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MUTTERLIEBE – Science Fiction-Kurzgeschichte von Angela Fleischer

MUTTERLIEBE

Science Fiction-Kurzgeschichte

von

Angela Fleischer

(Vorgeschichte zu „Vagabunden des Alls“ (Mai 2012), Science Fiction-Roman von Angela Fleischer)

 

Elde saß in seinem Zimmer und steckte kleine Bauteile aneinander. Das Gebilde in seinen Händen nahm nach und nach die Form eines Raumschiffs an, wurde größer und größer. Zwar wünschte er sich schon seit langem neues Spielzeug, aber das hielt ihn nicht davon ab, einstweilen mit dem alten zu spielen.

Plötzlich ging die Tür auf und Elde schrak zusammen. Die Bauteile und das halbfertige Raumschiff fielen ihm aus den Händen, wobei die exponierten Antriebsstutzen seines Modells abbrachen. Der kleine Destaner hielt starr den Blick auf seine Mutter gerichtet.

Diese hatte tiefe Tränensäcke, die sie offensichtlich versuchte, mit Schminke zu kaschieren.

Geh weg! Lass mich in Ruhe spielen!

»Elde, habe ich dir nicht gesagt, dass du dein Zimmer aufgeräumt halten sollst?«, fragte sie mit zittriger Stimme.

Elde stand auf und wich zurück, sein Gesicht verzog er zu einer trotzigen Miene. »Es liegen doch nur ein paar Teile herum! Das ist doch nicht so schlimm. Das ist doch nicht so schlimm!«

Ihre orangefarbenen Augen wurden blank, die Züge entgleisten ihr. Sie stieß ein Fauchen aus. Mit angespannten Muskeln stampfte sie auf ihn zu.

»Lass mich!«, schrie Elde. Er hielt die Hände vor das Gesicht und presste die Lider zusammen.

Sie schlug zu, zunächst nicht allzu fest. Doch dann entlud sich ihre Wut immer mehr, und ihre Schläge wurden heftiger, wuchtiger, schmerzhafter.

Als Elde wie schon so viele Male vorher den Schmerz spürte, weckte das etwas in seinem Inneren auf. Instinktiv packte er ihren Arm, seine Nägel gruben sich hinein in das Fleisch. Er wollte es durchbohren, bis auf den Knochen, ganz tief.

Sie schrie auf. »Du Teufel!« Mit ihrer anderen Hand verpasste sie ihm eine Ohrfeige, die seinen Kopf regelrecht zur Seite schleuderte. Dann riss sie ihren Arm aus seinem Griff und hieb ihm mit der Faust gegen den Mund. Reflexartig hob Elde seine Hände vors Gesicht. Sie prügelte auf ihn ein, bis seine Arme nur noch aus Schmerz zu bestehen schienen.

Er ächzte vor Schmerzen, versuchte sich aus der Reichweite ihrer Schläge zu manövrieren, hoffte, dass sie endlich aufhörte. Aber erst nach mehreren Minuten wurden ihre Schläge halbherziger, die Bewegungen langsamer, bis sie schließlich ganz von ihm abließ. Sie starrte ihn wütend an, dann stob sie aus dem Zimmer und schlug die Tür zu.

Elde stolperte zu seiner Hängematte und ließ sich hineinfallen, kauerte sich hin, zog die Beine an. Seine Augen wurden feucht, bis irgendwann die ersten Tränen seine Wangen hinunterrannen.

Ich will aber nicht weinen wegen der!

Er versuchte sich die Tränen mit den Fingern wegzuwischen, sie hinunterzuschlucken.

Aber es hatte keinen Sinn, immer mehr und mehr Tränen kamen, so sehr er auch dagegen ankämpfte. Ein erstickendes Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Irgendwann verlor er ganz die Beherrschung und heulte.

Schließlich schaffte er es wieder, sich zu beruhigen und begutachtete seine Arme. Sie taten weh, aber das machte ihm nichts aus. Er setzte sich erneut zu seinen Bauteilen und versuchte weiterzuspielen, auch wenn es ihm schwer fiel, sich darauf zu konzentrieren.

Elde schwor sich, ihr keine Genugtuung zu verschaffen. Er würde nicht um Hilfe betteln, nein, er nicht! So weit kam es noch, dass er sich nicht alleine gegen sie wehren konnte. Nein, er brauchte nicht zu petzen, er hatte das nicht nötig!

