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KREMATORIUM – Shortstory von Frank Hebben

KREMATORIUM

Shortstory

von

Frank Hebben

Ich bin ein Torso, kein Schädel in den Denkfabriken. Ich habe eine Brust und einen Kopf, obwohl ich mein Gesicht nicht kenne: Ein Nylonstoff hüllt meinen Körper ein, eng anliegend, warm, und es prickelt, sobald die kleine Sensorspinne, mit Widerhaken an den Beinen, weiterkrabbelt bis zum Nacken und zur Stirn; dass ich etwas sehen kann.

Keine Augen.

Und kein Mund. Wir haben die schwachen Teile entfernt, alles, was wir nicht brauchen, um unsere Stadt zu errichten: Hexagone – eine Wand an die nächste gegossen, Boden und Decke; übereinander gestapelt; abgerissen, sobald sie funktionslos geworden sind.

Als Torso bediene ich die Maschinen.

Heute trägt mich die Transportgondel aufwärts zu einem Schaufellader; ich sehe ihn schon aus der Ferne, seine Ausleger, von grauer Morgensonne bestrahlt, während unter mir die Gebäude vorüberziehen, Stahlwerke und Glukosedestillen. Im Anschnitt kann ich das Krematorium erkennen, ein Dom des Wissens und der Transformation, dort, wo alles Leben entspringt und vergeht, damit aus Fleisch wieder Strom werden kann. Pure Gedanken, die ins elektrische Netz zurückgespeist werden, das alle Hexagone miteinander verbindet: Unsere Toten leben in den Kabeln und Strommasten weiter, geben uns Kraft für das gemeinsame Tagwerk. Sie flüstern und singen; sie sprechen zu uns mit ihren Geisterstimmen, die jeder versteht, der ein Mikrofon hat. Ich bin taub und höre sie nicht; für meine Funktion ist ein Ohr ohne Wert.

Noch sechs Minuten bis zur Schicht.

Mit leichtem Ruck schwenkt die Gondel an der Oberschiene ein und gleitet weiter nach links, bevor ein Bremspuffer der Fahrt ein Ende setzt. Die Türen schwingen auf; die Sitzschale wird vom Fenster weggedreht, dann heben Greifzangen meinen Torso empor und ziehen mich in die Kabine des Baggers; am Steuerthron werde ich abgesetzt. Sofort spanne ich die Brustmuskeln an – strecke meine Armstümpfe vor, als auch schon Kabel aus den Konsolen schnellen und sich mit meinen Nerven verbinden: Pro Arm drei Anschlüsse, und zwei im Nacken. Jetzt spüre ich das Gewicht der Schaufeln, die ich schwer in die Tiefe absenke, mit Hydraulik und Benzinkraft, um eine neue Grube auszuheben.

Aber der Boden ist hart, und ich keuche, während ich das Erdwerk bearbeite, ansteche, aufreiße und in meine gewaltigen Schaufeln schiebe. Wenn ich einen Ausleger hochziehe, spuckt der Motor schwarzen Qualm; die Baumaschine ist alt, sie müsste dringend ausgetauscht werden … doch erst am Ende der Schicht.

Ich hoffe, wir halten solange durch.

Waggon auf Waggon; im rastlosen Takt kommen sie angerollt, keine Atempause zwischen den Eisenbahnen – unermüdlich, immer mehr, immer neue, und ich kippe den Abraum hinein, so schnell ich nur kann, trotzdem sind viele von ihnen leer, als sie zur Halde weiterrumpeln.

Wurde die Arbeitsfrequenz erhöht? Wie soll ich das Tagespensum so schaffen?

Der Schweiß bricht mir aus, als ich den Bagger zur Höchstleistung antreibe, doch ich falle zurück, kann die Zeit nicht mehr aufholen, bis plötzlich das weiße Signallicht aufblitzt: Fehlfunktion! Halt!

Irgendwo hat sich eine Schaufel verharkt. Ich versuche, den Ausleger nach oben zu zerren, aber die Maschine bockt und stottert, um danach ganz abzuschalten. Was behindert den Arbeitsprozess? Ein Findling? Über Schulter  und Hals lasse ich die Sensorspinne in mein Gesicht raufklettern und stelle die Schärfe neu ein – nein, nichts zu erkennen; der Störfaktor muss tief im Boden stecken …

Also verlasse ich den Steuerthron.

