Image6*, in welchem er von einem anonymen kalifornischen Millionär berichtete, der einen Genetiker überredet haben soll, einen Klon von ihm zu produzieren.

Das Kind, das dabei das Licht der Welt erblickte, soll das genaue Duplikat des Millionärs geworden sein, der somit noch zu seinen Lebzeiten ein lebendes Denkmal seiner selbst erschaffen ließ, um der Nachwelt seine Persönlichkeit zu erhalten. Das Besondere und sicher auch der Grund für den enormen Erfolg dieses Buches war jedoch nicht unbedingt das Thema, sondern vielmehr die Art und Weise, in welcher es vom Autor präsentiert wurde: geschrieben als journalistische Berichterstattung, die den Eindruck vermittelte, das Geschilderte hätte tatsächlich stattgefunden, wäre also ‚Realität‘. Und auch der Verleger von Rorviks Buch stieß in dasselbe Horn, als er in seinem Vorwort schrieb, es sei alles „ganz erstaunlich“ und „der Autor versichert uns, daß es die Wahrheit sei“, fügte aber dennoch wohlweislich hinzu: „Wir wissen es nicht.“ Auch gab er der Hoffnung Ausdruck, daß durch dieses Buch das Interesse am Thema ‚Cloning‘ entfacht und die Diskussion darüber angeregt werden möge, über etwas, das von „höchster Signifikanz für unsere nächste Zukunft“ sei.

Bereits 1990 erschien im Wilhelm Heyne-Verlag ein Buch, welches sich mit dem Thema ‚Cloning‘ beschäftigt, und das, ebenso wie Rorviks Werk, nicht ohne Erfolg blieb: Als in der Augustnummer der angloamerikanischen SF-Zeitschrift LOCUS die Gewinner des LOCUS AWARD 1989 bekanntgegeben wurden, ging der Preis für den besten SF-Roman an C. J. Cherryh für ihre Roman-Trilogie CYTEEN. Und auch der HUGO GERNSBACK AWARD 1989, der in kommerzieller Hinsicht wohl wichtigste SF-Preis, ging an die drei Bände über „das Cloning-Projekt der Ariane Emory“. Doch im Gegensatz zu David M. Rorvik verzichtete C. J. Cherryh darauf, die von ihr erzählte Geschichte als ‚Tatsachenbericht‘ aufzupuschen; bei der CYTEEN-Trilogie handelt es um Science-Fiction, nicht um angebliche Non-Fiction. Daher benutzt die Autorin auch nicht die Erde als Handlungsbühne für ihre fiktive Geschichte, sondern den Planeten Cyteen, auf welchem bereits seit 200 Jahren erfolgreich Menschen geklont werden. Zudem ist er Sitz einer mehrere Sterne und Planeten umfassenden ‚Union‘. Um jedoch die ganze Tragweite der Handlung der Cyteen-Trilogie erfassen zu können, ist es notwendig, zunächst einmal auf die Hintergründe näher einzugehen, die sich durch das Einbinden fast aller Romane aus Cherryhs Feder zu einer Art ‚Future History‘ ergeben:

Die raumfahrende Menschheit hat sich entlang ihres Spiralarms der Milchstraße ausgebreitet; in immer größerer Entfernung von der Erde wurden fremde Sonnensysteme erschlossen und als Haltepunkte auf dem Weg nach ‚draußen‘ urbanisiert, mit gewaltigen Orbitalstation um deren Sonnen oder, falls vorhanden, deren Planeten ausgestattet und kommerziell genutzt. Doch nur wenige dieser Sterne7* verfügen über einen oder gar mehrere ‚bewohnbare Planeten‘. Da die Ausbreitung der Menschen zudem unterlichtschnell und auch nicht konzentrisch, sondern vielmehr ‚von Stern zu Stern‘ erfolgte, befand sich die Erde schon bald am Ende einer immer länger werdenden Nachschublinie. Aber durch die Entdeckung eines bewohnbaren Planeten im Tau-Ceti-System änderte sich ihre bis dahin einzigartige Bedeutung als einziger Hort des Lebens in der Weite des ansonsten leeren Weltraums. Weitere lebenstragende Planeten wurden entdeckt, unter ihnen auch Cyteen, der irgendwann später zur Hauptwelt der ‚Rebellenbewegung‘ wurden sollte, dem Zusammenschluß derjenigen Menschen, die sich nicht mehr länger von der fernen und politisch zerfaserten ‚Erdkompanie‘ herumkomandieren lassen wollten. Schon kurz, nachdem von einigen herausragenden Köpfen auf Cyteen der ‚Sprungantrieb‘ – der eine wesentlich höhere Fortbewegungsgeschwindigkeit als der Unterlichtantrieb ermöglichte – erfunden wurde und auch die Erde selbst diese Technologie für sich in Anspruch nahm, kam es zum Krieg zwischen der Erdkompanie und der Union der Rebellen. Dabei sorgten vor allem die Geschehnisse um ‚Pells Stern‘, dem Planeten im Tau-Ceti-System, dafür, daß die bis dahin weitverstreuten Kauffahrer – eine Art Händler, die ständig in ihren Schiffen leben – sich zusammenschlossen und gemeinsam mit den Verantwortlichen der Pell-Station die sogenannte ‚Allianz‘ bildeten8*. Doch erst rund zwanzig Jahre nach diesen Ereignissen konnten die Auseinandersetzungen mit dem Erdkonsortium beigelegt und das Durcheinander der Besitzansprüche an Sternensystemen in dem von Menschen besiedelten Raumbereich fürs Erste geklärt werden. Dabei gelang es auch, die sich inzwischen zu Piraten entwickelten Schiffe der Erdkompanie – die nicht nur für die Union, sondern auch für die Allianz ein arges Ärgernis darstellten – mit einem Trick, bei dem ein Kauffahrer der Union als Köder Verwendung fand, entscheidend zu schlagen9**. Aber damit waren noch längst nicht alle Probleme aus dem Weltraum geschafft, und neue Spannungen zwischen der Allianz und der Union bahnten sich an: die politische Vorgehensweise des jeweils anderen konnte oder wollte keiner der beiden Kontrahenten akzeptieren. Und auch die Erdenmächte versuchten in der Folge, ihren Einfluß im Raum wiederzugewinnen, den sie einstmals so fahrlässig verspielt hatten. Zu diesem Zweck entsandten sie ein Schiff in denjenigen Sektor des Raumes, welcher von der Erde aus gesehen Pells Stern gegenüberliegt. Das Erdenschiff entdeckte dabei jedoch etwas völlig unerwartetes: Ein ganzes Handelsimperium der verschiedensten Alienrassen, deren Mitglieder sich nicht gerade freundlich gegenüberstanden. Dies war selbst für die gefaßtesten Menschen ein gewaltiger Schock10*  Ungewollt geriet die Besatzung immer stärker in die Auseinandersetzungen der fremden Wesen hinein, wobei ihr Schiff schließlich von einer sehr kriegerischen Spezies geentert wurde. Dabei, und bei den anschließenden biologischen Versuchen an den überlebenden Menschen, kamen letztlich alle ums Leben – bis auf einen Offizier, der zum Spielball politischer und kriegerischer Machtinteressen der unterschiedlichen Alienrassen wurde. Nachdem er von einem weiteren Menschenschiff gerettet und zur Erde zurückgebracht wurde und dort von seinen Erfahrungen mit den Aliens berichtete, begann die Erdkompanie ernsthaft, über ein Handelsabkommen mit diesen nachzudenken. Doch bei dem Gedanken, daß eine neue, potente Macht wie die Menschheit in ihr anfälliges, sensibel gleichgewichtetes System eindringen könnte, überlief so manchem Alien ein Schauer des Entsetzens. Nicht nur, daß einige Rassen um ihr wirtschaftliches Wohlergehen bangten, auch ihre soziologischen Ordnungen und religiösen Empfindungen würden einem schwerem Schlag ausgesetzt werden.

