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Literatur-Blog

NUR DER TOD IST SICHER – Skurrile Zukunftsgeschichte von Frank Lauenroth

NUR DER TOD IST SICHER

Skurrile Zukunftsgeschichte

von

Frank Lauenroth

Die Zeiten hatten sich geändert.

Herbert schaute auf sein Lebensindexkontrolldisplay an seinem Handgelenk – kurz Likod genannt – und sah eine 29,9. Er war sich sicher, vorhin dort noch eine 30,0 erblickt zu haben. Nicht einmal das Blinken, welches eine Veränderung ankündigte, hatte er bemerkt. Nun, ein Verlust von 0,1 erschien ihm nicht Besorgnis erregend. Manchmal hatte er sogar Nachkommastellen zurück gewonnen. Allerdings erinnerte er sich auch, ganze Ziffern vor dem Komma verloren zu haben, damals, bei seinem letzten Herzinfarkt. Meistens tat sich wochenlang nichts im Display. Dennoch hatte er die Anzeige nahezu ständig im Blick. ‚Verdammtes, schweres Ding!’, verfluchte Herbert leise den Likod und massierte dabei unbewusst seine schmerzende linke Schulter. ‚Verdammte, neue Zeit!’

Wehmütig dachte Herbert Borgwald an die Jahre mit Barbara zurück. Er kniete vor ihrem Grab mit gesenktem Haupt. Dreimal hatte er seine Frau bereits umbetten lassen müssen. Die Friedhöfe schlossen reihenweise. Es wurde immer schwerer, eine auf Jahre sichere Ruhestätte zu finden. Es gab zu wenig Land und zu viele Menschen. Fast war es verständlich, dass die Toten den Lebenden nicht den Platz streitig machen sollten. Schlimmer noch: Das Ansehen vor dem Alter sank! Einem Sechzigjährigen standen nur zwei Drittel des Raumes zu, die ein Dreißigjähriger für sich beanspruchen durfte. Barbara musste diese Entwicklung zum Glück nicht mehr miterleben. ‚Parasitäres Gesindel’ hatte sie all jene genannt, die auf Kosten anderer lebten … Barbara war immer sehr direkt. Auch das hatte er an ihr geliebt.

Herbert hauchte einen Luftkuss in Richtung ihres Grabsteins, dann stand er langsam auf und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Der Friedhof maß etwa fünfzig mal fünfzig Meter und war von Hochhäusern umgeben. Riesige Videoleinwände vermittelten ständig wechselnde Werbebotschaften. Gerade begann der Spot der ‚Geistesblitz GmbH’. Herbert kannte ihn fast auswendig, lief er doch auf allen TV-Kanälen, auf Tausenden von Videoleinwänden an jedem Tag und in jeder Nacht.

„Sie sind alt? Sie werden bald sterben? Ihr Likod steht bereits unter 5,0? Kommen Sie Ihrer Bürgerpflicht nach und sichern Sie sich einen respektierten Platz in den Analen unseres Staates und Ihren Nachfahren das Ansehen durch die Gesellschaft!“

Passend zu diesen ermunternden Worten der Sprecherin bewegte sich im unteren Teil des Bildes ein Lauftext, der auf die Strafen bei Nichtfolgeleistung hinwies.

Herbert Borgwald hatte immer gedacht, der Tod sei eine sehr private Angelegenheit. Doch seit es der Geistesblitz GmbH gelungen war, die letzten Gedanken von Sterbenden einzufangen, hatte sich alles verändert. Die Firma hatte nachgewiesen, dass das letzte Aufflackern des Verstandes Unmengen ungenutzter Ideen enthielt, teilweise sogar geniale Rezepte für neue Arzneien oder revolutionäre Kraftstoffe. Und so appellierte der Werbespot gleichermaßen an Ehre und Verstand, wenn er behauptete, zwanzig Prozent der letzten Gedanken enthielten nutzbare Informationen für einen verbesserten Fortbestand der Gesellschaft, zwei Prozent hätten gar die Qualität der Visionen eines Jules Verne oder die Weitsicht eines Stephen Hawking. Dabei war es keineswegs überraschend, dass der Staat diese Entwicklung von Anfang an unterstützte. Zwar kostete der Aufbau der Datenzentrale, die jederzeit über Index und Standort aller Likod-Träger informiert war, viele Millionen Euro, doch letztendlich ließ sich der Staat jede Information aus dieser Datenbank teuer bezahlen. Hatte die Geistesblitz GmbH anfänglich noch das Monopol der Informationsverwertung, so drängten mit der Zeit neue Unternehmen auf diesen lukrativen Markt. Jeder Gedanke konnte als Patent angemeldet und verkauft werden. Die eigentliche Prozedur des Gedanken-Scannings blieb unumgänglich, doch allein die Möglichkeit, ein Sterbender könnte sich für eine andere Firma entscheiden, zwang die Geistesblitz GmbH zu ihrer Reklameoffensive.

