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MIT DEM TOD AUF DU UND DU (Teil 1) – Shortstory von Margret Schwekendiek

Killerin

MIT DEM TOD AUF DU UND DU

(Teil 1)

Shortstory

von

Margret Schwekendiek

Assassinen

.

Lilaque war nicht ihr richtiger Name, und es durfte auch niemand wissen, dass sie eigentlich eine Frau war. Lilaque lebte ein fremdes Leben, aber das tat sie gut. Als Mitglied der Assassinen-Gilde „Ira Dies“ –„Zorn Gottes“ hatte sie die Kunst zu töten perfektioniert. Niemand durfte jedoch erfahren, dass sie den Platz ihres Bruders eingenommen hatte, der bei einem verpatzten Auftrag ums Leben gekommen war. Lilaque hatte den Auftrag zu Ende geführt und war wie selbstverständlich an den Platz gerückt, den Armando eingenommen hatte. Der Zufall war ihr bei dieser Auswechslung zu Hilfe gekommen. Der einzige Mensch in der Gilde, der Armando persönlich gekannt hatte, war der damalige Gilden-Abt Louis de Bougainvillea gewesen, den jedoch die Pest dahingerafft hatte.

Lilaque – diesen Namen hatte Armando selbst gewählt – hatte sich zurückgemeldet, und niemandem war eine Veränderung aufgefallen. Seitdem lebte die Frau eine Lüge, verfügte über relativ viel Geld, besaß immer einen sicheren Unterschlupf und akzeptierte die Gefahr, entdeckt zu werden. Sie hatte allgemein verbreitet, dass sie einer besonders strengen Sekte angehörte, es sei ihr verboten mit Frauen zu verkehren, Teile ihres Körpers zu entblößen oder die körperliche Reinigung in Gegenwart anderer zu vernichten. So hoffte sie, einer Entdeckung zu entgehen. Sie trug grundsätzlich weite Kleidung, die ihre Gestalt verbarg, auf dem Kopf verdeckte ein Turban ihr dichtes schwarzes Haar.

Die Assassinen-Gilde war von den Kreuzrittern gegründet worden, ganz im geheimen natürlich, und eines der Ziele sollte es sein, Sultan Saladin zu töten. Aber nicht einmal die Sarazenen, die zur Gilde gehörten, waren so vermessen, einen Versuch in dieser Richtung zu wagen. Die Meuchelmörder konnten im Prinzip von jedermann angeheuert werden, der über das finanzielle Polster verfügte und mit seinem Auftrag nicht gegen die selbst gesteckten Beschränkungen verstieß. So galten Kinder und schwangere Frauen als Tabu, jeder Assassine würde sogar sein eigenes Leben einsetzen, um sie zu beschützen. Davon abgesehen gab es jedoch kaum einen Hinderungsgrund für einen Mord, und die Gilde garantierte die Ausführung des Todes ganz nach Wunsch; ob öffentlich oder geheim, langwierig und schmerzhaft oder schnell und unbemerkt – auch dann, wenn es das Leben des Mörders selbst kosten sollte.

Lilaque befand sich gerade auf dem Weg ins Gildenhaus, sie sollte einen neuen Auftrag bekommen. Ein wenig fröstelnd zog sie ihren Umhang enger um die Schultern. Es war Winter geworden, die Temperaturen hatten sich abgekühlt, und die Ungläubigen rüsteten sich für das Weihnachtsfest. Der seltsame Glaube der Franken hatte absurde Ausmaße angenommen. Wie konnte man ein Kind anbeten, dessen Eltern nicht einmal genug Geld besaßen, um in einer Herberge Unterschlupf zu finden? Überhaupt, lehrte der Prophet nicht ausdrücklich, dass nur Gott selbst angebetet werden durfte? Welch ein Unsinn zu behaupten, der Allmächtige hätte sich herabgelassen, als Mensch unter Menschen zu leben, um dann als Aufrührer einen schmählichen Tod am Kreuz zu sterben? Welch eine Vermessenheit, dass ausgerechnet die Franken glaubten, sie hätten mit diesem Märchen ein Anrecht auf die Herrschaft über die Welt!