Von diesen Neuigkeiten am anderen Ende der Nabelschnur hörten natürlich auch die Bewohner der Allianz und der Union; einen nachhaltigen Eindruck hinterließen diese aber nicht bei ihnen, gingen doch die Streitigkeiten und Intrigen über zu besiedelnde Planeten unverhohlen weiter. Am radikalsten bei diesen Machtkämpfen ging dabei die Union vor: Nachdem im Gebiet der Allianz ein von Menschen bewohnbarer Planet ausfindig gemacht werden konnte, wurde ein Schiff mit 40.000 Siedlern an Bord dorthin gesandt, obwohl den Verantwortlichen von vornherein bewußt war, daß diese Siedler keine weitere Hilfe und Unterstützung aus dem Unionsgebiet bekommen würden11*. Den Militärs der Union ging es – wie sich später herausstellen sollte – in erster Linie darum, den äußerst lukrativen, aber viel zu weit von der Einflußsphäre der Union entfernten Planeten Gehenna auf nachhaltige Weise für die Allianz unbrauchbar zu machen; die hohen Opfer an Menschen, die dieses Vorgehen erforderte, erschienen ihnen dabei gerechtfertigt. Zudem erfolgte die Durchführung des gesamten Projektes ohne das Wissen der Bevölkerung der Unionswelten und -stationen. Schließlich herrschte Krieg, und das Militär besaß somit automatisch die Verfügungsgewalt über das gesamte Unionsgebiet. Als letztendlich die Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit geriet, rollten zwar einige Köpfe, doch so richtig entrüstet waren nur diejenigen unter der Bevölkerung, die sowieso schon immer dafür plädiert hatten, den sogenannten ‚Azis‘ – die etwa 90% der Siedler für das Gehenna-Projekt gestellt hatten – die gleichen Rechte einzuräumen wie den anderen Bürgern der Union auch. Doch die laborgezüchteten Azis, die immerhin den Großteil des gewaltigen Heeres an Soldaten sowie der Mitarbeiter der staatlichen und privaten Sicherheitsdienste und die vielen Arbeiter der Union ausmachten, hatten jenseits der Erde und der Allianz – die beide zumindest noch darin übereinstimmten, daß dort das Züchten von Menschen noch immer als ‚Fehlentwicklung‘ angesehen wurde – schon immer den Status von ‚Nichtbürgern‘. Und noch ein entscheidender Faktor kam hinzu: Die laborgezüchteten Azis stammten allesamt aus den Labors des ‚Reseune‘-Konzerns, der seinen Sitz auf Cyteen, der Hauptwelt der Union, hat.

Eingebettet in dieses fiktive Universum, das C. J. Cherryh in fast alle ihre Romane und Erzählungen als Hintergrund einfließen läßt und somit eine Art ‚Future-Historie‘ entwirft, ist auch die CYTEEN-Trilogie, deren Handlung einige Jahre nach den zuvor geschilderten Ereignissen ihren tragischen Anfang nehmen sollte. In dieser ziemlich umfangreichen Trilogie, deren einzelne Bände die Titel Der Verrat, Die Wiedergeburt und Die Rechtfertigung tragen, beschreibt die Autorin die Probleme, welche sich bei der Reproduktion eines Individuums ergeben, das nicht nur in genetischer Hinsicht seinem Vorgänger entsprechen soll, sondern auch in geistiger – was bedeutet, daß es in allen Dingen die gleiche Einstellung zu der ihn umgebenden Welt entwickeln soll wie sein ‚Vorgänger‘. Doch dazu muß der Klon eine dem ‚Original‘ identische Lebens-Entwicklung erfahren, er muß den gleichen Geschehnissen und Erlebnissen ausgesetzt sein, um eine gleichartige Prägung zu gewährleisten. Wie dieses größte aller Probleme bei einem Kloning-Projekt gelöst werden kann, schildert C. J. Cherryh am Beispiel des Cloning-Projekt Ariane Emory:

In der Union ist Ariane Emory eine bedeutende Persönlichkeit. Nicht nur, daß sie die Leiterin des fortschrittlichsten genetischen Labors der Menschheit, Reseune, ist, vertritt sie im Unionsrat das Wissenschaftsamt und weiß sich auch sonst in der Politik zu behaupten. Doch am wichtigsten sind ihre wissenschaftlichen Arbeiten im gentechnischen Bereich sowie ihre fast schon genial zu nennenden ‚Bandentwürfe’12*, mit denen vor allem die Azis auf psychischem Wege soziologisch konditioniert werden. Besonders ihr Verdienst ist es, die vielen Psycho-Sets und -Strukturen verschiedener Azi-Charaktere zu brauchbaren Persönlichkeiten adaptiert zu haben. Die Azis wurden aus einer Notlage heraus ‚geboren‘: Die Union verfügt über viel Raum, viele Planeten und Stationen, die besiedelt und bevölkert werden könnten, doch die Vermehrungsrate der Menschen reichte dafür niemals aus. So wurden die Azis erfunden, Individuen mit wenigen Ansprüchen, zuverlässig, einfach zu halten und immer den höchstmöglichen Erfolg garantierend, ob nun als Angehörige der Sicherheits- und Streitmächte oder als Minenarbeiter. Immer sind es die Azis, die den Bürgern ein angenehmes Leben ermöglichen, sie erledigen die niederen Aufgaben des täglichen Lebens exzellent, und dank der genialen Psycho-Konditionierung Ariane Emorys ist ihnen Beschweren oder gar Aufmucken nicht vom Schöpfer gegeben. Doch hat dieses System der modernen Sklavenhaltung auch Gegner: Nicht nur die beiden anderen großen Sternenreiche, die Allianz und die Erde, sind gegen das Klonen von Menschen, auch innerhalb der Union selbst gibt es viele Kritiker einer solchen Schöpfungshybris. Das Ariane Emory dabei die Hauptzielscheibe der, nicht nur verbalen, Attacken der Gegner ist, liegt auf der Hand. Aus diesem Grund bedarf es eines ausgeklügelten Sicherheitssystems, welches verhindern soll, daß sie auf dem einen oder anderen Flug zu ihren politischen Sitzungen Opfer eines Anschlags wird. Selbst innerhalb von Reseune hat die große alte Dame der Bandentwürfe eine Reihe von Feinden. Allen voran Dr. Jordan Warrick, ebenfalls Bad-designer und ein wahrer Könner, wenn nicht sogar die Kapazität auf diesem Gebiet. Ebenso wie Ariane Emory ist er eine der wenigen ‚Sonderpersonen‘ in der Union, die einen speziellen Status genießen und damit unter staatlichen Schutz stehen. Doch auch dieser besondere Status nützt ihm wenig, denn die Macht Ariane Emorys ist derart groß, daß sie es sich nicht nehmen läßt, ihm ins Handwerk zu pfuschen, ihn klein zu halten und selbst aus seinen Erfolgen noch Gewinn und Anerkennung zu ziehen – für sie ist es ein leichtes, seine Erfolge als ihre eigenen zu apostrophieren. Hinzu kommen noch gegensätzliche politische Anschauungen sowie ein vermeintliches privates Dilemma, welches auf den Punkt gebracht sich darin ausdrückt, daß Ariane Emory den Wissenschaftler nicht nur gerne auf ihrer Seite hätte, sondern auch ganz gerne in ihrem Bett. Doch Jordan Warrick empfindet keine diesgearteten Bedürfnisse und steht ihren Bemühungen stets und in jeder Weise abgeneigt gegenüber. Immerhin schaffte Ariane es aber, Warrick dazu zu bringen, einen Klon von sich herstellen zu lassen und ihm einzureden, dies sei seine eigene Idee gewesen. Dabei war es eine ihrer Bedingungen, daß sie für das Herstellen von Warricks künstlichem Nachkommen seine Genstruktur für einen neuen Azi-Set verwenden dürfte. Und als schließlich Justin, Jordan Warricks Klon, aus der künstlichen Gebärmutter gehoben wurde, hatte auch die Leiterin der Reseune-Labors einen experimentellen Azi geschaffen, den sie dahingehend konditionierte, daß er ganz und gar als Lebenspartner für Justin Warrick zugeschnitten war. Und wieder „überredete“ Ariane Emory ihren Intimfeind zu etwas: die Beiden, den Bürger ‚Justin Warrick‘ und den Nichtbürger ‚Grant ALX-972‘ zusammen aufzuziehen. Die beiden passten hervorragend zusammen, verstanden sich hervorragend, ergänzten sich in fast jeder Beziehung: Justin, nach seinem „Vater“ geraten, hatte dessen Talent, seine Genialität „geerbt“, ebenso seine eigenbrötlerische, mürrische, aber auch schüchtern-zurückhaltende Art, besonders was zwischenmenschliche Dinge betraf. Grant war da viel nüchterner, konnte mit anderen Menschen (oder Azis) hervorragend umgehen, ohne gleich den Eindruck von Indiskretion zu vermitteln, war sachlich und in pragmatischer Sicht ein fixer Denker. Er nahm oft, für einen Azi typisch, den geraden Weg. Als Azi der höchsten, der Alpha-Stufe, war es ihm in die Gene geschrieben, sich in einer sich selbst reduzierenden Weise an seinen menschlichen Partner anzupassen – auf gewisse Art unfähig, für sich selbst zu leben, eine eigene Perspektive zu verfolgen; erweckt ein Mensch den Eindruck, daß ‚er weiß was er will‘, setzt bei Grant automatisch seine Azi-Programmierung ein und er verfällt sofort in einen passiven, demütig dienenden Zustand. Von dieser „kleinen“ Schwäche abgesehen, wuchsen Grant und Justin zu zwei intelligenten jungen Männern heran, die ihr Bandstudium ernst nahmen und mit zu den begabtesten Studenten von Reseune zählten. Zweifellos wären sie einmal zu zwei fähigen Banddesignern geworden und hätten dem Reseune-Konzern weitere horrende Gewinne eingebracht, wenn Ariane Emory, der ihre Schwächen nur zu vertraut waren, nicht eines Tages ihren Finger genau auf den wunden Punkt der Beiden gelegt hätte:

Justin und Grant sind um die 17 Jahre alt, als es wieder einmal zu Streitigkeiten zwischen Jordan Warrick und Ariane Emory kommt. Im Zuge politischer Machtintrigen mit Emorys Gegnern im Rat der Union gelingt es Jordan Warrick, einen Handel zu bewerkstelligen, der ihm und seinem Klon eine Versetzung nach Fargone zusichern soll – einem weiter in Richtung ‚draußen‘ liegenden Stern, in dessen Orbital-Station ein weiteres Reseune-Forschungszentrum entstehen soll. Die Streitigkeiten zwischen Ariane Emory und den Warricks eskalieren derart, daß Ariane schließlich ‚ihren‘ Azi Grant, der inzwischen längst zu einem integrierten Mitglied der Familie Warrick geworden ist, zurückverlangt; nach einer mißglückten Entführung Grants zu Freunden der Warricks lenkt die Wissenschaftlerin scheinbar ein und unterbreitet Justin den Vorschlag, das sie Grant auf ihn überschreiben würde, wenn er auf Cyteen bliebe und sein Bandstudium fortsetze. Nachdem die Warricks zähneknirschend darauf eingehen, kommt es zu einem weiteren Übergriff von Seiten Ariane Emorys: Sie beordert den jugendlichen Justin in ihren Wohnkomplex, betäubt ihn mit Drogen und vergeht sich auf sexuelle Weise an ihm, nimmt anschließend mit Hilfe eines Tiefenbandes einige tiefgreifende Korrekturen in seinem Gehirn vor. Die Manipulation seiner Psyche verbunden mit dem sexuellen Erlebnis machen Justin in der Folge schwer zu schaffen und bereiten ihm schreckliche, immer wiederkehrende Träume, Visionen und black-outs. Justin verschweigt allen, besonders seinem Gen-Vater Jordan, diesen Vorfall. Als dieser trotzdem davon erfährt, versucht er, Ariane zur Rede zu stellen; in einem menschenleeren Kältelabor treffen beide aufeinander. Was dabei vorfällt, bleibt allein der Phantasie des Lesers überlassen. Als Ariane Emory erfroren hinter der verschlossenen Tür des Traktes gefunden wird, übernimmt der Leiter des Reseune Sicherheitsdienstes, Giraud Nye, die Ermittlungen. Für ihn steht von vornherein fest, das nur Jordan Warrick diesen „Mord“ begangen haben kann. Da dieser jedoch den Status einer ‚Sonderperson‘ innehat und damit seinen normalen Ermittlungsmethoden entzogen ist, unterbreitet er Jordan Warrick einen Vorschlag, demzufolge Justin und Grant nichts geschehen würde und sie ihren hoffnungsvollen Weg bei Reseune weiter fortsetzen könnten, würde er den Mord gestehen; als Strafe würde er auf der Rückseite des Planeten in eine Außenstation gesteckt werden, in welcher er weiter seinen eigenen Forschungen nachgehen könnte. Jordan erklärt sich, notgedrungen, einverstanden.