Die Greifzangen hieven mich in eine Inspektionsgondel, deren Schiene rund um die Baustelle verläuft. Bei Punkt acht auf der Kreisbahn reduziere ich das Tempo auf null und aktiviere das Makro der Spinne: Überreste der Vorkultur, sehe ich sofort – eine Karosserie, verbeult, mit verkratzter Windschutzscheibe, und darin eingeschlossen wie ein Insekt in Industrieharz: ein menschliches Skelett. Arme, Finger, Beine; Knochenreste. Ich mache ein Foto fürs Protokoll und sende es zum Krematorium, ehe ich die Excavatoren herbeirufe, damit sie die Baugrube ausschaben, glätten.

Zeit vergeht.

Dann der Befehl, meine Schicht zu beenden. Gehorsam wechsle ich von einer Gondel in die nächste hinüber und fahre eine Schleife nach Süden, wo mein Lebenskubus hängt.

Ich freue mich, Ruhe.

Der Stahlpalast! In einem quaderförmigen Gittergerüst pendeln dort die Kuben im Wind, manche weiß, viele schwarz, je nachdem, ob Licht brennt oder nicht.

Es ist früh, viele der Torsi sind noch auf Schicht und kehren erst nach der Dämmerung zurück.

Federnd sinkt die Gondel tiefer, schaukelt, schlägt aus, da der Wind sie erfasst, bis sie ein Stellwerk kreuzt und die Oberschiene zum Zentrum des Palastes nimmt. Dort wohne ich. Noch ein Schwenk, ein Abwärtsbogen – hier bilden Glaskuben einen quadratischen Tunnel, den ich halbblind durchfahre; Zwielicht stört die Bildübertragung, sodass ich von der Sensorspinne nur

Umrisse empfange, grobkörnige Linien, Kanten, Flächen. Auf der gesamten Strecke bleibt es dunkel und still; ein einzelnes Zimmer ist erleuchtet, weit, weit hinten, und als die Gondel vorüberfährt, sehe ich durch milchige Wände den Schatten eines Torsos, der träge in seiner Schlafschaukel wippt. Ich bin müde.

Die Schultern schmerzen. Nach meiner Ankunft werde ich mich ausruhen, ehe ich die Nährinfusionen anlege.

Ruckend nimmt die Gondel die letzte Gabelung, dann einen Bogen nach rechts, worauf die Bremsen greifen, die Tür aufgeht, und ich aus dem Sitz herausgehoben werde – mein Kubus öffnet sich; gleichzeitig springt das Licht an. Sanft, ohne Druck auf die Rippen, gleite ich an der Mediathek vorbei, zu einer Pritsche, wo mich die Zangen ablegen.

Ich schalte die Spinne aus.

Seltsam, dass ich zwar keine Töne von außen empfange, weil ich keine Ohrmuschel habe, mir keine zugeteilt wurde, aber mein Blut in den Adern brausen hören kann. Ganz deutlich. Ganz nah. Ein stimulierendes Donnern, das mich antreibt. Jetzt flackern Lichter in meinem Kopf, Blitze, blauweiß, ganz anders als die Bilder der Spinne. Und dieses Rauschen …

Ich bin hungrig; es wird Zeit für meine Abendration und die tägliche Dialyse.

Doch bevor ich die Greifzangen herbeirufen kann, erhalte ich einen dringenden Rückruf des Krematoriums und melde mich pflichtgemäß: Die Überreste wurden aus der Baugrube entfernt und unverzüglich zerstört. Für mein Dienstprotokoll erhalte ich eine Abbildung, die an mehreren Stellen nachgeschwärzt ist, obgleich ich ein neues Paar freigelegter Skelette neben dem Fahrzeug entdecke: Gerippe zweier Menschen, eins davon ausgewachsen, eins von der Größe eines Kindes, die Knochenfinger an den Brustkorb des andern festgekrallt; gestorben bei der großen Katastrophe – lang vor unserer Zeit.

