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REBELLION DER SYNTHETIKER – Leseprobe (Teil 3) des gleichnamigen Romans von Angela Fleischer

REBELLION DER SYNTHETIKER

Leseprobe (Teil 3) des gleichnamigen Romansvon Angela Fleischer

3.

(Zurück zum vorherigen Teil)

»Und?« Bol sah den Arzt, der ein Solchtaq war wie sie selbst, erwartungsvoll an.

»Du bist schwanger.« Der Angesprochene lächelte freundlich, indem er seine Kinnwülste zusammenzog.

Neues Leben! Bol sah auf ihren Bauch, der sich so anfühlte wie immer. Sie stellte sich tausende Larven vor, die sich wanden und ihren Gebärsack füllten.

Ihre Babys, ihre Zukunft. Ihr kam in den Sinn, was sie in der Schule über das Kinderkriegen gelernt hatte. Im Larvenstadium waren Solchtaq Kannibalen, die wenigsten ihrer Nachkommenschaft würden überleben. Eine grausame Vorstellung, aber die Natur hatte es so vorgesehen.

»Ich gratuliere.« Der Solchtaq-Arzt zog die Kinnrunzeln zusammen. »Ein Kind zu bekommen, kann das Leben ganz schön verändern.«

Bols Laune sank abrupt in den Keller. Wie sollte sie das Geld aufbringen, ihre Kleinen zu ernähren und deren Ausbildung zu bezahlen? Sie wusste nicht, wer der Vater war. Solchtaq-Paare lebten nicht zusammen und trafen sich nur zum Sex. In den vergangenen Monaten hatte sie sich mit gut einem Dutzend Männern getroffen. Bol konnte nicht erwarten, dass einer von ihnen sie finanziell unterstützte.

»Du hast bestimmt noch einige Fragen.«

»Nein.« Gedankenverloren schüttelte Bol den Kopf.

»Dann wünsche ich eine schöne Schwangerschaft. Gehe mit Wohlgeruch.«

»Gehe mit Wohlgeruch.«

Bol stapfte aus dem Raum. Mutter. Ihre Kinder würden vierzig Jahre lang von ihr abhängig sein, und sie verfügte nicht über genügend Geld, ihnen das Leben zu bezahlen. Es bestand die Möglichkeit einer Abtreibung, aber alleine bei der Vorstellung lief ihr ein Schauer über den ganzen Körper. Nein, sie wollte ihre Babys bekommen. Aber wer zahlte dafür?

Tamian Gerrbodden! Sie hatte Bol doch angeboten, für sie zu arbeiten.

Vielleicht entdeckte sie während der Reise sogar einen schönen Ort, fern vom Dreck der Industrie, an dem sie ihre Babys aufziehen konnte.

Bol schritt auf die Straße hinaus. Die Bevölkerung feierte den Towaner-Tag, an dem sie die Legendengestalt verehrte, welche sich gegen die Götter aufgelehnt und diese besiegt hatte. Towaner hatte seine große Liebe geopfert, um absolute Freiheit zu erlangen.

Eine traurige und grausame Geschichte!

Was gefiel den Leuten bloß so sehr daran, dass sie sogar Statuen zu Ehren von Towaner aufstellten? Aber vielleicht verstand sie den Reiz dieser Sage auch nicht, weil sie eine Solchtaq war und keine Humanoide. Bei den Solchtaq gab es keine so engen Verbindungen zwischen Männern und Frauen.

Bols Weg führte sie geradewegs ins Zentrum des bunten Trubels. Die Anrainer trugen bunte Gewänder, lachten und aßen Zuckerhörnchen, ein Teighörnchen gefüllt mit einer Beerencreme. Sie kaufte sich von ihrem wenigen Geld ebenfalls eines und knabberte abwechselnd an dem knusprigen Teig und leckte die Creme aus der Mitte.