Lilaque verachtete die Franken fast noch mehr als die Männer ihres eigenen Volkes. Warum wurden Frauen entweder unterdrückt oder derart verehrt, dass sie unwirklich erschienen? Die Realität führte beide Ansichten ad absurdum. Frauen arbeiteten hart, um den Lebensunterhalt zu sichern, sie gebaren Kinder, zogen sie auf und sahen sie oft genug sterben, bevor das sechste Lebensjahr erreicht war. Sie schickten ihre Männer und Söhne in den Krieg oder in die Minen, und sie beweinten ihren Tod – aber sie gaben niemals auf. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Würde jemand die wirkliche Identität von Lilaque entdecken, wäre ihr ein grausamer Tod gewiss – ebenfalls auf der einen wie auf der anderen Seite.

Still und unauffällig betrat sie das Selamlik, in dem Roger von Tours und Hadschi Mahmut al Daud gemeinsam residierten. Rund ein Dutzend Assassinen befanden sich im Raum, jeder vollständig bewaffnet und eingehüllt in wärmende Kleidung. Bis auf die Augen waren die Gesichter verborgen, niemand kannte die Identität des anderen.

Lilaque wunderte sich ein wenig; welch ein Auftrag mochte es sein, der eine so große Anzahl Mörder notwendig machen konnte? Absolute Stille trat ein, als Hadschi Mahmut aufstand. Seine dunklen Augen glühten fanatisch. Er hatte die Elite der Assassinen vor sich, doch es war fraglich, wie viele von ihnen von diesem Auftrag zurückkehren würden. Einige der hier Anwesenden kannte er tatsächlich persönlich, von den meisten war ihm jedoch nur bekannt, welche Arbeit sie bisher geleistet hatten und unter welchem Namen sie in den Schriftrollen verzeichnet waren. Kaum jemand gab seinen wirklichen Namen bekannt, berühmt wurde nur der Nome de guerres, der Kriegsname, mit dem in der Regel der Tod vieler Menschen verbunden war.

An den blassen Augen konnte er Murad ed Din erkennen, der als Markenzeichen für einen erledigten Auftrag stets den kleinen Finger der linken Hand abschnitt. Der Blick des Hadschis fiel auf Lilaque, der für ihn ein einziges Rätsel war. Der Mörder war ein Naturtalent im Kampf, beherrschte das lautlose Töten ebenso gut wie die unbemerkte Annäherung, pflegte aber keinen Kontakt zu anderen und nahm nur ganz bestimmte Aufträge an. Dabei wäre es möglich, dass ausgerechnet Lilaque zu einer Legende in der Gilde werden konnte. Die absolute Zuverlässigkeit, dazu die Kunst des Tötens auf so viele verschiedene Arten und die Fähigkeit, sich in jeder Gesellschaft unauffällig zu bewegen, waren die besten Voraussetzungen dafür. Aber Lilaque umgab ein Geheimnis, und der Hadschi hätte viel darum gegeben, dieses Geheimnis zu ergründen. Nun, es war gut möglich, dass dieses Geheimnis mit ins Grab genommen wurde, falls Lilaque den Auftrag annehmen sollte.

Der Hadschi blieb stehen, sein Blick schweifte über die Anwesenden, dann begann er mit der Erklärung des Auftrags.

„Die Franken werden nächste Woche ihr Weihnachtsfest feiern, und zu diesem Fest wird der oberste Führer der Kreuzritter in Jerusalem anwesend sein. König Balduin VI, den wir wegen seiner Lepra-Erkrankung nur den Widerlichen nennen, wird an der feierlichen Zeremonie teilnehmen. Man hat der Gilde den Auftrag gegeben, den König zu töten. Jedem von euch wird klar sein, dass dieser Auftrag nur schwer auszuführen ist, wenn nicht gar unmöglich. Ich frage trotzdem, ob einige unter euch bereit sind, diesen Tod in die Hände zu nehmen.“

Stille trat ein, während jeder für sich selbst überlegte, ob er diesen schier aussichtslosen Auftrag annehmen wollte. Einer der Männer meldete sich zu Wort.