[Akte: geschlossen]

*

Das vertraute Stechen der Kanülen, bis eine helle, sonnige Wärme durch alle Körperteile flutet: Die tägliche Prozedur dauert nur wenige Sekunden, und wie immer warte ich gierig auf die letzte Infusion … gleich, ja; die Endorphine, die der Lösung beigemischt sind, versetzen mich in rasende Freude, mein ganzer Körper zittert vor Glück.

Oh, ich danke euch.

Gelobt sei die Transformation!

Schade, dass es nicht andauert; mitten im Rausch spüre ich ein vages Gefühl von Verlust, als die letzte Nadel aus meiner Vene gleitet – sich dann die Apparatur von selbst abschaltet.

Darauf heben mich die Greifzangen hoch und tragen mich zurück zur Pritsche. Ich stelle die Spinne auf Empfang, schaue zu, wie die Rädchen der Aufhängung über die Transportschiene flitzen; blinkende Kugellager, frisch geölt. Seltsam. Für gewöhnlich schlenkert es nicht so stark hin und her. Und während ich noch überlege, eine Erklärung suche, wird mein Kubus von wuchtigen Stößen erschüttert: Elektrosturm, Klasse 7! Die freigesetzten Blitze springen zur Decke über und rütteln an der Aufhängung, ehe die Schienenbolzen plötzlich nachgeben und die Struktur ruckartig absackt. Ich gleite weg, als die Zangen mich nicht länger halten können, drehe mich im freien Fall, bevor ich, mit den Schultern voran, auf dem Boden aufpralle. Trotz der Endorphine durchzucken mich Schmerzen, hoffentlich eine Prellung, kein Knochenbruch oder …

Die Sensorspinne wird schwarz.

*

Reglos – am Boden. Ich friere, und mein Körper ist steif. Schwerfällig hebe ich den Kopf an, versuche, zur Spinne Kontakt herzustellen, aber die Signale laufen ins Leere, alles bleibt dunkel; bestimmt ein Defekt. Indes wurde meine interne Uhr mit der Werkszeit synchronisiert und mir fällt auf, dass ich drei Stunden über bewusstlos war. Sanitäter hätten längst bei mir sein müssen. Was ist geschehen? Wurde der Palast beschädigt?

Ich entscheide mich, die Notfrequenz zu wählen, um meinen Status durchzugeben, erhalte jedoch nur eine knappe Fehlermeldung: [Krematorium nicht erreichbar.] [Bitte warten …]

Das ist nie zuvor passiert.

Keine Luft! Als läge ich unter den Schienen begraben; und mein Hals ist wie zugeschnürt. Ich atme in kurzen, flachen Stößen, während meine Gedanken rauschen wie Statik: Was, wenn keiner kommt?

Unter Schmerzen taste ich mit den Stümpfen die Umgebung ab – nichts, außer den Kacheln, glatt und eiskalt. Die Muskeln zittern, und ich schwitze kalten Schweiß. Keine Endorphine. Und Durst.

Helft mir. Bitte.

Hilfe!

Doch alle Leitungen bleiben weiter besetzt.

*

Stunden vergehen, bis ein Griff aus Stahl mich umschließt und in die Höhe trägt. Ich gleite nach vorn – werde auf den Polstern einer Liege oder einem Gelbett abgelegt.

Dann, nach einer kühlen Berührung, rutscht die Nylonhülle von meinen Schultern, und ich spüre einen Luftzug auf nackter Haut und das Kribbeln von Nadeln; ein Beruhigungsmittel plus eine örtliche Betäubung, die sofort wirkt.

Mir wird eine Wunde vernäht.

Und endlich, als der Sanitäter an einer neuen Stelle meines Torsos ansetzt, die Schultern oder den Nacken pflegt, erreicht mich eine Nachricht über eine Kurzfrequenz; das Krematorium hat seinen Betrieb wieder aufgenommen und sendet ungerichtetes Funkfeuer, das jedoch mehrfach abbricht: [Überspannung der Netze] [Elektrosturm, Klasse 7] [Bezirke NA-35 bis RO-744] [Notreparaturen.] [Erste Hilfe geleistet.] [Errichtet die Stadt!] [Gelobt sei die Transformation.]

Alles unter Kontrolle.