* * *

Elde lag wieder in der Hängematte, denn das Spielzeug vermochte ihn nicht abzulenken, zu sehr schwirrten ihm die Gedanken durch den Schädel. Plötzlich klopfte es an der Tür. Er öffnete. K-3, der kleine Haushaltsroboter der Familie, rollte herein. Der junge Destaner lächelte.

Wenigstens hält K-3 zu mir.

»Wurde dir Schmerz zugefügt?«, fragte K-3 besorgt.

»Sie hat mich wieder geschlagen. Manchmal – da will ich ihr wirklich wehtun.«

»Du musst jemanden darüber informieren. Sie darf dich nicht schlagen, es widerspricht allen moralischen Parametern.«

»Ich brauche keine Hilfe. Sie soll nicht denken, dass sie stärker ist!«

K-3s humanoid wirkende Sehsensoren wirkten traurig. »Aber ihre Muskeln sind stärker ausgebildet. Sie wird dir immer wieder Schmerzen zufügen.«

Elde blickte zur Seite. K-3 rollte näher zu ihm heran und streichelte ihn mit einem gepolsterten Greifarm über den Rücken, sanft.

»Bitte informiere jemanden«, bat K-3 traurig.

Elde rührte die Sorge des kleinen Roboters und es fühlte sich so gut an, getröstet zu werden, dass er fast seinen Stolz vergaß.

K-3 ist meine wahre Mutter. Sie nennen ihn nur Roboter, aber er ist trotzdem meine Mutter.

»Komm, ich spiel die Piraten, und du die Helden!«, schlug Elde auf einmal vor. Er sprang auf und holte eilig die Raumschiffe.

K-3s »Mund« verzog sich zu der Imitation eines humanoiden Lächelns. Obwohl der Roboter eigentlich nur wenig mit Spielen anfangen konnte, ließ er sich hin und wieder dennoch dazu überreden. Elde und er vertrugen sich so gut, wie es normalerweise nur Geschwister taten. Und dennoch durfte er niemandem von Eldes Misshandlungen erzählen. Seine Herrin hatte es ihm verboten, und seine Basisprogrammierung machte es unmöglich, dass er ihren Wunsch ignorierte.

Elde ließ eines seiner Raumschiffe herandüsen, und K-3 musste sich beeilen, die seinen zu verteidigen.

* * *

Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen schlich sich Elde in das Schlafzimmer, wo seine Mutter oft allzu unachtsam ihr Geld liegenließ.

Die wird sich wundern, wenn es plötzlich weg ist.

Er achtete peinlich genau darauf, leise zu sein. Falls seine Mutter schlechte Laune hatte, wäre es keine gute Idee, sich in ihrem Zimmer erwischen zu lassen. Ihre Stimmung konnte sich innerhalb von Minuten verändern, was sie unberechenbar machte. Mittlerweile musste sie sich so viele Dopamin-Dosen spritzen, um halbwegs durch den Alltag zu kommen, dass sie die Bestände in verschiedenen Geschäften auffüllte, um unangenehmen Fragen aus dem Weg gehen.

Ich werde mir niemals einen Dosis-Zugang legen lassen! Niemals!

Er entdeckte ihre Tasche und grinste. Es gab wenig, was ihm den Tag so sehr versüßte, wie seiner Mutter Schaden zuzufügen.

Ich wünschte, sie wäre tot. Hoffentlich erwischt sie einmal zu viel und fällt tot um.

Sein Grinsen wurde sogar noch breiter. Vorsichtig kramte er in der Tasche herum.

Darin befand sich aller möglicher Kleinkram, von der Schminke, die sie benötigte, um ihren kranken Zustand zu verbergen, bis zu ihrem Portmonee. Elde grapschte sich die Geldbörse und öffnete sie. Sie enthielt Ültostäbchen verschiedener Kapazität, und sie waren alle geladen. Dann versteckte er die Geldbörse unauffällig in einer seiner Taschen und machte, dass er wegkam. Ebenso unauffällig wie zuvor schlich er sich aus dem Zimmer. Sie hatte nichts bemerkt.