Herbert Borgwald wollte sich von der Werbung abwenden und drehte sich um. Auf der gegenüberliegenden Hauswand, direkt über dem Ausgang des Friedhofs, begann derselbe Spot erneut. Irgendwie, so dachte Herbert, gab es kein Entrinnen.

Er erinnerte sich, dass in der ersten Zeit, nachdem die Likods ausgegeben und im Handgelenk verankert wurden, einige glaubten, dem Scanning durch Selbstmord entgehen zu können. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, dass bereits der ernsthafte Gedanke an einen Freitod den Index unter 5,0 fallen lässt. Die potentiellen Selbstmörder wurden in eine Einrichtung zur steten Beobachtung überführt, bis ihr Index wieder über 5,0 gestiegen war. Und die Werbebotschaft der Geistesblitz GmbH wurde um einen Satz erweitert: ‚Ein Suizid zerstört Ihr Ansehen!’

Mittlerweile hatte Herbert den Friedhofsausgang erreicht. Wie immer, so drehte er sich auch heute noch einmal zu Barbara um. Diesmal jedoch blieb ihm der letzte Abschiedskuss verwehrt. Plötzlich fühlte er einen Stich im Nacken. Erst glaubte er an ein Insekt, doch noch während er den vermeintlichen Angreifer mit seiner rechten Hand abzuwehren versuchte, fühlte er die nahende Ohnmacht. Verwundert schaute er auf seinen Likod, der immer noch eine 29,9 auswies.

* * *

Als Herbert die Augen wieder öffnete, traf ihn die Helligkeit wie ein Schock. Das gleißende Weiß bohrte sich schmerzhaft in seine Augäpfel. Er schloss seine Lider, doch das Licht blieb. Herbert wollte den Kopf drehen, vor dem grellen Schmerz fliehen … Es misslang!  Sein Schädel erschien ihm wie in einem Schraubstock gefangen. Er wollte seine Hände vors Gesicht heben, doch sein gesamter Körper wurde irgendwie festgehalten. Herbert presste seine Augenlider zusammen, versuchte auszuatmen, seine Panik niederzuringen. Sein Herz sprang wie wild auf und ab. Mit aller Kraft seiner rationalen Überzeugungen zwang Herbert sich, die Kontrolle zurück zu gewinnen. Ruhig bleiben, ermahnte er sich. Das war leichter gedacht als getan, denn im selben Moment drang der schrille Klang eines medizinischen Bohrers an sein Ohr. Dazu gesellte sich das Singen eines Sägeblattes, so dicht, als wären beide Geräte direkt vor seinem Gesicht. Herbert hatte Angst – höllische Angst – die Augen zu öffnen und seine Wahrnehmung bestätigt zu finden.

„Herbert“, sagte eine fremde Stimme zu ihm, „Sie werden jetzt sterben!“

Das Singen der Säge kam noch näher. Plötzlich fühlte Herbert einen Druck auf seiner Brust. Er kniff die Augen so fest zusammen wie er nur konnte und dachte an Barbara. Er dachte daran, wie sie sich kennen gelernt hatten, ihre gemeinsamen Jahre, und dass er sie zu Grabe tragen musste. Bilder früherer Arbeitskollegen zogen wie wirr durch seinen Kopf, er erinnerte sich an geplante und doch nie abgeschlossene Projekte. Andere Menschen und Begebenheiten tauchten auf und verschwanden wieder, Fragmente seines Lebens schienen in Sekundenbruchteilen zusammengesetzt und wieder auseinander gerissen zu werden, bis alles verblasste und nur noch das Licht blieb. Kein Geräusch. Nichts weiter! Hatten all jene Recht, die von Nahtod-Erfahrungen berichteten und immer wieder das Licht erwähnten, in das man hineingezogen wurde?

„Herbert, Sie können Ihre Augen jetzt wieder öffnen. Sie haben es überstanden.“

Vorsichtig blinzelnd gehorchte Herbert. Nur eine kleine Lampe mit einem warmen, gelben Licht befand sich zwei Meter von ihm entfernt. Neben ihm saß ein Mann im dunklen Anzug. Herbert wurde sich bewusst, dass er sich – da er  all dies  wahrnahm –  wieder vollständig bewegen konnte.

„Was war …“, stammelte er mit trockenem Mund. Der Mann im Anzug hatte das vorhergesehen und reichte Herbert ein Glas Wasser.

„Das war recht ordentlich, Herr Borgwald“, sagte der Mann. „Die Menschheit wird aufgrund Ihres Wissens zwar immer noch nicht das Sonnensystem verlassen können, aber alles in allem waren einige nützliche Gedanken dabei.“

Herbert, noch immer mit der Situation überfordert, nahm all seine Kraft zusammen und stotterte mehr schlecht als recht seine Fragen heraus: „Wer sind Sie? Und was haben Sie mit mir gemacht?“

Der Mann beugte sich halb zu ihm herüber und reichte ihm die Hand.