Die Anspannung fällt von mir ab, und meine Muskeln entkrampfen sich. Ich sinke in die weichen Polster, halb wach, halb dösend, während der Sanitäter seine Operation beendet und den Nylonstoff mit schnellen Stichen vernäht. Auf Höhe des Bodens – von der Stelle aus, wo die Spinne hingestürzt ist, kann ich seine letzten Prozeduren verfolgen: das Zerschneiden des Fadens; wie er die Instrumente einfährt, die Greifarme wegknickt und im Hohlzylinder verstaut, worauf er sich zur Transportschiene hochseilt und in Warteposition einrastet.

Eine Diode blinkt hell, eine dunkel. Offenbar ist mein Zustand so schlecht, dass ich mehrtägiger Pflege bedarf …

Sekunden später erhalte ich die offizielle Diagnose und eine Beurlaubungsnotiz.

Im Halbschlaf, von der Medizin benebelt, fällt mir erst spät auf, dass die Verbindung zur Spinne hergestellt, die Bildübertragung lange stabil ist: der Boden als Schachbrett, darüber die Lampen und das Zickzack der Transportschienen, die zum Teil schon repariert sind. Als ich den Befehl zum Herkommen gebe, krabbelt mein Helfer mit flinken Beinchen auf mich zu; ein kleiner Satz, ehe er auf meinem Rücken landet.

*

Der Abend verdunstet wie Kondenswasser. Die Gedanken sind träge und dumpf, werden erst schärfer, als die Drogen an Wirkung verlieren und mein Körper vom Entzug wieder zittert und schwitzt – der Nylonstoff klitschnass wird. So viele Fragen, die mich quälen, über Dinge, die mir rätselhaft erscheinen: der Knochenfund heute, das nachgeschwärzte Foto; der Elektrosturm. Hängen diese Dinge zusammen? Gibt es eine kausale Kette, Effekte, Ursachen?

Meine Abhängigkeit von der Maschinenstadt …

Weshalb wurde ich ohne Arme und Beine gemacht? Wieso habe ich keine Augen, keine Ohren, keinen Mund? [Die schwachen Teile sind zu entfernen], wurde mir eingeprägt. Doch wozu? Ich kann mich nicht von selbst bewegen, und sobald die Spinne ausfällt, bin ich hilflos und blind. Nur die Baumaschinen machen mich stark.

Wo ist der Sinn des Ganzen? Und welches Gesamtwerk bildet meine Arbeit, die Arbeit aller? Wonach streben wir?

Wer kann mir Antworten geben?

Um mich abzulenken, setze ich mich aufrecht und schalte den Fraktalprojektor an … schaue den Zufallsmustern zu, die über die Leinwände flackern, Spiralen auf Spiralen, aber ich finde keine Ruhe.

Wer bin ich?

*

Mitten in der Nacht, ich bin rastlos, und an Schlaf ist nicht zu denken, tue ich etwas Illegales: Durch einen schwarzen Codeschlüssel übernehme ich die Steuerung des Sanitäters und lasse ihn von der Decke abseilen. Ich muss wissen, was unter diesem Stoff ist – mein Gesicht sehen, meine Gliedmaßen, meine Haut.

Die Klappen des Zylinders gleiten zurück und rasten ein, worauf die medizinischen Instrumente ausgefahren werden, Skalpelle, Spritzen, Greifwerkzeuge, Verbandsspender. Drei optische Linsen am Kopf liefern ein gestochen scharfes Bild von mir – Präzisionsschliff, ganz anders als der grobkörnige Sensor der Spinne. Trotzdem ist die Steuerung leicht und intuitiv; wenige Befehle reichen, um die Rundsäge vorzustrecken und auf Brusthöhe zu arretieren. Mein Atem stockt mir im Hals, als sie schneller um die eigene Achse kreist und ihr Zahnkranz verschwimmt, bis sie langsam, ganz langsam, näher rückt, Millimeter für Millimeter. Vorsicht. Nicht zu tief ansetzen, nur den Stoff zerteilen.