* * *

Er suchte seine Mutter und nach kurzem Stöbern fand er sie. Die blaue Destanerin lag im Entspannungsraum, hingestreckt auf einem gemütlichen Sofa. Da sie ihre Augen geschlossen hielt, bemerkte sie ihn nicht. Kurz noch verharrte sein sengender Blick auf ihrer Gestalt, dann schloss er die Tür zum Entspannungsraum wieder.

Er begab sich in das riesige Wohnzimmer und begab sich zu dem dekadenten Hauskamin, der sich in der Mitte des Raumes befand. Sein Vater war reich, und doch besaß seine Mutter nur wenig Eigentum, weil sie alles für ihre Drogen ausgab. Elde hatte den Kamin noch nie entfacht, aber schon oft beobachtet, wie andere es taten. Flammen übten seit jeher eine besondere Faszination auf ihn aus. Vorsichtig imitierte er die Handgriffe, die er sich eingeprägt hatte. Er musste dennoch erst ein bisschen herum pfuschen, ehe eine Flamme aufloderte. Kurz starrte er wie hypnotisiert in das Feuer, dann griff er nach der Geldbörse und holte die Ültostäbchen heraus. Er schmiss eines nach dem anderen hinein, wobei er sich reichlich Zeit ließ.

Er beobachtete, wie die Stäbchen in den Flammen schmolzen. Manchmal verursachten sie ein leises, knackendes Geräusch, wenn die Hitze zu groß wurde.

Während Elde dabei zusah, wie die Flammen das Geld umspielten, fühlte er einen Frieden in seinem Herzen, wie er ihn noch nie verspürt hatte. Es kam ihm so vor, als täte er das einzig Richtige.

Versunken wartete er darauf, dass auch das letzte Ültostäbchen zur Asche zerfiel.

Nicht eher löschte er das Feuer, bis das Geld vollständig vernichtet war. Schließlich konnte er in der Asche beim besten Willen nichts mehr erkennen und löschte das Feuer.

Der Zauber war auf einmal verflogen und ihm fiel ein, dass er dafür bestraft werden würde. Einen Moment schauderte ihm, doch schon bald erlangte er die Kontrolle über seine Gefühle zurück. Er biss die Zähne zusammen und machte ein düsteres Gesicht.

Irgendwann werde ich alt genug sein, um mich zu wehren. Und dann wird es ihr schlecht ergehen.

Er stand auf, mit stolzer Körperhaltung, den Kopf hochmütig erhoben und ging langsam in sein Zimmer zurück.

* * *

Es war spät, Elde lag noch in seiner Hängematte und las ein bisschen. Zwar fühlte er sich schon müde, wollte sich aber dennoch nicht von seiner Lektüre losreißen. Auf einmal öffnete sich die Tür.

Elde setzte sich sofort auf, als seine Mutter das Zimmer betrat. Doch als er das traurige Lächeln auf ihren Lippen sah, wusste er, dass sie sich zuvor einige Glücksdosen zugeführt hatte. Sie hockte sich ungefragt auf die Bettkante. »Elde, es tut mir so leid«, sagte sie mit ehrlichem Bedauern in der Stimme. »Ich weiß gar nicht, was über mich gekommen ist. Ich…«

Er presste die Lippen zusammen und rückte von ihr ab.

Tränen glitzerten in ihren Augen. »Ich habe ein Problem. Ich schaffe es einfach nicht, damit aufzuhören! Und dann passieren diese Dinge. Kannst du mir noch einmal verzeihen?«

»Ich hasse dich. Ich möchte, dass du stirbst!«

Tränen kullerten ihre Wangen hinunter. Sie schluchzte bitterlich, mit echtem Schmerz, aber schließlich beruhigte sie sich wieder. »Morgen, morgen werde ich Hilfe suchen, ich verspreche es.«

»Lass mich in Ruhe!«

»Elde … ich. Komm, lass dich trösten.« Sie beugte sich nun zu ihm hin, wollte ihn umarmen.

Elde sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, aber alle Wege waren versperrt, und schon berührte sie ihn. Es war ihm, als würden ihn schleimige Tentakel umschlingen, er versuchte sich mit aller Kraft aus ihrem Griff zu entwinden. Doch sie hielt ihn in einem zu festen Griff, als wolle sie ihn nie wieder loslassen. Plötzlich überkam ihn ein unwiderstehlicher Drang. Er wollte ihr wehtun, sie zerstören, ihr Fleisch zerfetzen, bis auf den Knochen. In purer, tierischer Aggression biss er zu, wie automatisch krampfte sich sein Kiefer um ihren Arm zusammen, so hart, dass seine Muskeln schmerzten. Die Zähne gruben sich tief ins Fleisch hinein.