Als sie das Hörnchen aufgegessen hatte, ging Bol in den Park. An den wenigen, kleinwüchsigen Bäumen hingen Girlanden, und zwischen den Wandersträuchern, die den Boden überwucherten, wieselten zweibeinige Osolantes herum und lasen mit ihren Mündern die Krümel auf.

Bol hielt auf die Wiese in der Mitte des Geländes zu. Wenn der Kopf von Gedanken überquoll, pflegte sie zu trainieren. War sie von der körperlichen Anstrengung schließlich erschöpft und glücklich, vermochte sie meist ruhig über alles nachzudenken.

Doch es gab noch einen anderen Grund, warum sie darauf achtete, ihren Körper in Schuss zu halten. Vor langer Zeit war sie von Räubern angegriffen worden. Sie hatte sich nicht wehren können, aber zum Glück hatte sie ein Fremder namens Breladan gerettet. An dem Tag hatte sie sich geschworen darauf zu achten, sich im Fall des Falles verteidigen zu können.

Weil es Böses gibt in der Welt.

Bol schloss die Augen und begann mit Balance- und Dehnübungen. Ihre Glieder bewegten sich geschmeidig und ihre Muskeln wurden warm. Sie machte Nahkampfübungen, Tritte, Schläge, Würfe, mit aller Vehemenz focht sie gegen einen unsichtbaren Gegner. Niemals verharrten ihre Arme und Beine, stets blieben sie in Bewegung. In ihrem Kopf breitete sich Klarheit und Kühle aus, wie der Winterfrost. Emotionen gehörten nicht in einen Kampf und wer dem Gegner kein Ziel bot, konnte nicht getroffen werden.

Der Schweiß rann über Bols Körper, tropfte ihr vom Rücken. Ihre Muskeln schmerzten, Beine und Arme begannen steif zu werden. Genug! Das Nahkampftraining hatte sie abgeschlossen, der wahre Kampf fand in Rüstungen statt, mit Hilfe von Schusswaffen. Bol besaß zwar weder eine Rüstung noch eine entsprechende Waffe, aber der Kampfzirkel nannte ein paar alte Exemplare sein Eigen, welche er den Mitgliedern zu Übungszwecken zur Verfügung stellte.

Bol wählte Tamians Nummer. Die Schtrowima antwortete sofort.

»Bol? Hallo! Mann, bin ich froh, von dir zu hören. Na, wie sieht’s aus, möchtest du für mich arbeiten?«

»Ja. Ich brauche das Geld.«

»Wie wär’s, wenn wir uns heute um 22:20 in der Tarlonstraße 14 treffen, Tür 39? Geht das von dir aus?«

Die Solchtaq schwieg einen Moment. Eigentlich hatte sie um diese Zeit Dienst als Türsteher, und ihr Boss mochte es gar nicht, wenn sie zu spät kam.

»Geht es vielleicht auch früher?«

»Hm, okay. Dann komm heute um 18:90 dort vorbei.«

»Mach ich.«

»Hat mich gefreut, von dir zu hören. Gehe mit Wohlgeruch.«

»Gehe mit Wohlgeruch.«

Nachdem die Verbindung getrennt war, wanderte Bol weiter durch die Straßen Toliots. Sie hatte ihr ganzes bisheriges Leben in dieser Gegend verbracht und mit angesehen, wie ihre Nachbarn älter und Häuser durch andere ersetzt wurden. Ging sie fort, kehrte sie vielleicht nie wieder zurück.

Sie musste mit ihrer Familie über ihren Entschluss reden, mit ihrer Mama und ihren Geschwistern.

* * *

»Welche Qualifikationen hast du, die dich für mich interessant machen?«, wollte Tamian von ihrem Gegenüber wissen.

