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LEUTNANT WAEBER UND DER TEUFEL IM KIRSCHBAUM – Kurzgeschichte von Thomas Vaucher

LEUTNANT WAEBER UND DER TEUFEL IM KIRSCHBAUM

Kurzgeschichte

von

Thomas Vaucher

(Basierend auf den Überlieferungen über den Freiburger Leutnant Franz Peter Waeber [alle anderen Namen und Personen sind fiktiv])

«Ich glaube weder an die Hölle noch fürchte ich den Teufel», polterte Leutnant Franz Peter Waeber und schwang dabei seinen Degen durch die Luft, als würde er gegen eben jenen Teufel höchstpersönlich kämpfen.

«Leutnant, mässigt Euch, bitte!» Pfarrer Linus Brügger war sichtlich nicht erfreut über Waebers Aussage. Doch dies schien Waeber nur weiter anzustacheln.

«Ich sage Euch, Herr Pfarrer, die wahre Hölle befindet sich auf Erden, und Teufel gibt es auf dieser Erde ebenfalls in hellen Scharen.» Der Leutnant lachte sein mächtiges Lachen. «Glaubt mir, ich habe in meiner Zeit in Napoleons Heer Dutzende davon kennengelernt.»

Urs stiess Roman am Nachbarstisch leicht mit dem Ellbogen an und flüsterte: «Dieser Angeber! Mich nähme ja wunder, ob er wirklich so furchtlos und stark ist, wie er immer vorgibt.»

«Ach sei still», gab Roman zurück, «ich will hören, was er erzählt!»

Doch es war vorbei. Waeber steckte den Degen ein und warf sich seinen Mantel um.

«Also, Franz!» Ammann Werro nickte dem Leutnant freundlich zu. «Bis zum nächsten Sonntag.»

«Aber nächste Woche dann bitte pünktlich!» Pfarrer Brügger warf dem Leutnant noch einen erbosten Blick zu. Der Leutnant war heute zu spät zur Messe in Düdingen erschienen, was Brügger sauer aufgestossen war. Deswegen war die ganze Diskussion über den Teufel und die Hölle überhaupt losgegangen. Brügger hatte dem Leutnant damit gedroht, der Teufel würde ihn holen, wenn er nächstes Mal wieder nicht pünktlich erschiene.

Waeber winkte seinen Freunden am Stammtisch noch einmal zu und verliess den Gasthof Zum Ochsen. Kaum war die Türe zugefallen, setzten die zahlreichen Gespräche an den übrigen Tischen wieder ein.

«Im Ernst», begann Urs wieder und suchte diesmal Unterstützung bei Hans, dem dritten jungen Mann, der an seinem Tisch sass. «Dieser Waeber erzählt zwar jeden Sonntagmorgen schöne Geschichten, doch ich möchte mal sehen, wie er reagiert, wenn er mal in eine wirklich gefährliche Situation gerät.» Urs grinste breit.

«Wie willst du das denn anstellen?», wollte Hans neugierig wissen und Urs spürte, dass er zumindest Hans für seinen Vorschlag gewinnen konnte.

«Nun, wie er heute zum wiederholten Male beteuerte, fürchtet unser tapferer Leutnant ja nicht einmal den Teufel. Aber ich wette, er zieht jaulend den Schwanz ein und rennt, so schnell ihn seine Beine tragen, davon, sollte er ihm jemals begegnen.»

«Begegnen? Dem Teufel? Bist du verrückt? Wie willst du das denn anstellen?»

Urs grinste und erklärte den beiden seinen Plan. Während sich langsam auch auf Hans‘ Gesicht ein breites Grinsen abzeichnete, verfinsterte sich Romans Miene zusehends. «Und? Was sagt ihr? Seid ihr dabei?», drängte sie Urs.

«Du bist wahnsinnig!» Roman schüttelte den Kopf. «Ich für meinen Teil gedenke nicht, den Leutnant herauszufordern. Das könnte übel enden. Macht euren Streich ohne mich.» Hans jedoch reichte Urs die Hand. «Ich bin dabei! Das wird ein Spass!»

«Also, abgemacht! Nächsten Sonntagabend wird der Leutnant sein blaues Wunder erleben!» Die beiden lachten hämisch. Doch Roman schüttelte nur den Kopf. Wenn dieser Schuss nur nicht nach hinten losging.