Sie entriss ihm ihren Arm reflexartig, schrie auf. Hastig entfernte sie sich von Elde. Den verletzten Arm haltend, stand sie still da, ihren Sohn anstarrend. Dann floh sie regelrecht aus dem Zimmer.

Elde sah ihr nach, und dann verzogen sich seine Lippen zu einem Grinsen. Er hatte das Gefühl, ihr wehgetan zu haben, nicht nur ihrem Körper, sondern auch ihrer Seele.

Vielleicht würde sie jetzt endlich kapieren, dass es keine gute Idee war, sich mit ihm anzulegen.

* * *

Tebron Teleron, Eldes Vater, war ausnahmsweise zuhause und stand seinem Sohn gegenüber. »Ich verstehe das nicht.«

»Dann versteh’s halt nicht«, erwiderte Elde distanziert und sortierte seine Hosen in den Koffer ein.

»Geht es dir denn nicht gut bei uns? So früh schon ausziehen … das verstehe ich einfach nicht.«

Elde sah ihm jetzt direkt ins Gesicht. Er wusste, seine Augen waren bohrend, stählern, und es fiel seinen Gesprächspartnern schwer, ihrem Blick standzuhalten. »Ich ziehe aus!«, proklamierte er.

»Aber was wirst du arbeiten? Wie willst du … nun ja, ich bin natürlich schon bereit, dir dein Leben zu finanzieren. Elde, wir sind deine Eltern, du bist uns wichtig.«

Der jüngere Destaner zuckte die Achseln. Er wusste, dass sein Vater es ehrlich meinte und seine ständige Abwesenheit bedauerte, aber es war zu spät. Tebron Teleron hatte die Karriere stets seiner Familie bevorzugt und nun würde er dafür die Rechnung ausgestellt bekommen. Elde ballte unauffällig eine Faust, dann kümmerte er sich weiter um die Koffer.

Bald hatte er sie fertig gepackt und rauschte damit achtlos an seinen Eltern vorbei. Aus den Augenwinkeln merkte er, dass seine Mutter lautlos weinte. Er schluckte den Satz hinunter, der ihm in den Sinn ging und trat hinaus aus der Wohnung.

»Bitte Elde, es tut mir leid, es tut mir alles leid!«, rief seine Mutter ihm zu.

Mit einer gemessen ruhigen Bewegung drehte er sich zu ihr um. Erneut setzte er seinen Blick gegen sie ein und starrte sie an, wie er vielleicht ein ekelhaftes Insekt am Boden betrachtet hätte.

Es verschlug ihr die Sprache.

»Mutter, Vater, wagt es nie wieder, mich zu kontaktieren.«

»Wie bitte?«, fragte sein Vater ungläubig. »Bist du nun vollkommen übergeschnappt? Was ist nur los mit dir?«

Elde ignorierte die Fragen, wandte sich ab und verschwand endgültig. Außerhalb des Gebäudes wartete bereits der bestellte Schweber auf ihn, um ihn abzuholen. Er verstaute eilig die Koffer, dann kletterte er in den Passagierraum.

»Wohin soll ich Sie fliegen, mein Herr?«, fragte der Ravidaner, der das Gefährt steuerte.

»Novastraße 31, bitte.«

»Gut.«

Als der Schweber losflog, und Elde sich stetig von der Wohnung seiner Eltern entfernte, überkam ihn ein Gefühl, wie er es in dieser Intensität noch nie verspürt hatte. Er war das erste Mal in seinem Leben wahrhaft frei. Die Vergangenheit war jetzt vorbei, abgeschlossen, Geschichte. Er würde ein neues Leben anfangen, ein besseres Leben.

Zwar musste er sicher hart arbeiten, um zu erreichen, was er wollte, aber das bekümmerte ihn nicht. Alles schien besser zu sein als die Existenz, die er früher führen musste. Ein seliges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er sah zur Stadt hinaus und saugte die vielen Eindrücke, das fröhliche Getümmel, genießerisch in sich auf.

Nach einiger Zeit hielt der Schweber. Elde bezahlte, dann betrat er das Hochhaus.