»Ich hatte in der Schule nur die besten Noten«, knarrte der Löper, der sich als Breladan vorgestellt hatte, in Standard-3. Die vier rötlichen ovalen Augen fixierten sie. »Ich bin geschickt, effizient, gebildet und gebe niemals auf. Bol kennt mich bereits, und wir können gut zusammenarbeiten. Außerdem gehöre ich einer häufigen Spezies an, ich werde also nicht auffallen. Meine Interessen umfassen die Politik, Planetenkunde und Geschichte. Der einzige Grund, warum ich nicht zur Universität gehen durfte, war die Tatsache, dass ich ein Synthetiker bin. Und glaub mir, Ijon Asstur befreie ich gerne, ich bin nämlich ein großer Anhänger seiner Politik.«

Tamian lächelte. Solche Typen brauchte sie, Söldner, die absolut von sich selbst überzeugt waren und auch bei den schwierigsten Missionen nicht einfach das Weite suchten. Ein bisschen musste sie ihren Kandidaten aber noch testen.

»Hast du es drauf, viele Tage lang durchs All zu reisen, gegen Feinde zu kämpfen, sie zu vernichten und dem Tod dabei ins Gesicht zu spucken? Oder bist du bloß ein Versager, der große Reden schwingt?«

»Das ist alles kein Problem für mich«, drang es überzeugt aus dem schnabelartigen Mund.

Donnerwetter! Der Kerl hielt große Stücke auf sich selbst. Er würde eines der Schwerter sein, das sie führen musste, um Ijon zu befreien. Zusammen mit ihren beiden neuen Verbündeten würde es ihr gelingen, Bisiwaka von der Notwendigkeit einer Befreiungsaktion zu überzeugen.

Die Reise nach Xarduz machten sie am besten in einer kleinen Gruppe, denn die Galakpo – die galaktische Polizei – suchte nach Tamian, zu dritt würden sie weniger auffallen. Sie setzte ihr süßestes Lächeln auf.

»Wunderbar! Wir treffen uns Morgen um 6:00 beim Landeplatz Lethonihorst. Rüstungen und Waffen habe ich genügend an Bord, Proviant ebenfalls, also nimm mit, was immer du sonst noch brauchst. Ich weiß noch nicht, welche Probleme uns erwarten werden, aber die verwarzten Galaktas sind immer für eine Überraschung gut. Alles klar?«

Breladan hielt den Kopf schief, als müsste er das erst einmal überdenken, dabei lächelte ihn Tamian aufmunternd an.

Schließlich gab er sich einen Ruck. »Alles klar.«

»Toll. Dann sehen wir uns Morgen um 6:00. Gehe mit Wohlgeruch.«

»Gehe mit Wohlgeruch.«

Kaum hatte der Löper den Raum verlassen, fühlte Tamian sich, als hätte sie den ganzen Tag lang Säcke voller Steine geschleppt. Alles tat ihr weh. Sie ließ sich auf das Sofa sinken und aß zur Stärkung ein Süßgebäck.

Dummes Mädchen!

Sah so die Anführerin einer Söldnerbande aus, die sich das Ziel gesetzt hatte, in ein Gefängnis des Galaktareichs einzubrechen? Sie atmete tief durch.

Dann stiegen Erinnerungen in ihr hoch, die sie am liebsten für immer aus ihrem Kopf verbannt hätte. Eine Gasse voller schwarzer, scharf umrissener Schatten, die Sonne einer Wüstenwelt, die erbarmungslos vom Himmel brannte, Unrat und Elend einer heruntergekommenen Zivilisation an jeder Straßenecke. Eine Frau rannte, um sich in Sicherheit zu bringen.

Tamian sprang auf und wühlte in ihren Koffern. Hatte sie alles dabei, was sie brauchte? Allein die Tatsache, dass sie eine Schtrowima war, konnte auf manchen Stationen der Reise für Komplikationen sorgen.

Nachdem sie sich zum fünften Mal vergewissert hatte, nichts vergessen zu haben, ließ sie sich erschöpft in ihre Hängematte fallen. Doch wie so oft konnte sie nicht einschlafen. Erst als sie sich eine Schlafdosis spritzte, nickte sie ein, die Schattenwelten ihrer Fantasie als ständige Begleiter.