„Jeder von uns wird in seinem letzten Willen festlegen, wer das Honorar für diesen Auftrag erhalten soll“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Einige von uns haben feste Bindungen und daher mehr zu verlieren als die anderen. Sie sollten sich gut überlegen, ob sie ihr Leben tatsächlich für einen aussichtslosen Kampf einsetzen wollen. Ich gehe davon aus, dass wir selbst bei einem Erfolg keinen Weg zur Rückkehr finden werden. Wer sich freiwillig meldet, ist dem Tode geweiht.“

„Du hast alles zusammengefasst, was es zu wissen gibt“, erklärte der Hadschi zufrieden. „Es dürfte Probleme bereiten, mehr als sechs oder sieben Leute unterzubringen, man sieht uns auf den ersten Blick an, dass wir keine Franken sind. Die religiösen Veranstaltungen der Christen werden von den meisten Rittern wahrgenommen, zu dieser Feier sind sogar die Frauen eingeladen. Ich rate jedem von euch, die Rituale zu lernen, mit denen man Zugang zu den religiösen Feierlichkeiten bekommt, anders wird es kaum möglich sein, die Kirche überhaupt zu betreten. Wie viele von euch sind nun bereit?“

Drei Hände schossen sofort in die Höhe, etwas zögernd folgten zwei weitere, dann hob auch Lilaque die Hand. Sie bemerkte, dass der Blick des Hadschis etwas wehmütig auf ihr ruhte. Sie wusste, dass sie zu den Besten gehörte, sie rechnete sich insgeheim tatsächlich eine Chance aus, das bevorstehende Massaker zur überstehen. Ihr hochintelligentes Gehirn hatte bereits einen Plan geschmiedet, doch der war unter Umständen noch gefährlicher als das, was die übrigen Gildenmitglieder vorhatten. Nun erhob sich auch Roger von Tours, der bisher schweigend zugehört hatte. Obwohl von Geburt her Franzose und einer ersten Kreuzritter in diesem Land, war seine Loyalität der Gilde gegenüber über jeden Zweifel erhaben.

„Ich danke euch, Brüder, dass wir auch in diesem Fall genügend Freiwillige zur Verfügung stellen können“, sagte er mit weicher Stimme und fremdländischem Akzent. „Ich bin gern bereit, jedem von euch all das beizubringen, was euch hilft, als vermeintliche Christen in die Kirche zu gelangen. Danach seid ihr allerdings auf euch allein gestellt. Möge Gott euren Seelen gnädig sein.“

Die Versammlung löste sich in aller Ruhe auf, die sechs Auserwählten machten Anstalten, ihre letzten Tage auf Erden zu genießen und alles zu ordnen, was sie hinterlassen wollten.

Als Lilaque aus der Tür treten wollte, spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Entsetzt zuckte sie zusammen.

„Berühre mich nicht, bitte“, sagte sie und war froh, dass ihre Stimme der eines Mannes ähnlich war. Der Hadschi stand neben ihr und blickte sie mit einem undefinierbaren Ausdruck in den Augen an.

„Es betrübt mich, dass auch du den Tod suchst, Lilaque. Es ist noch Zeit, von diesem Auftrag zurückzutreten. Niemand wird ein Wort darüber verlieren. Du bist wichtig für die Gilde, du solltest dein Leben noch nicht wegwerfen.“

„Wenn es so geschrieben steht, werde ich zurückkehren“, erwiderte Lilaque mit einem gewissen Fatalismus. Sie verneigte sich kurz und lief davon …

(Weiter zum 2. Teil)

Waffentod445

Copyright © 2016 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: “Killerin“ (Killerin.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Assassinen” (Assassinen.jpg) © 2016 by Wolfgang Sigl. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers, unter Nennung seiner Webseite: http://www.wolfgangsigl-grafiken.de/

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Buchtipp der Redaktion der Autorin der Kurzgeschichte:

Zauberlehrling wider Willen (EPUB)
Eorin #1
von Schwekendiek, Margret
eBook

Verlag: BookRix
Medium:  eBook
Seiten:  546
Format:  EPUB
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  März 2016
ISBN-10:  3739639407
ISBN-13:  9783739639406

Zauberlehrling wider Willen

Beschreibung
Eorin – Band 1
von Margret Schwekendiek
Der Umfang dieses Buchs entspricht 566 Taschenbuchseiten.