Sogleich nahm er einen Lift in das Stockwerk, in dem sich seine Wohnung befand. Der Lift stoppte allerdings schon vorher.

Eine Oka betrat die Liftkabine. Wie alle Mitglieder ihrer Spezies sah sie umwerfend, wenn auch etwas albern aus. Dralle Brüste, Wespentaille und ein herrlich runder Arsch sprangen Elde ins Auge, und auch ihr Gesicht war nicht zu verachten. »Oh, frisch eingezogen, was?«, fragte sie mit Blick auf sein Gepäck.

»Ja.« Er sah ihr ins Gesicht, doch sein Blick glitt beinahe automatisch wieder zu ihrem Busen. Sie schien es nicht zu bemerken, was wohl davon herrührte, dass sie es gewohnt war, wenn die Männer sie so anstarrten. Das war schlichtweg das Los der Oka.

»Du siehst fast zu jung aus, um eine eigene Wohnung zu beziehen.«

»Ich hab’s zuhause nicht mehr ausgehalten.«

»Ja? Wieso denn das?«

»Na ja, du weißt doch, wie Eltern so sind. Machen immer Vorschriften.«

»Du bist Destaner, stimmt’s? Ich habe einmal flüchtig von euch gehört. Wir Oka sind eure Vorfahren.«

»Ja. Wir sind eine Mischung aus Oka-Genen, Synth-Genen und Reptilien-Genen von der Erde. Ein paar Oka, die mit den, ähm, Eigenheiten ihrer Spezies unzufrieden waren, haben uns geschaffen. Wir sind genetisch schon so weit von den Menschen entfernt, dass wir als Hybride eingestuft wurden.«

Dann hielt der Aufzug.

»Na, vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder, tschau.«

Der Lift schloss sich wieder und fuhr weiter nach oben. Elde dachte über die Begegnung mit der Oka nach. Wenn er wieder normal werden wollte, musste er sich wohl auch ein paar Freunde suchen. Vielleicht wäre es ihm dann möglich, einfach zu vergessen und sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Er entsann sich eine Zukunft mit ein paar Kumpels, vielleicht einer Freundin und einem mittelmäßigen Job. Es erschien ihm zauberhaft und wunderbar. Wie seltsam, dass so viele die Normalität als langweilig empfanden und ständig nach Aufregung strebten. Dabei war die Existenz als einfacher Bürger so ziemlich das beste, was einem passieren konnte.

Kurz dachte er an K-3. Diesen würde er nun lange nicht mehr sehen können, und das hatte ihn fast davon abgehalten, seine Familie zu verlassen. Aber K-3 hatte darauf bestanden, dass er sein Glück woanders versuchen sollte.

Elde öffnete die Tür zu seiner kleinen Wohnung, verstaute sein Gepäck in den Schränken und hockte sich entspannt auf sein Bett. Die Bude war wirklich winzig, aber das machte ihm nichts aus. Es gefiel ihm hier, und das war das Wichtigste.

* * *

Eldes tragbarer Computer piepte. Er nahm ihn aus seiner Tasche heraus und entrollte den zugehörigen Polymerbildschirm. »Annehmen, holografische Darstellung.« Das Abbild seines Vaters entstand raumfüllend in der Luft.

»Hallo«, grüßte Elde unterkühlt. »Worum geht es?«

»Hallo Elde. Hör zu, ich weiß, dass du nicht möchtest, dass wir dich kontaktieren. Aber K-3 leidet an der Programmdegeneration, und ich war der Meinung, das interessiert dich vielleicht.«

»Ich komme noch heute vorbei!«

Sein Vater lächelte.

»Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte?«

»Ich werde auch da sein. Wenn du willst, kannst du ja zum Essen bleiben.«

»Vielleicht … Na gut, wir sehen uns später.« Elde brach den Kontakt wieder ab. Wenn ein Roboter oder Mechanoide erst einmal von Programmdegeneration betroffen war, hatte er normalerweise nicht mehr lange zu leben. Selbst wenn man es schaffte, Teile des Datenmülls zu entfernen, blieben meistens dennoch zu viele schädliche Programme übrig, die zu einer erneuten Häufung nutzloser Daten führten und damit zum Tod.