* * *

Es war eine dunkle Nacht an jenem Sonntagabend. Der zunehmende Mond hatte noch keinen Viertel seines vollen Umfangs erreicht. Glücklicherweise wussten sie, dass der Leutnant jeden Sonntagabend die Wirtschaft in Mariahilf besuchte und jeweils erst spätabends heimkehrte. Dennoch kauerten Urs und Hans nun schon seit über einer Stunde hinter dem Kirschbaum, der zwischen der Strohhütte des Leutnants und der Wirtschaft Zu den XIX Kantonen in Mariahilf stand, und warteten darauf, dass Waeber herauskam.

Urs hatte ein schwarzes Trauergewand an, das Hans‘ Grossmutter gehörte und in der Hand hatte er eine Fasnachtsmaske, die einen Teufel zeigte. Die Maske hatte er von seinem Onkel in Plaffeien, der sie vor vielen Jahren selber hergestellt hatte. Als der Plan letzten Sonntag in seinem Kopf Gestalt angenommen hatte, war ihm sofort sein Onkel in den Sinn gekommen. Als Kind war er jedes Mal von der Teufelsmaske beeindruckt gewesen, die bei seinem Onkel zuhause im Flur hing. Nun hatten sie an jedes der beiden langen, gewundenen Hörner eine kleine Fackel befestigt, damit man die fürchterliche Fratze nachts auch wirklich erkennen konnte.

Endlich öffnete sich die Türe des Wirtshauses und eine grosse Gestalt trat ins Freie. Im fahlen Mondlicht konnten sie nicht allzu viel erkennen, doch der Zweispitz, den sich der Mann, just als er ins Freie trat, aufsetzte, und sein humpelnder Gang, den er einer Kriegsverletzung zu verdanken hatte, liessen keinen Zweifel aufkommen: dies musste der Leutnant sein.

Rasch zündeten die beiden Freunde die zwei Fackeln an der Maske an, ehe Urs langsam und vorsichtig am Kirschbaum hochkletterte. Als er in der Hälfte angelangt war, ergriff er die Maske, die ihm Hans nach oben reichte, und stülpte sie sich über seinen Kopf. Durch die beiden Nasenlöcher der Maske, die auf Urs‘ Augenhöhe lagen, sah er, wie der Leutnant die Strasse entlang torkelte. Der flackernde Schein der Fackeln erhellte die Umgebung zusätzlich etwas.

Es war kalt an jenem Februarabend, doch zumindest liefen sie zu dieser Jahreszeit nicht gross Gefahr, den Kirschbaum in Brand zu setzen. Urs hoffte nur, dass die Fackeln lange genug oberhalb der Maske brennen würden, nicht dass plötzlich die Maske selbst Feuer fangen würde.

Waeber schien die brennenden Fackeln im Kirschbaum noch nicht entdeckt zu haben. Er hatte den Kopf nach unten gerichtet, und sein unsicherer Gang liess vermuten, dass er dem Alkohol stark zugesprochen hatte. Als er nur noch ein halbes Dutzend Schritte vom Kirschbaum entfernt war, begann Urs, den Kopf hin und her zu bewegen, und dabei ächzte, stöhnte und seufzte er, dass man wirklich meinen konnte, der Teufel höchstpersönlich sei in jenen Kirschbaum gefahren.

Der Leutnant hielt inne, hob den Kopf und reagierte völlig anders, als Urs erwartet hatte. Statt jammernd und wehklagend davonzulaufen, zog Waeber seinen Degen und hielt auf den Kirschbaum zu.

«Den Teufel will ich sehen, der meinem Degen standhält», knurrte er dabei, stieg durch die Hecke vor dem Baum und ergriff den untersten Ast, um sich daran hochzuziehen.

Nun bekam es Urs mit der Angst zu tun. Weg hier! Er wollte nur noch weg, um nicht mit dem Degen des Leutnants Bekanntschaft zu machen. Als er nach unten sprang, hörte er den Leutnant bereits verächtlich rufen: «Ha! Der Teufel nimmt Reissaus!» Dann spürte er einen ungeheuren Schmerz, der in seinem Unterleib explodierte. Er schrie auf, riss sich die Maske vom Kopf, schleuderte sie davon und krümmte sich vor Schmerzen. Blut lief über seine Hände, und als er an sich hinabsah, registrierte er voller Schrecken, dass er beim Hinabspringen im Dunkeln mitten auf einen Zaunpfahl gefallen war. «Hilfe!», brüllte er, «Hilfe!»