»Naschwolar!« Breladan sprach leise, um seinen Bruder nicht zu wecken, falls er schlief. Dieser hatte die Augen geschlossen und schlummerte tatsächlich, aus den Löchern seiner keilförmigen Nase drang leises Schnaufen.

Plötzlich schlug Naschwolar die Lider auf, und vier rote Augen fixierten den Löper an seinem Bett. »Bruder?«

Breladan setzte sich in einen Sessel. »Mir ist ein wichtiges Angebot unterbreitet worden. Wenn ich Tamian Gerrbodden helfe, ihren Geliebten Ijon Asstur zu befreien, bezahlt sie mir fünfzigtausend Ültos. Das wäre genug, um deine Behandlungen zu bezahlen.«

Naschwolars Tasthaare vibrierten leicht.

Breladan ergriff dessen Hand und drückte sie. »Du musst nicht sterben.«

»Ist das nicht gefährlich für dich?« Naschwolar betrachtete ihn aufmerksam.

Natürlich war es das, aber Breladan würde es überleben und mit der Beute zurückkehren. »Ich werde auf mich aufpassen. Mit einem wie mir haben die Mikrohirne des Galaktareichs nicht gerechnet.«

»Brell, das klingt trotzdem ziemlich gefährlich. Immerhin hast du noch nie eine Waffe in der Hand gehalten. Bist du dir sicher, dass es das Risiko wert ist?«

Der Angesprochene legte seinem Bruder eine Hand auf den Arm. »Vielleicht ist es gefährlich. Aber ich möchte es tun, Naschwolar. Ich will nicht mein ganzes Leben auf diesem Drecksplaneten vor mich hin schuften. Vielleicht ist das meine Fahrkarte in ein besseres Leben.«

»Versteh mich bitte nicht falsch, ich bin dir dankbar, dass du das für mich machen willst, aber du hast auch dein eigenes Leben. Versprich mir, dass du nicht alles für mich aufs Spiel setzt. Wenn ich … nicht mehr bin, wird Vater dich brauchen.«

Er würde nicht scheitern, er hatte gar nicht das Recht dazu. Breladan schloss die Finger um sein Seelenrelikt. Doch was tat er da? Allvater und Grundmutter waren nur verblasste Gespenster, er konnte sich nicht auf sie verlassen, nur auf sich selbst. Er würde Ijon Asstur befreien und er würde mit dem Geld zurückkehren, egal zu welchem Preis!

»Ich passe auf mich auf«, versprach er.

»Ich werde hier auf dich warten. Diese verwarzte Krankheit hat mir noch nicht alle Kraft aus dem Panzer gesaugt.«

Seiner Schwäche zum Trotz stemmte sich Naschwolar hoch, griff nach seinem Bruder. Sie umarmten sich fest, so als ob es das letzte Mal wäre, dass sie einander sahen. Breladan spürte, wie das Blut aus seinen Augen wich, sie sich vor Traurigkeit schwärzten. Das war kein Abschied! Das war keine letzte Umarmung!

Die Zeit schien stehenzubleiben, der Moment verstrich endlos langsam.

Naschwolar ließ sich wieder zurücksinken, die Finger zu einem X geformt, die Geste des Lachens oder Lächelns.

Breladans Hände zitterten, und er verbarg sie hastig. Er musste stark sein, durfte Naschwolar nicht zusätzlich mit seinen Gefühlen belasten. »Geht … geht es dir im Moment gut, soll ich dir etwas bringen?«

»Danke, nein.« Sein Bruder betrachtete ihn ernst. »Besser ist es mir seit Wochen nicht mehr gegangen. Komm, Brell, du wolltest doch immer etwas aus dir machen. Jetzt wartet eine ganze Galaxis auf dich.«

»Was interessiert mich die Galaxis? Mein Platz ist hier, auf Zolk, bei meiner Familie und meinem Volk.« Er strich Naschwolar über den Arm. »Aber du hast recht, ich muss noch packen. Ich fliege morgen bereits in der Früh los und darf nichts vergessen.«

»Viel Glück«, wisperte Naschwolar, dann wurde er von einem neuerlichen Hustenanfall geschüttelt.