In der Folge um den Tod Ariane Emorys kommt es in der Administration Reseunes zu einigen Veränderungen: Giraud Nye übernimmt das Amt des Wissenschaftsrats im Rat der Union und sein Bruder Denys Nye wird der neue Leiter von Reseune. Nachdem sich die Aufregungen ein wenig gelegt haben, beginnen bei Reseune die Vorbereitungen für die Neu-Erschaffung eines Menschen. Solch ein Versuch wurde in der Geschichte der Union zwar bereits schon einmal gewagt, scheiterte aber letztendlich. Doch diesmal ist sich Reseune absolut sicher: Ariane Emory selbst hatte in den letzten Jahren vor ihrem Tod an der Methode zur Erschaffung einer bereits schon einmal existierenden Person gearbeitet und durch ihre Aufzeichnungen verfügt, das ein Klon von ihr posthum erschaffen werden möge, der nach dem Ebenbild ihres Lebens irgendwann ihre Stelle in der Welt einnehmen solle. Und so wird nach der Anweisung einer Toten die Neu-Erschaffung eines Menschen eingeleitet:

Einige befruchtete Eier aus dem ‚Biomaterial‘ Ariane Emorys werden in jeweils eine bioplasmische und kontraktile künstliche Gebärmutter eingesetzt, welche die Bedingungen einer natürlichen Schwangerschaft hundertprozentig simulieren. Diese künstlichen Bäuche produzieren all die Bewegungen und Laute, die chemischen Zustände und interaktiven Zyklen einer natürlichen Gebärmutter. Doch nur eines der sechs Eier wird jeweils Leben tragen, die anderen werden tiefgefroren – sie stellen damit eine ausreichende Sicherheit dar, sollte dem „Neugeborenen“ etwas zustoßen. Als knapp neun Monate später die zukünftige Leiterin Reseunes für die Geburt vorbereitet wird, ist sie nicht die einzige, die zu dieser Zeit das Licht der Welt erblicken soll: Einige Labors weiter werden zwei Alphas, ein Junge und ein Mädchen, aus ihren Gebärmüttern genommen und auf ihr zukünftiges Leben als persönliche Azis und Leibwächter der neuen Leiterin von Reseune vorbereitet. Ihr gesamtes Psyochset ist darauf zugeschnitten worden, in der bestmöglichen Erfüllung dieser Aufgabe den Sinn ihres Daseins zu finden. Und nur noch das, was Ariane Emory ihnen befiehlt, wird für die Beiden von Bedeutung sein, alles andere wird für sie einen wesentlich niedrigeren Stellenwert einnehmen. Die Bestimmung für diese Aufgabe ist für sie eine lebenslängliche Berufung, und sie wird erst mit ihrem Tod oder dem Tode von Ariane Emory enden. Florian und Catlin, die beiden Azis, sind genauso wie Ariane repliziert worden; es hat auch sie schon einmal gegeben. Es hat sie gegeben, weil ihre Vorgänger auch bereits schon einmal an der Seite einer Ariane Emory ihrer vorbestimmen Aufgabe nachgegangen sind. Ihre Fixierung auf die alte Ariane war derart stark, daß die Administration von Reseune nach dem Tod der großen alten Dame ihre beiden persönlichen Azis hat einschläfern lassen, da sie annahm, daß ohne Ariane das Leben für sie einfach keinen Sinn mehr ergeben und daher nur eine Quälerei sein könne. – Eine High-tech-Variation des alten Westernthemas: Hat sich das brave Pferd bei einem Sturz verletzt, dann wird es erschossen, bevor es sich quälen muß. – Aber auch in anderen Fällen kann es vorkommen, daß bei einem der Azis ernsthafte psychologische Probleme auftreten. Die meisten dieser Fälle werden dann den Labors von Reseune überantwortet, in denen Designer und Psychochirurgen sich mit ihnen beschäftigen und Lösungen für die psychologischen Schwierigkeiten zu entwickeln versuchen, zum Nutzen der allgemeinen Wissenschaft und der Psychotherapie. In den meisten Fällen besteht die Lösung in einer Neuausbildung, die eine Gehirnwäsche und eine längere Erholungspause nötig macht, bevor der Azi wieder in den Dienst geschickt wird. In einigen wenigen Fällen gibt es keine solche Lösung, kein Abhilfe schaffendes Psychoset, und eine Kommission qualifizierter Mitarbeiter kann keine menschlichere Lösung außer einer Eliminierung finden.

Doch zurück zu Ariane Emory: In ihrem Fall liegt das Hauptproblem in der möglichst exakten Wiederholung, dem ‚Kopieren‘ des sozialen Umfeldes ihrer Genmutter, sind doch die äußeren Umstände nach Meinung der Wissenschaftler ebenso wichtig und prägend wie die Erbanlagen. Zum Glück bestehen genügend Aufzeichnungen von und über die alte Ariane Emory, die innerhalb des Reseune-Territoriums aufwuchs. Auch die junge, zweite Ariane wird innerhalb dieses Gebietes ihre Kindheit – und wahrscheinlich auch ihr restliches Leben – verbringen. Und sie wird dabei zunächst von den Armen einer Bürgerin behütet werden, von Jane Strassen, einer Verwandten der Mutter Arianes, deren Testergebnisse noch am ehesten eine Similität der Kindheit Arianes mit der ihrer genetischen Mutter garantieren.