Mir gelingt ein erster, sauberer Schnitt, und mutiger ziehe ich das chirurgische Gerät quer über mein Brustbein und schräg bis zum Kinn, dann sichelförmig bis zur Stirn. Zu schnell. An der Schläfe tränkt Blut den Stoff, doch ich spüre keinen Schmerz. Mein Herz klopft wie unter Schwerstarbeit, der ganze Torso zittert, und ich muss die Operation kurz unterbrechen. Mit zwei Spreizklemmen ziehe ich die Stoffhülle auseinander und sehe zum ersten Mal meine Rippen, kalkweiß und glänzend vor Schweiß.

Fiebrig reguliere ich den optischen Zoom und stelle ihn auf meinen Kopf scharf; gleichzeitig streifen die Zangen das Textil von den Schultern und mein Gesicht kommt zum Vorschein – Reste von Lippen und Augenlider, mit schwarzem Faden zugenäht, der längst mit der Haut verwachsen ist. Um mein Profil zu betrachten, wende ich den Kopf nach links, ungläubig, doch seltsam fasziniert: Mir wurde das Ohr abgenommen, da sind Narben am Rand des Gehörgangs, der komplett verschlossen ist.

Der Nylonstoff fällt ganz von mir ab, ein faltiges, graues Bündel, so als hätte ich mich gehäutet. Nackt mustere ich mein Ebenbild im Fokus der Linsen: die Aoermstümpfe, durchbohrt von Buchsen und voller Narben, und mein Gesicht, das eingefallen ist und schlaff – wie das einer Leiche. Ich muss mich erst an den Anblick gewöhnen, akzeptieren, dass ich das bin oder das, was von mir übrig ist.

Wann wurden die chirurgischen Eingriffe durchgeführt, bei meiner Geburt?

Oder später?

Man hat ein Werkzeug aus mir gemacht.

Mittlerweile ist früher Morgen, und draußen, außerhalb des Kubus, gleiten Torsi als milchige Schemen vorbei, auf dem Weg zu ihrer Schicht. Sie werden sich bestimmt nicht fragen, wofür wir die Fabriken brauchen und die vielen Einzelteile, die sie fertigen, Tag und Nacht – eine Kupferspule hier, eine Metallplatte dort; aber was ist die Summe all dessen, das große Ganze?

Was produziert diese Stadt?

Ich rufe eine Gondel herbei. Bis zu ihrer Ankunft bleibt mir Zeit, meine Lider aufzuschneiden …

*

Ich sehe! Meine Augen liefern ein Prisma aus Farben, rote, gelbe und blaue Gradienten, noch stark verwaschen, eine Sicht wie im Nebel; ohne die Spinne wüsste ich nicht, wo ich wäre: Ihre optischen Daten sind mit dem Sehnerv gekoppelt, um alle Konturen der Gegend nachzuzeichnen. Kein Monochrom mehr. Wie warm der Sonnenaufgang ist!

Die Transportgondel holpert über eine Weiche und nimmt den Schienenstrang nach Norden – den Güterzügen folgend. Zur Vorsicht wechsle ich an jedem Stellwerk die Fahrtrichtung und wähle einen Zickzackkurs, neunzig Grad nach links oder rechts. Je näher die Randbezirke rücken, desto schlechter wird die Oberschiene, und schweren Herzens tausche ich die Gondel gegen ein älteres Modell, das verrostet und langsam, dafür solide und zuverlässig ist.

Unter mir gleitet der Güterverkehr entlang, Schnüre aus schwarzen Waggons, wie Ameisen, die hoch zum Stadtrand klettern, beladen mit ihrer Fracht: Turbinen, Rohren, Gastanks und Schutt. Und da, als ich einen Scheitelpunkt erreiche und endlos weit, bis zum Horizont blicken kann, erkenne ich, wohin die ganzen Züge fließen: Ein neues Krematorium, dreifach so groß wie das alte. Seine Schornsteine ragen auf in den Himmel, gigantische Türme, perlweiß wie Knochen – und aus den Kaminen sickert ein fettiger gelber Qualm, der die gesamte Landschaft verpestet.

Was für ein Gebäude! So viele Torsi an den Gerüsten; ein Ballett aus Kränen, die Ausleger kreisen, und schwerste Baumaschinen. Der Anblick überwältigt mich. Es gelingt mir erst, mich loszureißen, als die Gondel weiterfährt, den Talkessel abwärts, von einem Windstoß durchgerüttelt. Stopp!