Breladan zog die Vorhänge vor und verließ leise das Zimmer. »Schlaf gut, mein Bruder, schlaf gut.«

Er schloss die Tür hinter sich und trat in den großen Wohnraum. Naschwolar hatte recht, die Galaxis wartete auf ihn. Doch sollte er sich darauf freuen oder eher davor fürchten?

Tamian schnappte sich einen Eimer Farbe und pinselte damit über einige besonders zerkratzte Stellen ihres Raumschiffs. Es war ein Schrotteimer, mehr hatte sie sich nicht leisten können, aber das mussten ihre Söldner ja nicht unbedingt erfahren. Sie pfiff ein Liedchen vor sich hin, bewegte sich mithilfe einer Schwebeplattform über die Oberfläche und brachte da und dort die Farbe an. Bei dem Schiff handelte sich um einen alten Vetro-Omardan-Personentransporter für vier Passagiere mit reichlich Frachtraum, in dem sie Ausrüstung, Schmuggelware und Vorräte verstaut hatte.

Mist!

Auf ihre kalkweiße Lermon-Jacke war Farbe getropft. Das Ding kostete neu über hundert Ültos – zumindest das Original. Trotzdem, sie hätte das Teil sicher für achtzig Ültos an irgendein Mikrohirn verschachern können.

Auf der Steuerbordseite standen einige Drähte von der Verschalung des Schiffes ab. Den Schaden konnte sie nicht kaschieren, den musste sie reparieren lassen, aber dafür hatte sie nicht genügend Geld.

Tamian gähnte ausgiebig. Die beiden – wie hießen sie nochmal? Breladan und Bol! – durften die Steuerbordseite eben nicht sehen. Sie warf einen Blick auf ihr Chronometer. Das hatte länger gedauert, als sie erwartet hatte. Ihr blieb lediglich noch eine Viertelstunde bis ihre Söldner hier eintrafen.

Sie beeilte sich, verursachte dabei aber einige Farbspritzer an den falschen Stellen und wischte sie eilig wieder weg. Schließlich stieg sie von der Schwebeplattform, zog ihre Jacke aus und betrachtete das Ergebnis.

Das Raumschiff war wie ein liegendes U geformt, das am hinteren Ende Öffnungen für die Antriebsdüsen des Unterlichtantriebs besaß. Auf der rechten Seite befand sich die Pilotenkanzel, und von den Seiten standen die beiden Antriebsstutzen des HB-Aggregats ab. Zwischen den Schenkeln des Us verliefen Streben, die der Konstruktion die notwendige Stabilität verliehen. Die Beschädigungen fielen kaum noch auf.

Gar nicht übel.

Zwar würde niemand darin ein fabrikneues Schiff sehen, aber im Gegensatz zu vorher machte es zumindest einen flugfähigen Eindruck.

Tamian versteckte eilig Pinsel und Farbeimer hinter einer herumstehenden Kiste. Sollte sich doch irgendjemand anderer darum kümmern.

Als der Löper und die Solchtaq mitsamt Gepäck eintrafen, setzte sie ihr gewinnendstes Lächeln auf. »Hallo! Auf geht’s, ab in die Weiten des Universums!«

»Hast du vielleicht einen Roboter, der uns das Gepäck abnehmen kann?«, fragte Breladan in knarrendem Standard-3.

Natürlich, die beiden besaßen noch keine dieser neuen Schwebeplattformen, mit denen jedermann in Windeseile Lasten von A nach B transportieren konnte. »Ich habe einen Navroboter. Der ist zwar nicht fürs Lastentragen konzipiert, aber solange ihr ihm nicht zu viel aufladet …« Tamian öffnete die Rampe. »H-89 kommst du bitte mal?«

Eigentlich brauchte sie die Maschine nicht zu bitten, ihre Programmierung gebot ihr absoluten Gehorsam, aber aus irgendeinem Grund gefiel es Tamian so besser.