Einige Jahre später ist aus dem Säugling ein kleines fesches Mädchen geworden, daß auf die Verantwortlichen Reseunes zwar den Eindruck erweckt, als wäre sie nicht ganz so durchtrieben wie ihre Vorgängerin in ihrem Alter, doch ist sie in Wahrheit nicht nur genauso clever, sondern erheblich cleverer – was sich nicht nur darin zeigt, daß sie diese Tatsache vor ihren Mitmenschen und vor allem vor ihren Testern verbergen kann. Bis zu ihrem siebenten Lebensjahr lebt Ari bei ihrer ‚Ersatzmutter‘, welche sie für ihre leibliche Mutter hält. Als sie von ihr getrennt wird, geschieht dies, weil es auch der ersten Ariane so erging: Ihre Mutter starb, als Ariane sieben Jahre alt war. Die Psychologen vermuten, daß es wichtig für Aris Entwicklung sein könnte, diesen starken Trennungsschmerz ebenfalls zu erleiden, daß nur so eine wirkliche Similität hergestellt werden könne. Lediglich von einer Kinderpflegerin beaufsichtigt, beginnt die kleine Ari sichtlich stärker auf eigenen Beinen zu stehen, wird immer selbständiger und gewinnt im Laufe der Zeit einen ganz anderen Eindruck von Reseune und den Mächtigen dort, allen voran von ihren beiden Onkeln. Sie macht sich dabei ihre eigenen Gedanken, vertraut nur noch sich selber und zeigt gerade an den Personen das stärkste Interesse, die man ihr am meisten vorzuenthalten versucht; dies gilt vor allem für Justin und Grant Warrick. Doch Ari findet immer wieder eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit ihnen. An ihrem achten Geburtstag werden ihr die beiden gleichaltrigen Azis Catlin und Florian geschenkt; der Verantwortung für deren ganz auf sie fixierten Leben soll sie sich in der Folgezeit gewachsen zeigen. Ein weiteres Jahr später darf sie in den von ihrer Gen-Mutter entworfenen und ehemals bewohnten Gebäudetrakt umziehen. Dort findet sie in einem nur ihr zugänglichen Büro einen Computer, der weit mehr ist als nur irgendein gewöhnlicher Datenanschluß: Von diesem Terminal aus hat sie eine Reihe von bevorzugten Zugriffsmöglichkeiten auf Daten, die Reseune, seine Projekte und sein Personal darstellen. Noch wichtiger aber ist ein interaktives Programm, welches die alte Ariane in das hauseigene System eingegeben, mit ihrem gesamten Wissen gespeichert und exklusiv mit diesem Anschluß gekoppelt hatte, so daß nur ihre ‚Tochter‘ mit ihm arbeiten kann. So bekommt die junge Ari die Möglichkeit, mit der alten Ariane zu kommunizieren, sich mit deren Gedanken und Denkstrukturen auseinandersetzen, ihren Erlebnissen und daraus folgenden Ratschlägen und Erklärungen zu lauschen; sie erfährt, daß ihre Gen-Mutter sie schon sehr lange geplant und sich entsprechend darauf vorbereitet hatte. Im Laufe der variabel gestalteten Lektionen (was besagt, daß sie ihrem jeweiligen Alter und Wissensstand entsprechend immer mehr in Geheimnisse eingeweiht wird), dringt sie immer tiefer in die Gedanken und Gefühle der alten Ariane ein. Sie wird ihr immer ähnlicher; sie bekommt immer mehr das Gefühl, schon einmal gelebt zu haben; bald schon fällt es ihr schwer, von der alten Ariane so zu denken, als würde es sich dabei um eine andere Person handeln, nicht um sie selbst – in einer anderen, früheren Inkarnation. Sie fängt an zu glauben, daß sie bald sämtliche Verhaltensweisen ihrer Gen-Mutter verstehen und sogar teilen können wird. Nur in einer Sache stimmt sie mit ihr nicht überein: Als sie erfährt, daß die alte Ariane damals von den Militärs aufgefordert worden war, die Azis für das geheime Gehenna-Projekt zu konditionieren, daß sie über jedes Detail des Projektes informiert gewesen war, es unterstützt hatte, trotzdem sie über dessen Ausgang nicht im unklaren gewesen sein konnte, teilt sie in diesem Punkt zwar nicht die Meinung ihrer Vorgängerin, toleriert aber deren damalige Einstellung. Ari entwickelt sich immer mehr zu einer neuen, eigenständigen Persönlichkeit.

Sie vertieft sich immer stärker in ihre Arbeit, ist bald so weit, daß sie erste eigene Theorien aufstellt. Ihre Ergebnisse sind einige Jahre später schließlich so gut, daß ihr ein eigener kleiner Forschungsflügel eingerichtet wird, in welchem sie ihren eigenen Forschungen nachgehen kann. Sie bekommt eine Anzahl Helfer für Buchhaltung und Instandhaltung, und sie fordert, daß ihr auch Justin und Grant Warrick überstellt werden. Erst jetzt, im Alter von 14 Jahren, erfährt sie die Hintergründe, die zum Tode ihrer Gen-Mutter führten. Einige Zeit später deckt sie aufgrund der Informationen aus ihrem persönlichen Terminal einige Skandale in Bezug auf das Gehenna-Projekt auf und tritt damit in die politischen Geschehnisse ein, wird schließlich vor den Rat der Union zitiert, dort befragt, und erhält bereits im Alter von 15 den Status einer ‚Sonderperson‘ verliehen. Als Geheimnisträgerin ist sie einigen Beschränkungen, vor allem was den Umgang mit Journalisten betrifft, unterworfen, bezieht aber trotzdem ihre eigenen politischen Standpunkte und mischt sich ein, wo immer es geht. Dies bringt ihr enorme Schwierigkeiten mit dem Rat der Union ein, allen voran mit ihren beiden Onkeln, welche noch immer Reseune und das Wissenschaftsamt leiten. Ari kann ihren Einfluß innerhalb Reseunes ausbauen und oponiert ganz offen gegen die Beiden. Das Geschehen wird immer dramatischer, erreicht einen ersten Höhepunkt im Tode Giraud Nyes, des Sicherheitschefs. Sein Bruder Denys Nye ist darüber so betrübt, daß er in eine Apathie verfällt, aus der ihn erst Aris Vorschlag, einen Klon von Giraud herzustellen, aufzuwecken vermag. Auf seine Frage hin, wie es sei, geklont zu werden, und ob man sich an frühere Ereignisse aus dem Leben seines Gen-Spenders erinnern könne, sieht sich Ari zu einer Notlüge genötigt und behauptet, daß sie sich ständig mehr wie ihre Vorgängerin fühle und sie sich sicher sei, wieder vollständig zu dieser zu werden. Denys ist einverstanden mit dem Klonen seines Bruders. Doch als Ari darauf besteht, daß außer Jordan und Grant auch noch Jordan Warrick, der aus seiner Verbannung zurückgeholt und rehabilitiert werden würde, an dem Cloning-Projekt mitarbeiten sollen, kumulieren die Ereignisse erneut, und Denys stirbt in einem Kugelhagel – wobei offen bleibt, ob er sein Ende nicht bewußt herbeigeführt hatte. Denn ihm war klar, daß er im Falle seines Todes genauso repliziert werden würde wie sein Bruder und wie Ariane; auf so wichtige und geniale Mitarbeiter will die Reseune-Corporation nicht verzichten – auch wenn die menschlichen und individuellen Werte des Einzelnen dabei auf der Strecke bleiben. Doch kann man Ariane oder einem der anderen Beteiligten diesen Griff nach relativer Unsterblichkeit verübeln?

