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PIRATEN – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Piraten

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Sie freute sich seit Tagen auf das lange Wochenende mit Jochen und den Kindern. Die Koffer waren gepackt, die Miezen bei den Großeltern untergebracht und der Hund bei Tante Agathe geparkt. Alle Geräte aus, die Taschentücher lagen bereit und das Navigationssystem war programmiert.

„Gabi, wo bleibst du denn?“ rief Jochen. Benni und Susi saßen schon auf dem Rücksitz und streckten sich gegenseitig die Zungen raus.

„Noch einen Augenblick, Schatz.“ Gabi steckte zwei Krimis ein, ein Rätselheft und mehrere Kugelschreiber, kontrollierte nochmals Waschmaschine und Herd, sah nach dem Bügeleisen und schloss dann die Haustüre. Jochen hockte schon hinter dem Steuer des Kombis und sah ungeduldig auf die Uhr, „Mausi, mach hin. Wir kommen sonst zu spät.“

Jochen war aufgeregt, immerhin war der Miniurlaub seine Idee und ein Hochzeitsgeschenk, an dem er die ganze Familie teilhaben ließ. Gabi wusste, dass ihr „Großer“ vor allem an sich selbst gedacht hatte. Jochen liebte alles, was mit Piraten in Verbindung stand. Also hatte er einige Tage im Piratenland gebucht, einer großen Indoor-Ferienanlage. Während sich Draußen der letzte Schnee noch gegen die aufkommende Frühlingssonne wehrte, würde die ganze Familie karibisches Flair am künstlichen Strand genießen. Mit einem fantastischen Ausblick auf Piratenschiffe, abendliche Lichtershow und nachgespielte Freibeutergeschichten. Jochen war schon ganz gespannt. Zudem war es eigentlich eine Dienstreise und deswegen kostenlos. Und das fand Jochen besonders gut.

Das Piratenland war ausgebucht. Überall standen oder saßen Besucher in Badesachen. Animateure in Kostümen sorgten für Unterhaltung. Mit den Koffern schwer bepackt kämpften sich Jochen, Gabi, Benni und Susi bis zu den kleinen bunten Rundhäusern. Jochen hatte Tortuga gebucht, was einiges mehr kostete. Die Ausstattung war mit den anderen Häusern identisch und Gabi ging davon aus, dass der Aufpreis einfach nur wegen dem Namen zustande kam.

Im Haus gab es nur zwei Schlafzimmer, was die Kinder natürlich aufschreien ließ. Sie wollten getrennte Zimmer und nach einer halben Stunde Kinderjammern wurde Benni bei Jochen und Susi bei Gabi einquartiert. Nun war es an Jochen ein langes Gesicht zu ziehen, denn er hatte auf erotische Piratenspiele gehofft. Gabi hoffte dagegen auf Ruhe und Entspannung.

„Du ziehst dir sofort einen ordentlichen Badeanzug an, Fräulein!“ donnerte Jochen durchs Haus. Er hatte vor Wut einen knallroten Kopf, was Susi vollkommen egal war.

„Papa, das ist heute ganz normal. Alle meine Freundinnen tragen einen Bikini“, versuchte Susi ihren Vater zu überzeugen, doch der war wie ein Fels in der Brandung.

„Sofort umziehen! Mir sind deine Freundinnen egal, mein Fräulein. Umziehen oder du bleibst im Haus!“

Susi zuckte mit den Schultern. „Bleibe ich halt im Haus und Simmse meinen Freundinnen, wie Steinzeit mein Vater ist.“

Jochen wollte erneut zum Brüllen ansetzen, aber Gabi packte ihn bei der Schulter. „Schatz, so sind Teenager einfach. Werde erwachsen.“ Mit einem Lächeln verließ sie die Hütte und Jochen trabte seiner Frau grummelnd hinterher. Benni und Susi trotteten ebenfalls mit.

Am Strand gab es einen zum Haus gehörenden Strandkorb, den Jochen und Gabi augenblicklich in Beschlag nahmen. Benni stürzte sich sofort in die Wellen und hatte sichtlich seinen Spaß an der Sache. Susi machte sich dagegen auf den Weg zur Eisbar und genoss dabei sichtlich die Blicke der Jungs.

„Warum kann Susi nicht wie Benni sein?“ schmollte Jochen und lehnte sich zurück, um seinen Sohn zu beobachten.