H-89 wankte auf seinen Stummelfüßen heraus. Wegen seiner langen Arme wirkte er fast wie ein Affe. »Ja, Herrin?«

»Bitte hilf den beiden, das Gepäck im Schiff zu verstauen.«

»Positiv.«

Tamian packte mit an. Bald hatten sie das Gepäck im Inneren des Schiffes verstaut, und der Zeitpunkt des Abflugs war gekommen. Ijon wartete schon auf sie, Zuspätkommen war verboten. Sie lächelte.

»Ich möchte das Schiff erkunden, bevor wir abfliegen«, forderte Breladan.

Bol blickte sich neugierig um, ihre Augen glänzten feucht. »Ich auch. Ich habe noch nie ein Raumschiff von innen gesehen.«

»Das haben die wenigsten. Dann machen wir mal eine kleine Besichtungstour.«

Sie gingen durch das Schiff, dabei zeigte Tamian ihnen den Frachtraum, die beiden Schlafkabinen für jeweils zwei Personen, den Maschinenraum, die Bordküche, das Bad und das Cockpit. Bol wirkte begeistert, trotz ihres behäbigen Körperbaus bewegte sie sich flink. Tamian sah fast nur ihren Hinterkopf, wo sich drei Wülste zum Nacken hin erstreckten. Beim mittleren handelte es sich um die Nase, mit hauchfeinen Sinneshaaren besetzt. Jene rechts und links stellten die Ohren dar, mit feinen Löchern durchsetzt.

Breladans Körperhaltung versteifte sich, je weiter sie vorankamen. Im Maschinenraum hob er einen Hebel auf. »Der hat sich von der manuellen Düsentriebwerkskontrolle gelöst. Dieses Schiff wurde auf irgendeinem Schrottplatz gekauft, oder?«

»He, ein besseres habe ich nicht anzubieten. Wisst ihr, wie teuer ein Raumschiff ist? Es ist erstaunlich, dass ich mir als Privatperson überhaupt eines leisten konnte.«

»Ich habe zwar noch nie ein Raumschiff von innen gesehen, aber ich bin mir dennoch sicher, dass ich ein besseres hätte bauen können als das hier!«

Verdammter Warzfuß!

Tamian nahm aus einem Fach einen magnetisierbaren Werkzeugkasten hoch und drückte ihn dem Löper in die Hände. »Bitte sehr, der Herr! Wenn du es wirklich schaffst, ein Schiff zu bauen, werde ich’s gerne verwenden.«

Breladan stellte den Kasten wieder ab.

»Abgesehen davon vergisst du wohl etwas: Ich habe dich angeheuert.

Wenn du nicht spurst, kann ich dich auch wieder feuern, und dein Bruder wird an seiner Krankheit sterben.«

»Er wird ebenfalls sterben, wenn ich tot bin.«

Der Puls rauschte in Tamians Ohren. »Das Raumschiff hat mich schon oft sicher von A nach B gebracht.«

Mist!

Ihre Stimme klang furchtbar piepsig. Warum passierte ihr das immer, wenn sie sich aufregte?

Darum.

Ein kaltes Grauen packte sie im Nacken. Konzentrieren! Sie befand sich im Hier und Jetzt, auf Zolk, nicht auf Schtrowa. Sie führte ein einfaches Streitgespräch, ganz harmlos, nichts weiter.

Bol ging dazwischen, und ihre niedlichen Kugelaugen blickten zwischen den Kontrahenten hin und her. »Schluss, aus! Wenn wir zusammenarbeiten wollen, dann müssen wir einander vertrauen.«

Tamian nickte. Sie hätte ihre Patzigkeit gegenüber Breladan unterlassen sollen. »Frieden?«, fragte sie ihn.