Der Destaner stand entschlossen auf. Es galt keine Zeit zu verlieren, daher nahm er sofort ein Schwebertaxi zu seinem früheren Zuhause, obwohl die Chance groß war, dass sich seine Mutter auch dort befand. Sie würde ihn sicher anbetteln und sich tausendfach für ihre Missetaten entschuldigen, als ob sich die Vergangenheit wieder rückgängig machen ließe. Und genau aus diesem Grund hasste er es, nach Hause zurückzukehren.

Bald hielt das Taxi, und Elde betrat das Hochhaus, in dem seine Eltern wohnten. Es sah hier alles so wohlhabend und modern aus im Vergleich zu seiner eigenen Behausung.

Er fuhr im Lift, der sogar mit Sitzplätzen ausgestattet war, nach oben und läutete schließlich an der Tür seiner Eltern.

Seine Mutter öffnete, und Elde fiel augenblicklich auf, wie alt sie in den paar Jahren geworden war. Offenbar ließ sich jahrelanger Dosismissbrauch selbst durch eine Schönheitsoperation oder das Auftragen von mehreren Schichten Schminke nicht verbergen. Als sie ihn erblickte, erstrahlte sie regelrecht. »Elde!« Sie versuchte ihn zu umarmen.

Er wich sofort zurück. Schon der bloße Gedanke daran, von ihr berührt zu werden, ließ ihn beinahe erbrechen. Nur mit Mühe hielt er seine Gesichtszüge unter Kontrolle.

»Ja, Mutter. Wo ist K-3?«

Ihre Mundwinkel hingen hinunter. »Du bist mir immer noch so böse, oder? Ich … es steht mir nicht an, irgendetwas von dir zu verlangen. Aber ich habe mich gebessert. Ich habe mich jetzt … unter Kontrolle. Ich möchte nur, dass du das weißt.«

»Wer’s glaubt. Genau dasselbe hast du früher auch immer gesagt.« Dummerweise stand sie mitten in der Türschwelle. Wenn er ins Innere wollte, musste er irgendwie an ihr vorbei, und schon der bloße Gedanke an eine Berührung war ihm unerträglich. Unter Aufbringung seiner ganzen Willenskraft zwängte er sich hindurch, ohne ein einziges Mal anzustoßen. Sie machte allerdings auch bereitwillig Platz, was die Sache erleichterte.

Sein Vater kam ihm nun ebenfalls entgegen. »Hallo Elde. K-3 befindet sich im Wohnzimmer. Ich weiß aber leider nicht, ob du viel mit ihm anfangen kannst.«

Elde nickte nur als Antwort und eilte dann ins Wohnzimmer. Das humanoide Metallgesicht K-3s wandte sich ihm zu, sobald er den Raum betrat.

»Elde?«, fragte der Roboter, als ob er seinen eigenen Wahrnehmungen nicht vertrauen könnte.

»Ja, K-3, ich bin hier. Wie geht es dir?«

»Die Daten widersprechen sich. Wo warst du, Elde?«

»Ich bin ausgezogen, das weißt du doch. Mir geht es jetzt besser, K-3.«

»Ich habe Angst, Elde.«

Elde schwieg. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte, wie er K-3 helfen konnte.

»Ich weiß nicht, was nach dem Ende meines Lebens passieren wird.«

»Das weiß niemand.«

»Woran glaubst du?«

Elde zögerte. »Ich glaube, dass es dann einfach vorbei ist, man verpufft und nichts mehr übrig bleibt. Angst braucht man davor wahrscheinlich nicht zu haben, und es tut wohl auch nicht weh. Man ist einfach … weg und kriegt sowieso nichts mehr mit.«

»Ist deine kognitive Funktionalität intakt?«

Elde sah sich zuerst um. Er wollte nicht, dass ein Mitglied seiner Familie lauschte. Wie es ihm ging, wie es ihm wirklich ging, ging sie nichts an. »Ich tue mich schwer. Ich versuche ja, Freunde zu finden, aber mir kommt es ständig so vor, als würde mich ein ganzes Universum von ihnen trennen. Ich gehe sogar zum Psychiater, wegen der Dinge, die mir meine Mutter angetan hat. Aber er kann mir auch nicht sonderlich gut helfen. Er versucht zwar sein Bestes, aber meine Persönlichkeit ist einfach zu verkackt.« Er atmete durch. »Wenigstens habe ich einen Job. Ich verdiene zwar nicht gut, aber mein Boss ist ziemlich begeistert von meinem Einsatz. Vielleicht befördert er mich ja mal.«