Ich bin viel zu dicht dran – zurück, in die andere Richtung; doch das Tempo steigt an, und schneller, immer schneller eilt die Gondel auf das Krematorium zu, wobei neue Details sichtbar werden: Transformatoren, dann Strommasten, einer an den nächsten gereiht, ein Netzwerk aus schwarzen Leitungen. Blitze zucken an den Isolatoren.

Plötzlich: Vollbremsung, mein Nacken schlägt gegen die Sitzschale. Das Krematorium ruft mich, und benommen gebe ich einen Kanal frei, um die Nachricht zu empfangen: [Torso #864-18: Audienz, 7:13] – sie wollen mich sprechen.

Schon wird die Gondel erneut in Bewegung gesetzt und pendelt über den Strompark hinweg, zur Nordfassade hin. Jetzt bin ich so nah, dass ich die Portalflügel sehen kann, geschmückt mit eisernen Knochen, die über ihnen thronen. Druckluft schießt zu mir auf, als sich die gewaltigen Türen wie in Zeitlupe öffnen – die Gondel hineingezogen, verschluckt wird. Die Halle dahinter scheint in Brand zu stehen, Gasfeuer überall, leckende, blaue Fackeln, und heiße Luft umweht mich, reißt mir die Kapuze vom Kopf. Ich schrecke auf, starre zur Kuppeldecke empor, wo die Flammen sich tausendfach widerspiegeln: ein Sternenzelt; und weiter hinten, am Altar, warten die Schädel auf mich …

*

Drei gläserne Kugeln, in denen die Schädel schwimmen: drei Denker, drei Richter – aus ihren Augenhöhlen quillt Nervengewebe. Die Gondel hat angehalten. Mit Greifzangen werde ich rausgehoben und vor den Altar hingehängt, dann beginnt die Audienz. Ich höre die körperlosen Stimmen flüstern:

[Torso #864-18?]

[Zutreffend.]

[Er nenne die Paragraphen, die er laut Codex verletzt hat.]

[Unbekannt.]

[Lüge!]

[Aufgrund seiner Prägung hätte Torso #864-18 in der Lage sein müssen, das Unrecht seiner Taten zu erkennen.]

[Es liegt kein Schuldausschließungsgrund vor.]

[Folglich hat er sich gemäß §24.3, §76 und §133.1 strafbar gemacht.]

[Die Urteilsabstimmung ergibt folgendes Urteil:] [Krematorium] [Krematorium][Krematorium!] Das Urteil des dritten Schädels dröhnt durch meinen Kopf.

Ich starre zum Altar – zu den gläsernen Kugeln, auf denen der Widerschein der Flammen zuckt und tanzt. Erst als die Greifzangen mich fester packen, winde ich mich verzweifelt hin und her und stelle die letzten, entscheidenden Fragen: [Weshalb bauen wir diese Stadt?] [Was ist das höhere Ziel?]

[Das Fleisch muss überwunden werden], antworten die Schädel nach kurzem Schweigen, bevor die Zangen mich abtransportieren.

*

Auf dem Weg zur Verbrennung habe ich sie gesehen: die Brutkammern der Arbeiter und die Maschinen, die sie anpassen, beschneiden, zurechtstutzen für ihre Aufgaben – und die Reste, den Abfall, der nun als Haufen unter mir liegt, während ich von der Stahldecke baumle.

Es ist vorbei.

Ich bin nutzlos geworden, und die Stadt hat mich ausgeschieden, abgeschöpft wie Schlacke aus einem Hochofen. Schon rieche ich Gas, das durch die Gitter einströmt … Die Transformatoren laufen.

Zündfunke!

Und ich brenne. Lichterloh.

[Ich bin Gedanken …] [Geist]

[Ein Toter]

[Reine Energie]

[Strom] [Strom] [Strom] ——— [Elektrosturm]

[Ich reise durch die Kabel] [Gliederlos]

[Hört ihr mich flüstern?] [Singen?]

[Und wir sind wütend!]