Hans und Waeber waren beinahe gleichzeitig bei ihm. Während Hans geschockt daneben stand, steckte Waeber seinen Degen weg und kniete neben den jammernden Urs hin.

«Und jetzt zeige ich dir, wie man im Krieg mit Verletzungen umgeht. Du hast Glück, Junge, dass ich einige Erfahrung mit Verwundungen habe. Habe selbst elf davon erlitten.» Und Urs begann zu schreien.

* * *

«Ich fürchte weder Tod noch Teufel», polterte Waeber am Stammtisch im Ochsen zu Düdingen, als Pfarrer Brügger ihm einmal mehr mit dem Teufel gedroht hatte. Waeber leerte sein Glas Wein in einem Zug und stellte es klirrend auf den Tisch zurück. «Einmal, da hat der Teufel höchstpersönlich seine Hand nach mir ausgestreckt, doch als ich meinen Degen zog und auf ihn losging, nahm er die Beine in die Hand und lief, so schnell er konnte.» Waeber lachte und zwinkerte dabei Urs zu, der am Nebentisch sass. Urs sah betreten weg und griff sich unbewusst an den Unterleib. Wenn er an jene Nacht und an die damit verbundenen Schmerzen und die Schmach zurückdachte, wurde ihm beinahe übel. Dabei konnte er noch von Glück sprechen, dass der Leutnant so geistesgegenwärtig reagiert hatte. Wer weiss, wie die Geschichte sonst ausgegangen wäre.

Urs sah hinüber zum Leutnant. Dieser hatte sich mittlerweile etwas beruhigt und sich wieder hingesetzt.

«Und? Immer noch Zweifel an der Furchtlosigkeit des Leutnants?» Roman stiess ihn grinsend an.

Urs schüttelte beinahe entsetzt den Kopf.

«Nie im Leben! Nicht einmal der Teufel sollte daran zweifeln, sonst ergeht es ihm übel.» Roman lachte, während Urs noch einmal beinahe ehrfürchtig zum Leutnant hin sah. Dieser wandte im selben Moment den Kopf und ihre Blicke kreuzten sich für einen kurzen Moment. Waeber zwinkerte Urs noch einmal zu, ehe er sich seine Pfeife anzündete und das Gespräch am Stammtisch seinen Lauf nahm.

«Nie im Leben!», flüsterte Urs noch einmal und bestellte sich ein neues Bier. «Nie im Leben!»

Quellen:
Leutnant Waeber“ von Johann Aebischer in „Beiträge zur Heimatkunde“, 10. Jahrgang, 1936
Trois vétérans“ von M. Chr. Marro in Nouvelles étrennes fribourgeoises, Freiburg, 1875

-ENDE-

Copyright © 2013 by Thomas Vaucher Erstmals erschienen im Freiburger Volkskalender 2014 (Eingangscover) (Teufel im Kirschbaum“ von T. Vaucher Broschiert, 192 Seiten; Erschienen bei Kanisius Verlag, November 2013)

Vaucher, Thomas – Autorenporträt

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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WEITERE HERVORRAGENDE SAGEN FINDEN SICH AUCH IM FOLGENDEN ANTQUARISCHEN KINDER- & JUGENDBUCH ÜBER SAGEN AUS DEM SCHWEIZER LAND, DAS WIR HIER UNBEDINGT EMPFEHLEN MÖCHTEN:

Der schwarze Wasserbutz. Die schönsten Sagen aus der Schweiz. Gebundene Ausgabe – Januar 1992

Gebundene Ausgabe: 200 Seiten
Herausgeber/Illustrator: Hans Manz und Paul Nussbaumer
Verlag: Huber + Co. Ag, Erstmals: 1976 (Vorliegende Ausgabe: Januar 1992)
ISBN-10: 3719305155
ISBN-13: 9783719305154
Größe: 27,2 x 22 x 2,4 cm

Die schönsten Sagen aus der Schweiz:  Sagen haben etwas mit Heimat zu tun. Sagen erzählen von ganz bestimmten Orten, von Brücken und Wegkreuzen, von Schluchten und Bergspitzen, von Burgen, Mühlen und unheimlichen Häusern. Sie erzählen, warum jene Alp gemieden und weshalb gewisse Gegenden verödet sind. Sagen führen uns in Natur- und Menschenwelt, die uns umgibt, und versuchen zu erklären, warum diese Welt so ist und so sein muss. Und Sagen erzählen uns etwas über Helden, über mutige Männer und Frauen.

