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Literatur-Blog

phantastisch! – Ausgabe 33

Achim Havemann (Herausgeber), Klaus Bollhöfener (Chefredakteur)
phantastisch!
Ausgabe 33
Januar 2009

Vierfarbcover, 72 Seiten, ISSN 1616-8437
Cover – Michael Gottfried

Interviews
Alisha Bionda: Interview mit Wolfgang Hohlbein
Nicole Rensmann: Interview mit Frank Schweizer
Nicole Rensmann: Interview mit Martin Clauß
Günter Puschmann: Interview mit Oliver Scholl

Bücher, Autoren & mehr
Johannes Rüster: phantastisch! leben: Kuck mal, ein Lichtschwert
Jochen Adam: Geister, Vampire und Nekromanten – Gail Martins
Zyklus »Die Chroniken des Beschwörers«
Olaf Kemmler: Wie viel Science verträgt die Fiction? – Teil 1
Heiko Langhans: Aus der Schatztruhe der SF: ADVENTURES IN TIME AND SPACE
Horst Illmer: Bilder aus der Zukunft
Achim Schnurrer: Klassiker der phantastischen Literatur – Lyman Frank Baum 2
Alisha Bionda: Der verwunschene Zwilling
Phantastische Nachrichten zusammengestellt von Horst Illmer

Comic & Film
Carsten Polzin:
Meilensteine des phantastischen Films –
»Paris qui dort« von René Clair
Christian Endres: Die Ankunft des Shaun Tan

Story
Uwe Hermann: »Die Arbeitsplatz-Lotterie«
Frank Weinreich: »Ein Zwischenfall in der Eulenburg«

http://www.ahavemann.de/phantastisch/index.htm

„phantastisch! 33“ beginnt mit einem Überblick über den aktuellen utopisch phantastischen Buchmarkt und einen Nachruf auf David Foster Wallace.Das Update beinhaltet auch einen Kurzüberblick über Dietmar Dath, der unter anderem auch als David Darling schrieb.

In der Rubrik „leben: Kuck mal, ein Lichtschwert“ spricht Johannes Rüster von seiner Tochter und der Angst eines Nerds, dass diese später einmal gegen ihn rebellieren könnte, so wie Rüster mit seinen Interessen gegen seine Eltern rebellierte – wie Jugendliche es nun einmal an sich haben. Der Text ist humorvoll geschrieben und eindeutig aus dem Leben gegriffen.

Auch in dieser Ausgabe wird ein Meilenstein des phantastischen Films besprochen und zwar „Paris qui dort“ von René Clair. Carsten Polzin, Programmleiter des phantastischen Ressorts im Piper-Verlag, geht dabei detailliert auf den Film ein. Ebenso wie der Film selbst neugierig auf sich macht, so macht der Artikel ebenfalls neugierig auf den Film.Neben seinem in die Tiefe gehenden Artikel zum Streifen, geht Polzin auch kurz darauf ein, dass „Paris qui dort“ in drei unterschiedlichen Fassungen vorliegt und der Director’s Cut die bessere Fassung ist.

Sehr interessant, aber wenig aufschlussreich, ist Alisha Biondas Interview mit Wolfgang Hohlbein.Hier wird der Großmeister der deutschen phantastischen Literatur zu seinen aktuellen Projekten befragt und wie er über seine Projekte denkt. Das ganze Interview ähnelt leider einer Verkaufsveranstaltung, da es keine tatsächlichen Neuheiten oder Enthüllungen gibt. Alles ist groß, alles ist toll und die anstehenden Projekte sind ebenfalls groß und ebenfalls toll. Selbst das Merchendising ist groß und toll. Alles in allem ein sehr langweiliges Interview – vorausgesetzt der Leser möchte es Interview nennen. Vor allem fehlt es an investigativen Fragen.

Viel spannender ist dagegen Jochen Adams Abriss über Gail Martins Zyklus über „Die Chroniken des Beschwörers“. Adam gibt eine Übersicht über den Zyklus, stellt die wichtigsten Bücher vor und vermittelt einen groben Überblick, bevor er weiter ins Detail geht.

Ebenfalls aufschlussreich ist von Christian Endres der Artikel „Die Ankunft des Shaun Tan“, in dem es sich um den gleichnamigen Comic, oder viel mehr, Grafikkünstler handelt. Tan ist Australier und bestach vor allem mit seinem Buch „Neues Land“, das weder als Comic, als Grafiknovelle oder gar als Roman einzuordnen ist. „Neues Land“ geht einen eigenwilligen Kunstweg. Im Buch liegt der Schwerpunkt auf der Science Fiction, ein Umstand, den Christian Endres besonders hervorhebt. Er kennt sich in der Materie aus und das spüren die Leser des Artikel.

Ein weiteres Interview aus dem „phantastisch! 33“ stammt von Nicole Rensmann, dass sie mit Frank Schweizer führte, dem Stuttgarter Autoren, der den Roman „Grendel“ (Otherworld) veröffentlichte. Rensmann stellt hier sehr intelligente Fragen über das Leben und Schaffen von Herrn Schweizer, und auch zu seiner Einschätzung über den Buchmarkt und das Autorensein. Sehr erfrischend ist dabei, dass Frank Schweizer auf dem Boden geblieben ist, er humorvoll antwortet und eine sowohl objektive, als auch informative Ansicht der Dinge vermittelt. Dabei äußerst Schweizer sogar Kritik an der Verlagswelt. Es ist überaus spannend anhand dieses Interviews die Meinung des Autoren zu erfahren.