„Entschuldigung! Ich hatte mich noch nicht vorgestellt. Rugenhardt mein Name. Ich vertrete die ‚Letzte Idee AG’. Wir waren so frei, Ihre letzten Gedanken zu scannen.“

„Aber ich lebe doch noch“, antwortete Herbert ungläubig.

„Gut, nicht wahr? Neueste Untersuchungen an Freiwilligen haben bewiesen, dass es faktisch keine Wissensgewinne zwischen den Indices 30 und 5 gibt. Was umgekehrt wiederum bedeutet, dass niemand bis zum allerletzten Moment warten muss, um seine letzten Gedanken der Gesellschaft zu Verfügung zu stellen. Das Problem bestand bislang nur darin, dass die Freigabe dieser Ideen lediglich im Stadium von Todeserwarten, Kapitulation oder Todesangst erfolgen konnte. Unschwer zu erahnen, was wir für Sie ausgewählt hatten. Als kleine Wiedergutmachung spendieren wir Ihnen ein Abendessen in einem Restaurant Ihrer Wahl. Na, wie finden Sie das?“

Herbert konnte kaum glauben, was ihm widerfahren war.

„Sie können doch nicht einfach einen Menschen kidnappen!“

Rugenhardt fiel ihm ins Wort.

„Ich hoffe, Sie verurteilen uns deswegen nicht. Die Mitbewerber-Firma wartet auf Ihren Tod, wir führen nur eine vergleichbare Situation herbei. Unter dem Strich beanspruchte die ‚Letzte Idee AG’ lediglich einen Moment Ihrer Zeit. Ich denke, rein moralisch bewegen wir uns da im grünen Bereich.“

Herbert Borgwald kehrte langsam in die Wirklichkeit zurück. Fast automatisch sah er auf seinen Likod: 29,6. Rugenhardt war offensichtlich auch mit dieser Situation vertraut.

„Na ja, ein paar Nachkommastellen kostet das Scanning schon. Das will ich nicht in Abrede stellen. Dafür müssen Sie aber keinen Besuch mehr bei der Geistesblitz GmbH einplanen. Dieser Scan kann nur einmal vorgenommen werden.“

Herbert war zu alt und zu erschöpft, um seinem Gegenüber zu widersprechen. Der schaute ihn mit einem breiten Vertreterlächeln an und präsentierte seinen besten Trumpf: „Und dann sollten Sie noch eines bedenken: Ihr Ansehen in unserer Gesellschaft bleibt durch den heutigen Scan vollständig intakt. Sie können also in Ruhe sterben!“

– ENDE –

Copyright Text © 2006 Frank Lauenroth, mit freundlicher Genehmigung.

Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (Evolution2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de

Bildrechte: Coverillustration “SkurileGeschichten1.jpg ” (SKURILE GESCHICHTEN-SPIRALE-20110114083935-8edac2f8) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Black Ice (Kartoniert)
SF-Roman
von Lauenroth, Frank

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Verlag:  Begedia
Medium:  Buch
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  2014
Gewicht:  295 g
ISBN-10:  3957770122
ISBN-13:  9783957770127

Beschreibung
Seit Jahren ist Frankie mit seinem Raumfrachter CORONA allein im Overstream unterwegs. Er arbeitet hart und achtet die allzu wandelbaren Gesetze der Planeten in den äußeren Systemen. Als sich beim Anflug auf Clarion Prime jemand auf sein Raumschiff portiert, ahnt Frankie noch nicht, dass sich durch diesen Fremden sein gesamtes Leben ändern wird.

Vielleicht hätte er die Ladung BLACK ICE – eine perfekte, wunderbar nebenwirkungsfreie Droge – nicht stehlen sollen. Auf der Flucht vor Duistermach, dem weithin gefürchteten psychpatischen Vollstrecker der mächtigen Handelsgesellschaft, gewährt er nach und nach mehreren Verfolgten Auf seiner CORONA Zuflucht. Als sich Duistermach auch noch Kopfgeldjäger anschließen, versucht Frankie mit seiner stetig wachsenden Crew das Geheimnis des BLACK ICE zu lüften und so – vielleicht – ihr aller Leben zu retten.

Autor
Frank Lauenroth, Jahrgang 1963, lebt in Hamburg. Obwohl er ursprünglich Maschinenbau erlernte, studierte er und wurde letztlich diplomiert. Heute arbeitet er als Software-Entwickler.

Sein Roman „Simon befiehlt“ war eines der vier Gewinnerbücher des Wettbewerbs „Deutschland schreibt“ des Jahres 2005. Außerdem war er 2013 für den Deutschen Science Fiction Preis nominiert. Aktuelle Projekte und sonstige Veröffentlichungen finden Sie unter www.franklauenroth.de. Dort erhalten Sie auch eine signierte Ausgabe seiner Bücher.

Der Link zum Trailer … https://www.youtube.com/watch?v=2859jVLCtP4

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