»Na gut. Wenn du sicher bist, dass dieses Schiff die Belastungen des interplanetaren Flugs aushält, komme ich mit.«

Er ergriff ihre Hand und schüttelte sie linkisch, dabei fühlte sich sein Panzer hart und kühl an. Als Löper hatte er das sicher nicht oft getan. Die Timianerten-Abkömmlinge verwendeten zwar ständig Gebärden, aber wenn es sich nicht um einen nahen Angehörigen handelte, berührten sie ihre Gesprächspartner nur selten, es entsprach nicht ihrem distanzierten und würdevollen Naturell.

Breladan beugte sich vor. »Aber falls sich die Pannen während der Reise häufen sollten, werde ich dieses Schiff verlassen.«

Tamian atmete tief durch. Es blieb ihr kaum etwas anderes übrig, als das zu akzeptieren.

* * *

Als sie das Cockpit erreicht hatten, setzte sich Tamian auf den Kopilotensitz, ihre Begleiter auf die Sitze dahinter. Angeblich forschten ein paar Wissenschaftler daran, Raumschiffe zu entwickeln, die von Personen mit humanoidem Reflexvermögen gesteuert werden konnten, aber damit verschwendeten sie sicher nur ihre Zeit, denn was das Steuern von Raumschiffen anging, hatten Roboter und Mechanoiden aufgrund ihrer Bauweise einfach viel zu große Vorzüge.

»H-89« kontaktierte Tamian ihren Roboter über das Armband. »Bitte komm ins Cockpit und fliege das Raumschiff nach Großmallon. Sobald du im Orbit angekommen bist, habe ich weitere Instruktionen für dich.«

»Affirmativ, Herrin«, drang die schnarrende Stimme der Maschine aus dem Armband.

Kurz darauf kam der Roboter ins Cockpit gewackelt, setzte sich auf den Pilotensitz und schnallte sich an. Tamian schmunzelte. Der Kleine war zu niedlich. Sie legte sich ebenfalls den Gurt an, was trotz der im Raumschiff integrierten Trägheitsdämpfer eine wichtige Sicherheitsvorkehrung darstellte.

Beschleunigungen, die aufgrund unerwarteter Kollisionen mit kleineren Himmelskörpern auftraten, konnten von diesen nämlich nicht kompensiert werden.

H-89 startete. Das Schiff machte einen Satz nach vorne, gefolgt von einem Knirschen. Oh ja, sie brauchte wirklich dringend einen Ersatz für diesen Schrotteimer.

»Ist das normal?«, fragte Bol, die ihre Stirnrunzeln furchtsam zur Seite verschoben hatte.

»Wollte ich auch gerade fragen«, murmelte Breladan und funkelte Tamian mit seinen rötlichen Augen an.

»Ja ja, ganz normal, das macht es immer.«

Sie durchbrachen die erste Wolkenschicht, vor dem Fenster war weißer Nebel zu sehen. Plötzlich scherte das Schiff zur Seite aus.

»Huch!«, entfuhr es Bol.

»Jetzt wird mir auch ein wenig unheimlich«, murmelte Breladan. »Oder ist das etwa auch normal?«

»Ganz normal, kein Grund zur Sor…«

Ein lautes Quietschen unterbrach ihren Satz. Es war so unerträglich wie das Kreischen eines qualvoll Sterbenden.

»Und das auch?«

»Nein, das ist neu. H-89, alles in Ordnung soweit?«

»Kein signifikanter Schaden, Herrin. Eine der Einschubwände hat sich aus ihrer Halterung losgerissen und scharrt jetzt über den Boden.«

Der Himmel ging in Schwarz über, und die Sterne wurden sichtbar. In weiter Entfernung blinkte ein winziges Objekt, nicht größer als ein Stecknadelkopf.

Dabei musste es sich um eine der wenigen Raumstationen handeln, die es in der Milchstraße gab. Aber als bedeutsamer Industrieplanet besaß Zolk natürlich eine.