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UND NOCH EIN BUCHTIPP:

Krüger, B./Krüger, K. (Hg.): Ich, Hans von Waltheym

Birte Krüger/Klaus Krüger (Hg.)
Ich, Hans von Waltheym Bericht über eine Pilgerreise im Jahr 1474 von Halle in die Provence Forschungen zur hallischen Stadtgeschichte,
Bd. 21 296 Seiten, geb., 148 x 210 mm, mit s/w-Abb.
ISBN 978-3-95462-367-9

Erschienen: November 2014

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Im Februar 1474 brach der Ratsherr Hans von Waltheym aus Halle an der Saale in Begleitung eines Knechts zu einer Reise auf, die ihn durch Süddeutschland und die Schweiz bis nach Südfrankreich führte. Erst nach über einem Jahr sollte er in seine Heimat zurückkehren. Die Erlebnisse unterwegs hielt er in einem Reisetagebuch fest, in dem er noch unterwegs die berührten Orte und Städte, Wirtshäuser mit Übernachtungsmöglichkeit, profane und geistliche Sehenswürdigkeiten notierte. Darüber hinaus notierte er Namen und Stand vieler Personen, mit denen er unterwegs in Kontakt kam. Ziel der Pilgerfahrt war das Heiligtum der Maria Magdalena in Saint-Maximin (Provence). Hier werden bis heute die Reliquien der Heiligen verehrt, die im Mittelalter als bekehrte Sünderin und Begleiterin Christi galt. Einer der längsten Abschnitte seines Berichtes ist Waltheyms Besuch bei dem „Lebenden Heiligen“ Nikolaus von Flüe gewidmet, der als Einsiedler in der Wildnis beim schweizerischen Kerns lebte. Diese sehr lebensnahe Schilderung, in der u.a. Aussehen und Verhalten des Eremiten detailliert beschrieben werden, stellt den vermutlich ausführlichsten zeitgenössischen Bericht über den berühmten „Bruder Klaus“ dar.

Ungewöhnlich an diesem Reisebericht ist der für die Zeit sehr persönliche Charakter der Darstellung. Waltheym äußert, weitgehend frei von Konventionen, seine eigenen Ansichten über das Erlebte. Dabei interessieren ihn sakrale, aber auch profane Legenden; er glaubt nicht nur an die Wundertaten der Heiligen, sondern auch an Drachen, Basilisken und andere Ungeheuer. Die Herausgeber bieten nach einer Einführung zur Reisebeschreibung eine parallele Ausgabe mit dem transkribierten Originaltext und einer hochdeutschen Fassung. Anmerkungen, ein Glossar, ein Itenear sowie ein Orts- und Personenindex ergänzen den Band, der sich sowohl an Wissenschaftler wie interessierte Laien richtet.

Die Herausgeber
Birte Krüger, geb. 1963, Studium der Geschichte in Moskau, 1987 Diplom. 1999 Ausbildung zur Beraterin für Public Relations in Heidelberg, anschließend Tätigkeit als PR-Beraterin in Frankfurt am Main, Leipzig und Merseburg. Dr. Klaus Krüger, geb. 1960, Studium der Geschichte, Germanistik, Ur- und Frühgeschichte in Kiel. 1994 Promotion, 2001 Habilitation in Jena für die Fächer Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften. Seit 2002 Leiter der Abteilung für Historische Hilfswissenschaften am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, seit 2009 apl. Professor.