Die junge Eorin muss gegen ihren Willen Magieschülerin werden. Es ist für sie fast unmöglich, Gehorsam und Demut einzuhalten. Ihr Mentor Darras erkennt das riesige geistige Potential, das in ihr schlummert. Er unternimmt alles, um sie zu schulen, doch das ist für beide Seiten nicht einfach. Immer wieder verstößt sie im Laufe der Jahre gegen einzelne Regeln der Gemeinschaft, meistens aus dem Bedürfnis heraus anderen zu helfen, oder manchmal aus Trotz gegen Darras. Die beiden reiben sich aneinander auf, und doch brauchen sie einander. Diese Situation spitzt sich zu, als Darras in den Bann des Bösen gerät, verkörpert durch ein magisches Schwert, das Blutvergießen und Terror fordert. Er sträubt sich lange Zeit dagegen, sich ganz dieser dunklen Macht zu unterwerfen. Während ihrer Abenteuer lernt Eorin die Zauberin Samtara kennen, die großes Interesse an der jungen Frau zeigt und versucht, sie in ihre Gilde aufzunehmen, was Eorin empört ablehnt. Zauberer der Gilde bevorzugen die dunkle Seite der magischen Kräfte, und Samtara beherrscht diese fast perfekt, Eorin verweigert sich der dunklen Seite.

Darras verfällt schließlich der dunklen Macht, ergreift nach einem mörderischen, brutalen Kampf auf geistiger Ebene mit Eorin das Schwert und errichtet eine Schreckensherrschaft und überzieht die Menschen mit Krieg und Horror.

Autorin
Eine kleine persönliche Vorstellung:
Mein Name ist Margret, oder auch Maggie, oder Oma Maggie – je nachdem, wer gerade etwas von mir möchte. Als ich im Jahr 1955 auf die Welt kam, hat mir keine gute Fee eine Prophezeiung in die Wiege gelegt, dass ich irgendwann einmal mein Geld als Schriftstellerin verdienen würde. Eher das Gegenteil war der Fall, denn ich komme aus einfachen Verhältnissen. Meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in Herne, in unmittelbarer Nähe des Rhein-Herne-Kanals, bis heute habe ich eine Vorliebe für Wasser und Schiffe. Im zarten Alter von 12 Jahren begleitete ich meine Eltern beim Umzug nach Ostwestfalen-Lippe, wo ich nach der Schule als kaufmännische Angestellte in der Buchhaltung arbeitete. Hier heiratete ich später auch und zog meine Kinder groß.

Seit rund 20 Jahren bin ich Witwe und lebe heute mit der Familie meines ältesten Sohnes in der Nähe von Koblenz und gleich dreier Flüsse: Lahn, Mosel und Rhein. Meine Vorliebe für Wasser wird also voll befriedigt.

Schreiben war schon während der Schulzeit meine Leidenschaft, aber die ersten richtigen Geschichten entstanden nur für meine eigenen Kinder. Um Fuß im Literaturkreis zu fassen bedurfte es zahlloser Versuche und der Fürsprache eines lieben Kollegen, um das erste Manuskript zu verkaufen. Mit Heftromanen hat alles angefangen, aber es dauerte nicht lange, bis auch andere Genres dazukamen. Ich liebe Geschichten aus der Geschichte und freue mich, wenn ich da große Bögen oder tiefe satirische Wunden schlagen kann.

Mittlerweile schreibe ich schon lange Zeit professionell, aber meine unstillbare Neugier, der Spaß am Schreiben und das Ausleben gewöhnlicher und ungewöhnlicher Ideen hören zum Glück nie auf. Ich bin offen für absurde und verrückte Einfälle, schätze aber auch die Ernsthaftigkeit des konzentrierten Arbeitens mit persönlicher Disziplin und Terminvorgaben. Ich liebe meine Arbeit, auch wenn ich dabei nicht reich werden kann. Aber es ist das, was mich glücklich macht, da nehme ich schon ein paar Abstriche hin – was nicht heißt, dass ich es nicht gern zu finanziellem Wohlstand bringen würde.

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