»Ich aktiviere jetzt den Heisenberg-Antrieb«, informierte H-89 die Besatzung.

»In Ordnung, mach ruhig.«

»Ich verstehe nicht. Können Sie das präzisieren, Herrin?«

Tamian seufzte. Roboterintelligenz war limitiert. Ihnen mangelte es an Flexibilität und Fantasie, im Gegensatz zu ihren deutlich höher entwickelten Verwandten, den Mechanoiden. »Du kannst fortfahren.«

H-89 bediente einen Hebel, und das Sternenpanorama wich absoluter, undurchdringlicher Schwärze. Im HB-Raum existierte kein Licht, es herrschte ständige Finsternis.

Tamian schnallte sich los und gähnte. »Ich hau mich ins Bett, habe gestern zu wenig geschlafen.«

»Mein erster Flug«, murmelte Bol. »Es ist fast so wie in meiner Vorstellung.«

»Ja, die Galaxis ist ein interessanter Ort.«

Tamian ging in ihr Zimmer und ließ sich in ihre Hängematte fallen. Warum war sie nur so müde? Hatte sie diese »das Schiff schnell anstreichen, damit es nicht wie ein Schrottkarren aussieht«-Nummer wirklich dermaßen beansprucht? Im Wegdämmern sah sie sein lächelndes Gesicht vor sich.

Ijon, bald bin ich bei dir!()

Copyright © 2012 by Angela Fleischer

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Geheimnisse Fremder Welten” (GeheimnisseFremderWelten2.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Rebellion der Synthetiker (Kartoniert)
SF-Roman
von Fleischer, Angela

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Verlag:  Begedia
Medium:  Buch
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  2012
Gewicht:  366 g
ISBN-10:  3943795268
ISBN-13:  9783943795264

Beschreibung
Es ist das Jahr 2904. Die Milchstraße wird vom Galaktareich beherrscht, einem demokratischen Zusammenschluss verschiedener Planeten, der insgeheim von Großkonzernen gesteuert wird.
Die Synthetiker, durch genetische Manipulation erschaffenen Wesen, leben in tiefster Armut. Für das Galaktareich sind sie nichts anderes als Sklaven. Ijon Asstur, ein Mann, der sich schon seit seiner Jugend politisch engagiert, möchte sich das nicht mehr gefallen lassen. Er gründet die Rebellen Valerios, die dafür kämpfen, den Synthetikern mehr Freiheit zu verschaffen. Doch der Traum scheint zu zerbröckeln, bevor er begonnen hat, als Ijon gefangengenommen wird. Tamian Gerrboden, seine Geliebte, will das nicht hinnehmen. Sie stellt ein Team zusammen, das aus ihr selbst, einem ehrgeizigen Fabrikarbeiter und einer gutmütigen Nachtwächterin besteht. Drei Individuen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Gemeinsam müssen sie gefährliche Herausforderungen bestehen und exotische Welten bereisen, wobei sie nicht nur physisch auf die Probe gestellt werden, sondern auch mental. Am Ende stehen sie jedoch vor der Entscheidung, wie weit sie tatsächlich gehen würden, um Ijon Asstur zu befreien…

Angela Fleischer wurde am 05.08.1986 in Wien als Tochter einer Französin und eines Österreichers geboren. Dort besuchte sie Volksschule und Gymnasium, um sich anschließend dem Studium der Chemie an der Uni Wien zu widmen. Sie hat drei Geschwister und eine Katze mit übernatürlich lauter Stimme. Ihre Lieblingsbeschäftigungen sind das Kochen, das Lesen und das Schreiben. Außerdem nimmt sie häufig an Turnieren des Sammelkartenspiels Magic, the Gathering, teil. Nicht so gerne befasst sie sich mit dem Aufräumen ihrer Wohnung, sodass diese zyklisch in einen Zustand gerät, der nur als apokalyptisches Chaos beschrieben werden kann …

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