An dieser Stelle enden (vorläufig) die Geschehnisse um das Reseune-Unternehmen, seinen Cloning-Projekten und den in ihnen verstrickten Personen, deren Leben kein Ende zu finden scheint.

Doch kann der Leser sicher sein, daß die Autorin den Gedanken der Re-Inkarnation mit Hilfe des Klonens in einem späteren Buch erneut aufgreifen wird, wenngleich die Darstellungsweise auch eine andere sein wird. Denn die Eigenheit Cherryhs ist es ja, alle ihre Erzählungen in demselben fiktiven Universum spielen zu lassen; sie benutzt dieses als Kulisse immer wieder, beleuchtet einmal geschehene Ereignisse immer wieder von einer anderen Seite, gewinnt ihnen so neue Aspekte und Erkenntnisse ab. Sie macht begreiflich, daß Geschehnisse, und trennen sie auch noch so viele Hunderte von Lichtjahren, immer in Beziehung zueinander stehen, daß die Schicksale einzelner Individuen niemals nur für sich allein betrachtet werden können, daß sie vielmehr miteinander verwoben sind. Alle ihre Erzählungen fügen sich harmonisch in ein Gesamtbild der Zukunft der Menschheit ein, bilden eine ‚Future History‘. Auch die CYTEEN-Trilogie ist nur solch ein Mosaiksteinchen in diesem Universum – doch eines, in welchem sich, anders als in den bisherigen Teilchen, die heutigen gesellschaftlichen Probleme mit einer Zukunftstechnologie überdeutlich widerspiegeln. Denn das ‚Klonen‘ ist heute bereits Wirklichkeit, wird aber erst morgen unser aller Leben verändern.

Die Idee der neuen Unsterblichkeit weckt sicherlich nicht nur eine Menge tiefsitzender Ängste in uns heutigen Menschen, sondern auch eine Reihe von Wünschen, und besonders wohl den, ‚gottgleich‘ zu sein und dem Schicksal seine Geheimnisse zu entreißen. Die Gefahr dabei, daß das allgemeine Klonen der Menschen die Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit verändern würde, wird nur zu gerne übersehen und verdrängt: So würde zum Beispiel die ‚Familie‘ in der uns heute geläufigen Form aussterben, ganz andere Formen zwischenmenschlicher Beziehungszusammenhänge entstehen; vor allem der Begriff der Elternschaft würde einer radikalen Neubestimmung unterworfen sein. Und auch die Sexualität hätte wohl nur noch wenig oder gar nichts mehr mit der Fortpflanzung zu tun. Am größten wäre aber die Gefahr, daß die zwischenmenschlichen Unterschiede, bei der geschlechtlichen Reproduktion aufgrund des Mischens der 46 verschiedenen Chromosomen gewährleistet, durch das Klonen verschwinden und eine Art ‚androgynes Wesen‘ entstehen würde, das über keinerlei Geschlecht, geschweige denn ein Geschlechtsleben verfügt – der erste Schritt zu einer wahrhaften Similarität aller Menschen. Vielleicht wird es aber auch nur irgendwann keine Frauen mehr geben und die Kinder werden – ähnlich wie heutige Hühner – in speziellen Brutapparaturen gezüchtet. Doch viel wahrscheinlicher ist es, das in gar nicht so ferner Zukunft durch die Vorstellung, Leben gänzlich ohne Spermien zu erschaffen, Verwirrung und Vorurteile zumindest bei dem männlichen Teil der Bevölkerung entstehen werden, daß sich in seiner Vormachtstellung bedroht sieht13*. Es ist wohl offensichtlich, daß, wenn die Funktion der Spermien durch einfache chemische oder physikalische Wirkstoffe ersetzt werden kann, die nächste Generation von Wissenschaftlern so manche männliche Funktion durch Silikonteile ersetzen wird, ersetzen müssen wird – wie dies heute bereits bei Schönheitsoperationen an weiblichen Brüsten zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.

Aber es ist wohl nicht nur der Gedanke, sein eigenes Leben zu verlängern, was das Klonen für viele Menschen so reizvoll macht; oft ist es mehr eine Art ‚Selbstliebe‘, der versteckte Narzißmus, der seine Wirkung zeigt. Denn auch der Narzißmus spielt eine Rolle bei dem Gedanken, sich klonen zu lassen, ein Spiegelbild seiner selbst zu erschaffen14*. Dem Menschen ist es eigen, etwas ‚zu schaffen‘, ein künstlerisches Werk, eine wissenschaftliche Entdeckung, um so bei der Nachwelt nicht restlos in Vergessenheit zu geraten. Eine ähnliche Rolle hat auch die Funktion, daß sich Eltern durch ihre Kinder reproduzieren, um sich auf diese Weise ihre Träume zu erfüllen. Dies mag zwar den Kindern nicht immer gefallen, da sie ihre eigenen Vorstellungen vom Leben entwickeln wollen, aber für Mutter und Vater ist ihr Nachwuchs dennoch Teil des Strebens nach Unsterblichkeit. Den Tod durch die Zeugung vieler Kinder und Enkelkinder zu bekämpfen ist dabei eine symbolische Parabel zu dem Wunsch, sich klonen zu lassen, ein, oder besser noch, viele Doubles seiner selbst zu zeugen. Die Verehrung der Jugend in unserer Gesellschaft, die vom Konsum von Kosmetika bis zum Gesichtslifting reicht, ist dabei nur ein Teil des uralten Wunsches nach Verjüngung, Spiegelbild des Traumes, den Tod hinauszuschieben oder ihn gar zu überwinden. Allenthalben werden Männer in mittleren Jahren gesichtet, die enge Jeans und Turnschuhe wie Teenager tragen – und das nicht unbedingt, weil sie bequemer sind -, und auch die vielen Frauen, welche diverse Tinkturen gegen jegliche Art von Falten benutzen, sind lange schon zu einem integralen Bestandteil unserer Konsumgesellschaft geworden.15**

Überall auf dieser Welt kann man dieser Selbstliebe begegnen, diesem Traum von der ewigen Jugend, der sich nun auch im Gewand des Klonens unserer Gedanken bemächtigt. Doch die Erfüllung dieses Traumes wird den heute Lebenden nach Meinung der meisten Wissenschaftler, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, noch nicht möglich werden – nach Meinung vieler Biologen sogar niemals. Den Hauptgrund, weswegen das Klonen eines Menschen für immer Science Fiction bleiben wird, sehen viele Wissenschaftler in dem fundamentalen Unterschied der embryologischen Entwicklung zwischen Säugetier und Amphibien. Diese Unterschiede reflektieren die sehr verschiedenen Umgebungen, in welcher sich Embryos dieser beiden Spezies entwickeln: Die gesamte Entwicklung eines Amphibienembryos, selbst im Stadium der Befruchtung, geschieht in vitro – außerhalb des weiblichen Elternteils16*.

Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem Ei eines eine Placenta entwickelnden Säugetiers: Das Ei des Warmblüters ist im Gegensatz zu dem der Amphibie sehr viel kleiner, denn es benötigt nur Nährstoffe bis zur 64zelligen Teilung, danach wird es über die mütterliche Placenta mit allem Nötigen versorgt. Daher fallen auch die Beobachtungen, Experimente sowie das Einfügen eines Kernes in das menschliche Ei sehr schwer, verlaufen doch alle fundamentalen Stadien innerhalb des Eierstocks.

Zwar ist es bereits möglich, den Menschen im Reagenzglas, also außerhalb des Uterus, zu zeugen – die vielen Retorten-Babys sind dafür lebender Beweis -, doch das Einfügen eines Kerns in das menschliche Ei ist bisher noch nicht möglich und gehört wohl noch einige Zeit in den Bereich der Wissenschaftlichen Phantastik. Doch wie lange wird es noch dauern, bis auch dies möglich werden wird? Die Geschichte der Wissenschaft lehrt uns ja, niemals nie zu sagen.

Was also wird geschehen, wenn eines Tages doch die Möglichkeit besteht, einen Menschen zu klonen? Werden die Wissenschaftler, die dann dazu in der Lage sind, dieser ungeheuerlichen Versuchung widerstehen können, wie sie derzeit immer wieder in unzähligen Talkshows und sonstigen publikumswirksamen Redeveranstaltungen nicht müde werden, zu beteuern? Darüber in der nächsten Zukunft intensiver nachzudenken, gehört sicherlich zu den vordringlichsten Aufgaben der heutigen Gesellschaft. Die Science Fiction kann hierzu zwar eine Menge an Vorarbeit leisten, indem sie mögliche gesellschaftliche Modelle im Kontext mit der neuen Wissenschaft ‚Klonen‘ durchspielt, die Diskussion in der breiten Öffentlichkeit und die daraus resultierenden politisch-soziologischen Entscheidungsprozesse wird sie uns jedoch nicht abnehmen können.

Anmerkungen:
1*.CYTEEN: DER VERRAT
(Cyteen: The Betrayal, 1988)
Wilhelm Heyne Verlag, München 1990.
Heyne Science Fiction & Fantasy 06/4710.
445 Seiten. DM 10,80.
Deutsch von Michael K. Iwoleit.

CYTEEN: DIE RECHTFERTIGUNG
(Cyteen: The Vindication, 1988)
Wilhelm Heyne Verlag, München 1990.
Heyne Science Fiction & Fantasy 06/4712.
458 Seiten. DM 10,80.
Deutsch von Michael K. Iwoleit.

CYTEEN: DIE WIEDERGEBURT
(Cyteen: The Rebirth, 1988)
Wilhelm Heyne Verlag, München 1990.
Heyne Science Fiction & Fantasy 06/4711.
461 Seiten. DM 10,80.
Deutsch von Michael K. Iwoleit.
2*. Eine Zelle, die so jung ist, daß sie sich noch nicht spezialisieren konnte.
3**. Das Äquivalent zum Weißen in einem Hühnerei.
4***. Das Cytoplasma erkennt, daß im Ei 46 Chromosomen vorhanden sind, und regt die Zellteilung an.
4*. Eindrucksvoll wurden die Folgen solch einer Vorgehensweise in dem Film Blade Runner dargestellt, in welchem ‚Replikanten‘, künstliche Menschen, gejagt werden, weil sie ihr
begrenztes Leben verlängern wollen –  und damit entgegen den Anweisungen ihrer Schöpfer, den Gen-Ingenieuren eines globalen Konzerns, handeln, die ihnen aus wirtschaftlichen Gründen nur eine Dreijahresfrist ’schenkten‘.
5*. Siehe hierzu den Roman von Norman Spinrad: The Iron Dream, 1972 (dt: „Der stählerne Traum“, HSF 3783), in welchem ein faschistisches Regime, das eine erschreckende Ähnlichkeit mit den Nationalsozialisten aufweist, Nachkommen des großen Führers zur Reinerhaltung der Rasse klont.
6*. David M. Rorvik: In His Image (dt. „Nach seinem Ebenbild“, Frankfurt 1981).
7*. Bedingt durch das Hobby der Autorin, dem Konstruieren dreidimensionaler Sternenkarten, dürften diese Annahmen durchaus als Entsprechung wirklicher, vorhandener Sternenkonstellationen zu sehen sein.
8*. Geschildert werden diese Ereignisse in dem Roman Downbelow Station (1981, dt. „Pells Stern“, HSF 4038).
9**. Erzählt in Merchanter’s Luck (1982, dt. „Kauffahrers Glück“, HSF 4040).
10*. Geschildert werden diese Ereignisse in den vier zum Chanur-Zyklus zählenden Bänden: The Pride of Chanur (1981, dt. „Das Schiff der Chanur“, HSF 4039), Chanur’s Venture (1984, dt. „Das Unternehmen der Chanur“, HSF 4264), The Kif Strike Back (1985, dt. „Die Kif schlagen zurück“, HSF 4401), Chanur’s Homecoming (1986, dt. „Die Heimkehr der Chanur, HSF 4402).
11*. 40000 in Gehenna (1983, dt. „40000 in Gehenna“, HSF 4263).
12*. Dies sind Psychobänder, die auf tiefensuggestive Art das Unbewußte des Benutzers prägen, seine Einstellung zu bestimmten Dingen festlegen.
13*. Gelten doch gerade die Spermien des Mannes in unserer Gesellschaft als letzte biologische Entsprechung von Männlichkeit, nachdem bei neuesten Entdeckungen im sexualwissenschaftlich-biologisch-medizinischen Bereich nun auch der Frau eine prostataähnliche Drüse, außerdem ein fleischiges Äquivalent zur männlichen Eichel im Bereich der Harnröhrenöffnung sowie die Fähigkeit zur Ejakulation zugesprochen wurde. Siehe Josephine Loundes Serely: Eve’s Secrets (1987, dt. „Evas letzte Geheimnisse“, Knaur 4026).
14*. nach der griechischen Mythologie war Narziß ein schöner junger Mann, der vor lauter Verliebtheit in sein eigenes Spiegelbild, das er in einem Bach erblickte, ins Wasser fiel und ertrank.
15**. Die Gründe für solch eine Zeit-Überlistung, die in unserer heutigen Wirtschaftsordnung ihren exemplarischen Ausdruck gefunden haben, werden dargestellt von Hans Christoph Binswanger in: Geld und Magie (1985, Edition Weitbrecht), in welchem er nachweist, daß der moderne Wirtschaftsprozeß nur eine „Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln“ ist.
16*. So legt zum Beispiel die Froschmutter ein Ei, ein Froschvater kommt des Weges und legt etwas Sperma daneben, und so geschieht im Freien die Befruchtung.