Ebenso gelungen ist auch Rensmanns Interview mit Martin Clauß. Clauß hat vor allem mit seiner e-Book-Reihe „Falkengrund“ von sich Reden gemacht und im Atlantis-Verlag „Der Atem des Rippers“ veröffentlicht. Aktuell schreibt Clauß jedoch für Ueberreuter. Erneut punktet Frau Rensmann mit einer guten Gesprächstechnik und wartet mit überraschenden Fragen auf. In Clauß findet sie auch einen aufnahmebereiten Gesprächspartner, der offen und ehrlich antwortet.

Auch Günter Puschmann führte ein Interview und wählte als Gesprächspartner Oliver Scholl, der in Deutschland mit seinen Risszeichnungen und Covers zum Perry-Rhodan-Universum bekannt wurde und sich in Hollywood als Designer seine Brötchen verdient. Buschmann konzentriert sich im Interview vor allem auf Scholls aktuelle Arbeiten. Dabei kommen Fragen zu „Stargate“ oder auch „Jumper“ auf. Oliver Scholl lässt dabei hinter die Kulissen der us-amerikanischen Filmfabrik blicken. Spannend auch die Insiderinformationen zu „Titan A.E.“, der einst als „Planet Ice“ geplant und bei dem Scholl involviert war.

In „Wie viel Science verträgt die Fiction?“ eröffnet Olaf Kemmler eine neue Artikelreihe, will einen Überblick über das Genre geben und es genau unter die Lupe nehmen. Dabei stellt er die Frage, wie viel Wissenschaft überhaupt noch in der Fiktion steckt, oder ob es sich heute nicht einfach nur noch um eine Zukunftsfiktion handelt. Sehr beachtlich bei dem Artikel ist vor allem Kemmlers umfassendes Wissen zu dem Thema. Dadurch gewinnt der Artikel unheimlich an Authentizität. Kemmler wird dabei mit seiner Meinung sicherlich auch für die ein oder andere Kontroverse sorgen.

Auch in dieser Ausgabe von „phantastisch!“ sind Kurzgeschichten enthalten. Da wäre erst einmal „Die Arbeitsplatz-Lotterie“ aus der Feder von Uwe Hermann. Hier handelt es sich um eine denkbare Zukunftsvision, die von Hermann humorvoll verpackt wurde, aber dennoch einen ernsten Kern besitzt. Dabei dreht es sich um eine kleine Gaunertruppe, die sich gerade so durchs Leben schlägt, unter anderem mit dem dealen von Klingeltönen über Wasser hält oder schwer gesicherte Tankstellen für einen Liter Sprit überfällt. Da hat einer von ihnen eine glorreiche Idee … was zu einem überraschenden Ende führt. Sehr gut geschrieben und sehr unterhaltsam, beinahe schon eine Karikatur der Gegenwart.

Die zweite Geschichte heißt „Ein Zwischenfall in der Eulenburg“ und stammt von Frank Weinreich. Es handelt sich dabei um eine Vampirgeschichte der etwas anderen Art. Ein Vampir wird im Keller der Eulenburg von seinen Häschern gestellt und versucht nun zu fliehen, um zu seiner Frau zurückzukommen. Im Rahmen der Geschichte werden die typischen Klischees neu aufgemischt. Die Geschichte ist spannend geschrieben und macht Laune. Durch den Kontrast zu „Die Arbeitsplatz-Lotterie“ bietet Ausgabe 33 von „phantastisch!“ also ein klasse Auswahl an Unterhaltung.

In der Rubik „Aus der Schatztruhe der SF“ holt Heiko Langhans das Buch „ADVENTURES IN TIME AND SPACE“ hervor. Er nimmt es regelrecht auseinander, präsentiert Querverweise und Quellenangaben zu Thema. Mit fundiertem Wissen geht er auf das Buch ein und versucht die Leserschaft von dem Titel zu überzeugen. Es ist offensichtlich, dass Langhans mit ganzem Herzen bei der Sache ist. Und so gestaltet sich auch der Artikel entsprechend liebevoll.

Sehr gelungen ist der Artikel „Bilder aus der Zukunft – Die Überwindung des Biedermeier durch die Science Fiction“ von Horst Illmer, denn hier führt Illmer ein Interview mit sich selbst. Zentrales Thema ist dabei der Autor Kurt Laßwitz, sein Leben, sein Schaffen und die Bedeutung seiner Werke für die Literatur der Zukunft. Illmers Selbst-Interview ist sehr humorvoll gestaltet und dennoch offen – und vor allem unterhaltsam.

In der Rubrik „Klassiker der Literatur“ wird Lyman Frank Baum unter die Lupe genommen. Das erledigt Achim Schnurrer überaus kompetent. Baum selbst ist den meisten sicherlich durch sein Roman „Der Zauberer von Oz“ bekannt. Vor allem auf diese Arbeit des Autoren geht Schnurrer ein und präsentiert wunderbare Einblicke in dieses Werk, zeigt auch unbekanntere Zusammenhänge auf. Erfolg, Misstrauen, Größenwahn und Pleiten waren dabei Bestandteil von Baums Leben. Schnurrer zeigt sich hier liebevoll pedantisch. Sehr gefällig ist dabei die hervorragende Illustration des Artikels – Bilder aus Buch und Film -, die das geschriebene Wort um einiges aufwertet.

Im Verbund mit den vielen kurzen und längeren Rezensionen bietet „phantastisch! 33“ eine bunte Mischung Genreinformationen und Unterhaltung. Auch die äußerliche Aufmachung weiß zu überzeugen, ebenso die Illustrationen im Innenteil. Bis auf das Interview mit Wolfgang Hohlbein also eine runde Sache.

Copyright © 2009 by Günther Lietz

Updated: 22. Januar 2010 — 15:46

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