»Bitte versuch weiter, dein Leben in Ordnung zu bringen. Gib nicht auf.«

Elde starrte seinen Gegenüber lange an. »Ich verspreche es dir, K-3. Ich werde mich nicht aufgeben.«

Plötzlich gingen die Lichter bei dem Roboter aus. Panisch untersuchte Elde ihn. K-3 war in einen energiesparenden Modus übergegangen, das Äquivalent zu einer humanoiden Ohnmacht. Es würde vermutlich eine ganze Weile dauern, bis K-3 wieder erwachte, und mit Fortschreiten der Krankheit würden die Zeiten, die er in diesem Modus verbrachte, immer länger und länger werden, bis er irgendwann gar nicht mehr zu sich kam. Elde strich dem Roboter behutsam über seinen metallenen Torso, dann ging er zu seinem Vater, um in Erfahrung zu bringen, wie es um K-3 stand.

Elde beobachtete den Kochroboter bei seiner Arbeit. Er wusste nicht, was er im Moment sonst mit sich anfangen sollte, also sah er eben der Maschine bei ihrer Tätigkeit zu. Im Gedanken war er jedoch bei K-3. Für Roboter wie ihn gab es kaum Programmierer, die ihn wieder herstellen konnten. Die meisten waren in einem Fall wie diesem eher der Meinung, dass der Speicher ganz gelöscht und wieder neu aufgesetzt werden sollte. Aber wenn das geschah, würde es sich dann nicht mehr um K-3 handeln. Eldes bester Freund verlöre in einer solchen Prozedur sein ganzes Selbst, seine Persönlichkeit.

Auf einmal spürte Elde eine Hand auf seiner Schulter und wandte sich blitzschnell um.

Seine Mutter stand vor ihm, sie berührte ihn immer noch am Arm. Dem Destaner wurde ganz weiß vor den Augen. Seine Abscheu war wie ein gewaltiger Drache, der laut brüllte und seine Schwingen ausbreitete.

»Elde, ich …« Sie fasste ihn am Arm.

Elde fühlte sich ohnmächtig, doch als sie ihn so gepackt hielt, glitt sein Blick zu einem der Küchengeräte. Er konnte sie jetzt für alles zur Rechenschaft ziehen, sie für jede einzelne ihrer Berührungen, ihrer Schläge, ihrer Lügen bezahlen lassen. Seine Gedanken wurden kalt und klar, wie eine Sommernacht bei Neumond. Wie automatisch griff er nach einem der Messer, die der Roboter benutzte. Er drehte sich ihr zu, visierte ihre Mitte an und stach mit aller Kraft zu. Das Messer drang tief in ihren Brustkorb ein, bis zum Schaft.

Noch ehe er sich bewusst war, was er getan hatte, ließ er es los.

Sie ging röchelnd und blutend zu Boden. Mit ihrem Leben ringend lag sie am Boden, aber Elde war es, als ginge ihn das gar nichts an. »Jetzt ist es endlich vorbei.«

Ihre Lider fielen zu, die Bewegungen stoppten. Ihr Körper lag verrenkt und schlaff auf dem Fußboden. Das Carbonmesser steckte ihr noch immer im Leib und glänzte schwarz.

Allmählich vergrößerte sich die Blutlache, flutete den halben Fußboden. Ihre Atemzüge wurden leiser, stockender, ihr Körper erinnerte an eine Maschine, die langsam den Geist aufgab. Schließlich erloschen ihre Atemzüge endgültig.

Elde fuhr sich unsicher mit der Zunge über die Lippen. Er verspürte keine Angst, sondern stattdessen eine merkwürdige Erstarrung. Obwohl er soeben ein intelligentes Lebewesen getötet hatte und für diese Tat zweifellos viele Jahre im Gefängnis verbringen musste, erschien ihm das nicht weiter wichtig. Hauptsache, sie war tot.

Ruhig verließ er das Zimmer. Er musste seinem Vater über die Tat, die hier vorgefallen war, Bescheid sagen. Während ihn seine Schritte aus dem Zimmer trugen, hatte er das irritierende Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Eine unsichtbare Wand, die sowohl Licht als auch Schall durchließ, trennte den Delinquenten von seinem Vater.