Gabi schlug ihren Krimi auf. „Weil Susi älter und reifer ist und neugierig auf Jungs.“

Das setzte Jochen erst recht zu. Er verkniff sich eine Antwort. „Ich hole mir einen Piraten-Hot-Dog. Willst du auch einen, Schatz?“

Gabi schüttelte geistesabwesend den Kopf. „Nein, ich lese lieber etwas. Schau dir doch mal alles an, damit sich wenigstens einer von uns hier auskennt. Wie wäre das?“

„Das wäre ganz fantastisch.“ Jochen strahlte über das ganze Gesicht. „Wir sehen uns später.“

Gabi nickte. „In Ordnung. Viel Spaß. Aber arbeite nicht zuviel.“

Schon war er weg und Gabi atmete erleichtert auf. Endlich etwas Ruhe. Da traf sie auch schon ein tropfender Wasserball und durchnässte ihren Krimi. Erschrocken sah Gabi auf.

Ein junger Mann stürmte auf sie zu. Braungebrannt, durchtrainiert und mit einem verschmitzten Lächeln. „Entschuldigen Sie bitte, mir ist das Ding einfach so abhanden gekommen.“

„Kein Problem“, erklärte Gabi und warf ihm den Ball zurück.

Der junge Mann ließ den Wasserball zu Boden plumpsen und reichte Gabi die Hand. „Kevin Schmidt. Freut mich, Sie kennenzulernen.“

Gabi musterte den jungen Mann kurz, dann schüttelte sie seine Hand. „Gabriele Neubauer. Angenehm.“

Kevin setzte sich einfach neben Gabi und lächelte sie an. „Ich bin fast jedes Wochenende im Piratenland. Sie habe ich hier noch gar nicht gesehen. Neu?“

„Ja, mein Mann liebt Piraten über alles.“ Gabi betonte das Wort Mann deutlich. „Sein Geschenk zum Hochzeittag.“

Kevin lachte auf. „Entschuldigen Sie, ich wollte nur höflich sein. Das soll keine Masche sein, um Sie anzubaggern.“

Gabi kam sich nun dumm vor. Was sollte ein junger Mann auch von ihr wollen. „Tut mir leid, ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist.“ Gabi seufzte. „Ist halt mein erster Urlaub nach langem.“

„Keine Ursache. Mit dem Piratenland habe Sie die richtige Wahl getroffen. Hier ist es einfach wunderbar. Super zum Entspannen. Vor allem für Familien.“

„Ja, es hier ist hier sehr idyllisch.“

Kevin lächelte und deutete dann mit dem Kopf zum Strand hinunter. „Wollen Sie vielleicht mal ein paar Bälle werfen? Das macht richtig Spaß.“

Gabi dachte nach. Kevin war ein verdammt sympathischer Kerl. Also ließ sie sich breitschlagen. „In  Ordnung. Ich muss nur noch ein Lesezeichen einlegen.“ Während sich Kevin schon mal den Ball schnappte und die paar Meter zu Strand schlenderte, griff Gabi ihren Ausweis aus der Tasche und legte ihn in den Krimi. Dann ging sie Kevin hinterher.

Die beiden spielten eine halbe Stunde mit dem Ball und die Zeit verging wie im Fluge. Kevin hatte sich am Wasser aufgebaut und immer wenn er den Ball verfehlte, musste er ihm in die Wellen hinterherspringen. Irgendwann schüttelte Kevin seinen Kopf und tausende von Tropfen flogen in alle Richtungen.

„Ich muss leider Schluss machen. Meine Freundin wartet schon“, erklärte er und reichte Gabi zum Abschied die Hand.

„Warten Sie einen Augenblick, Kevin.“ Gabi lachte. „Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen.“

„Nein, das ist nicht nötig. Ich habe es wirklich eilig.“

„Ach, Quatsch. Auf die Minute kommt es auch nicht mehr an.“ Gabi lächelte Kevin freundlich an und griff ihn bei der Hand. „Kommen Sie schon. Ist schnell erledigt.“ Mit sanfter Gewalt zog sie ihn zum Strandkorb und ließ sich dort in den Sitz fallen. „Puh, das war anstrengend. Aber auch unheimlich lustig.“ Gabi klopfte neben sich auf den Platz. „Setzen Sie sich doch.“

Kevin sah unbehaglich drein. „Ich weiß nicht. Was wird Ihr Mann sagen?“

„Ach, dem ist das egal. Glauben Sie mir.“ Sie grinste. „Der macht sein eigenes Ding, dieser Freibeuter.“