– ENDE –

Copyright Text © 2009 Frank Hebben // Bild © 2011 Christian Edler

Bildrechte: “Künstliche Menschen” (Zeichnung-Cyborgs.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/eo

Bildrechte: Cover-Apokalypsen.jpg © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Der Algorithmus des Meeres (Gebunden)
von Hebben, Frank

.
Verlag:  Begedia
Medium:  Buch
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  2015
Gewicht:  217 g
ISBN-10:  3957770491
ISBN-13:  9783957770493

Beschreibung
Und, was steht drin?, fragt Maro schließlich.
Eine der zwei Geschichten, erklärt die alte Lina: Ein Mann geht auf Reisen oder ein Fremder kommt in die Stadt.
Ihr Stövchen, ein Teelicht; die Kanne dampft. Draußen rauscht die Flut über den Sand.
Jetzt sag schon …
Junge trifft Mädchen? Licht gegen Schatten? Sie zwinkert, während sie eine Tasse aus dem Regal nimmt.
Ach, du bist doof.
Nein. Du hörst mir nicht zu!

Autor
Frank Hebben, 1975 in Neuss geboren. Neuromancer, Werbetexter, Magister der Germanistik/Philosophie. Hat jahrelang in Düsseldorf zwischen Kunst und Chaos gehaust, lebt nun friedlich und frei in Bielefeld.

Titel erhältlich bei Amazon.de
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Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei ebook.de

Kleiner Teaser:
VIOLETT IST das Meer, morgens; und abends, wenn die Dunkelheit fällt; mittags am Fenster so grell, dass der Schaum zerplatzt – weit unten kratzt es am Beton, wühlt zwischen Abfall und Tang, rollt gurgelnd ein Ölfass, das angeschwemmt wurde und stinkt. Dumpf, weil die Luft an der Haut klebt, hört er den Wellen zu, wie sie knistern und zischen, schlaflos, verloren, bis er die Augen öffnet: das Zimmer, sein Bett. Maro streift das Laken von seinen Füßen, zu heiß, und liegt nackt, lange Zeit. Mit zwei Fingern wischt er einen Tropfen von der Wand, schmeckt ihn: salzig; der ganze Bau schwitzt, die Tapeten sind blasig, gewellt; rechts die Regale mit Pflanzen, ein Windspiel aus Gabeln, das ihm Kassandra geschenkt hat, blinkt, und das Bad, mit einer Wasserpumpe; keine parfümierte Seife, keine bestickten Handtücher – wie es im Hotel üblich war, früher; meint die alte Lina.

Eine flache Hand auf dem Bauch, den er reibt, an Härchen zupft und sich selbst anfassen will, als ein Vogel keift, sodass er den Arm zurückzieht, still wartet, dann hustend aufsteht, nur um wieder am Tisch zu sitzen, Kopf unten, sein Nacken glänzt. So starrt Maro die Skizzen an: Flügel auf Papier. Er greift nach dem Bleistift, zeichnet eine Feder nach, seufzt. Diese Hitze. In einer Brise weht schlechter Atem herein; das Besteck klimpert. Die Sonne steigt auf. Maro wartet, mit brennenden Augen, während er zum Horizont schaut, die Tränen wegblinzelt. Wie das Meer heute blendet – ein Spiegel, und kaum Schaum; erst bei der Treppe werden die Wogen kraus, bevor sie über Miesmuscheln lecken, am Plastik ziehen: Trinkflaschen und strähnige Tüten, zu Fetzen zerschnitten. Ich weiß nicht, sagt Maro. Etwas ist anders.

Ihr Glöckchen am Halsband, es funkelt und schellt, als seine Katze aufs Fenstersims springt: Loreley – sie legt die Pfote ans Glas, maunzt; und er öffnet spaltbreit, damit sie auf den Tisch klettern kann, wo sie moosige Tatzen auf dem Papier hinterlässt. Maro beugt sich vor, steckt seine Nase ins Fell, das nach Sand und Tabak riecht: Die Katze ist bei ihr gewesen; und zur Begrüßung leckt sie ihm das Salz von den Fingern, streift vorbei, plumpst in sein Bett, wie jeden Tag, und rollt sich ein und döst – ein Umriss an der Wand, die Ohren sind zwei Zacken.