Inhalt

Geleitwort…9
Vorwort…11
Einleitung…13
Transkription und Übersetzung des Reiseberichts…38
Itinerar…257
Glossar…261
Quellen und Literatur…263
Register…284 Geografisches
Register…284
Personenregister…290
Register der heilsgeschichtlichen und sagenhaften Personen…294

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UND NOCH EIN BUCHTIPP VON SCHRÄGEN TYPEN UND LÜGNERN, DIE IMMER MIT ALLEM DURCHKOMMEN, ZUR ABWECHSELUNG MAL AUS DER HEUTIGEN ZEIT:

Die gestohlene Schöpfung: Ein Märchen Broschiert – 29. April 2015

Broschiert: 240 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag;
Auflage: 4 (29. April 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257214030
ISBN-13: 9783257214031
Größe und/oder Gewicht: 11,1 x 1,7 x 18 cm

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Ein Märchen
›Die gestohlene Schöpfung‹, selbst eine Schöpfung, ist modernes Märchen, Actionstory und ›realistische‹ Geschichte zugleich; in diesem Buch wird viel gelogen, und gewiss hängt das damit zusammen, dass es von Geld handelt. Eine Geschichte, die die Welt mit Zuneigung zu betrachten versucht (sie macht einem das nicht leicht, diese Welt). Und eine Geschichte schließlich, die glücklich endet.

Mehr zum Inhalt
Urs Widmers neues Buch, ein modernes Märchen, ist zugleich eine gradlinig erzählte Actionstory, die sich, wenn man das Buch zuklappt, als eine Story auf schwankendem Boden erweist: Wer hat sie eigentlich erzählt? Wirklich der Ich-Held (ein Frankfurter Börsenspekulant)? Oder doch ein anderer (sein inniger Feind, Börsenmakler wie er)? Wäre dann die ganze Geschichte eine Schutzlüge, hinter der sich eine andere Wahrheit verbirgt? Oder was? In diesem Buch wird jedenfalls viel gelogen, und gewiss hängt das damit zusammen, dass es von Geld handelt. Eigentlich fängt es recht banal an (Börse, Konkurs, Liebesleid), wird dann aber zu etwas, was aus tieferen Schichten spricht (weiterhin der Oberfläche entlang erzählend) und zu tieferen. Die ›gestohlene Schöpfung‹, selbst eine Schöpfung, spricht ausdauernd von neuen Anfängen (kein Noah ist in ihr zugelassen), nur dass die Ursprünge, zu denen sie vorzudringen hofft, selber hoffnungslos korrumpiert scheinen. Oder ›sind‹ diese Schöpfungen, und der Bericht über sie ist korrumpiert? Eine ›realistische‹ Geschichte auch: erzählt aus dieser Welt heraus ohne formalen Aufwand. Eine, die die Welt mit Zuneigung zu betrachten versucht (sie macht einem das nicht leicht, diese Welt). Und eine schließlich, die glücklich endet. – Das Glück hat seinen Preis. Man darf nicht zu viel denken. Was man denkt, nicht begreifen. Und was man begreift, nicht spüren. Auf der Stelle würde es uns zerreißen.

Autor
Urs Widmer, geboren 1938 in Basel, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. Danach arbeitete er als Verlagslektor im Walter Verlag, Olten, und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt. 1968 wurde er mit seinem Erstling, der Erzählung ›Alois‹, selbst zum Autor. In Frankfurt rief er 1969 zusammen mit anderen Lektoren den ›Verlag der Autoren‹ ins Leben. Zuletzt wurde er für sein umfangreiches Werk mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis 2007 der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. Urs Widmer starb 2014 in Zürich.

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4 Comments

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  1. Die Anführungszeichen sind zwar falsch (verwechselt?), ansonsten nette Geschichte.
    Da es eine „richtige“ Kurzgeschichte ist, gebe ich 4 of 5

  2. Das mit den Anführungzeichen hat mehrere Gründe, zum einen die, dass es ein Text eines Schweizer ist und dort gelten andere Regeln und zum anderen, dass beim Umwandeln für unser Format sonst noch mehr Arbeit auf uns Redakteure zugekommen wäre und wir hatten leider nicht die Zeit und Muse das perfekt zu machen.

  3. Danke für den netten Kommentar Alex und die richtigen Ausführungen Martina. Es ist in der Tat so, dass die in der Schweiz in der Regel auf diese Weise gesetzt wurden. Bei meinem ersten Roman (Der Löwe von Burgund) hatte ich die andersrum gesetzt und musste auf über 500 Normseiten alle abändern, da es in einem Schweizer Verlag erschien … 😉
    Beste Grüsse

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