Mit einem gequälten Grinsen setzte sich Kevin. „Ich hoffe es geht schnell.“

„Aber sicher doch“, beruhigte ihn Gabi und kramte in ihrer Tasche. „Geldbörse, Handy, MP3-Player und der Schlüssel vom Häuschen. Alles weg. So ein Mist aber auch, ich bin wohl ausgeraubt worden.“

„Was? Sie sollten sofort den Bademeister verständigen“, empfahl Kevin. „Da muss doch was getan werden. Sie müssen unbedingt zur Polizei.“

Gabi winkte ab. „Quatsch. Ich bin auf alles vorbereitet. Haben Sie mal keine Angst.“ Sie griff nach ihrem Krimi. „Bin ja nicht ganz blöd.“ Gabi schüttelte ihren Ausweis aus dem Heft und hielt ihn Kevin vor die Nase. „Ich bin nämlich die Polizei. Mein Mann übrigens auch. Der Betreiber vom Piratenland hat uns gemeldet, dass sich in letzter Zeit vermehrt Trickbetrüger und Taschendiebe hier herumtreiben, mein lieber Kevin. War ja sehr geschickt von Ihnen mich abzulenken, während ihre Freundin die Tasche ausraubt und sich in unserem Häuschen umsieht.“

Kevin sah sich gehetzt um und entschloss sich aufzugeben. In Badehose aus dem warmen Piratenland in die kalte Natur zu fliehen, wahrscheinlich ohne Aussicht auf Erfolg, das ließ er dann doch lieber sein.

Gabi winkte zwei Kollegen in Zivil heran, die ihr Wochenende ebenfalls im Piratenland verbrachten. „Wissen Sie, Kevin, Ihre Freundin hätte mal einen Blick in meinen Krimi werfen sollen. Dann hätte sie gewusst, dass sich Verbrechen nicht lohnt.“

ENDE

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Buchtipp:


Viveca Sten
Die toten von Sandhamn
Komissar Andreassons dritter Fall

Übersetzt von Dagmar Lendt
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04388-4
Einband: gebunden
Seiten/Umfang: ca. 352 S.
Produktform: B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum: 1. Auflage 14.05.2012

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Der Nummer-Eins-Bestseller aus Schweden. Thomas Andreasson wird nach Sandhamn gerufen: Ein Mädchen ist verschwunden. Obwohl sofort eine fieberhafte Suche einsetzt, bleibt sie ohne Erfolg. Wo steckt Lina, und wer ist für ihr Verschwinden verantwortlich?Als Thomas’ Jugendfreundin Nora durch einen Zufall herausfindet, dass ihr Mann sie hintergeht, fährt sie trotz Eis und Schnee mit ihren Söhnen nach Sandhamn, um in Ruhe nachdenken zu können. Die Inselbewohner sind erschüttert, denn gerade ist ein Mädchen verschwunden – noch geben die Eltern die Hoffnung nicht auf, dass sie ihre Tochter lebend zurückbekommen. Doch dann machen ausgerechnet Noras Söhne beim Spielen eine schreckliche Entdeckung …

Knapp 100 Jahre zuvor: Der kleine Thorwald leidet unter den brutalen Ausbrüchen seines Vaters. Dieser vergöttert die Tochter, misshandelt aber den Sohn; die Mutter schaut untätig zu. Thorwald möchte von der Insel fliehen. Geschickt flicht Viveca Sten aus diesen beiden Erzählsträngen einen Roman, der jeden sofort in seinen Bann zieht und viel über das Leben auf der Schäreninsel im Lauf der Zeiten erzählt. Thomas Andreassons dritter Fall wurde in Schweden gleich nach Erscheinen ein Nummer-Eins-Bestseller und gilt für viele Leser als Stens bisher bester Krimi.

Viveca Sten ist Chefjuristin bei der dänischen und schwedischen Post. Sie wohnt mit Mann und drei Kindern vor den Toren von Stockholm. Seit sie ein kleines Kind war, hat sie die Sommer auf Sandhamn verbracht, wo ihre Familie seit mehreren Generationen ein Haus besitzt. In Schweden dominieren ihre Bücher die Bestseller listen, und auch in Deutschland wächst die Anzahl ihrer Fans.

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  1. Gute Wahl beim Buchtipp!

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