Tebron Teleron sprach als erstes. »Ich kenne das Gutachten des Psychiaters, und ich kann kaum glauben, dass sie all diese Dinge getan haben soll. Aber manches davon passt.« Tränen glitzerten in seinen Augenwinkeln.

Elde starrte seinen Gegenüber nur stumm an.

»Wieso hast du mir nie davon erzählt, dass sie dich quält? Warum hast du nie deinen Mund aufgemacht?«

»Ich war dumm.« Der Gefangene blickte nach unten, auf den Boden. »Ich wollte die ganze Zeit tapfer sein, und dabei war mir nicht bewusst, dass ich mich selbst zerstöre.

Wenn ich doch nur einmal meinen Stolz überwunden hätte … aber ich war ein dämliches Kind.«

»Ich war auch dumm. Ich habe die ganze Zeit nichts, gar nichts gemerkt.« Die Stimme seines Vaters brach. »Und nun ist sie tot und du sitzt im Gefängnis! Ich … ich hätte einfach da sein müssen!«

Elde hob nun wieder stolz seinen Kopf und sah seinem Vater in die Augen. »Du hast deine Karriere über uns gestellt. Wenn du nur ein wenig öfter dagewesen wärst…«

Sein Vater lächelte freudlos. »Dann sind wir wohl beide zwei Dummköpfe, nicht wahr? Elde, willst du mir noch eine Chance geben?«

Elde kam es plötzlich so vor, als säße ihm ein Fremder gegenüber, als würde ihn nicht nur eine Wand von seinem Vater trennen. Und das Gefühl unterschied sich in nichts von jenem, das er immer in der Nähe seiner potentiellen Freunde verspürt hatte. Er schüttelte mit Nachdruck den Kopf. »Alles was ich bin, alles was ich war, ist tot.«

Sein Vater musterte ihn eindringlich, er schien irgendetwas in Eldes Gesicht zu suchen.

»Ich weiß, du sitzt im Gefängnis. Aber ich werde dich immer wieder besuchen kommen.«

»Das meine ich nicht! Ich kann das nicht tun, ein stinknormales Leben leben. Dafür bin ich einfach zu … entfernt. Ich brauche irgendein Ziel, irgendetwas, das mich vorwärts treibt, einen Traum.«

-ENDE-

(Diese Kurzgeschichte ist die Vorgeschichte zu „Vagabunden des Alls“ (Mai 2012), Science Fiction-Roman von Angela Fleischer, siehe weiter unten!)

Copyright der Kurzgeschichte und der beiden Buntstiftbilder (Elde.jpg und Elde mit Messer.jpg) © 2012 by Angela Fleischer

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Coverillustration “Roboter-Cover” (robotwalk.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Geheimnisse Fremder Welten” (GeheimnisseFremderWelten2.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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von Angela Fleischer (Autor)

Broschiert: 200 Seiten
Verlag: fallen star; Auflage: 1 (Mai 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3942322048
ISBN-13: 978-3942322041
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3010 nach Christus herrscht Krieg in der Milchstraße.  Jene, die früher Bürger zweiter Klasse waren, haben sich erhoben, um Ungerechtigkeit mit Grausamkeit, Arroganz mit Hass und Korruption mit Fanatismus zu vergelten. Doch inmitten einer fremden und zugleich vertrauten Galaxis existieren auch Lebewesen, die abseits der Schlachten und Gemetzel ihren Träumen folgen – vier Abenteurer, die sich aufmachen, um nach einem geheimnisvollen Raumschiffswrack zu suchen. Aber weh sei denen, die da denken, dass sie dem Krieg entfliehen können. Denn vom Krieg gibt es kein Entkommen. Es gibt niemals ein Entkommen.

Angela Fleischer wurde am 05.08.1986 in Wien als Tochter einer Französin und eines Österreichers geboren. Dort besuchte sie Volksschule und Gymnasium, um sich anschließend dem Studium der Chemie an der Uni Wien zu widmen. Sie hat drei Geschwister und eine Katze mit übernatürlich lauter Stimme. Ihre Lieblingsbeschäftigungen sind das Kochen, das Lesen und das Schreiben. Außerdem nimmt sie häufig an Turnieren des Sammelkartenspiels Magic, the Gathering, teil. Nicht so gerne befasst sie sich mit dem Aufräumen ihrer Wohnung, sodass diese zyklisch in einen Zustand gerät, der nur als apokalyptisches Chaos beschrieben werden kann …

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