Frank Hebben, 1975 in Neuss geboren. Neuromancer, Werbetexter, Magister der Germanistik/Philosophie. Hatte jahrelang in Düsseldorf zwischen Kunst und Chaos gehaust, lebt nun friedlich und frei in Bielefeld. Erste Veröffentlichung einer Science-Fiction-Geschichte 1998 im Magazin „Neuss Literarisch“. Danach stille Jahre des Stilfeilens. Von 2004 bis 2009 als Moderator für SF bei kg.de tätig.

Von 2008 bis 2012 Mitherausgeber bei NOVA, verantwortlich für Website und Grafik-Redaktion. 2013 hat er „Fieberglasträume. Kybernetische Kurzgeschichten“ mit André Skora herausgegeben.

Diverse Veröffentlichungen in der C’T, in NOVA, EXODUS, Space View, phantastisch!, ALIEN CONTACT und weiteren Anthologien, vorrangig im WURDACK-Verlag.

Nominierungen:

▪2009 Doppel-Nominierung für den DSFP für die Geschichten „Imperium Germanicum“ und „Côte Noir“

▪2009 erste Nominierung für den „Kurt-Laßwitz-Preis“, ebenso für den „Deutschen-Phantastik-Preis“, Story: „Côte Noir“

▪2007 „Das Fest des Hammers ist der Schlag“ für den „DSFP“

▪2006 „Memories“ für den „Deutschen Science Fiction Preis“

▪Zweifacher Gewinner des CAPco.de, 2005 und 2006.

Erste Story-Sammlung „Prothesengötter“ im April 2008 bei Wurdack erschienen. Der Folgeband „Maschinenkinder“ 2012 bei Shayol. Seit März 2013 ist „Das Lied der Grammophonbäume“ bei Begedia erhältlich. 2014 erschien dort auch sein Gedichtsband „Oubliette“; im September 2015 seine erste, längere Erzählung: „Der Algorithmus des Meeres“.

Die Website zum ersten Buch: prothesengoetter.de

Updated: 2. Dezember 2015 — 02:44

12 Comments

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  1. Das ist wirklich eine ausserordentliche Story. Sowas hatten wir bisher noch nicht auf sfbasar.de. Als Bereicherung von Literaturarten und Richtungen finde ich das sehr erfrischen, wenngleich ich mir eine solche Zukunft als Restmensch sehr gruselig vorstelle. Man ist dann völlig abhängig von Hilfen und den Mächtigen, die einem zu sagen haben, was genau man macht und was nicht, und natürlich ob man zu leben hat oder nicht, und vor allem: wie viel von einem noch zugestanden wird, ihr wisst schon: der Körper, der Geist und Seele in den Händen einer Obrigkeit, die das menschliche vielleicht kommplett ausradieren, wenn nicht ausrangieren will. Eine erschreckende Vorstellung vom Leben jeden Einzelnen in der Zukunft. Ich denke, die Story zeigt, was passiert, wenn man alles was machbar ist auch umsetzt. Und vor allem wenn man dies unter dem Aspekt eines menschenverachtenden Kapitalismus geschieht, wie das früher, aber auch jetzt schon wieder das Maß aller Dinge ist, die zu geschehen haben. Wollen wir wirklich, dass man so ein Leben für völlig normal hällt, nur weil wir über unsere Köpfe hinweg einen solche Kapitalismus zulassen?

  2. Meine Stimme hast du jedenfalls für den Storywettbewerb, Frank! 🙂

  3. Weiss jemand, warum beim Kleinen Teaser die Punkte über den Umlauten auf der Flucht sind, und ist das so gewollt, oder ein Zeichenfehler? Ich bin da völlig überfragt … 🙁

  4. Die Story haut mich um, einfach grandios. 🙂

  5. Vielen Dank, ihr Lieben. Freut mich, dass sie euch gefällt. 🙂 Hab ich irgendwas vergessen … ach ja: KAUFT MEINE BÜCHER! 😉 Sonnige Grüße! Frank

  6. Wie kommt man eigentlich auf eine solche Idee, lieber Frank Hebben?

  7. Oh – Da musst du meine Muse fragen. 😉 Schlaue Bücher lesen & Dinge konsequent weiterdenken. So in etwa. 😀 Nochmals Grüße! Frank

  8. Mir scheinen da eher chemische oder biochemische Substanzen im Spiel zu sein? 😉

  9. 😉

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