Titel bei Amazon.de
Cyteen: Der Verrat. Erster Roman des Cloning- Projekts Ariane Emory.
Cyteen: Die Wiedergeburt. Zweiter Roman des Cloning- Projekts Ariane Emory.
Cyteen: Die Rechtfertigung. Dritter Roman des Cloning- Projekts Ariane Emory.
Geklont. Die Cyteen – Trilogie in einem Band.

Nach seinem Ebenbild
Nach seinem Ebenbild. Der Genetik – Mensch. Fortpflanzung durch Zellkern- Transplantation.
Ein Sohn nach seinem Ebenbild – Das Klon-Kind Uli
Der Pell Zyklus – Die Company Kriege in 8 Bänden (Pells Stern – Kauffahrers Glück – 40.000 in Gehenna – Yeager – Schwerkraftzeit – Höllenfeuer – Tripoint – Pells Ruf)
Pells Stern. Science Fiction- Roman.
Der frühe Chanur Zyklus (Das Schiff der Chanur – Das Unternehmen der Chanur – Die Kif schlagen zurück – Die Heimkehr der Chanur)
Das Schiff der Chanur.
Das Unternehmen der Chanur. Zweiter Roman des Chanur- Zyklus.
Die Kif schlagen zurück. ( Dritter Roman des Chanur- Zyklus).
Die Heimkehr der Chanur. Vierter und abschließender Roman des Chanur- Zyklus.
Chanur Zyklus (Das Schiff der Chanur – Das Unternehmen der Chanur – Die Kif schlagen zurück – Die Heimkehr der Chanur – Chanurs Legat)
Chanurs Legat. Erster Roman des späten Chanur- Zyklus.
Vierzigtausend in Gehenna.

3 Comments

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  1. Cloning als Variante von Unsterblichkeit trifft für mich nicht den Kernpunkt des Wunsches nach ewigem oder überlangem Leben. Ein Klon hat ja nicht die Erinnerung des Originals, also ist er sich nicht eines verlängerten Daseins bewusst. Der „Verwendungszweck“ von Klonen als Ersatzteillager für den originalen Menschen ist selbstverständlich moralisch völlig unakzeptabel, denn es steht zu erwarten, dass ein Klon ein eigenes Selbstbewusstsein hat und sich als eigenständige Person versteht. Solch einen nach und nach für Operationen zu zerlegen ist grausam, unmenschlich, ja barbarisch und eben nicht human oder fortschrittlich (siehe hierzu den leider unterschätzten Film „Die Insel“ – USA 2005 – mit Ewan McGregor und Scarlett Johannson). Auch die Variante, ein altes Gehirn in einen geklonten jungen Körper zu verfrachten, ist keine praktikable Lösung. Zwar bleibt dabei die Ursprungsidentität erhalten, es ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Gehirn eben alt ist, schließlich unterliegt es auch dem biologischen Prozess der Alterung. Vielleicht kann man auf diese Weise noch etliche Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte herausholen, aber irgendwann ist auch damit Schluss.

    Da gefällt mir schon eher die Variante, welche in der Perry-Rhodan-Serie „praktiziert“ wird: Von ES – einer der Menschheit wohlwollenden Superintelligenz – erhält man zunächst alle paar Jahrzehnte eine Zelldusche, welche eben alternde, kranke oder mutierende Zellen wieder auf Vordermann bringt. Später wird daraus ein Zellaktivator, in den letzten Handlungs-Zyklen ersetzt durch einen Zellchip. Unabhängig davon, wie das gehen soll, bleibt aber auch hier
    das wesentliche Grundproblem: Was passiert mit einem Verstand, der nicht nur läppische 100-120 Jahre Leben auf dem Buckel halt, komplett mit allem Schrecklichen, was er sehen und erleiden mußte, sondern Jahrhunderte oder gar Jahrtausende an Leid, Katastrophen, Verlusten und etlichen Kriegen miterlebte. Haben wir nicht heute schon genug Irre, Verwirrte, Geistesgestörte, die mit dem kurzen Leben, dass wir haben nicht zurecht kommen? Würde ein Unsterblicher, geklont oder wie auch immer, nicht unweigerlich verrückt werden? Allein darüber könnte man sich Bücherstapel lang auslassen, was hier den Rahmen sprengt.

    Für mich stellt sich aber beim Thema Cloning aber zuerst die Gretchenfrage, welche anscheinend kein Wissenschaftler sich mehr selber stellt: Jeder denkt nur darüber nach WIE so was gehen kann, nicht OB man es machen sollte oder lieber nicht. Ich rede hier nicht einen Forschungsstopp herbei, sondern vermisse das wichtigste, was unsere gesamte Gesellschaft zunehmend verliert: Ein Gewissen, eine Moral, einen Gerechtigkeitssinn, im Grunde das, was wir als gesunden Menschenverstand bezeichnen. Das, was man eigentlich mit human impliziert. In dem vorherigen Artikel wird die Handlung der Cyteen-Trilogie umrissen und in fast jeder Zeile werden Geschehnisse beschrieben, dir mir schlichtweg die Nackenhaare aufsteigen lassen. Sogar die beiden Artikelschreiber selbst lassen nur vage erkennen, dass sie sich von solchen Praktiken angeekelt abwenden müssten. Ich tue es mit aller Vehemenz. Ich vergleiche hier das Cloning mit der Atombombe. Die Geister die ich rief, werde ich nun nicht wieder los.

  2. Genau das haben die Beobachter gesagt, als sie das erstemal ein Auto, ein Flugschiff oder eine Eisenbahn gesehen habe. Man ist immer das Kind seiner Zeit. Und die Menschen, in deren Leben solche Fragen von grosser Wichtigkeit sein werden, haben vielleicht ganz andere Maxime der Ethik und Moral als wir Menschen des 21. Jahrhunderts.

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